Der Diensthuber.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Armeetypen”


Sokrates war es bekanntlich, der eines schönen Nachmittags, als er sich in etwas pessimistischer Stimmung befand, und daran dachte, daß er doch auch einen Beitrag für Büchmanns „Geflügelte Worte” liefern müßte, den bekannten Ausspruch that: „Niemand ist vor seinem Ende glücklich zu preisen.”

Wäre Sokrates in seinem Beruf kein Weiser, sondern ein Offizier gewesen, so hätte er sicherlich gesagt: „Kein Offizier ist vor seinem Ende glücklich zu preisen.”

Offizier sein wäre ganz schön, nein, sogar sehr schön, wenn es weniger Dienst und dafür desto mehr Geld gäbe. Dem letzteren Uebelstand, der geringen Bezahlung, ist ja nun durch die Gehaltserhöhung etwas abgeholfen worden, wenngleich der preußische Offizier sich auch noch heute keine Güter kaufen kann, auf die er sich zurückzieht, wenn er in die Wurst gethan ist. Das Gehalt hat sich verbessert, aber der Dienst ist nicht weniger geworden, im Gegenteil, der nimmt zu von Jahr zu Jahr, fast hätte ich gesagt, von Tag zu Tag, denn wenn der Lieutenant Mittags das Parolebuch liest, schwört er Stein und Bein, meinetwegen auch Tisch und Brett, daß er noch nie soviel Dienst gehabt hätte als „morgen”.

Womit ich meine Behauptung bewiesen habe.

Dienst sein muß nun einmal, daran läßt sich nichts ändern, der Dienst ist ein notwendiges Uebel, das man hinnimmt, wenn auch nur fluchend und schimpfend, denn fluchen gehört zum Militär wie die warmen Semmeln zum Bäcker. Für jeden Soldaten, ganz einerlei ob Musketier ob Grenadier, ob Korporal ob General, für jeden ist der Dienst eine unangenehme Unterbrechung der freien Zeit.

Wie sagt doch Schiller so schön und so wahr:

„Vor dem Hauptmann, der den Dienst ansetzt,
Vor anderen Menschen erzittere nicht.”

Für jeden Soldaten ist der Dienst das scheußlichste, was es giebt. Ausnahmemenschen giebt es wie überall so auch hier, und daß es Ausnahmen sind, beweist schon der Umstand, daß man ihnen einen besonderen Namen gegeben hat, man nennt sie: die Diensthuber.

Seit acht Tagen regnet es in Strömen, ganz Europa ist unter Wasser gesetzt und alles was Beine hat, hat den Schnupfen und ist „verschnupft”.

Nur die Soldaten freuen sich, die beten jeden Abend, daß es morgen ordentlich regnen möge, noch stärker als heute, denn wenn es morgen wieder ordentlich regnet, dann fällt auch morgen wieder die Felddienst­übung aus, die nun schon seit langer Zeit als unheildrohender Komet am militärischen Horizont leuchtet.

Je länger man ein bevorstehendes Unglück hinausschieben kann, desto besser ist es, es kommt immer noch früh genug, um nicht zu sagen, zu früh.

Im ganzen Bataillon ist nur einer, der anderer Ansicht ist.

So oft der Herr Major seine Nasenspitze zum Fenster herausstreckt, um sich davon zu überzeugen, ob die Sonne immer noch mit nassen Tüchern bespannt ist, werden seine Wangen feucht — nicht vom edlen Regenwasser, sondern von seinen Thränen.

Der Herr Major weint.

Und wahrlich, er hat alle Ursache dazu.

Neun Tage sind es nun her, da machte er eines Morgens, nur von seinem Burschen begleitet, einen Spazierritt. Er dachte sich gar nichts dabei, weder Böses noch Gutes, er wollte nur seine Stute etwas bewegen und weil der Gaul so lange gestanden hatte, und weil das Wetter so schön war und weil er Junggeselle war, und also nicht wie der selige Odysseus zu fürchten brauchte, bei seiner Heimkehr das Haus voller Freier zu finden, die ihm seinen Kasinowein, die Flasche zu einem ganzen Meter, austranken — aus diesen und vielen anderen Gründen, die ich anzuführen unterlasse, weil sonst diese Satzkonstruktion wie so vieles andere auf Erden falsch werden würde, ritt der Herr Major immer weiter.

Lassen wir ihn reiten und sehen wir uns nach zwei Stunden einmal wieder nach ihm um. —

Die zwei Stunden sind verflossen.

Und was macht der Herr Major?

Er reitet immer noch weiter.

Endlich macht er Halt und sieht sich verwundert in dem ihm ganz fremden und unbekannten Gelände um.

Soweit das Auge reicht — und das Auge eines Vorgesetzten reicht selbst dann, wenn es kurzsichtig ist, sehr weit — nichts wie Haide — hin und wieder ein kleines Gebüsch — sonst nur Haide. Plötzlich schreit der Reiter laut Hurra: er hat eine Sandgrube entdeckt und was ist denn das — ja, richtig, er täuscht sich nicht, da ist eine „Terrainfalte” — nicht zu verwechseln mit einer Plisséefalte — nein, es ist hier ja zu schön und hingerissen von der Schönheit des Eilandes, das sich vor seinen Blicken ausbreitet, erhebt er die Arme gen Himmel und spricht ein Dankgebet.

Zum Unglück reißt er bei dieser Armbewegung zu stark mit den Kandarenzügeln, der Gaul bockt und wenig später gleitet der Herr Major langsam aber sicher rückwärts vom Pferd herunter und sitzt gleich darauf still und froh im Haidekraut.

„Na, das wird wieder ein schweres Stück Arbeit kosten,” stöhnt der Bursche und wischt sich in Erwartung der Dinge die da kommen, den Angstschweiß von der Stirn. Er muß, so oft der Herr Major sein Roß besteigen will, „Hülfsstellung” geben — erst muß er ihm behülflich sein, den linken Fuß in den linken Steigbügel zu bekommen und ist dieses Kunststück geglückt, dann kommt der Tragödie zweiter, aber nicht letzter Teil: „Das Hinaufbringen in den Sattel.” Der Herr Major zieht am Sattel, daß der Gaul nur noch auf dem linken Vorder- und dem linken Hinterfuß steht — die rechten Beine schweben in der Luft — die „Anziehungskraft” des Herrn Major ist größer als das eigene Beharrungsvermögen.

