Zum ersten Mal Strohwittwer.

Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
In: „Deutsche Lesehalle”
Sonntags-Beilage zum Berliner Tageblatt vom 14.8.1892,
in: „Teplitz-Schönauer Anzeiger” vom 20.8.1892 und
in: Kleine Geschichten.


„Adieu, lieber Mann, und vergiß mich nicht!”

„Lebe wohl, mein süßes, kleines Weib, und baldige völlige Genesung.”

Noch ein Kußhandwerfen, ein Winken mit dem Taschentuch, dann war der Schnellzug schon um die nächste Ecke gebogen, und allein, ganz allein stand ich auf dem Perron. Nun war das Gefürchtete geschehen, zum ersten Mal seit dreijähriger Ehe war meine Frau ohne mich auf Reisen gegangen, sie mußte gehen auf Befehl unseres treuen Hausarztes. Wie gern, wie unsagbar gern hätte ich sie auch dieses Mal begleitet, aber der königliche Dienst hielt mich fest und zwang mich zum Bleiben. Jetzt war es wahr geworden, wovor mir schon so lange gegraut, und was ich doch nicht auszusprechen gewagt hatte, aus Furcht, mein liebes Weibchen dadurch noch in letzter Minute zurückzuhalten, das Schreckliche war gekommen: „ich war Strohwittwer”. Ich kam mir so einsam und verlassen vor, nur wie ein halber Mensch, es war mir, als ob alle Leute mir ansehen müßten, daß mir etwas fehle, wie Peter Schlemiehl, da er seinen Schatten verkauft.

„Was fängst Du armer Mensch jetzt nur an?” dachte ich.

Ehrerbietig näherte sich mein Diener.

„Herr Baron stehen bereits seit einer halben Stunde auf demselben Platz, wenn ich mir vielleicht eine Frage erlauben dürfte –”

„Du hast Recht, Wilhelm,” antwortete ich ihm, „dadurch, daß wir hier herumstehen, wird es auch nicht anders. Komm', wir wollen nach Hause gehen.”

Ernsten Antlitzes folgte mir mein Diener. Er sah so traurig aus, um seine treuen, hellblauen Augen war ein thränenfeuchter roter Rand bemerkbar, daß ich die Frage nicht unterdrücken konnte:

„Na, Wilhelm, es geht Dir doch wohl sehr nahe, daß Meta mit auf Reisen gegangen ist?”

Wilhelm heuchelte männliche Fassung und murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin.

Meta, die Auserkorene seines Herzens, war unser Mädchen, das ich meiner Frau als Begleiterin mitgegeben hatte. Alle Einwände hatte ich mit folgender Rede überwunden:

„Ich bitte Dich, Liebling, mach' Dir doch meinetwegen keine Sorgen. Ich speise im Klub, Wilhelm bei unseren Wirthsleuten, Kaffee bereiten wir uns selbst, was ist denn dabei? Achtundzwanzig lange Jahre habe ich ohne Dich gelebt, und zehn Jahre allein gewirthschaftet, nun wird es doch auch wohl acht kurze Wochen gehen?”

Acht kurze Wochen, das spricht sich so leicht aus, und doch, was kann sich heut zu Tage nicht alles in acht kurzen Wochen ereignen? Während ich meiner Wohnung zuschritt, mußte ich unwillkürlich an einen jungen Bekannten, einen Leichtmatrosen der Handelsmarine denken, den ich eines Abends, als ich vom Dienst nach Hause kam, bei meiner Frau traf. Wir plauderten von allen möglichen Dingen, mitten in der lebhaftesten Unterhaltung zog er plötzlich seine Uhr und fuhr erschrocken empor.

„Um Gottes Willen, es wird aber die höchste Zeit für mich, ich muß notwendig fort!”

„Wo wollen Sie denn so plötzlich hin?”

„Über England nach Südamerika, heute Abend um elf Uhr geht der Dampfer. In acht kurzen Wochen bin ich wieder bei Ihnen.”

Ich sah den kaum neunzehnjährigen jungen Mann erschrocken an. Er sprach das „über England nach Südamerika” so ruhig, als wenn ich meiner Frau Lebewohl sagte, um in das kaum drei Minuten von meiner Wohnung gelegene Büreau zu gehen. Aber er hatte ja Recht, was bedeuten unserer schnellebigen Zeit „acht kurze Wochen”.

