Militärische Wunder.

Skizze aus dem Offiziersleben.
Von Freiherrn v. Schlicht (Dresden).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 26.5.1901,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 22.6.1901,
in: „Mährisches Tagblatt” vom 9.7.1901 und
in: „Der geplagte Rittmeister”


Man sagt, die Zeit der Zeichen und Wunder sei vorüber — so etwas gibt es in unserer heutigen, nüchternen Zeit nicht mehr.

Die aber also sprechen, haben so Unrecht nicht, vielleicht könnte man sogar sagen: sie haben ganz Recht.

Und doch gibt es noch Zeichen und Wunder, und fast kein Tag vergeht, an dem nicht Zeichen und Wunder geschehen: beim Militär.

Es ist Bataillonsbesichtigung, und um über die Untergebenen zu Gericht zu sitzen, ist „der ganze Vorgesetzte”, die vorgesetzten Excellenzen mit ihren Adjutanten und Generalstabs­offizieren in der Garnison eingetroffen, in der die drei Bataillone des Regiments stehen.

Pünktlich auf die angegebene Minute erscheint die höchste Excellenz mit ihrer Suite auf dem großen Exerzierplatz, auf dem das erste Bataillon in der Parade–Aufstellung steht. Den Leuten, den Unteroffizieren und den Offizieren ist nicht besonders wohl, sie wissen, Excellenz kann sehr grob werden, und es ist schon zu wiederholten Malen vorgekommen, daß Excellenz, trotzdem es Besichtigung war (und Besichtigungstage sind für die Soldaten bekanntlich Festtage!), ich sage, trotzdem es Besichtigung war, ist es schon verschiedentlich vorgekommen, daß Excellenz Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere vom Fleck aus in Arrest hat abführen lassen, weil die Kerls und die Herren Kerls bummelten.

Und so etwas ist nicht angenehm, denn wenn ein Mann vom Exerzierplatz aus in das(1) Arrest abgeführt wird, so werden dem Arrestanten vor versammeltem Kriegsvolk oder wenigstens angesichts der Leute der Kompagnie, die es sehen können, wenn sie wollen, die Waffen abgenommen, und dann nimmt der Unteroffizier vom Dienst den Sünder in Empfang und führt ihn nach dem bei der Kaserne gelegenen Arrestlokal!

Angenehm ist das nur für den Unteroffizier, der dann natürlich in der Kaserne bleibt und sich auf seinem Bette ausruht, während die Anderen weiter exerzieren.

Wenn der Offizier vom Fleck aus eingesperrt wird, steckt er sein Schwert in die Scheide, meldet sich bei seinen(2) direkten Vorgesetzten ganz gehorsamst mit X Tagen Stuben–Arrest bestraft und sucht dann sofort die heimathlichen Penaten auf.

Angenehm ist das weiter nicht für ihn, denn er weiß, daß Alle ihm nachsehen und über ihn ihre Bemerkungen und Glossen machen.

Excellenz ist dafür bekannt, daß er nicht gerade allzu nachsichtig ist, und so zittern denn Alle: die Mannschaften, die Unteroffiziere und die Offiziere.

Ganz besonders zittert aber der Herr Major, und mit vollem Recht: denn um ihm und seinen beiden anderen Kollegen von derselben Fakultät auf den hohlen Zahn zu fühlen, ist der hohe Herr doch nur gekommen.

Und darin haben die hohen Vorgesetzten eine niederträchtige Aehnlichkeit mit den Zahnärzten: wenn die einen hohlen Zahn finden wollen, dann finden sie auch einen, mag das Gebiß auch noch so gut sein. Das ganze Bataillon zittert, wenn man aber zittert, kann man nicht stillstehen, und wenn man nicht stillsteht, kann man die Gewehre nicht still halten, und so lautet denn die Kritik Sr. Excellenz über Parade­aufstellung kurz und bündig:

„Hundsmiserabel.”

„Wenn das so weitergeht,” denkt der Major, „dann bin ich auf das Wort neugierig, mit dem der hohe Herr zum Schluß sein Endurtheil ausspricht, das muß dann doch eine Steigerung sein, und miserabler als hundsmiserabel ist doch eigentlich undenkbar.”

