Der „Pänrich” (Fähnrich)

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Armeetypen”


„Aus einem Nichts kann bekanntlich nichts werden und doch wird aus einem Fähnrich ein General.”

Ich weiß nicht, wo ich diesen geistreichen Satz gelesen habe, es ist sogar möglich, daß ich ihn, über einen Anfang dieser Plauderei nachsinnend, selbst erfand, wie gesagt, es ist dies vielleicht möglich, doch will ich darauf keinen Meineid schwören.

Auf jeden Fall enthält der Satz viele Unrichtigkeiten, von denen ich nur zwei anführen möchte: „und doch wird aus einem Fähnrich, wenn er kolossalen Dusel hat und nicht vorher an einer der vielen Ecken landet und strandet, und wenn er nicht vorher eines natürlichen oder militärischen Todes stirbt — wenn alle diese „Wenn's” nicht eintreten, dann wird vielleicht aus einem Fähnrich ein General.” So müßte es heißen.

Was sollte daraus entstehen, wenn thatsächlich aus jedem Fähnrich ein General würde? —

Ich mache eine Pause, um über die Antwort auf diese Frage nachzudenken. Ich zünde mir zur Feier des schönen Sonntagsmorgens eine neue Importierte an und trete an das Fenster meines Arbeitszimmers. Ich lasse meinen Blick über den im schönsten Maiengrün prangenden Buchenwald schweifen(1), der sich, nur wenige Schritte von meinem Garten entfernt, meilenweit, soweit das Auge reicht, erstreckt. Es ist so still und friedlich um mich herum — kein Laut stört ich in meinen Gedanken und bei dem Genuß meiner wirklich vortrefflichen Henry Clay. — Warum soll sich ein armer Schriftsteller nicht auch einmal etwas Gutes gönnen? Die Chaussee, die an meiner hoch oben auf einer Anhöhe gelegenen Villa, zwischen meinem Garten und dem Wald hindurchführt, ist leer von Wagen und Reitern, selbst All-Heil-Brüder(2) sind nicht zu sehen — nirgends ein menschliches Wesen. Da taucht in der Ferne etwas blankes auf, jetzt erkenne ich es, es ist eine blankgeputzte Helmspitze, nun erkenne ich auch den Helmadler und bald denjenigen, der seinen Helm spazieren trägt. Es ist unser jüngster Fähnrich.

Ich beuge mich zum Fenster hinaus und rufe mit der ganzen Kraft meiner oft auf dem Exerzierplatz erprobten Stimme: „Fähnrich — Fähnrich — Pännnnrich.”

Der Fähnrich bleibt stehen und sieht sich um.

Seine Ohren scheinen nicht, wie bei dem Normalmenschen nach vorne, sondern nach hinten geöffnet zu sein.

Ich rufe nochmals mit der ganzen Kraft meiner Lungen: „Pännnn—rich.”

Nun hat er mich gesehen — Gott sei Dank.

„Herr Lieutenant.”

Da er weiß, daß ich bis vor kurzem in seinem Regiment Lieutenant war, nennt er mich noch immer mit meiner früheren Charge.

Wie ein Windhund stürzt er durch die Natur — „Schritt, Schritt” rufe ich ihm zu — er aber hört nicht — er rast weiter — mit beiden Händen hält er seinen Helm fest — er hat zu lose umgeschnallt, das Seitengewehr verschiebt sich, es kommt ihm zu weit nach vorne, zwischen die Beine — nun hält er mit der Rechten den Helm, mit der Linken das Seitengewehr — jetzt ist er vor meinem Fenster, er will Front machen — er macht Linksum, zieht das rechte Bein kurz heran — aber die Endgeschwindigkeit seines Laufes ist zu stark — er kann so schnell nicht bremsen, er legt sich auf die Seite — langsam, langsam, in vorschriftsmäßiger Haltung, beide Hände an der Hosennaht — neigt er sich nach links — nun liegt er auf der Seite.

„Aber Fähnrich,” rufe ich tadelnd.

Schnell stürzt er in die Höh, setzt sich erst den Helm wieder gerade, rückt sein Seitengewehr wieder zurecht, legt die Hände richtig an und ruft mir dann zu: „Verzeihen der Herr Lieutenant gütigst.”

Und nun entspinnt sich folgende Unterhaltung:

„Guten Morgen, Fähnrich.”

„Guten Morgen, Herr Lieutenant.”

„Zum Donnerwetter, ich bin aber doch kein Lieutenant mehr.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

Ich gebe es auf, ihn zu bekehren und lasse ihn „lieutenanten” so viel er lustig ist.

„Wo wollen Sie denn mit der Helmtüte hin?” (Auf den Kammern, wo die Ausrüstungsgegenstände aufbewahrt werden, ist jeder Helm, damit er nicht staubig wird, mit einer papiernen Helmtüte eingedeckt und daher wird der Helm selten anders als „Helmtüte” genannt.)

„Besuche machen, Herr Lieutenant.”

„Brav, wen wollen Sie denn beglücken?”

„Meine Hauptmannsfrau, Herr Lieutenant.”

„Na, dann wünsche ich Ihnen, daß Sie nicht angenommen werden, denn die läßt Sie für die erste Stunde nicht wieder los, die fragt Ihnen die Eingeweide aus dem Magen.”

Der kleine Fähnrich macht ein ganz betrübtes Gesicht, denn er ist so wie so nur spindeldürr.

„Sagen Sie mal, Fähnrich, glauben Sie, daß Sie General werden?”

Mein Fähnrich, der noch nicht einmal die Gefreitenknöpfe hat, sich also noch auf der untersten Stufe der „Gemeinheit” befindet, sieht mich an, als ob ich hier oben auf meinem Berge einen Sonnenstich bekommen hätte.