Der Herr Major zieht, der Bursche schiebt von hinten nach, aber unter hundert Fällen endet die Sache neunundneunzigmal damit, daß der Gaul das europäische Gleichgewicht verliert und nach links umfällt.

Dann liegen Reiter, Herr und Diener im buten Durcheinander auf der Erde.

Dann kommt der Tragödie letzter Teil: eine schallende Ohrfeige für den Burschen, weil er nicht besser aufgepaßt hat.

Langsam erheben sich dann die drei Gestalten wieder und das Experiment wird wiederholt, bis es endlich glückt. —

Hieran denkt der Bursche, als er seinen Herrn und Gebieter im Gras sitzen sieht.

Schnell springt er aus dem Sattel, um seinen Brotherrn wieder auf die Beine zu bringen, aber der winkt ab: noch nicht, er hat noch keine Zeit.

Er denkt.

Und was denkt er?

Ich „errate” zwar seine Gedanken auch ohne mit Mr. Cumberland(1) irgendwie verwandt oder verschwägert zu sein, aber ich „verrate” sie nicht, denn was er sinnt ist Schrecken, und was er denkt ist Blut, und warum soll ich mir den heutigen schönen Junitag(2), an dem ich dies schreibe, dadurch verderben, daß ich gräßliche Schlachtenbilder enthülle, die meine Nerven so angreifen, daß ich hinterher ins Bad muß? Das wäre doch Wahnsinn.

Nach einer Stunde etwa ist der Herr Major mit seinen Gedanken „im Unreinen” fertig.

Er erhebt sich und wendet sich zu seiner treuen Stute; die aber sieht ihn an, als wenn sie sagen wollte: „Geht es denn wirklich nicht anders, kannst du mich denn nicht einmal besteigen, ohne mich vorher umzuwerfen?”

Die Kletterei beginnt — nach wenigen Minuten schon zappelt der Gaul mit dem rechten Vorderfuß in der Luft herum — es fehlt nur noch, daß der Gaul sich auch die Brust wäscht, dann sähe er genau so aus wie ein Badender, der, ehe er sich ins Wasser wirft, vorsichtig mit dem einen Fuß im Wasser „plätschert”, ob es auch nicht zu kalt ist.

Da knallt ein Schuß — nein, doch nicht, es war nur die Ohrfeige, denn alle drei liegen im Gras.

Da liegen sie gut, aber nicht lange, denn sie rappeln sich gleich wieder auf und das Manöver beginnt von neuem und dieses Mal glückt es.

Im scharfen Tempo reitet der Herr Major der Stadt entgegen: Freude verklärt sein Antlitz, lange wird er noch an diesen schönen Spazierritt denken.

Bei der Kaserne angekommen, klettert er schnell „von's Gerüste” und stürmt dann die Treppen zu seinem Bureau herauf.

„Wo ist der Adjutant?”

„Der Herr Lieutenant ist ins Kasino gegangen, um zu frühstücken.”

„Gehen Sie hinunter und sagen Sie dem Herrn Lieutenant, ich ließe ihn bitten, sich etwas zu beeilen, ich muß ihn sprechen.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

Der Schreiber verschwindet, um bald darauf mit dem Adjutanten zusammen wieder zu erscheinen.

„Ach, da sind Sie ja schon,” redet der Major seinen Gehülfen an, „ich habe wohl auf mich warten lassen, es thut mir leid, es ließ sich aber nicht ändern. Ob die Herren Hauptleute noch in der Kaserne sind?”

Der Adjutant zieht die Uhr: „Herr Major, es ist jetzt in zehn Minuten Zwei.”

„Was heißt das?”

„Daß die Herren Hauptleute schon seit mindestens einer Stunde fort sind.”

„Dann schicken Sie sofort eine Ordonnanz weg — schreiben Sie ein Quartblatt und schicken Sie das bei den vier Hauptleuten herum: ich wünsche sie sofort im beliebigen Anzug im Offizierskasino zu sprechen.”

„Aber die Herren werden jetzt bei Tisch sitzen?” wendet der Adjutant schüchtern ein.

„Glauben Sie, daß die Herren nur Soldaten sind, um zu essen und zu trinken? Der Dienst geht vor — also bitte veranlassen Sie das Nötige sofort — sind noch Unterschriften?”

Der Adjutant verneint, und der Herr Major geht ins Kasino, um sich von dem Regieren zu erholen.

Nach und nach stellen sich die vier Wenzel, die Hauptleute eines Bataillons, ein und kaum sind sie versammelt, als sich der Herr Major erhebt, um eine Rede zu halten, in der er von seinem Morgenspazierritt erzählt.

„Der Grund aber, weshalb ich Sie, meine Herren, bat, sich hierher zu bemühen, ist ein für uns alle hocherfreulicher.”

Alles spitzt die Ohren, sollte das Los, das das Offizierkorps nun schon seit Gründung des Regiments spielt, endlich einmal mit einem anständigen Gewinn herausgekommen sein? Zeit würde es nachgerade. Oder sollte ihnen vielleicht ein längerer Urlaub bewilligt sein?

„Meine Herren,” sagt jetzt der Herr Major, „ich lese die Spannung in ihren Zügen und ich will sie nicht länger hinhalten, meine Herren, ich habe ein neues Gelände für eune Felddienstübung entdeckt.”

Der Herr Major schweigt und sieht sich frohlockend um: er freut sich thatsächlich und erwartet es, daß seine Hauptleute derselben Ansicht sind.

Die sind aber weit davon entfernt, der eine denkt sogar: „Hättest du doch lieber den Weg nach dem Mond entdeckt.”