Ich schickte den Diener voraus, mir fiel ein, daß ich eine Besorgung, um die mich meine Frau gebeten, gleich ausführen könnte. Als ich nach etwa einer Stunde nach Hause kam, zog ich vergebens die Glocke.

„Sollte der Diener ohne Deine Erlaubniß ausgegangen sein?” fragte ich mich. Ich versuchte die Thür mit dem Drücker zu öffnen, es gelang, aber die Sperrkette war eingehakt, ein Betreten der Wohnung unmöglich. Wieder zog ich von Neuem die Glocke, immer lauter ertönte ihr Schall durch das Haus; durch den Lärm angelockt, versammelten sich die Hausbewohner, meine Wirthin trommelte gegen das Küchenfenster den Radetzki-Marsch, den sie ihr Gatte, ein früherer Tambourmajor, gelehrt hatte; vergebens, mein Wilhelm kam nicht.

„Wenn der Fortgang Deiner Strohwittwerzeit dem Anfang gleicht, so kann die Sache ja sehr niedlich werden,” dachte ich und folgte der freundlichen Auforderung meiner Nachbarn, durch den Nebengarten in meine Wohnung zu gelangen. Mit vieler Mühe überstieg ich den Zaun und bedauerte dabei, nicht Mitglied der Turnerschaft zu sein, denn mein Beinkleid zeigte nach dieser turnerischen Leistung ein Loch, gegn das sich später alle Künste meines Schneiders als fruchtlos erwiesen. In etwas gereizter Stimmung betrat ich die Treppe zum Balkon und ging durch die offenstehende Glasthür in das Eßzimmer. Auf dem Lehnstuhl meiner Frau saß der treue Knappe, laut schnarchend, eine ausgebreitete Zeitung vor sich.

„Armer Kerl,” sprach ich zu dem friedlich Schlummernden, „auch Dir kommt das Leben ohne sie, die Dein Herz bezwang, schal und nichtig vor! Aber komm', wache auf und denke, getheilter Schmerz ist halber Schmerz.”

Mit Hilfe eines Glases Wasser gelang es mir bald, ihn aus den süßen Gefilden seiner Träume in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Die Theestunde nahte.

„Wilhelm, bereite mir den Thee.”

„Zu Befehl, Herr Baron!” Und er ging an sein Geschäft.

Wenige Minuten später stand er wieder hinter mir.

„Ich kann den Thee nicht finden, Meta hat mir gesagt —”

Ich erhob mich, um selbst zu suchen. Ja, wo war er denn nur? Als meine kleine Frau vor ihrer Abreise das Haus bestellte, hatte sie mir am letzten Tag, als wir traulich in meinem Zimmer zusammen saßen, Alles ganz genau erklärt.

„Also den Kaffee stelle ich dahin, den Thee dorthin, zucker dort —” und so war das eine kleine Stunde fortgegangen.

„Du weißt nun doch auch ganz genau Bescheid, oder soll ich Dir lieber Alles noch einmal aufzählen?”

„Aber, Liebling, ich bitte Dich,” unterbrach ich sie, um sie nicht noch unruhiger zu machen, als sie so wie so schon war, „ich bitte Dich, die Sache ist ja so einfach, und Du hast ja Alles so praktisch ausgedacht und eingerichtet, wie sollte ich da nicht sofort finden, was ich suche?”

Strahlenden Blickes hatte meine kleine Frau mich mit ihren großen rehnraunen Augen angeschaut.

„Bist Du mit mir zufrieden, Herzblatt?” so hatte sie ihre Aufzählung abgeschlossen.

„Meta sagte,” so sprach ich zum Diener, „in dem Eckschrank unten auf dem untersten Bord links in der Ecke hinter der Glaskaraffe, die vor dem Blechkasten steht, in dem der Zucker wäre, da wäre er!”

Und siehe da, er war da wirklich. Freudig begrüßten wir den russischen Theekasten — aber was war das, er war ja leer!

„Wenn der Holzkasten leer ist, dann steht noch eine große Tüte voll Thee —” hatte meine Frau mir gesagt. Ja, aber wo stand sie? Wieder suchten wir von Neuem, aber vergebens.

„Wir wollen es nun aufgeben für heute, Wilhelm,” sagte ich endlich, als wir uns ermüdet von dem vielen Bücken und Suchen gegenüberstanden. „Hole mir eine Flasche Bier herauf.”