„Ich, Herr Lieutenant?”

„Jawohl Sie.”

Einen Augenblick schweigt der Fähnrich — in seinem Geiste erwägt er die Chancen für und gegen, dann sagt er mit dem Brustton tiefinnerster Ueberzeugung: „Nein, Herr Lieutenant.”

„Wenn Sie es nun aber doch würden, was thäten Sie dann?”

Wieder schweigt er einen Augenblick, dann sagt er: „Ich würde dann sofort meinen Abschied einreichen.”

„Brav,” rufe ich, „nun aber will ich Sie nicht länger aufhalten, amüsieren Sie sich gut und betrinken Sie sich heute Mittag nicht im Kasino.”

„Nein, Herr Lieutenant.”

„Adieu, Fähnrich.”

„Adieu, Herr Lieutenant.”

Er macht eine stramme Linksum-Kehrtwendung und setzte sich wieder in Bewegung und ich setze mich wieder an meinen Schreibtisch.

Etwas hat mich diese Unterhaltung gelehrt: daß es gar nicht gut wäre, wenn jeder Fähnrich General würde, denn wenn er es nur werden will, um eine hohe Pension zu schlucken, ist es besser, er geht schon bei Zeiten.

Und daß er bei Zeiten geht, dafür sorgen schon seine Vorgesetzten. —

In dem oben angeführten Satz ist aber noch eine andere Unwahrheit enthalten, die da sagt, daß ein Fähnrich ein Nichts ist.

Als gewesener Fähnrich, oder wie er kurzweg genannt wird „Pänrich”, lege ich hiergegen ein lautes Veto ein.

Ein Fähnrich ist, wenigstens in seinen eigenen Augen, absolut kein Nichts, im Gegenteil er ist sehr viel.

Schauen wir uns einmal einen Fähnrich an.

Man tritt entweder vom Kadettenkorps kommend, oder aber als „Zweijährig-Freiwilliger mit Aussicht auf Beförderung dienend” in die Armee ein.

Nicht nur jeder Hausbesitzer, sondern auch jeder, der eine Charge bekleidet, hat zwei glückliche Tage: den, an dem er in seine Charge einrückt, und den, an dem er „ausrückt”, sei dieses nun für immer oder nur bei der Versetzung in ein höheres Amt.

Man muß selbst Fähnrich gewesen sei, um zu wissen, mit welchem seligen Gefühl man zum erstenmal im bunten Rock durch die Straßen der Stadt schreitet. Es giebt keinen Menschen in allen fünf Weltteilen, mit dem man tauschen möchte, und für kein Geld würde man den Rock wieder ausziehen.

Man geht durch die Hauptstraße, stolz in der Brust, siegesbewußt, man sieht in jedes Ladenfenster, ob der Rock auch keine Falten wirft, man faßt zuweilen verstohlen nach der Mützenkokarde und überzeugt sich davon, ob sie auch genau, wie die Vorschrift es will, über der Nase sitzt, man reckt sich, man streckt sich, man trägt den Kopf hoch erhoben, man sieht nicht rechts, nicht links, man sieht nur geradeaus.

Und das ist nicht gut, denn ein Soldat, der auf der Straße geht, soll seine Augen überall haben.

„Sie, kommen Sie doch mal her.”

Alles dreht sich um, nur der Fähnrich nicht — seine offizielle Anrede ist ja „Herr Fähnrich”, doch nicht „Sie” — ihn kann man also doch nicht meinen.

„Sie da — der Musketier — hören Sie denn nicht?”

Sollten die Worte doch auf ihn gemünzt sein?

Er dreht sich um, er sieht nach rechts — aha, richtig, da auf dem linken Trottoir steht ein älterer Herr im grauen Paletot und winkt.

„Meinen Sie mich?” ruft der Fähnrich und das Unmilitärische dieser Frage läßt den Vorgesetzten beinahe lang hinschlagen.

„Jawohl, ich meine Sie, kommen Sie, bitte, einmal her.”

Der Fähnrich begiebt sich auf die andere Seite der Straße und steht nun dem Vorgesetzten gegenüber, er steht still und hat die rechte Hand an der Mütze. Auch das ist vollständig unmilitärisch: wenn der Gemeine, und das ist auch der Fähnrich am Anfang seiner Laufbahn, stillsteht, hat er beide Hände an der Hasennaht zu halten.

„Sag mal mein Sohn, kennst du mich eigentlich gar nicht?”

Der Fähnrich reißt die Augen und die Ohren auf— „mein Sohn,” sagt der andere zu ihm, er kann ihn doch nur so nennen, wenn er, der Fähnrich, wirklich sein Sohn ist — wie kommt er sonst dazu, ihn „du” zu nennen, und wenn er der Sohn ist, dann ist der andere ja —

Und so antwortet er denn prompt:

„Nein, Papa.”

Der Vorgesetzte denkt, ihn soll der Schlag rühren. Ist das Dummheit oder Unverschämtheit?

Da kommt auf der anderen Seite des Trottoirs ein Unteroffizier vorbei. Der Vorgesetzte winkt ihn zu sich heran: „Führen Sie diesen Mann, der mir vollständig betrunken zu sein scheint, sofort in Arrest ab. Stellen Sie fest, von welcher Kompagnie er ist und melden Sie seinem Herrn Hauptmann, daß ich ihn, den Herrn Hauptmann, heute Abend um sechs Uhr in meiner Wohnung zu sprechen wünsche.”

„Zu Befehl, Euer Excellenz.”