„Meine Herren, morgen schon wollen wir das neue Gelände einweihen — ich habe mir an Ort und Stelle eine Gefechtsidee zurechtgelegt, die sicherlich voll und ganz Ihren Beifall finden wird. Ich bin fest davon überzeugt, daß auch Sie große Freude an der Uebung haben, und daß Sie[sic! D.Hrsgb.] für uns alle sehr lehrreich wird. Das Nähere über die morgige Uebung werde ich noch befehlen. Wundern Sie sich nicht, wenn ich den Abmarsch sehr früh ansetze — ich denke mir, daß wir um drei Uhr abrücken werden. Einmal muß ich auf die jetzige Hitze Rücksicht nehmen, dann aber auch auf den sehr weiten Anmarsch, den wir haben, vier Stunden werden wir gebrauchen. Aber das schadet nichts, im Gegenteil, es ist eine famose Gelegenheit, das Marschieren zu erlernen. Ich denke, daß wir morgen Mittag gegen zwei Uhr wieder hier sein werden. Na, dann danke ich Ihnen sehr, meine Herren.”

Kaum sind die Hauptleute draußen angelangt, als ein ganz gewaltiges Geschimpfe angeht: „Deshalb müssen wir von Tisch aufstehen und hierher laufen? So etwas ist ja überhaupt noch nie dagewesen. Glaubt er, daß es auch für uns nichts schöneres auf der Welt giebt, als ein neues Gelände? Da hört doch wirklich die Weltgeschichte und ihre Fortsetzung auf.”

Sie trennen sich, um Weib und Kind, die daheim mit der Suppe auf sie warten, wieder aufzusuchen, und dort das Schelten weiter fortzusetzen: „Und denk dir nur mal, um drei Uhr will er abmarschieren, da muß ich also um zwei Uhr aufstehen, meine Kompagnie schon um eins. Und warum? Nur weil's dem Major Spaß macht, einen praktischen Wert hat die Sache absolut nicht. Wie andere Leute sich auf eine Reise in die Schweiz oder nach Frankreich freuen, so freut er sich auf eine Felddienstübung. Es ist rein zum Totlachen.”

„Laß ihm doch sein Vergnügen,” sucht die Gattin die Stimmung zu bessern.

Aber da kommt sie schön an: „Du hast gut reden. Du brauchst morgen früh nicht aufzustehen. Entweder merkst du es gar nicht, wenn ich aus den Federn krieche oder du sagst höchstens: „Ach du Armer, wie du mir leid thust,” und schläfst nach einer Sekunde weiter, um gegen zehn Uhr endlich aufzustehen.”

„Bitte sehr,” protestiert sie energisch, „später als drei Viertel auf neun Uhr stehe ich nie auf.”

„Der Schlaf vor und nach Mitternacht ist ja auch der gesündeste, meinetwegen schlaf bis zum jüngsten Tag.”

Sie giebt es auf, ihn zu erheitern — sie kennt ihren Herrn und Gebieter, sie weiß: wenn ihr Mann sich in dieser Stimmung befindet, giebt es nur ein Mittel: ihn ruhig weiter schimpfen lassen.

Und das besorgt er denn auch endlich! Dem Diensthuber, dem Major, wünscht er alles nur mögliche Schlechte, da er aber zu den Ueberzeugung kommt, daß die kräftige Körperkonstitution des Herrn Major derartigen frommen Wünschen wenigstens noch zwanzig Jahre gewachsen ist, besinnt er sich anders und wünscht, daß das Gelände, in dem die Felddienst­übung stattfinden soll, über Nacht abbrennen möge.

Und fast scheint es, als ob sein Wunsch in Erfüllung gehen sollte, finster ziehen sich die Wolken am Himmel zusammen, erst in weiter Ferne, dann immer näher und näher rollt der Donner, die Blitze zucken zur Erde: es ist „das schönste Gewitter von der Welt.”

„Ach, wenn es doch nur in der Haide einschlagen und das ganze Ding in Flammen aufgehen möchte.”

Der Hauptmann steht am Fenster und spricht diesen Wunsch wohl zehntausendmal nach der Reihe.

Einmal wenigstens muß er ihm doch erfüllt werden.

Da öffnen sich die Schleusen des Himmels und unermeßlicher Regen strömt herab.

Vergnüglich schmunzelnd reibt der Hauptmann sich die Hände: „Gut, sehr gut, so man immer weiter, dann gleicht die Haide morgen einem unpassierbaren Torfmoor, dann fällt die Uebung aus — so man immer weiter, so man immer weiter.”

Je mehr es regnet, desto lustiger wird der Hauptmann. Als es auch Abends um neun Uhr noch in Strömen gießt, holt er eine Flasche Sekt aus dem Keller und leert sie auf das Wohl des Jupiter Pluvius. Eine halbe Stunde später kommt der Bataillonsbefehl: die zu morgen angesetzte uebung fiele aus.

Da folgt der ersten Sektflasche noch eine zweite.

Die Tage vergehen, erwartungsvoll sieht während dieser Zeit alles zum Fenster heraus: die einen in der Hoffnung, daß es noch regnen möge, die anderen, allein vertreten durch den Herrn Major, daß es nicht mehr regnen möge.

Der Herr Major ist ganz unglücklich, er hatte sich so auf die Uebung gefreut.

Er hat sich alle Barometer, die es in dem Städtchen giebt, gekauft, in der Hoffnung, daß wenigstens ein einziger auf gut Wetter zeigen möge. Aber das Geld hätte er sich sparen können.

Nach Wochen scheint endlich einmal wieder die Sonne und damit zieht wieder „eitel Sonnenschein” in das Herz des Diensthubers.

Morgen soll die Uebung nun stattfinden, morgen nun ganz bestimmt, aber als er am Abend zu Bett geht, denkt er: „Wenn es nun morgen früh regnet, ist es wieder nichts, am besten wäre es, man benutzte den heutigen, schönen, trockenen Abend.”

So schlüpft er denn wieder aus dem Nachtgewand heraus, zieht sich die Uniform an, weckt seinen Burschen, läßt sich sein Pferd satteln, steigt mit Hülfe einer Trittleiter auf das Streitroß herauf und reitet dann zur Kaserne.

Vor der Wache geht der Posten, die treue Flinte im Arm, auf und ab, „er döst”, er schläft im Gehen und im Schlaf sind seine Gedanken bei ihr, der Sonne seines Daseins, die ihn mit Butter versorgt, mit Butter und mit Speck und mit all den anderen schönen Dingen, die eine jede Hausfrau in ihrer Speisekammer aufbewahrt, und die so oft von dort auf rätselhafte Weise verschwinden.

