„Leutnant Kramer”

Schauspiel

von

Frhr. v. Schlicht und Victor Hahn

Bloch, Berlin, 1904, 78 S.

 

Aufführungen:
am 14., 16., 18.Dezember 1904 im Stadttheater zu Bochum

und am 23.Nov./6.Dez. 1904 im Stadt-Theater zu Libau

(Siehe „Libausche Zeitung” vom 23.11.1904)

Personen:

 
Major von Berndorf, Kommandeur eines Jäger-Bataillons, resp. eines selbständigen Infanterie-Bataillons.
Oberleutnant von Berndorf, sein Neffe, Bataillons-Adjutant.
Oberleutnant von Kramer.
Else, seine Frau.
Hildegard von Retmar, ihre Schwester.
Leutnant von Stern.
Leutnant von Weidner.
Müffelmann, Fabrikant.
Friedrich, Bursche bei Leutnant von Kramer.
Werner, Bursche bei Major von Berndorf.
Wilhelm, Kasino-Ordonnanz.
Erste Ordonnanz.
Zweite Ordonnanz.
Kasinounteroffizier Müller.
....unteroffizier Schulze.
Erster Soldat.
Zweiter Soldat.


Besetzungsliste:

 BochumLibau

Major von Berndorf
Oberleutnant von Berndorf
Oberleutnant von Kramer
Else, seine Frau
Hildegard von Retmar, ihre Schwester
Leutnant von Stern
Leutnant von Weidner
Müffelmann, Fabrikant
Friedrich, Bursche
Werner, Bursche
Wilhelm, Kasino-Ordonnanz
Erste Ordonnanz
Zweite Ordonnanz
Kasinounteroffizier Müller
....unteroffizier Schulze
Erster Soldat
Zweiter Soldat

Herr Dörge
Herr Liebert
Herr Heckmann
Frl. Schlomka
Frl. Elten
Herr Knaack
Herr Bender
Herr de Paula jr.
Herr Gehring
Herr Meier
Herr Godard
Herr Harding


Herr Bürger
Herr Schmidt
Herr Krüger

Herr Duwe
Herr Gemberg
Herr Steinert
Frl. Raoul
Frl. Hellmuth
Herr C.Schmitz
Herr Schütt
Herr Strecker
Herr Arnheim





Herr Markwort
Herr Schmitz
Herr Groß


Textbuch


„Frankfurter Zeitung”, Nr. 349, vom 15.12. 1904:

Man berichtet uns aus Bochum:
Im hiesigen Stadttheater fand die erste Aufführung von Freiherr v.Schlichts Schauspiel „Leutnant Kramer” statt. Das Stück ist eine mäßig dramatisierte Polemik über den Offizierehrbegriff und das Duell.


In der Zeitschrift „Das literarische Echo” 1904/1905 liest man auf Seite 514:

Das dreiaktige Schauspiel „Leutnant Kramer” von Freiherrn v. Schlicht (W. Graf Baudissin), in dem zur Abwechslung der Duellzwang der Offiziere behandelt wird, erlebte am 13. Dezember im Stadttheater zu Bochum seine Uraufführung. Das Stück fand (laut „Bochumer Anzeiger”) dank der guten Darstellung eine „verhältnismäßig freundliche Aufnahme”.


„Hamburger Fremdenblatt” vom 16. 12. 1904:

„Leutnant Kramer”, ein Schauspiel des Freiherrn v. Schlicht, ging, wie der „L.-A.” meldet, gestern im Bochumer Stadttheater zum ersten Male in Szene. Das Stück, das im Rahmen einer Ehebruchstragödie die Duellfrage behandelt, hatte unter einigen Längen und Banalitäten zu leiden, so daß der Erfolg nicht ganz unbestritten war.


„Die schöne Literatur”, Beilage zum Literarischen Zentralblatt vom 14. 1. 1905:

Das Stadttheater in Bochum brachte es mit einem neuen Ehebruchsdrama „Der Leutnant Kramer” von Frhr. v. Schlicht zu keinem stärkeren Erfolg.


„Libausche Zeitung” vom 25.11./8.12.1904:

Unleserliche Stellen im nachfolgenden Zeitungartikel sind durch Fragezeichen markiert.