Die Besichtigung nimmt ihren Fortgang — die Leute sind durch den lauten Tadel, den sie mitanhören, noch unruhiger geworden als sie es schon waren, und so kommt, was kommen muß: sie werfen bei den Schulbewegungen den Tritt um.

„Schön,” sagt Se. Excellenz mit beißendem Sarkasmus, „sehr schön — die Sache gefällt mir, so etwas sehe ich gerne.”

Der Herr Major bekommt einen dunkelrothen Kopf, dann läßt er sein Bataillon halten und darauf von Neuem antreten.

Es wird etwas besser, aber lange nicht tadellos; dieses Mal aber hat der Herr Major selbst Schuld, denn er hat in seiner Erregung das: „halb rechts — marsch” auf den falschen Fuß kommandirt.

„Wirklich sehr hübsch,” lobt Se. Excellenz, „fahren Sie nur so fort, Herr Major, ich glaube, dann können wir Beide heute noch Verschiedenes erleben.”

„Ich bin mit dem, was ich heute schon erlebt habe, mehr als zufrieden,” denkt der Major, „erleben will ich gar nichts mehr, ich will mich freuen, wenn ich nachher überhaupt noch am Leben bleibe.”

Der Wunsch ist übertrieben, aber es soll thatsächlich einmal vorgekommen sein, daß eine Excellenz (man nennt sogar den Namen) bei einer Besichtigung im Jahre 70 einen Major derartig anschrie, daß dieser einen Schlaganfall vor Wuth bekam und todt vom Pferd fiel. Das war Sr. Excellenz natürlich nicht angenehm, ließ sich aber nicht ändern: die Wiederbelebungs­versuche blieben erfolglos und am Nachmittag reiste Excellenz wieder ab. Auf dem Bahnhof verabschiedete er sich von dem Oberst und bot diesem die Hand. Der aber legte die Rechte an den Helm und sagte:

„Excellenz, einem Mann, der meine Offiziere so behandelt, kann ich die Hand nicht geben.”

Sprachs, steckte die Hand in die Paletottasche und ging nach Haus, um seinen Abschied einzureichen, denn ungestraft verweigert man keiner Excellenz den Handschlag. Drei Tage später brach der Krieg aus, der Oberst bliebn atürlich im Dienst und wurde General — die Excellenz aber blieb ebenfalls im Dienst.

Der Major muß unwillkürlich an diese Geschichte, die erst gestern Abend am Stammtisch nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal erzählt wurde, denken: „Ich will ganz zufrieden sein, wenn ich überhaupt noch am Leben bleibe,” sagt(3) er zu sich selbst, „daß ich als Soldat eine Leiche bin, weiß ich ganz genau, das braucht Excellenz mir bei der Kritik gar nicht erst auseinander zu setzen.”

Nach dem Schulexerzieren kommt das Gefechtsexerzieren an die Reihe, die Uebergänge aus einer Kolonne in die andere und die Bewegungen in der Kolonne: das ist nicht ganz so einfach, wie es sich anhört, und wenn der Herr Major auch nur die nöthigen Befehle gibt, die die Hauptleute dann ausführen müssen, so ist er doch dafür verantwortlich, daß die befohlenen Zwischenräume und Tiefenabstände auch stimmen.

Aber sie stimmen nicht, wenigstens nicht ganz genau: Excellenz läßt die Entfernungen abschreiten und hat den großen Triumph, daß sein Scharfblick ihn nicht täuschte: statt der befohlenen zwanzig Schritt beträgt der Tiefenabstand nur neunzehn!

Sonne stehe still im Thale Gibeon!

Ein Schritt! Wieviel Unheil kann er nicht anrichten! Aber davon ganz abgesehen, warum befiehlt man denn zwanzig Schritt, wenn die befohlene Zahl nicht innegehalten wird? Ob neunzehn oder neunundneunzig(4), das ist in diesem Falle ganz einerlei — was befohlen wird, wird gemacht und der Teufel soll Den holen, der das nicht thut, was befohlen wird.

Und als Excellenz nun auch noch den Zwischenraum abschreiten läßt, da sind es anstatt der befohlenen zwanzig Schritt sogar zweiundzwanzig.

Sonne, stehe noch stiller als still im Thale Gibeon!

Ein Schritt zu wenig und zwei zuviel, das macht nach Adam Riese drei Schritt Differenz im Ganzen.