Plötzlich fährt der Posten aus seinen süßen Träumen in die Höh — er hört Hufgeklapper — er denkt, Beelzebub reitet spazieren, aber nein, es ist nur der Herr Major.

Der Posten bekommt bei diesem unerwarteten Anblick einen derartigen Schrecken, daß er kein Wort herausbekommt und nicht einmal, wie das Gesetz es befiehlt „heraus” ruft. Dafür bekommt er sofort „drei Tage mittleren Arrestes”, die ihm nach der Meinung seines Vorgesetzten sehr „bekömmlich” sein werden. Nun hat er wenigstens genug „bekommen”.

„Wollen Sie nun endlich herausrufen?”

Der Posten legt die Hand an den Mund und schreit „Her—auauauaus.”

Von Rechtswegen müßten jetzt alle Leute der Wache „wie verfault” herausstürzen, der Major erwartet auch nichts anderes, er faßt seine Stute kurz, damit sie keinen Seitensprung macht, und ihn nicht von der Höhe der Situation herabschleudert.

Aber die Vorsicht war unnötig, kein Mensch erscheint, nur ein Fenster wird geöffnet und eine verschlafene Stimme fragt: „Wat is denn los? Du büst wull verrückt geworden?” (Was ist denn los? Du bist wohl verrückt geworden.) Lat uns doch slapen und slap du ock man, es kümmt ja doch keen Minsch mihr, de Ronde wär ja all hier. (Laß uns doch schlafen und schlaf du auch man, es kommt ja kein Mensch mehr, der Ronde-Offizier war ja schon hier.)

„Das scheint hier ja eine fidele Wache zu sein,” donnert der Herr Major, „Kerl, wie heißt er?”

Der hat aber schnell das Fenster wieder geschlossen, als er die Stimme des „Matjor”, wie die Leute das Wort „Major” aussprechen, erkannte, sich schleunigst wieder auf die Pritsche geworfen und von neuem zu schnarchen angefangen.

Nun laß den Major ruhig hereinkommen, „der Thäter ist nicht zu ermitteln.”

Das ist ja schon das Ende und das Ergebnis so vieler Untersuchungen gewesen, warum nicht auch dieser? Er wird sich doch nicht freiwillig melden? Da wäre er ja schön dumm.

Das Verhör hat inzwischen schon begonnen.

„Wie hieß der Mann?” fragt der Herr Major.

„Ich habe ihn nicht erkannt, Herr Major.”

„Aber seine Stimme haben Sie erkannt?”

„Ja, Herr Major.”

„Na, wer war's denn? Heraus mit der Sprache?”

„Ja, Herr Major, von unserer Kompagnie glaube ich war das einer, aber wer das war, das kann ich wahrhaftig nicht sagen, aber gewesen ist es einer.”

„Kerrrrrrl, wollen Sie mich uzen?” brüllt der Kommandeur, „na, wartet, ich werde euch schon kriegen. Wollen Sie nun vielleicht endlich „Heraus” rufen.”

Wieder brüllt der Posten mit der ganzen Kraft seiner Lungen: „Heraus” und dieses Mal hat er mehr Glück.

Die Wache tritt ins Gewehr.

„Wo ist der Spielmann?”

Der Gerufene tritt vor: „Hier, Herr Major.”

„Tambour schlagen Sie Alarm.”

„Um Gottes willen,” denkt der, „jetzt mitten in der Nacht Alarm, gerade jetzt, wo die Leute alle so schön schlafen thun? Das ist beinahe grausig.”

„Kann's nicht warten bis morgen früh?” will er fragen, aber er besinnt sich.

Er ergreift die Trommel und bearbeitet mit seinen Stöcken das Fell eines Kalbes, das sich, als es noch auf der Weide ging, sicherlich auch nicht träumen ließ, daß es, wenn auch nur in „gegerbtem Zustande” noch jemals so verdroschen werden würde.

Denn der Spielmann schlägt auf das Fell, als wenn er das Kalb ins Leben zurückrufen wollte.

Nach und nach wird es in der Kaserne lebendig. Fenster werden geöffnet, man ruft herunter: „Was ist los?”

„Alarm,” tönt es zurück.

Man sieht, wie die Lampen angezündet werden, wie die Leute aus den Betten springen, denn Gardinen oder Rouleaux sind beim Kommiß unbekannte Größen. Auf den Korridoren laufen die Spielleute der Kompagnieen, Alarm schlagend und blasend auf und ab, und gleich darauf eilen die hierzu bestimmten Leute in die Stadt, um die Offiziere zu benachrichtigen.

In einer Viertelstunde steht das Bataillon auf dem Kasernenhof zum Abmarsch bereit.

Aber noch kann es nicht losgehen, erst müssen die Offiziere, die berittenen und unberittenen da sein, na, und die lassen sich Zeit, die stehen nicht gleich auf, wenn Alarm geschlagen wird, die schlafen rasch noch einmal herum, während der Bursche den Spiritus in der Kaffeemaschine entzündet, und dann wird erst in Ruhe, wenigstens in halber Ruhe Kaffee getrunken.

So peu à peu kommen die Herren Offiziere auch auf dem Kasernenhof zusammen und es ist nur gut, daß der Herr Major nicht jeden Ankömmling mit X-Strahlen photographiert: viel mehr als Unwillen über den gestörten Schlummer würde er in den Einzelnen nicht finden.

Der Herr Major ist aber felsenfest davon überzeugt, daß die Sache allen denselben Spaß macht, wie ihm persönlich.

Wenn man selbst schon aufgestanden ist, kann man sich gar nicht vorstellen, daß andere Leute noch im Bett liegen und schlafen. So läßt der Herr Major denn bei dem Marsch durch die Stadt ruhig die Spielleute schlagen — die Menschen sind ja schon auf und wenn ein Langschläfer — es ist zwei Uhr nachts — doch noch im Bett liegen sollte, so wird er über die Musik nicht in Raserei geraten und den Major mitsamt seinem Bataillon nicht verwünschen, sondern er wird sich, die Augen reibend, glücklich sagen: „Bei solcher Musik schläft es sich einmal schön.”