Meine Arbeit drängte, ich setzte mich wieder an den Schreibtisch, um die verlorene Zeit einzuholen. Es war ein sehr umständlicher Bericht, und ich zerbrach mir gerade über eine sehr schwierige Stelle den Kopf, da stand Wilhelm wieder hinter mir.

„Darf ich den Herrn vielleicht um den Kellerschlüssel bitten?”

Wüthend wandte ich mich um, aber der arme Mensch konnte ja nichts dafür.

„Bitte, verschließ den Schlüsselkorb in Deinem Schreibtisch und laß den Kellerschlüssel nicht aus den Händen, man soll seineDienstboten nicht in Versuchung führen,” so hatte meine Frau gesagt.

Ich öffnete die Thür meines Schreibtisches und holte den mit großen und kleinen Schlüsseln bis an den Rand gefüllten Korb hervor.

„Welcher ist es denn nun?”

„Meta sagte, der, an dem kein rothes Band wäre, und dann der kleinste.”

Aha, mit einem rothen Band war nur einer da, der war es also nicht, das war schon etwas. Aber da waren viele mit grünen, blauen und gelben Bändern, und eine ganze Reihe ohne Band. Und dann der kleinste. Von welchen der kleinste? Von denen mit Bändern oder von denen ohne Band, von denen am Schlüsselbund oder von denen, die lose umherlagen? Nur eine Frau kann in einem solchen Chaos sich zurecht finden! Endlich hatten wir ihn gefunden, und bald darauf erquickten wir uns durch eine köstliche Flasche Pilsener Bier.

Es war inzwischen spät geworden, ich schickte den Diener zu Bett.

„Morgen früh um sechs Uhr weckst Du mich. Gute Nacht.”

Bis spät in die Nacht hinein saß ich noch bei der Arbeit. Als der Bericht beendet, legte ich mich auf die Chaiselongue, zündete mir eine Cigarre an und dachte darüber nach, wie sauer mir doch heute die Schreiberei geworden wäre. Wenn ich sonst nach langem anstrengendem Dienste noch an meinen Schreibtisch gefesselt war, saß meine Frau ih ihrem großen Lehnstuhl, mit einer Handarbeit oder einem Buch beschäftigt, an dem Fenster. Während der Arbeit flogen lustige Worte hin und her; wollte ich ermüdet die Feder niederlegen, so war sie es, die durch eine muntere, fröhliche Bemerkung mir Lust und Liebe gab zu neuem Schaffen. Heute kümmerte sich kein Mensch um mich, das Schnarchen des Dieners war in der ganzen Etage hörbar, ihm schien die Liebe wenigstens den Schlaf nicht zu rauben.

Traurig suchte ich endlich mein Lager auf. Am nächsten Morgen wurde ich durch einen Höllenlärm geweckt. Der Diener trommelte mit beiden Fäusten gegen die Thür des Schlafzimmers.

„Herr Baron, Herr Baron, wachen Sie auf, ich glaube, wir haben die Zeit verschlafen.”

Ich sah schnell nach der Uhr, die Zeiger wiesen auf ein halb Acht, um sieben Uhr mußte ich ausnahmsweise auf dem Büreau sein. Mit einem Riesensatz war ich aus den Federn.

„Hast Du infamer Schlingel denn nicht die Weckuhr gestellt?”

„Ja,” lautete die klägliche Antwort, „aber Meta muß es mir falsch gezeigt haben, denn die Uhr ist gar nicht losgegangen.”

Ich ließ mir die Urheberin des Unglücks heraufbringen, der Wecker war richtig gestellt, aber Wilhelm hatte in seiner Ungeschicklichkeit natürlich vergessen, das Schlagwerk aufzuziehen.

In aller Eile kleidete ich mich an, und ohne mir Zeit zum Genuß des Kaffees zu lassen, stürzte ich aus dem Hause.

Nicht in der besten Laune kehrte ich Mittags heim. Grinsend empfing mich Wilhelm.

„Herr Baron, es ist ein Schutzmann hier gewesen, er will um ein Uhr wiederkommen.”

„Ein Schutzmann, was will denn der hier?” fragte ich.

Wilhelm vermochte keine Antwort zu geben, aber es war ja auch einerlei, ich war mir keines Verbrechens bewußt. Mit militärischer Pünktlichkeit stellte sich denn auch der Diener des Gesetzes ein und nahm mich in drei Mark Geldstrafe, weil am Abend vorher der Ascheimer ohne Deckel auf die Straße gesetzt worden war.