Ob drei, oder dreißig, oder dreihundert, das ist in diesem Falle ganz einerlei, das Unglück ist fertig und der Major bekommt einen „hineingewürgt”, der nicht von schlechten Eltern ist.

Der Major ist so wie so mit seinem Magen nicht ganz in Ordnung, er ist Karlsbader Kurgast und seine Verdauung ist nicht die allerbeste, aber was hilft's? Hinunterschlucken muß er die bittere Pille und verdauen muß er sie auch, mag er sehen, wie er damit fertig wird.

Und gehorsam schluckt und schluckt er, bis er sie herunter hat, vorübergehend wird ihm sehr übel, der ganze Königliche Dienst hängt ihm zum Hals heraus, er hat nicht nur die Nase, sondern auch den Mund voll, aber was hilft's? Herunter muß es doch.

Und schließlich hat er die Pille heruntergeschluckt, aber leicht ist es ihm nicht geworden.

Exzellenz hat den Untergebenen unterdeß scharf beobachtet, und sich gefreut, wie der Andere sich abmühte, den Mund zu halten. „Auch ich war einst Untergebener,” denkt er, „auch ich bekam gar Manches zu hören, was mir nicht lieb war und damals schon erwählte ich mir meine Weise(5), nach der ich jetzt handele: Was Du nicht willst, das man Dir thu — das füge ruhig Andern zu.”

„Bitte weiter,” befiehlt Exzellenz jetzt und die Sache nimmt ihren Fortgang.

Das Bataillon wird in einer neuen Formation auseinander gezogen und als Exzellenz dieses Mal die Entfernung und Zwischenräume abschreiten läßt, stimmen sie.

„Haben Sie aber ein Glück,” ruft Exzellenz ironisch. „Sie sollten in der Lotterie spielen, da würden Sie sicher das große Loos gewinnen.”

Auch bei dem nächsten und übernächsten Mal sind die Entfernungen richtig.

„Nein(6),” sagt Exzellenz ermuntert(7), „macht der Unteroffizier denn auch reglementmäßige Schritte? Achtzig Centimeter, lieber Freund, kein Centimeter mehr und keinen weniger, sonst fliegen Sie in den Kasten. Schreiten Sie noch einmal ab.”

Der Unteroffizier thut, wie ihm geheißen: er ist vorhin so starmm marschiert wie nur möglich, jetzt marschiert er noch strammer und die Folge ist, daß er seine Beine zu sehr wirft, sie fliegen förmlich in der Luft herum, er legt sich bei dem Marsch vorne hinein, vielleicht ein wenig zu viel und daher werden die Schritte etwas zu groß und die Zahl der Schritte verringert sich dadurch: er macht dieses Mal drei Schritt weniger als bei dem ersten Mal.

Exzellenz sieht frohlockend seine Suite an: „Habe ich es nicht gleich gesagt?” ist in seinen Zügen zu lesen, und der Herr Divisions­kommandeur, der Brigade­kommandeur, der Herr Oberst, die Adjutanten, die Generalstabs­offiziere und der Chef des Generalstabes des Armeekorps sehen ihren hohen Vorgesetzten fast mit verklärten Augen an. Der Mann ist zu bedeutend(8), dem gegenüber müssen sie sich fügen, nicht nur weil das Gesetz es befiehlt, sondern freiwillig, aus innerster Ueberzeugung.

Und sie Alle legen die Hand an den Helm und dienern und verbeugen sich auf ihren Pferden und in ihren Gesichtern ist zu lesen: „Excellenz haben ja so Recht; wie ist es möglich, daß ein Mann soviel Weisheit bergen kann.”

Sie stehen einem Wunder gegenüber, das sie nicht begreifen. Sie Alle hätten darauf geschworen, daß der Mann vorher ganz richtig abgeschritten hatte, daß die Entfernung seiner Füße, von der linken Fußspitze bis zum rechten Absatz gemessen, bei dem Marsch auf das Allergenaueste achtzig Centimeter betragen hätte.

Und nun haben sie sich Alle geirrt: Excellenz hatte Recht.

Der hohe Herr sieht die stumme Bewunderung seiner Person in den Mieen seiner Untergebenen und noch stolzer richtet er sich auf. Am liebsten hätte er ihnen zugerufen: „Seht mich an, ich bin der Mann, von dem Jeder lernen kann.”