In einer mehrere hundert Meter langen Kolonne zieht das Bataillon der Haide entgegen.

„Der Feind” ist schon gleich, als Alarm geschlagen wurde, abmarschiert. Er besteht aus dem Adjutanten und sechs roten Flaggen, die von ebenso vielen Leuten getragen werden.

Gegen diese sechs Mann und gegen diese sechs Flaggen ist das ganze Batailon mobil gemacht. Ein jedes Infanteriegefecht endet damit, daß man schließlich mit „Hurra” auf den Feind losstürmt. Bleibt der Feind stehen, ist der Angriff abgeschlagen, man geht zurück, um nach einiger Zeit den Angriff zu erneuern. Das ist natürlich sehr anstrengend, besonders wenn man über frisch gepflügte Aecker laufen muß. Um ein Zurückgehen zu vermeiden, haben unsere Leute ein sehr einfaches Mittel, das zwar nicht immer, aber doch zuweilen hilft.

Bei den Friedensübungen wird dem „markierten Feind” oder dem Führer desselben natürlich gesagt, daß er entweder stehen bleiben oder zurückgehen soll.

Bleibt er, dem Befehl gemäß, stehen, so werfen die angreifenden Leute die Flaggen einfach um und schlagen und stoßen den bei den Flaggen stehenden „Feind” halb im Ernst, halb im Scherz so lange, bis dieser fortläuft. Dann haben sie die Schlacht gewonnen.

Natürlich darf das niemand sehen, denn sonst ist der Teufel los.

Es sieht auch niemand, dafür sorgen die Leute schon ganz allein, und der Herr Major kann es nachher bei dem besten Willen nicht begreifen, daß der Feind trotz des ausdrücklichen Befehls wieder nicht stehen geblieben ist.

So ist es ganz richtig, was während des Marsches ein Lieutenant zu einem Kameraden sagt: „Die Sache endet ja doch wieder damit, daß die Flaggen umgeworfen werden, das hätten wir viel einfacher haben können.”

„Wie denn?” fragt der Jüngere erstaunt.

„Das ist doch ganz einfach,” lautet die Antwort, „die Flaggen wären einfach auf dem Kasernenhof aufgestellt worden, und dann hätte man zu einem Mann gesagt: „Sie — werfen Sie mal die Dinger da um.” Na, dann hätten die Dinger gelegen und damit wäre die Sache gut gewesen.”

Ein wahres Glück ist es nur, daß der Herr Major diese Worte nicht hört, er würde über die darin zu Tage tretende Dienstauffassung sprachlos werden. Er selbst würde hierüber sehr traurig sein, seine vier Hauptleute aber sehr froh, denn gleich als man zur Stadt heraus war und „ohne Tritt” kommandiert wurde, hat er seine Kompagniechefs zu sich befohlen und hält ihnen nun eine endlose Rede über die Bummelei, die er bei dem Alarm auf der Wache vorgefunden hat im Allgemeinen und über den Angriff auf den markierten Feind im Besonderen.

Die Hauptleute hören sehr andächtig zu oder sie thun wenigstens so — was bleibt ihnen schließlich auch anders übrig?

Mehr und mehr nähert man sich der Haide und nun kommt auch schon ein vorgeschickter Radfahrer mit der Meldung zurück, daß die Sandgrube anscheinend von sechs Kompagnieen besetzt sei.

(Jede rote Flagge bedeutet eine Kompagnie.)

Bald darauf beginnt das Gefecht und der Herr Major ist glücklich, daß es anders verläuft, als er sich gedacht hatte.

Als der Feind geworfen (das „wie” habe ich oben zu erklären versucht) beruft er seine Offiziere zur Kritik.

„Gott sei Dank,” denken diese, „nun ist es vorbei.”

Aber sie irren sich.

Als die Kritik beendet, äußert der Herr Major den Wunsch, das Gefecht noch einmal zu machen, und zwar wünscht er den Verlauf der „Schlacht” so, wie er ihn soeben auseinandergesetzt.

Gegen die Wünsche der Vorgesetzten ist man ebenso machtlos wie gegen das Nichterscheinen des Gledbriefträgers.

Aber mals entbrennt der Streit, abermals wird der Feind geworfen (und jetzt sogar sehr energisch), abermals wird zur Kritik geblasen und abermals denkt jeder: „Gott sei Dank, nun ist's vorbei.”

Aber sie irren sich.

Dieses Gefechtsbild ist nun nach Wunsch verlaufen, aber man kann jedes Thema variieren.

Wer das nicht geglaubt hat, dem wird es vom Herrn Major zur Evidenz bewiesen.

Stunde auf Stunde verrinnt — da wagt der älteste Kapitän es endlich, seinen Vorgesetzten darauf aufmerksam zu machen, daß die Uhr „schon zehn” sei.

„Was?” ruft der Major verwundert, „später ist es noch nicht, das ist ja ausgezeichnet.”

Schüchtern weist der Hauptmann darauf hin, daß die Leute und die Offiziere allmählich Hunger bekämen.

„Ja, warum haben Sie denn Hunger? Der Soldat muß es doch vierundzwanzig Stunden aushalten können, ohne beständig zu essen und zu trinken. Aber so unrecht haben Sie vielleicht doch nicht, ich werde mich nach Möglichkeit beeilen, das Pensum, das ich mir vorgenommen habe, zu erledigen. Spätestens in zwei Stunden rücke ich ab, bitte, erinnern Sie mich nachher nochmals daran.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

Immer und immer wieder erinnert der Hauptmann, als die zwei Stunden verflossen sind, und jedes Mal bekommt er dieselbe Antwort: „Gleich, gleich, noch einen Augenblick.”

Und so werden denn aus den zwei Stunden deren viere.

Zum letzten Mal am heutigen Gefechtstag versammelt der Kommandeur seine Offiziere zur Kritik um sich.