Und ehe der arme Fähnrich weiß, wie ihm geschieht, hat ihm der Unteroffizier sein Seitengewehr abgenommen, sein Seitengewehr, auf das er so stolz war, denn Arrestanten dürfen keine Waffen tragen. Eine starke Hand faßt ihn am Arm und geleitet ihn sicher zum Arrestlokal.

„Eingeliefert auf Befehl Sr. Excellenz des Herrn Stadtkommandanten.”

„Schön,” knurrt der Arrestaufseher, „komm nur herein, mein Junge, ich habe gerade noch eine schöne Zelle für dich frei. Wie heißt du denn, mein Turteltäubchen?”

„Avantageur von Zedritz von der achten Kompagnie.”

„Herr Gott, das ist ja richtig, Sie sind ja unser Fähnrich, nun erkenne ich Sie erst — ja Herr Avantageur, das thut mir ja denn sehr leid, aber ändern läßt sich das ja leider nicht, darf ich Sie freundlichst bitten, hier einzutreten?”

Er schiebt den Schieber zurück und öffnet die schwere, mit Eisen beschlagene Eichenthür.

„Bitte, machen Sie es sich recht bequem und wenn ich dem Herrn Fähnrich irgendwie dienlich sein kann — soweit meine Instruktion es mir erlaubt, selbstverständlich mit Freuden.”

Derc Arrestaufseher wendet sich zum Gehen, aber er macht noch einmal wieder Kehrt: „Herr Fähnrich, es ist nur von wegen der Instruktion, ich muß Sie noch untersuchen, ob Sie auch verbotene Sachen bei sich tragen.”

Und mit seiner großen Hand fährt er in die Taschen der neuen Extrauniform und nimmt alles heraus, was er findet: Portemonnaie, Schlüssel, Messer und die Cigarrentashe.

Einen Augenblick später ist der Aufseher gegangen, die Thür fällt ins Schloß, der Riegel wird vorgeschoben, der Fähnrich ist allein.

Er ist an Leib und Seele zu gebrochen, um zu rufen und zu toben, er setzt sich auf die harte Pritsche und starrt stumpfsinnig vor sich hin, nur ein Gedanke kehrt immer wieder: Verwünscht sei der Tag, an dem ich zum erstenmal den bunten Rock anzog.

Kein Mensch ist nach seiner Meinung so unglücklich wie er und er, der noch vor wenigen Stunden seinen Rock nicht für die Schätze Indiens hingegeben haben würde, zahlte jetzt mit Freuden etwas darauf, wenn er ihn nur wieder ausziehen könnte.

Stunde auf Stunde verrinnt in tötlichster Einsamkeit, gegen Abend wird ihm ein Kommißbrot und ein Krug Wasser hineingereicht, wenig später eine wollene Decke für die Nacht, dann ist er wieder allein. Ruhelos wälzt er sich auf seinem Lager — aber er ist nicht der einzige, den der Schlaf flieht.

Sein Hauptmann hat sich am Nachmittag zur befohlenen Stunde bei dem Stadtkommandanten gemeldet und Excellenz, die wegen ihrer Grobheit berühmt ist, hat ihn angehaucht, angehaucht —

Der Hauptmann zündet sich das Nachtlicht an, ihm schaudert's bei dem Gedanken an das, was er zu hören bekommen hat, er fürchtet sich.

Excellenz hat gar keine Entschuldigung gelten lassen: „Und daß es ein Fähnrich war, macht die Sache in meinen Augen noch viel, viel schlimmer. Wär's ein Pollack gewesen, so wollt ich noch nicht viel Worte darüber verlieren, aber ein Fähnrich — ein junger Mensch, der eine gute Bildung genossen hat, sie wenigstens genossen haben soll — da fehlen mir thatsächlich die Worte,” und dann hatte sich ein mindestens einstündiges Donnerwetter über das Haupt des armen Kapitäns entladen.

„Sie tragen die Schuld, Herr Hauptmann, jawohl Sie. Warum lassen Sie den Mann, wenn er erst ein paar Tage lang den bunten Rock anhat, schon ausgehen? Warum instruieren Sie ihn nicht besser — der Mensch hatte keine Ahnung, ich sage Ihnen, Herr Hauptmann, keine blasse Ahnung — Davon, daß er mich mit „Papa” anredete, will ich gar nicht sprechen, denn das beweist mir, daß der junge Mensch an temporärer Geistesstörung leidet, aber daß Sie, Herr Hauptmann, den Mann Ihrer Kompagnie ausgehen lassen, ohne daß er weiß, vor wem er Front zu machen hat, das finde ich unerhört — verstehen Sie mich wohl — un-er-hört. Ich bestrafe den Fähnrich, weil er mir die schuldige Ehrenbezeugung nicht erwiesen hat, mit drei Tagen Mittelarrest — ihn sonst zu erziehen, wird Ihre Sorge sein, Herr Hauptmann, sowie die Sache Ihres Herrn Oberst, dem ich noch heute den Sachverhalt melden werde, damit ich sicher bin, ähnlichen Vorfällen nicht wieder ausgesetzt zu sein. Ich danke Ihnen sehr, Herr Hauptmann.”

„Bitte sehr, keine Ursache,” denkt der im stillen — wohlweislich hält er aber den Mund, macht seine Verbeugung und „verduftet” so schnell wie möglich.

Nun wälzt er sich ruhelos auf seinem Lager, denn ihm graut nicht nur bei der Erinnerung an die Vergangenheit, sondern noch weit mehr vor der Zukunft.

Morgen werden sie alle über ihn herfallen, der Oberst und der Major, die guten Freunde und die getreuen Nachbarn, man wird kein gutes Haar an ihm lassen und im Geiste hört er schon die ihn zur Verzweiflung bringende Frage: „Aber, Herr Hauptmann, wie ist so etwas nur möglich?”