Aber je höher Einer steht, destoweniger soll er sprechen, wenn er nicht des Nimbus seiner Person verlustig gehen will — so schweigt er denn und läßt sich huldigen und anbeten.

„Weiter!” befiehlt Se. Excellenz endlich.

„Immer noch mehr von derselben Sache,” denkt der Major, „denn, daß ich die Uebergänge aus einer Kolonne in die andere nach Deiner heute ganz allein maßgebenden Ansicht nicht kann, müßtest Du doch, falls Du wirklich so klug bist, wie eine Excellenz es zu sein den Untergebenen gegenüber stets behauptet — das, meine ich, müßtest Du doch schon lange gemerkt haben, und daß Du hier noch länger mit mir, mit Erlaubniß zu denken: Schindluder treibst, hat doch eigentlich weniger als gar keinen Zweck. So Du aber dennoch anderer Ansicht sein solltest, so beuge ich in Demuth mein Haupt und gedenke des Wortes: Wie Ihr befehlt, Ew. Majestät, zum Diner sind wir da, Hurrah, Hallelujah.”

Und die hohe Excellenz ist derselben Ansicht wie der Major, auch das ist ein Wunder.

„Von dem Gefechtsexerzieren habe ich mehr als genug,” sagt Excellenz, „obgleich mir die Sache, um mit dem ja auch Ihnen wohl nicht ganz unbekannten Baron Mikosch zu reden „ein unbändiges Vergnügen” bereitet hat.”

Excellenz sieht sich um: Niemand findet in den Worten des hohen Herrn etwas Komisches, im Gegentheil, einige finden sie recht herzlos, aber Excellenz erwartet, daß gelacht wird und folglich wird gelacht — der Divisions­kommandeur lächelt und dieses Lächeln nimmt chargenweise zu — der Oberst lacht ganz laut. Was liegt ihm daran, wenn seinem Major das Genick gebrochen wird? Wenn der Eine geht, kommt der Andere — die Zahl der „überzähligen” Stabsoffiziere ist so wie so viel zu groß.

Die Herren lachen immer noch, sie wissen auch jetzt noch nicht weshalb, aber sie lachen und der Oberst bringt sogar das Kunststück fertig, Thränen im Auge zu haben.

Und ist das nicht auch ein Wunder, daß erwachsene Menschen im Alter von fünfzig und mehr Jahren es fertig bringen, über eine Sache zu lachen, die sie selbst nicht im Geringsten lächerlich finden?

Eigentlich wollte der Kommandierende den Parademarsch der drei Bataillone gleichzeitig sehen, aber die getroffenen Dispositionen sind ja dazu da, um geändert zu werden, und so befiehlt er denn jetzt: „Parademarsch”.

Die Regimentsmusik, die es sich unter einem hohen Baum bequemgemacht hat, weil nach ihrer Meinung ihre Stunde noch lange nicht schlagen würde, bekommt einen heillosen Schreck, als ihr nun plötzlich der Befehl überbracht wird, sich „aufzubauen”. Sie stürmt herbei und wenig später spielt sie den schönen Marsch:

„Glaubst Du denn, glaubst Du denn,
Daß ich mit Dir scherze,
Nimm Dein Perspektiv zur Hand
Und schau mir in mein Herze.”

Daß Excellenz nicht scherzt, wissen Alle, auch ohne daß sie ihn mit dem Perspektiv oder mit Röntgenstrahlen beleuchten. So machen sie ihre Sache so gut wie möglich.

Aber Excellenz tadelt.

„Die Zugführer gehen wieder nicht vor der Mitte ihrer Züge,” schilt er.

Verwundert sehen die andern Vorgesetzten sich an; sie haben gerade eben darüber gesprochen und sich gegenseitig darüber lobend geäußert, daß die Zugführer genau die Mitte innehielten.

Und nun haben sie sich wieder geirrt?

„Ich werde Ihnen beweisen, daß ich Recht habe,” fährt Excellenz fort, „im ganzen Bataillon, bei allen vier Kompagnien befindet sich nicht ein einziger Offizier vor der Mitte seines Zuges!”

Und als die Probe aufs Exempel gemacht wird, da hat Excellenz Recht: der eine Theil der Leutnants marschirt vor der dreizehnten, der andere Theil vor der vierzehnten Rotte ihres Zuges.