„Wenn Du Dir noch mal solche Vergeßlichkeit zu Schulden kommen läßt, und ich Deinetwegen Strafe zahlen muß, ziehe ich Dir das Geld von Deinem Lohn ab, verstanden?”

„Meta hat mir gesagt —”

„Bleib mir mit Deiner Meta weg; selbst ist der Mann.”

Listig schaute Wilhelm mich mit seinen klugen Augen von der Seite an, als wollte er sagen: „Das sagst Du so, ohne Dir etwas dabei zu denken.”

Ich trat in das Eßzimmer, um zu frühstücken. Wilhelm schien wieder gut machen zu wollen, was er am Morgen gesündigt. Der Tisch war sauber gedeckt, es fehlte nichts, sogar die Flasche mit Bommerlunder Kümmel stand auf ihrem Platz. Wie immer, schänkte ich mir auch heute von demselben ein kleines Gläschen ein und goß es mit einem Mal hinunter. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich empor.

„Wilhelm, Mensch, was ist das?”

Erstaunt sah der Diener mich an, betrachtete die Etikette und sagte ruhig und gelassen: „Kümmel.”

Aber der Kümmel brannte wie höllische Feuer in meinem Halse.

„Wo hast Du die Flasche gefunden?”

„Auf dem Waschtisch der gnädigen Frau,” lauete die Antwort.

Nun war es mir klar. Als einmal die Flasche mit Kopfwasser entzwei gegangen war, hatte meine Frau den Inhalt in eine leere Bommerlunder-Flasche gegossen, und so hatte ich denn mein Frühstück mit einem tüchtigen Schluck Bay-Rum gebonnen.

„Rrrraus!” donnerte ich den Diener an, und auf den Fußspitzen entzog er sich meinem berechtigten Grolle.

Ich nahm Hut und Rock und ging in ein Restaurant; ich wagte die anderen Speisen nicht anzurühren; wer konnte wissen, was in der Bierflasche und der Butterdose enthalten war?

Die nächsten Tage vergingen ohne besondere Zwischenfälle, ich lernte allmälig die Sachen finden, und Wilhelm war wirklich ein sehr brauchbarer Mensch.

Eines Morgens, schon hatte ich mich so leidlich in die neuen Zustände gefunden, trat mir mein Diener weinend entgegen.

„Was fehlt Dir denn, Knabe, warum weinst Du so?”

„Ach, Herr Baron, die Grude, die Grude —”

„Was ist denn los mit der Grude?”

„Ach, ich kann da wirklich nichts dafür, die Grude ist ausgegangen.”

Vernichtet sank ich auf einen Stuhl. Diese unglückliche Grude. Wie viel Geld hatte ich nicht ausgegeben, um diesen störrischen Ofen in Brand zu bekommen, sämmtliche Töpfer der Nachbarschaft hatten ihre Künste vergebens daran probiert, endlich, nach Wochen hatte sie gebrannt.

Wie hatten wir das Fest gefeiert, mit Champagner und Austern hatten wir das Aufleuchten der ewigen Flammen begrüßt, denn einem Gerücht zufolge sollte die Grude ewig brennen. Nun war Alles vorbei. Im Geiste sah ich ungeheure Töpferrechnungen, weinende Gesichter, klagende Geberden.

„Schwör' mir, daß Du auf die Grude aufpassen willst, sonst habe ich keine Ruhe,” hatte meine Frau mich angefleht. Wir waren zusammen in die Küche gegangen und hatten an Ort und Stelle die eingehendsten Instruktionen erhalten, dann hatte ich die Hand erhoben zum feierlichen Eid.

Ohne Kaffee mußte ich aus dem Haus gehen, warm Wasser war ohne Grude nicht zu bekommen, Petroleumkocher und dergleichen Instrumente waren bei uns verpönt. Als ich Mittags nach Hause kam, machte ich mit meiner Vizewirthin ab, daß sie gegen ein geringes Entgelt mir den Morgenkaffee von nun ab liefern sollte. Von dem mir lieb gewordenen Abendthee nahm ich schweren Herzens bis zum Ablauf der acht Wochen Abschied.