Er verwünscht seinen Fähnrich nach dem Lande, wo der Pfeffer wächst, ach nein, noch viel, viel weiter.

„Na, Fähnrich, auf das Wiedersehen mit mir freue dich,” murmelt er endlich, „dir wäre am besten, du wärest nie geboren. Da kannst du alles Gift der Welt darauf nehmen, ich lasse dich nicht mehr allein ausgehen.”

Ein Bild des Jammers und des Elends entsteigt der Fähnrich nach drei Tagen seiner Arrestzelle — sein Stolz ist dahin, sein Magen ist leer, seine Uniform zum Teufel — o armer Fähnrich bist du wirklich derselbe, der vor einigen Tagen stolz durch die Straßen ging, so stolz, daß du nicht einmal hörtest, als man dich rief?

Jetzt wird er nicht angerufen, jetzt wird er „angebrüllt” und zwar derartig, daß er, endlich in seinem Zimmer angekommen, sich zunächst vor seinen Spiegel stellt, um sich davon zu überzeugen, ob überhaupt noch etwas von ihm übrig ist. Dann aber zieht er sich den Rock aus und schleudert ihn mit aller Gewalt in die Ecke und seine Lippen sprechen: „O, hätte ich dich niemals angezogen.” —

Nicht jedem Fähnrich geht es bei seinem Eintritt in das militärische Leben so schlecht wie meinem lieben, leider inzwischen verstorbenen Freund, von dem ich die obige wahrhaftige Geschichte erzählte, aber jeder Fähnrich ist das enfant terrible seines Offizierskoprs, besonders dann, wenn er nicht Kadett war. Zum Soldat sein gehört nicht allein exerzieren können, sondern sich militärisch benehmen, militärisch zu denken und militärisch zu fühlen.

Ach und das „Militärische” will ihm zuerst gar nicht in den Sinn.

Er muß erst erzogen werden, das Exerzieren lernt er auf dem Kasernenhof, den äußeren und inneren Schliff bekommt er im Verkehr mit den Offizieren seines Regiments im Kasino und in der Kneipe.

Ach und es ist für den Fähnrich eine wahre Tortur Abends mit den Offizieren zusammen zu sein. Er ist Abends oft so müde, daß er am liebsten mit den Hühnern zu Bett ginge, aber das darf nicht sein — „ach was, Fähnrich, ein junger Mensch in Ihren Jahren müde? Das giebt's nicht.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant, das giebt's nicht,” wiederholt er mechanisch.

„Na also, sehen Sie wohl, Sie werden noch ein ganz famoser Mensch werden, nur immer die Knochen und den Murr zusammengerissen, dann wird's schon gehen. Nur nicht schlapp sein, das giebt's nicht für einen Fähnrich.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, nun kommen Sie mit, wir wollen noch einen Augenblick in die Kneipe gehen, da treffen Sie auch die anderen Herren vom Regiment — Sie müssen sich mehr sehen lassen, Fähnrich, es ist schon Klage darüber geführt worden, daß Sie sich so ausschlössen. Wissen Sie, so was giebt es nicht für einen Fähnrich, wenn Sie mal Hauptmann sind oder Major, da können Sie verkehren, wo Sie wollen, aber so lange Sie Fähnrich sind, gehören Sie zu uns.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Ich hab' es Ihnen schon lange einmal sagen wollen, denn ich, als Ighr Kompagnieoffizier bin doch gewissermaßen für Sie verantwortlich, und daß ich mir Ihretwegen Unannehmlichkeiten sagen lassen muß, das giebt's nicht, Fähnrich.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Nun kommen Sie aber.”

Der Herr Lieutenant geht mit seinem Fähnrich durch die Straßen der Stadt, und nach kurzer Zeit hat man das Stammlokal erreicht.

An einer endlosen Kneiptafel sitzen, wie allabendlich, fast alle unverheirateten Offiziere des Regiments.

Der Fähnrich stellt sich in strammer Haltung, die Mütze in der Hand, zuerst vor dem Aeltesten der Tafelrunde hin, dann macht er rechtsum, dann linksum und begrüßt durch „eine stramme Haltung” die rechts und links sitzenden Herren.

Wenn er „links” ist, kann er auch zuerst die Wendung „linksum” machen, darüber bestehen keine Vorschriften.

„N'en Abend Pänrich,” tönt es ihm entgegen.

„Guten Abend,” will er antworten, sein Begleiter merkt es, rechtzeitig giebt er ihm einen kleinen Rippenstoß und flüstert ihm zu: „So was giebt's nicht — sehen Sie wohl, wie nötig es ist, daß Sie öfters mit uns zusammenkommen.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, dann hängen Sie nur Ihre Mütze fort.”

Der Fähnrich thut, wie ihm geheißen, dann nimmt er von einem der Nebentische einen leeren Stuhl und steht wieder stramm.

Wo soll er sich hinstzen? Nirgends ist ein Platz für ihn zu entdecken.

Endlich erbarmt sich seiner ein junger Offizier: „Komman Sie, Fähnrich, wir rücken hier etwas zusammen.”

Niemand steht seinetwegen auf — „das giebt's nicht” — so erfordert es die Gewandtheit eines Schlangenmenschen, um sich, den Stuhl mit beiden Händen hoch über den Kopf haltend, durch die Reihen hindurchzuwinden.

Endlich sitzt er und nach einer geraumen Weile hat er auch sein Glas Bier.

Die Herren rechts und links von ihm fahren in ihrer Unterhaltung fort, sie kümmern sich nicht um ihn.

