Alexander Kielland (18.2.1849-6.4.1906)

Eine Anekdote, erzählt von Freiherrn von Schlicht
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 11.4.1906,
ein Zitat aus dem „Berliner Tageblatt” vom 9.4.1906,
siehe dazu auch die Erwähnung in Schlichts Autobiographie


Schlicht hatte den Dichter vor fünf Jahren in Carlsbad kennen gelernt. Kielland nahm die Kur nicht sonderlich schwer. er befolgte die Ratschläge des Arztes, soweit es ihm paßte und lebte im übrigen so, wie er es für gut befand. Vor allen Dingen aber kämpfte er trotz aller ermahnung gar nicht gegen die ihn fortwährend befallende Schlafsucht an. Dieses Schlafen war krankhaft, und der absolute Mangel an Bewegung trug die Schuld daran, daß er täglich schwerer wurde. „Wie oft habe ich” — erzählt Freiherr von Schlicht — „versucht, wenn wir des morgens bei Pupp zusammen gefrühstückt hatten, ihn zu einem Spaziergang zu bewegen! Sich schwer auf seinen starken Stock stützend, versprach er ganz brav zu sein und sich unterwegs nicht auszuruhen. Aber schon auf der ersten bank ließ er sich dann doch nieder. „Nur eine Minute,” bat er, und nach einer halben Minute war er schon fest eingeschlafen. Und wenn ich dann allein meinen Weg fortsetzte, fand ich ihn bei meiner Rückkehr auf einer anderen bank schlafend vor. Er schlief sich so von Bank zu Bank, wie er es selbst nannte, und war gaz stolz, wenn er auf diese Art und Weise sechs oder gar sieben Bänke zurückgelegt hatte.

Eines Tages hatten wir uns verabredet, am Abend zusammen in ein Variété zu gehen, ab er als ich noch in seinem Hotel mit ihm darüber sprach, was wir bis dahin unternehmen könnten, sagte er plötzlich:

„Wissen Sie was? Ich gehe jetzt zu Bett.”

Ich sah nach der Uhr.

„Schön,” stimmte ich ihm bei, „es ist jetzt fünf, um halb sieben lassen Sie sich wecken, und kurz nach sieben hole ich Sie hier mit dem Wagen ab.”

Aber er schüttelte den Kopf.

„Wenn ich mich jetzt hinlege, bleibe ich auch bis morgen früh liegen.”

„Kielland,” rief ich, „das ist doch nicht Ihr Ernst, Sie können doch nicht 14 Stunden nach der Reihe schlafen.”

Da lachte er hell auf, und ich sehe ihn noch vor mir, wie er mich mit seinen lustigen Augen schelmisch anblickte:

„Doch, das kann ich sehr gut, das habe ich in Stavanger gelernt. Sehen Sie, da bin ich Bürgermeister, und so lange ich den schwarzen Rock anhabe, bin ich der erste Beamte der Stadt, der für alle Menschen, die irgend etwas auf dem Herzen haben, zu sprechen sein muß. Sobald ich aber mein langes weißes Nachthemd anziehe, bin ich nicht mehr der Bürgermeister von Stavanger, dann bin ich ein müder Mensch, der zu Bett geht und für niemand zu sprechen ist. Und da ich mich nicht gern ärgere, habe ich es mir angewöhnt, viel häufiger das Nachthemd als den schwarzen Rock zu tragen.”

Ich wüßte keine andere Geschichte, die so charakteristisch für Kielland wäre wie diese kleine Anekdote, für ihn selbst und für sein Wesen. Wer einmal mit ihm zusammen war, der kannte ihn durch und durch, jede Verstellung war ihm fremd. Natürlich sprach ich oft mit ihm über seine Bücher, und ich habe nie einen Schriftsteller kennen gelernt, der so bescheiden war wie er. Oft wurde er ganz rot und verlegen wie ein Kind, wenn ich diese oder jene Stelle, die mir aus seinen Schriften besonders in Erinnerung geblieben war, zitierte. Dann konnte er sich aber auch wieder darüber beklagen, daß er keinen gutzahlenden deutschen Verleger finden könne, und daß man ihn in Deutschland so oft übersetze, ohne ihm auch nur einen Pfennig dafür zu zahlen.”


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© Karlheinz Everts