„Meine Herren, ich muß hier leider abbrechen, da wir ja noch einen ziemlich weiten Marsch haben. Ich sage: ich muß „leider” hier aufhören, denn für mich ist der heutige Vormittag in jeder Hinsicht lehrreich und unterhaltend gewesen und ich glaube, daß auch Sie diese Empfindungen mit nach Haus nehmen werden. Mir sind die Stunden wie im Fluge vergangen — Ihnen hoffentlich auch, meine Herren? Ja? Nun das freut mich, freut mich aufrichtig und umsomehr bedauere ich, nicht länger exerzieren zu können. Oder wie wäre es, meine Herren? Ein kleines Gefecht möchte ich sehr gerne noch machen, wenn es Ihnen recht ist?”

Daß man selbst seinem Schöpfer dankt, daß die Sache nun endlich ein Ende hat, darf man natürlich nicht sagen, so muß man die Müdigkeit der Leute vorschützen und es gelingt, den Herrn Major zu überzeugen, daß es nun wirklich genug sei des grausamen Spiels.

Als man am Nachmittag mehr tot als lebendig die heimatliche Scholle wiedersieht, haben alle mehr als genug, nur der Herr Major nicht, der rückte am liebsten gleich nach dem Einrücken wieder aus. Wenn er dies allein thäte und hoch und heilig verspräche, nie wieder zurückzukommen, so würde kein Mensch das geringste dagegen einzuwenden haben. —

Der Diensthuber besitzt von allen Menschen das dünnste Wörterbuch, denn dieses enthält nur ein einziges Wort: „Dienst.” Weiter kennt er gar nichts, selbst das Wort „Urlaub” ist ihm fremd. Erholung und Zerstreuung braucht der Diensthuber nicht, denn er fühlt sich nirgends so wohl als im Dienst, der ist ihm Lebensbedürfnis wie dem Fisch das Wasser, nimmt man ihn heraus, so geht er elendiglich zu Grunde.

Ich kannte einen Hauptmann, der ein solcher Diensthuber war, daß er, wie man zu sagen pflegt, „nach dem Kommiß roch”. Im Kadettenkorps groß geworden, kannte er nur den Dienst und nochmals den Dienst und zum dritten und letzten Mal den Dienst. Weiter kannte er gar nichts: er las nur des Exerzier­reglement, die Schießvorschrift und die Felddienst­ordnung und wenn er damit zu Ende war, fing er sofort wieder von vorne an, weil er, wie er sagte, „stets neue Schönheiten in ihnen entdeckte.”

Es bedarf wohl kaum der besonderen Betonung, daß diese drei Bücher, die von unseren tüchtigsten Offizieren ausgearbeitet sind, ungemein viel Wissenswertes und zum Wissen Notwendiges enthalten — sie sind in ihrer Art Meisterwerke; wie sehr, geht am besten daraus hervor, daß unsere Nachbarstaaten, bevor sie ihre neuen Reglements herausgaben, die unsrigen sehr eingehend studierten.

Aber diese enormen Vorzüge verhindern nicht, daß die drei Bücher trotz alledem das Langweiligste sind, was es in Europa giebt, wenigstens als Unterhaltungs­lektüre und ich glaube, selbst urgeborene [wohl recte: ungeborene. D.Hrsgb.] afrikanische Waisenkinder würden sich weigern, sie als „Herzblättchens­zeitvertreib” anzunehmen.

Daß es auch noch andere Bücher auf der Welt gäbe, davon hatte der Diensthuber keine Ahnung, dunkel erinnerte er sich, einmal etwas von Schiller und Goethe gehört zu haben, ins Theater ging er nie, von sämtlichen Musikkapellen der Welt erkannte er nur eine an: seine beiden Trommler und seine beiden Hornisten.

Wie es gekommen war, daß er sich verheiratet hatte, wußte er in späteren Jahren selbst nicht. Er kümmerte sich um seine Frau gar nicht, nur wenn bei den „Lumpen-Appells” die Sachen seiner Leute arg zerrissen waren, sagte er zu seinem Feldwebel: „Schicken Sie das nachher meiner Frau hin.”

Dann fiel es ihm plötzlich vorübergehend ein, daß er verheiratet war, und die arme Frau mußte dann bis spät in die Nacht hinein sitzen und in unbeschreibliche Unaussprechliche Lederflicken und Tuchflicken einnähen. Die Gute that es, weil sie glaubte, ihrem Mann damit zu nützen und weil sie sich fürchtete, ihm zu widersprechen.

Den ganzen Tag war er in der Kaserne — morgens revidierte er das Aufstehen und abends das Zubettegehen — nur mittags und nachts war er zu Hause und das auch nur, weil er mußte.

Jahrelang hatte er diese Diensthuberei nun schon betrieben — denn Hauptmann sein währet nun gerade nicht ewiglich, aber doch eine halbe Ewigkeit, — als das Regiment einen neuen Kommandeur bekam, der sich die Sache anfangs ruhig mit ansah, dann aber mit ihm ein ernstes Wort sprach. Er setzte ihm auseinander, daß er durch seine Dienstauffassung dem Dienst nicht nur nicht nütze, sondern ihm direkt schade.

„Kommen Sie weniger in den Dienst, Herr Hauptmann,” schloß die Rede, „aber dann kommen Sie auch: jetzt sind Sie nur immer da, das ist ein gewaltiger Unterschied.”

Der Verzweflung nahe kam der Hauptmann an diesem Mittag nach Haus — nach langem Sinnen fand er einen Ausweg. Da er nicht mehr so oft in die Kaserne kommen durfte, ließ er die Kaserne zu sich kommen. Er richtete in seiner Wohnung ein Bureau ein und den ganzen Tag erschien bei ihm ein Soldat nach dem anderen, und bald hatte er eine ganze Niederlage von altem Leder, alten Stiefeln, zerrissenen Strohsäcken, entzweien Kleidern und tausend anderen Dingen bei sich, denn selbst die Handwerkstätte war, damit er sie beständig unter Augen habe, eines Nachts heimlich in seine Wohnung verlegt worden.

Aber auch dies wurde ihm gelegt, denn der Herr Oberst ließ ihn eines Tages zu sich kommen und setzte ihm in dürren Worten auseinander, daß es so nicht weiter ginge. Er sei der Meinung, der Herr Hauptmann müsse einmal eine Zeitlang ganz aus dem Dienst heraus, auf Urlaub gehen, irgendwohin, wo es keine Soldaten gäbe, in irgend ein stilles Bad. Die Mittel dazu besitze der Hauptmann ja, er sei aber gerne bereit, eine Zulage vom Kriegsministerium für ihn zu erwirken.