Er will gerne hören, worüber sie sprechen, um sich an dem Gespräch beteiligen zu können — sie stecken die Köpfe zusammen und flüstern.

Der Fähnrich sieht wieder geradeaus, und um wenigstens etwas zu thun zu haben, zündet er sich eine Cigarre an.

So vergeht eine Viertelstunde.

Endlich haben die Herren, die neben ihm sitzen, sich ihre Geheimnisse mitgeteilt, sie fühlen sich verpflichtet, sich etwas mit dem Fähnrich zu unterhalten.

„Prosit, Fähnrich.”

Wie ein geölter Blitz springt der Fähnrich in die Höhe, ergreift den Seidel, führt ihn zum Munde und leert das Glas bis auf den Grund.

Sagen darf er weder vor noch hinterher etwas.

„Hören Sie mal, Pännrich, ein für allemal — im Kasino ist es ja was anderes, aber wenn wir uns, wie hier, in einem öffentlichen Lokal befinden, da bleiben Sie nur ruhig sitzen.”

Der Ansicht ist aber der Nebenmann des Sprechers nicht: „Unsinn, so was giebt's nicht, der Fähnrich hat immer aufzustehen, das wäre noch schöner.”

„Na, wenn ich Ihnen zutrinke, bitte ich Sie hiermit ein für allemal sitzen zu bleiben,” wiederholt der erste.

„So was können Sie dem Fähnrich gar nicht sagen,” ereifert sich der zweite und es dauert keine Minute, da haben sich die beiden, allerdings nur bildlich gesprochen, in den Haaren.

Der arme Fähnrich, der natürlich den Mund zu halten hat, sitzt da wie auf einem glühenden Kohlenbecken und wünscht sich weit weg.

Wieder springt er in die Höh und ergreift sein Glas — mit Schrecken sieht er, daß es leer ist.

Sein Nachbar schiebt ihm sein volles Glas hin, und der Fähnrich leert es mit einem Zuge.

Das leere Glas giebt er seinem Nachbar zurück und bestellt zwei neue bei dem Kellner.

„Sie wollen mich wohl einladen, Fähnrich? Nein, Lieber, so was giebt's nicht.”

Der Fähnrich bekommt einen dunkelroten Kopf und sieht wieder stillschwiegend vor sich hin

Unwillkürlich und unbeabsichtigt sieht er auf einen Kapitän, der in seiner Nähe sitzt — der fühlt den Blick auf sich ruhen und gleichzeitig das Beürfnis, sich etwas mit dem Fähnrich, um den sich kein Mensch zu kümmern scheint, zu unterhalten.

„Sagen Sie mal, Fähnrich, wie alt sind Sie eigentlich?”

„Zwanzig Jahre(3), Herr Hauptmann.”

„Donnerwetter, das ist ja verflucht alt.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.”

„Na, Prosit Fähnrich.”

Abermals springt der Fähnrich in die Höhe und leert sein Glas — der Hauptmann aber hat sich genug mit ihm unterhalten und beteiligt sich wieder an dem Gespräch der um ihn herum sitzenden Herren.

Der Fähnrich aber schwelgt in der Erinnerung an die ihm zu teil gewordene Auszeichnung.

Aus seinen Träumen weckt ihn eine Stimme: „Sagen Sie mal, Fähnrich, wie alt sind Sie eigentlich?”

„Zwanzig Jahre, Herr Major.”

„Donnerwetter, das ist verflucht alt.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

„Na, Prosit Fähnrich.”

Hätte der Fähnrich zwei volle Gläser vor sich stehen, er würde sie in der Begeisterung seines Herzens beide austrinken, so begnügt er sich mit einem.

Alles horcht auf, der Major hat mit dem Fähnrich gesprochen — das ist ja eine kolossale Auszeichnung, um die man den jungen Mann ja beneiden kann, und neugierig fragt ein junger Lieutenant über den Tisch herüber:

„Sagen Sie mal, Fähnrich, was wollte denn der Herr Major von Ihnen?”

„Er fragte mich nach meinem Alter, Herr Lieutenant.”

„Ja, das habe ich Sie auch schon oft fragen wollen — sagen Sie mal, wie alt sind Sie eigentlich?”

„Zwanzig Jahre, Herr Lieutenant.”

Der Lieutenant schweigt und schaut nachdenklich vor sich hin, bläst gewaltige Dampfwolken von sich und stärkt sich durch einen Halben.

Nun hat er wieder Kraft zum Sprechen.

„Donnerwetter, das ist verflucht alt.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit Fähnrich.”

Auch diesem Trunk wird nachgekommen.

Dem Fähnrich fängt es an unheimlich zu werden, er ist doch schließlich kein Kind mehr, er hat sein Abiturientenexamen gemacht und doch auch schon seine „Lebenserfahrungen”. Glaubt man wirklich, daß er keine andere Frage als die nach seinem Alter zur Zufriedenheit der Vorgesetzten beantworten kann?

Er sieht nach der Uhr — Gott sei Dank, es ist gleich drei Viertel auf Neun, um neun Uhr muß er, da er keinen Urlaub hat, in der Kaserne sein — er kann sich „drücken”.

Er trinkt sein Bier aus und klingelt nach dem Kellner: „Ich möchte zahlen.”

„Nanu, wo wollen Sie denn schon hin?”

„Nach Haus, Herr Lieutenant, ich habe keinen Urlaub.”

„Unsinn, so was giebt's nicht für einen Fähnrich, wenn Sie hier mit uns zusammen sind, ist das ebenso gut Dienst für Sie wie jeder andere — einer von uns bringt Sie nachher nach Haus — bleiben Sie nur ruhig hier.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant, Kellner, noch ein Glas Bier.”