Ganz genau in der Mitte marschirt also thatsächlich kein Leutnant — Excellenz hat wieder einmal Recht.

Den anderen Vorgesetzten wird es unheimlich in der Nähe der höchsten Excellenz; sie stehen von Neuem vor einem Räthsel, vor einem Wunder, das sie sich nicht zu erklären vermögen.

Wie ist es möglich, daß ein Mann
so viel Weisheit bergen kann?

denken sie noch einmal.

Und doch ist die Lösung grausam einfach: Mit achtundzwanzig Rotten hat das Bataillon erscheinen sollen — in Folge von Abkommandirungen und Erkrankungen ist es aber nur mit siebenundzwanzig erschienen und die Hälfte von siebenundzwanzig ist bekanntlich dreizehn und einhalb.

Und Excellenz ist der Einzige, der sich den Rapport angesehen hat und welcher die Zugstärke kennt.

Die „Herren Offiziere” befiehlt Se. Excellenz.

Der Major stöhnt laut auf und flüstert dann seinem Adjutanten zu:

„Jetzt wird es Ernst — Kritik beginnt,
Mit meiner Leiche spielt der Wind.”

Die Kritik beginnt und es geschieht ein neues Wunder: der Major wird über die Helmspitze hinweg gelobt: tadellos — ganz ausgezeichnet — natürlich einige Kleinigkeiten — aber der Gesammteindruck — hervorragend!

Alle sehen sich erstaunt an: sie stehen von Neuem vor einem Wunder. Sie alle hätten darauf geschworen, daß der Major sterben würde, ja, sie hatten ihn schon als todt betrachtet und nun öffnet Excellenz nur den Mund und der Todte erwacht zu einem neuen Leben; die vorhin so blassen Wangen röthen sich, das Zittern, das durch die Gestalt des Herrn Major lief, hört auf, die vorhin in sich zusammengesunkene Figur wird immer größer und größer, die vorhin so traurigen Augen blitzen freudig auf und Alle, die es sehen, sagen: Ein Wunder, ein Wunder!

Sie können es sich nicht erklären und bis an ihr Lebensende werden sie es auch nicht begreifen.

Und doch ist die Sache so einfach: Kurz vor Beginn der Kritik hat der neuernannte Generalstabschef dem Kommandirenden mit schreckensbleichen Lippen zugeflüstert:

„Exzellenz, ich bitte tausendmal um Verzeihung — ich bin daran schuld — dies ist ja Major v. Gommerstein I. und wir wollten ja dem Major v. Gommerstein II. grob werden, der Tadel ist an die falsche Adresse gekommen.”

„Passen Sie ein anderes Mal besser auf,” hatte Exzellenz gescholten, „na, noch können wir den Schaden wieder gut machen.”

Und Exzellenz macht ihn wieder gut: er lobt und lobt, aber plötzlich hält er in seiner Lobrede inne, denn plötzlich fällt ihm das Wort ein: Der Tadel ist noch nie einem Menschen zu Kopf gestiegen, wohl aber die Anerkennung.

Er beendet die Kritik, denn er möchte nicht Schuld daran sein, daß der Major infolge des reichlich gespendeten Lobes geistig verwirrt wird.

Denn als Vorgesetzter ist er für den Gesundheits­zustand des ihm unterstellten Armeekorps verantwortlich. Es soll bleiben, wie es war: bisher ist noch keiner der Offiziere aus Freude über das ihm von Sr. Exzellenz ertheilte Lob verrückt geworden.

Und das ist bei der bekannten Grobheit des hohen Herrn — kein Wunder.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „in den Arrest”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „seinem”. (zurück)

(3) In der Buchfassung heißt es hier: „sagte”. (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es hier: „neunundzwanzig”. (zurück)

(5) In der Buchfassung heißt es hier: „Devise”. (zurück)

(6) In der Buchfassung heißt es hier: „Nanu”. (zurück)

(7) In der Buchfassung heißt es hier: „verwundert”. (zurück)

(8) In der Person dieser „Exzellenz” charakterisiert Schlicht offenbar Alfred Graf von Waldersee, der kommandierender General des IX. Armeekorps war, solange Schlicht noch im Dienst war. Vergleiche dazu auch: „Aus meiner Dienstzeit”. (zurück)


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© Karlheinz Everts