Er bot ihm einen dreimonatlichen Urlaub an, der Hauptmann lehnte ihn dankend ab.

„Vielleicht ist Ihnen die Zeit zu kurz,” sagte der Kommandeur, „wenn Sie es wünschen, will ich auch ein ganzes Jahr für Sie beantragen.”

Auch das lehnte der Hauptmann ab.

Da sagte der Kommandeur: „Wenn Sie sich meinen Wünschen, deren Erfüllung ich im Interesse des Dienstes für unbedingt nötog erachte, nicht fügen, so bleibt mir nur ein Ausweg: dann muß ich Sie für immer beurlauben lassen.”

Den Wink mit dem Zaunpfahl verstand der capitano und um zu zeigen, daß er wenigsten den guten Willen habe, die Wünsche seines Vorgesetzten zu erfüllen, erbat er einen Urlaub von drei Tagen.

Der wurde ihm auch sofort nach Helgoland gewährt, das heißt, der Kommandeur bestrafte ihn mit drei Tagen Stubenarrest, weil er sich erlaubt hatte, einen Vorgesetzten zu uzen. Denn so faßte der Herr Oberst die Sache auf.

Der Hauptmann saß. — Drei Tage lang sah er außer seinem Burschen keinen Soldaten, drei Tage lang durfte er nicht in den Dienst gehen, das einzige, was ihm vom Kommiß vor die Augen kam, war das Kommißbrot — das war zu viel für ihn, das ertrug er nicht und vergebens versuchte seine Frau ihn zu trösten.

Als er seine Strafe verbüßt hatte und sich bei dem Kommandeur meldete, machte dieser die Entdeckung, daß sein Untergebener geistig nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit sei: er hatte einen „Gehirnklaps” bekommen.

Er vertrat die Ansicht, daß man als Soldat nicht das thun könne, was man wolle, sondern immer thun solle, was man nicht wolle und nicht könne, weil es mit dem, was man wolle im direkten Widerspruch stände.

Na, das ist doch Unsinn und so bekam der Hauptmann denn bald darauf, weil er sollte, nicht weil er wollte, seinen Abschied — seine fixe Idee hat er aber bis an sein Lebensende beibehalten.

Fixe Ideen sind überhaupt eine Specialität der Diensthuber, so leben sie bekanntlich in dem Glauben, daß ein Offizier nicht im stande sei, einen Dienst allein abzuhalten. Sie leiden alle an der Beschäftigungs­theorie, einer weitverbreiteten Krankheit.

Für die meisten Offiziere sind die Stunden des Tages und oft auch der Nacht, die sie im Kasino im fröhlichen und heiteren Kreise der Kameraden zubringen, die liebsten.

Der Diensthuber geht, wenn er nicht unbedingt muß, nie ins Kasino, er langweilt sich dort tot, denn er darf im Kasino nicht über den Dienst sprechen.

Das ist strenge verpönt, wer dagegen verstößt, verfällt in Strafe.

Zuerst muß er einigemal fünfzig Pfennig in die Strafkasse zahlen, nützt das nichts, dann ruft der Tischälteste, sobald das Wort „Dienst” fällt: „Ordonnanz, bringen Sie dem Herrn eine fünfte Hose.”

Dann wird ein völlig zerrissenes und zerlumptes Beinkleid herbeigeholt, und nun sind bei den Regimentern die Sitten verschieden: bei einigen Regimentern muß der Diensthuber das Beinkleid dann anziehen und es den Abend über anbehalten — dem muß sich jeder fügen, einerlei ob Fähnrich oder General. Bei anderen Regimentern braucht der Sünder nur an der Hose riechen — schön riecht sie so wie so nicht, aber man versucht dann ihr durch Einspitzen schöner Dinge, als da ist Kampfer, Salmiakgeist und anderer Sachen, einen ganz besonderen Wohlgeruch zu verleihen.

Gewöhnlich endet dieses „riechen müssen” mit einer Ohnmacht.

Ist auch das vergebens, so muß der Diensthuber an dem „Katzentisch” essen — ebenso wie die unartigen Kinder.

Aber selbst diese strenge Erziehung nützt nicht immer: die Diensthuberei ist ein unausrottbares Uebel.

Diensthuber findet man in jedem Alter, in jeder Charge, bei jeder Waffe.

Ich machte einmal mit einem Artillerie­hauptmann an einem wundervollen Frühlingsmorgen einen Spazierritt. Der Weg führte uns durch einen großen, dichten Buchenwald, der im ersten Grün prangte — es war so still und friedlich, so weit das Auge reichte, nur Wald. Kein Geräusch war zu hören, nur das Schnauben unserer Pferde und oben in den Zweigen der hohen Bäume der leise Morgengesang der Vögel.

Endlich hielt ich mein Pferd an: „Ist es nicht wundervoll hier?” fragte ich meinen Begleiter.

„Na, es geht so,” gab er nach einigem Besinnen zurück, „aber ,Schußfeld' hat man hier doch gar nicht.”

Ich hätte ihn ermorden können vor Wut.

Der Artillerist sieht sich jedes Gelände auf „Uebersicht” und „Feuerwirkung” an — wo er diese nicht hat, kann er mit seinen Kanonen nicht arbeiten und seine Kanonen liebt er über alles.

Um mit den heißgeliebten Kanonen aber ein Ziel treffen zu können, ist es unbedingt notwendig zu wissen, wie weit das Ziel entfernt ist: man ermittelt die Entfernung durch Schätzen.

Das Schätzen ist sehr schwer und nur durch beständige Uebung bringt man es zu einiger Fertigkeit.

Der Diensthuber der Artillerie schätzt beständig: wenn er morgens aufgestanden ist, steckt er nicht ohne weiteres seine Füße in die Pantoffeln, sondern er mißt erst die Entfernung mit den Augen.