Oben am Tisch scheint es aufgefallen zu sein, daß der Fähnrich so wenig spricht, von oben herab kommt ein Wink, ihn mehr ins Gespräch zu ziehen, damit man seine Ansichten und Anschauungen kennen lerne.

„Wann kommen Sie auf Kriegsschule, Fähnrich?”

„Am ersten Oktober, Herr Lieutenant.”

„Wissen Sie schon, wohin Sie kommen?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant. Wahrscheinlich nach Hannover.”

„Donnerwetter, haben Sie einen Dusel.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit.”

Wieder Austrinken des Bieres und erneute, feierliche Stille.

Endlich ermannt sich wieder ein Lieutenant.

„Wann werden Sie denn nun Offizier werden?”

„In anderthalb Jahren, Herr Lieutenant.”

„Donnerwetter, das sind ja noch anderthalb Jahre hin.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Wie alt sind Sie jetzt?”

„Zwanzig Jahr, Herr Lieutenant.”

„Donnerwetter, das ist verflucht alt; da werden Sie ja einundzwanzig und ein halb, ehe Sie Lieutenant werden.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

Wie alt sind Sie, Fähnrich?” fragt da ein Dritter, der nur mit halbem Ohr hingehört hat .

„Zwanzig Jahr, Herr Lieutenant, das ist verflucht alt.”

Dem Fähnrich ist zu Mut, als wenn sämmtliche Ameisen der Welt auf seinem Körper herumliefen, ihm kribbelt's und krabbelt's in allen Fingerspitzen und in allen Fußzehen — bei dem Gedanken, daß auch dieser Lieutenant zu ihm sagt: „Donnerwetter, das ist verflucht alt,” fühlt er eine Ohnmacht herannahen und so nimmt er denn dem Lieutenant die Antwort vorweg und denkt: was wird der Herr Lieutenant nun wohl sagen.

Der Soldat ist nach den Erklärungen zu den Kriegsartikeln seinen Vorgesetzten nicht nur Gehorsam, sondern auch Achtung und Ehrerbietung schuldig, die sich nicht nur in Worten, sondern auch in Gedanken zeigen soll.

Und so denkt der Lieutenant nicht: was wird der Lieutenant, sondern was wird der „Herr” Lieutenant nun sagen?

Der aber sagt gar nichts.

Er denkt sich nur sein Teil.

Und wenn man ihn nach diesem Teil seiner Gedanken fragte, so würde er antworten: „Der Fähnrich ist ,vorlaut'.”

Er hat zu schweigen, wenn er nicht gefragt wird, wird er aber gefragt, so hat er nur auf das zu antworten, worüber er befragt ist.

Der Fähnrich macht bei näherer Bekanntschaft doch keinen guten Eindruck, ed scheint ihm zu gut zu gehen, dem müssen die Zügel etwas strammer angezogen werden, er ist zu selbständig, der muß noch gehörig herangenommen werden, der muß noch viel lernen, ehe er Offizier wird.

Das sind so die Aeußerungen, die laut werden, als der Fähnrich sich endlich hat „drücken” können — allen Geist, den er besaß, hat er bei der interessanten Unterhaltung von sich gegeben, sein Schädel ist leer, dafür tanzen in seinem Magen zwanzig Glas Bier, die man ihm zum Zeichen des Wohlwollens vorgekommen ist.

Betrunken ist der Fähnrich nicht eine Spur — so was giebt's auch nicht — solch junger Mensch muß immer trinken können — aber ihm wäre doch lieber, er hätte im Bett liegen und ein gutes Buch lesen können.

Am nächsten Morgen beim Exerzieren ruft der Herr Premier sich den Fähnrich heran:

„Hören Sie mal, Pännrich, mir sind heute Morgen viele Klagen über Ihr gestriges Benehmen in der Kneipe zu Ohren gekommen, ich kann Ihnen nur sagen, das muß ganz anders werden. Ich selbst saß leider zu weit von Ihnen entfernt, um Sie den ganzen Abend hindurch beachten zu können, aber was ich von Ihnen sah, hat mir sehr, sehr wenig imponiert. Es ist hauptsächlich darüber Klage geführt, daß Sie zu viel sprechen, sich Ansichten zu äußern erlauben, ohne danach gefragt zu sein. Das ist höchst übel bemerkt worden. Sie sind noch viel zu jung, Fähnrich, um schon selbst irgendwelche selbständige Meinung zu haben, noch viel zu jung, das merken Sie sich, Fähnrich.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Die Herren Offiziere,” ruft in diesem Augenblick der Hauptmann.

„Na, es ist gut, Fähnrich, ich habe augenblicklich keine Zeit mehr für Sie, wir sprechen ein anderes Mal weiter über Ihr Benehmen.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, es ist gut, treten Sie ein.”

Als er Mittags ins Kasino kommt, ruhen alle Augen auf ihm, als wenn er der größte Sünder der Welt wäre. Niemand spricht mit ihm, doch die Ordonnanz sagt zu ihm: „Befehlen der Herr Fähnrich noch einen Teller Suppe?”

Er möchte für sein Leben gern noch einmal nehmen, aber er fürchtet, daß man ihm den Vorwurf machen könne, bei Tisch unbescheiden zu sein und so dankt er.

Auch in dienstlicher Beziehung hat ein Fähnrich es nicht leicht — der Dienst wird ihm um so schwerer, da er gewöhnlich jünger ist als die Mannschaften der Kompagnie, mit denen er in Reih und Glied steht, immer aber ist er körperlich schwächer.