„Weißt Du, Wilhelm,” sagte ich zu meinem treuen Leidensgefährten, „was ist das eigentlich mit der Butter, die hat ja einen ganz infamen Geschmack.”

„Ja,” antwortete er, „mir schmeckt sie auch nicht mehr, aber,” fuhr er tröstend fort, „nur noch vier Tage, dann ist sie all. Die ist aber auch schon fünf Wochen alt.”

Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Ich aß nur sehr selten des Morgens Butter und kam jetzt erst dahinter, daß wir noch immer von derselben Butter aßen, die wir uns am Anfang unserer Strohwittwerschaft gekauft hatten. War es Einbildung oder wirklich eine Folge der ranzigen Butter? Ich fühlte mich einige Tage so elend, daß ich nicht im Stande war, meinen Dienst zu thun. Und dabei mußte ich täglich meiner Frau schreiben, mir ginge es ausgezeichnet, uns fehle gar nichts: „denn sobald Dir das Geringste fehlt und Du nur im Geringsten ohne mich Noth leidest, komme ich sofort zu Dir,” hatte die Frau mir mehr als einmal versichert. Dann kam eines Morgens ein Brief meiner Frau.

„Weißt Du, Liebling, ich langweile mich hier todt, ich muß eine Handarbeit machen. Vorn in meiner Wohnstube unter meinem Fenstertritt stehen verschiedene Pappkasten, in einem von denselben liegt eine ganz große Häkelnadel, mit der ich damals Deine Chaiselonguedecke arbeitet, schicke sie mir, bitte, her, hier kann ich keine bekommen.”

Mit Hilfe des Dieners ging es wieder an das Suchen. An einem Platz, auf den nur eine Frau kommt, waren siebzehn gleich große und gleich breite Pappschachteln verborgen.

„Wilhelm, wo ist die Nadel nun wohl?” fragte ich.

Kopfschüttelnd beschaute er sich die Massensammlung und meinte endlich:

„Wahrscheinlich in der letzten.”

Aber diesmal hatte er Unrecht. Wir öffneten einen Karton nach dem andern und förderten alles Mögliche an das Tageslicht, Strickgarn, Weißzeug, Leinen, aber eine Nadel fand sich nicht. Schon wollten wir unsere Arbeit von Neuem aufnehmen, da traf ein Eilbrief ein.

„Bitte, sei nicht böse, wenn ich Dir vergebliche Mühe gemacht habe. Der Pappkasten ist in dem grünen Koffer oben auf dem Boden in der großen Kiste, in der meine Kleider liegen, hinter dem Schrank, der augenblicklich leer steht.”

Nun war es ja ein Leichtes. Bei 27° R. keuchten wir die fünf Treppen zum Boden in die Höh', und nachdem wir den ganzen Schlüsselkorb durchprobiert hatten, entdeckten wir, daß die Kiste gar nicht verschlossen war. Freudiger kann selbst Cumberland(1) nicht gestimmt sein, wenn er die Gott weiß wo versteckte Nähnadel endlich entdeckt, als wir es beim Auffinden der Häkelnadel waren.

Aber die schnelltreibende Hitze hatte den Keim eines großen Gedankens in meiner Seele entstehen lassen. Unten angekommen, winkte ich wortlos Wilhelm, stieg abermals in die gesegneten Gefilde der Himmelsgegend hinauf, suchte einen Koffer aus, der lang genug war, die verlangte Häkelnadel aufzunehmen, und befahl Wilhelm, das Reisefutteral nach unten zu befördern.

„Jawohl, Herr Baron, lang genug ist er, aber er ist man zu breit und zu hoch für die Nadel.”

Ich schwieg; mit dem Schlüsselkorb am Arm ging ich in die Ankleidestube, und hier befahl ich Wilhelm:

„Sechs Hemden, sechs Paar Strümpfe, zwölf Taschentücher — abschließen — Wagen holen!”

„Adieu, Wilhelm, grüß den königlichen Dienst, ich habe den Sonnenstich.”

„Herrgott!” sagte meine Frau, „Du mußt sofort an Wilhelm schreiben, Du hast kein Unterzeug, keine Kragen und keine Manschetten mitgebracht — und wo ist die Häkelnadel?”

Himmeldonnerwetter, die hatte ich vergessen!


Fußnoten:

(1) Siehe auch „Cumberland” in: „Nüters Samowar” und in: „Die Traumdeutung”. (zurück)


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