„Ein Meter dreißig Centimeter,” spricht er endlich vor sich hin, dann holt er das Centimetermaß, das er in der Nachttisch­schublade liegen hat, hervor und mißt erst die Entfernung nach.

Hat er sich geirrt, so schleudert er die Pantoffel in irgend eine Ecke des Zimmers und schätzt die Entfernung dann nochmals und erst, wenn er mit sich selbst zufrieden ist, werden die Pantoffel an die Füße gezogen. Dann mißt er die Entfernung von dem Fleck, wo er steht, nach dem Waschtisch und so geht das weiter.

Wenn man mit einem Artillerie-Diensthuber zusammengeht, kann man wunderbare Dinge erleben.

Vor den Thoren einer Garnison promenierten an einem schönen Nachmittag unter vielen anderen Spaziergängern zwei Herren, von denen der eine Artillerie­uniform trug, während der andere im bürgerlichen Gewande einherschritt.

Der Civilist erzählte von seinen Reisen, die ihn fast nach allen großen Städten geführt hatte, nach Paris, London, Petersburg und wo es sonst noch immer schön ist. Andächtig lauschte der Zuhörer und der Zivilist wunderte sich darüber nicht, denn sein Begleiter hatte sich Zeit seines Lebens in kleinen Garnisonen herumgedrückt und kannte von der Welt so gut wie gar nichts.

Und der Civilist erzählte immer weiter und in beredten Farben schilderte er die Pracht der Kirchen in Moskau.

Da blieb sein Begleiter plötzlich stehen, wild rollten seine Augen und mit Stentorstimme kommandierte er:

„Batterie aufgefahren — Galopp marsch — protzt ab — Visir 2000 — vom rechten Flügel Feuer — mit Granaten geladen.”

Und durch ein lautes „Bumm” markierte er den ersten Kanonenschuß.

Dann sah er nach der Uhr, die er, als er stehen geblieben war, gezogen hatte und sagte triumohierend: „Was? Das ist fix gegangen? Nach drei Minuten den ersten Schuß. Das sollten uns die Franzosen erst einmal nachmachen. Können Sie das auch?”

Und stolz maß er mit den Augen seinen Begleiter.

Der aber stand da, als wäre thatsächlich unmittelbar neben seinem Kopf soeben eine Kanonenkugel vorbeigeflogen. Einen Augenblick stand er unbeweglich, dann aber machte er Kehrt und lief davon, so schnell er konnte.

Der Artillerist verfolgte ihn: „Bleiben Sie stehen,” rief er, „die Entfernung zwischen uns beiden beträgt höchstens fünf Meter, ich werde Sie gleich eingeholt haben.”

Und richtig — gleich darauf hielt er seinen Freund am Arm und erkundigte sich nach dem Grund der Flucht.

„Sie meinen, ich bin hier oben nicht ganz richtig?” sagte er lächelnd, „Ihr Vertrauen ehrt mich. Nein, nein, so ist es nicht, aber während Ihrer Erzählung dachte ich mir, daß diese Höhe da drüben plötzlich von feindlicher Artillerie besetzt werde, und daß ich den Auftrag erhielte, mich gegen dieselbe zu entwickeln. Na und das können doch auch Sie als Laie nicht anders sagen: schnell ist es doch gegangen?”

„Sehr schnell,” bestätigte der andere, „ich bewundere Sie.”

„Ja, ja,” gab der andere geschmeichelt zurück, „leicht ist es auch nicht, nur durch viele Uebung ist es zu erreichen. Ich stelle mir jedes Mal auf meinen Spaziergängen solche kleine Aufträge.”

Und das that er solange, bis er eines Tages kalt gestellt wurde.—

Gewaltige Diensthuber vor dem Herrn sind auch die Pioniere, aber ich glaube, die können nichts anderes, die werden dazu erzogen. Die Leute haben einen Dienst, der jeder Beschreibung spottet, für die giebt es thatsächlich nichts anderes wie Dienst. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend werden sie „im Trab” gehalten, und wenn sie endlich todmüde in die Falle kriechen, thun sie es mit der frohen Aussicht, am nächsten Morgen wieder um drei Uhr aufstehen zu dürfen. Dann geht es im Sommer zum Wasser-Uebungsplatz, dort werden Brücken gebaut und leider muß man sich mit dem Bau der Brücken nach der Ebbe und Flut richten, hätte man das nicht nötig, wäre es bequemer.

Jeden Tag wird eine Brücke gebaut, um, wenn sie aber vollendet, gleich wieder abgebrochen und am nächsten Tag vor neuem erbaut zu werden.

Ich fragte einmal einen Pionier: „Warum brecht Ihr das Ding wieder ab, wenn Ihr es doch wieder auf derselben Stelle aufbaut?”

Der glaubte, ich wollte ihn uzen und wandte mir wortlos den Rücken.

Die Pioniere haben, ich weiß nicht, ob mit Recht oder mit Unrecht, den Ruf, sehr leicht etwas übel zu nehmen, alles was man scherzweise oder ganz unbeabsichtigt sagt, als eine Herabsetzung ihres so schweren, anstrengenden und verantwortlichen Dienstes zu betrachten

Einem zur Ausbildung bei den Pionieren kommandierten Offizier passierte es, daß er einmal zu einem Mann, der mit dem Ausgraben eines Loches beschäftigt war, sagte: „Sie, werfen Sie mir den Dreck nicht immer so vor die Füße.”

Gleich darauf trat der die Aufsicht führende Pionieroffizier sehr erregt auf ihn zu: „Ich muß Sie ernsthaft bitten, solche Ausdrücke, die geeignet sind, unsere ganze Thätigkeit herabzusetzen, zu unterlassen. Was der Mann dort aushebt, ist kein Dreck, sondern es ist Erde.”

Sprach's und wandte sich stolz ab.

Solche Dienstauffassung ist die Diensthuberei in der höchsten Potenz.


Fußnoten:

(1) Stuart Cumberland (bürgerlich: Charles Garner, 1857 - 1922) war ab 1881 als einer der ersten Gedankenleser aufgetreten. (zurück)

(2) Höchst wahrscheinlich ist der Juni 1898 gemeint. Vergleiche auch die Fußnote (1) in der Erzählung „Der Pänrich”. (zurück)


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