Und doch muß er in allem der beste sein: im Exerzieren, im Marschieren, im Turnen und Schießen, überhaupt in allen Dienstzweigen, die es giebt.

Ich gedenke der Zeit, da ich noch Fähnrich war, es mag ja sein und ich gebe es gerne zu, daß ich nicht „die Perle aller Pännriche” war — soviel ist aber auch gewiß, daß mein Hauptmann ein Talent besaß, mir jede Freude am Dienst zu rauben, das geradezu bewunderungswürdig war.

Am schönsten war noch die Zeit, in der ein alter Sergeant mich ganz allein ausbildete.

Zehn Minuten bevor mein Exerziermeister kam, mußte ich mit mir selber ganz allein auf dem Kasernenhof antreten — gewöhnlich sieht der Korporalschaftsführer bei dem Antreten seiner Leute den Anzug nach, da ich aber auf mich allein angewiesen war, mußte ich es selbst besorgen. Natürlich war ich immer mit mir sehr zufrieden.

Sobald mein Instruktor sich sehen ließ, kommandierte ich mir selber: „Stillgestanden, Augen — rechts” und sah den Vorgesetzten scharf an.

„Na, es ist gut, Fähnrich, rühren Sie,” und ich kommandierte im Geiste: „Augen gerade — aus. Rührt euch.”

Sobald ich aber den Fuß zum Rühren fortgesetzt hatte, kommandierte der Sergeant: „Stillgestanden. Das Gewehr — über, Bataillon — marsch.”

Ich warf meinen linken krummen Knochen in die Höh, dann den rechten, dann wieder den linken und so abwechselnd weiter. Der Sergeant, als „Führer einer Abteilung”, marschierte rechts neben mir und sobald ein Vorgesetzter sich sehen ließ, kommandierte er so laut er konnte „Augen — rechts”, und dann warfen wir beide zuerst den linken krummen Knochen in die Höh, dann den rechten, dann wieder den linken und so abwechselnd weiter.

Sobald wir das Weichbild der Stadt passiert hatten, kommandierte er: „Marschordnung — es kann geraucht werden.”

Mein Sergeant war die Perle von einem Menschen, der sehr viel Sinn für Komik besaß und so lachte er denn auch stets selbst bei seinen Worten: es kann geraucht werden. Daß ich ihm stets eine Cigarre anbot, war ja selbstverständlich.

„Ihre Cigarren sind besser als Ihre Griffe, Herr Fähnrich,” sagte er eines Morgens zu mir.

„Wäre dem Herrn Sergeanten das Gegenteil lieber?” fragte ich.

Er blieb mir die Antwort schuldig — keine Antwort ist bekanntlich auch eine Antwort — und so blieben die Cigarren gut, die Griffe schlecht.

Gemütlich uns miteinander unterhaltend, wanderten wir dann nach dem großen Exerzierplatz und da fragte ich ihn einmal:

„Verzeihen der Herr Sergeant eine Frage — warum muß ich auf dem Kasernenhof erst immer wieder ,rühren', bevor das Kommando ,das Gewehr über' erfolgt?”

Meinen Instruktor setzte diese Frage entschieden in Verlegenheit, aber so etwas darf der Vorgesetzte den Untergebenen nicht merken lassen und so antwortete er denn:

„Herr Fähnrich, das würden Sie doch nicht verstehen &mdash, wenn Sie erst länger dienen, wird Ihnen das von selbst klar werden.”

Offen und ehrlich gestanden, ist es mir heutigen Tages noch nicht klar.

Auf dem Exerzierplatz angekommen, machten wir zunächst eine Pause, dann begann der Dienst.

Und wenn dem guten Sergeanten die Sache zu langweilig wurde, sagte er: „Na, Herr Fähnrich, nun könnten Sie mir wohl eine kleine Geschichte erzählen, aber nicht zu lang, denn erst kommt der Dienst und dann das Vergnügen.”

Ich habe seitdem schon manche Geschichte erzählt, mündlich und schriftlich und manche werde ich in den folgenden Blättern noch zum besten geben, aber ich habe nie ein dankbareres Publikum gehabt als meinen Sergeanten.

„Das ist ja reineweg zum Totlachen, Herr Fähnrich,” war seine stehende Redensart.

Er lebt aber heute noch, durch einen sonderbaren Zufall ganz in der Nähe meines Hauses und ich freue mich, so oft ich ihn sehe, denn ihm verdanke ich es hauptsächlich, daß ich mit Freuden an meine Fähnrichszeit zurückdenke.

Die idealste Zeit ist für jeden Fähnrich die Kriegsschulzeit — er wünscht sich nichts sehnlicher als „hinzukommen”, ist er aber, wie der Ausdruck lautet „erst drauf”, dann geht es ihm wie dem Eckensteher Nante, der sich in einer Anwandlung von Melancholie mit einem Seil an der Mondsichel aufhing: „dann will er wieder runter und dann kann er nicht.”

Auf Kriegsschule muß der „Pännrich” mächtig viel lernen: Taktik, Waffenlehre, Befestigungslehre, Terrainlehre, Heeresorganisation, Planzeichnen und tausend andere Dinge.

Von all diesen schönen Sachen habe ich das meiste wieder vergessen, nur zweierlei, was eigentlich nicht zum Pensum gehörte, habe ich behalten: wie man Schulden macht und wie ägyptische Augenkrankheiten erzielt werden.

Letzteres Fach war unsere Specialität und schon sollte die Kreigsschule geschlossen werden, als man hinter unsere Streiche kam.

Wahres Interesse zeigt der Kriegsschüler nur für eine Sache: das Abendessen.

Das Mittagesse in der Anstalt ist, obgleich ausgezeichnet, nach Ansicht der Beteiligten „ungenießbar”.

Sobald der Nachmittagsdienst beendet, wird „Extra” angezogen und der Weg zur Stadt angetreten.

Und unterwegs schon wird die Frage erörtert: wo essen wir und was essen wir?

Geld hat man natürlich nicht, aber man hat ja Kredit und so wird denn solange lustig darauf losgelebt, bis eines Tages der Herr Direktor sich ein Schuldenverzeichnis seiner Zöglinge einfordert.

Ach, und dann sind die Fähnriche auf einmal so klein, so furchtbar klein und drei Mittage trinken sie bei Tisch nur Wasser und sie wundern sich, daß sich trotzdem keine Millionen in ihren Taschen anhäufen.

Auch die Kriegsschulzeit geht, wie alles im Leben, zu Ende, und eines schönen Tages reisen sie zu ihren Truppenteilen zurück.

Der Fähnrich meldet sich bei seinen Vorgesetzten und erscheint dann eines Mittags wieder im Kasino. Er denkt, man wird ihn mit Jubel empfangen. —

Da tritt ein älterer Premier auf ihn zu und sagt höhnisch: „Lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen? Sie sind ja wohl die letzten acht Tage nicht zu Tisch gewesen, was?”

„Verzeihen der Herr Lieutenant —”

„Ach was, hier giebt's nichts zu verzeihen. Machen Sie keine Dummheiten, dann brauchen Sie nicht hinterher um Verzeihung zu betteln. Merken Sie sich das.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Endlich von Kriegsschule zurück?” fragt da ein zweiter, dem Fähnrich die Rechte entgegenstreckend.

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Was? Sie waren auf Kriegsschule,” meint der ältere Premier, „davon wußte ich ja gar nichts — ich hoffe, Sie nehmen mir meine Worte nicht übel,” und er zieht sich zurück.

Von einigen Kameraden wird der Fähnrich in die Mitte genommen und man ladet ihn ein.

„Na, nun erzählen Sie mal, wie war es denn? Gut amüsiert?”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit — ach was, machen Sie keinen Unsinn, bleiben Sie gefälligst sitzen.”

„Wo waren Sie doch auf Kriegsschule?”

„In Hannover, Herr Lieutenant.”

„Donnerwetter, haben Sie einen Dusel gehabt.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit.”

So geht's den ganzen Nachmittag — der Fähnrich ist ob vor oder ob nach Besuch der Kriegsschule eben nur der „Pännrich”, er ist noch nicht Offizier, er soll es erst noch werden und mancher hat noch am letzten Tage vor der Wahl, die nach Eingang der Kriegschul­zeugnisse stattfindet, Schiffbruch erlitten. Also vorsichtig in der Wahl des Gesprächsstoffes, denken die Herren, die sich mit ihm „unterhalten”.

„Sagen Sie mal, wie alt sind Sie eigentlich, Fähnrich?”

„Jetzt einundzwanzig Jahr, Herr Lieutenant.”

„Donnerwetter, das ist aber verflucht alt.”

>„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit.”

Wo waren Sie auf Kriegsschule?” fragt da ein dritter.

„In Hannover, Herr Lieutenant.”

„Donnerwetter, haben Sie aber einen Dusel gehabt.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Wie war's denn?”

„Sehr schön, Herr Lieutenant.”

„Na, denn Prosit.”

Am nächsten Morgen hat der Fähnrich einen Mordsjammer.

Acht Wochen vergehen etwa noch, bis der Fähnrich Aussicht bekommt, bald nicht mehr „Pännrich” zu sein. Ihm hängt die Sache zum Hals heraus — er ist weder Fisch noch Vogel, nichts Halbes und nichts Ganzes.

„Ach, wär' ich doch erst Lieutenant,” wünscht er sich morgens, mittags und abends.

„Ach, wär' ich doch erst Lieutenant — dann, ja dann macht es erst Spaß, Soldat zu sein.”

Und die Zeit vergeht und eines schönen Morgens kommt der Putzer atemlos zu dem Fähnrich ins Zimmer gestürzt:

„Herr Fähnrich — Herr Fähnrich — ich gratulier auch vielmals, der Herr Adjutant hat es mir gesagt, ich soll es dem Herr Fähnrich nur bestellen, es wäre ganz und wahrhaftig wahr und der Herr Fähnrich könnten es mir glauben —”

„Zum Donnerwetter, was denn?”

„Ach, Herr Fähnrich, es ist ja so schön, daß ich es gar nicht ausdenken kann: Wir sind Lieutenant geworden.”

Mit einem Freudenschrei fliegt der Lieutenant aus dem Bett — er hat erreicht, was er erstrebt — nun kann die Welt ihm nichts Schöneres mehr bieten.

Alles was es an Herrlichkeit giebt, vereinigt sich für den Fähnrich in dem einen Worte:

Lieutenant.


Fußnoten:

(1) Schlicht/Baudissin ist am 14.12.1897 à la suite seines Regiments gestellt worden. Der Band „Armeetypen” ist am 14.11.1898 erschienen. Schlicht erfreut sich also zum ersten Mal nach seiner aktiven Militärzeit an einem Mai. Vergleiche auch die Fußnote (2) in der Erzählung „Der Diensthuber”. (zurück)

(2) „All Heil” war der Name einer Fachzeitschrift für die Interessen des Radfahrsports, des amtlichen Organs des Gaues 1 des Deutschen Radfahrerbundes. Schlicht/Baudissin bezeichnet sich einmal auch selbst als „All-Heil-Bruder”. (zurück)

(3) Schlicht/Baudissin war selbst auch zwanzig Jahre alt, als er Fähnrich wurde. (zurück)


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