(Stadttheater.) Nach dem sensationellen Seitensprung, den sich Frhr. von Schlicht mit seinem Militär-Roman „Erstklassige Menschen” geleistet hat, durfte man der Aufführung seines neuesten im Verein mit V. Hahn verfaßten Militärdramas „Leutnant Kramer” nicht ohne Interesse entgegensehen. Die Verfasser begnügen sich nicht, wie es bisher in den Schlichtchen Bühnenwerken der Fall war, uns mit liebenswürdigem Humor heitere Scenen aus dem Manöver- oder Garnisonleben vor Augen zu führen, sondern sie betreten die Pfade des Tendenz-Dramas, der Kritik an den Mißständen im deutschen Offizerskorps. Die für das große Laien-Publikum verständlichste Frage wird aus dem Militärischen herausgegriffen — die Duellfrage. Ein Offizier (Leutnant Kramer) kehrt mit Wunden und Ruhm bedeckt aus dem Chinafeldzuge zurück; vor dem Feind hat er den „Werth des Menschenlebens” kennen gelernt und in der Ausübung seines Berufes, dem er mit Leib und Seele ergeben ist, im Kriege, im Kampf der Völker ist er — ein Gegner des Zweikampfs geworden, nicht nur des Zweikampfs als ???trages eines leichtfertig vom Zaun gebrochenen Wortwechsels oder einer unbedachten Aeußerung, sondern des Zweikampfes überhaupt in jeder Form und jeder Veranlassung. Muß schon die auf diese Weise herbeigeführte Aenderung in den Anschauungen eines Offiziers überraschen, so hat seine Frau während der Abwesenheit ihres Gatten nicht minder psychologisch unverständliche Wandlungen durchgemacht. Im Kampf gegen die seit Jahren gehegte Jugendliebe ist sie unterlegen und hat ihre Frauenehre dem Major von Berndorf geopfert. Was Jahre und Pflichtgefühl nicht vermochten, bringt jedoch jetzt — die Pflege des verwundeten Gatten fertig. Die „sündhafte” Liebe weicht der gesetzlichen und der Jugendgeliebte hat fortan keinen Platz mehr im Herzen der Frau, das voll und ganz dem Gatten gehört. Auf diesen lebensunwahren Voraussetzungen bauen die Verfasser nun ihr tendenziöses Confliktdrama auf. Leutnant Kramer benutzt die erste unpassende Gelegenheit, vor seinen Gästen — dem bewußten Major, und einigen Regimentskameraden — in langatmigen Vorträgen seine neuen Ansichten über den Zweikampf auseinanderzusetzen. Die gutgesinnten Kameraden verzeihen ihm, dem Chinahelden, diese Aeußerungen, jedoch ein junger, mißvergnügter aus der Garde strafversetzter Kamerad — ein Typus, den Frhr. von Schlicht aus den „Erstklassigen Menschen” hinübergenommen hat — bringt es zum Eklat, er beschimpft Kramer bei einem Liebesmahl gröblich und da dieser von einem Zweikampf nichts wissen will, kommt die Angelegenheit vor das Ehrengericht. Der Major — der „Verführer” der Frau des Kameraden — muß den Vorsitz führen! Man denke, ein „Ehrloser” als Richter über diesen ehrenfesten Chinakämpfer! Daß wohl kaum außerdem noch Jemand den Major unter diesen Umständen für einen Ehrlosen halten wird, geniert die Herren Verfasser wenig. Er muß es sein, denn sonst würde ja die Pointe verloren gehen. Aus demselben Grunde mißlingen auch sämtliche Versuche des Majors sich der Verpflichtung der Theilnahme am Ehrengericht zu entziehen. So wird denn der „Edle” von dem „Schurken” verurtheilt, ein tapferer tüchtiger Offizier dem Standesvorurtheil geopfert! Um Kramer noch im letzten Moment zu retten, will ihn der Major noch nach dem Spruch des Ehrengerichts zur Anerkennung der Berechtigung des Duells veranlassen, indem er ihn die Untreue seiner Frau und seines Freundes errathen läßt. Jedoch vergeblich. Kramer bricht unter der Wucht der Schicksalsschläge zusammen, während der Major seine Schuld durch eine Kugel aus eigener Hand „sühnt”. Als „Sühne” bezeichnet Kramer selbst den freiwilligen Tod seines Freundes. Wie weit ist diese Anschauung von der Anerkennung der Berechtigung des ernsten Zweikampfes entfernt?

Die militärisch unmöglichen Situationen seien hier unberücksichtigt gelassen; denn nicht das militärisch Unwahre, das Lebensunwahre macht dies Drama schlecht. Die Tendenz der ???? schiebt die Personen auf der Bühne wie auf dem Kasperletheater hin und her und schreibt ihnen ihre Handlungen und Worte vor. Wir sehen nicht Menschen mit Lebensanschauungen im Kampf mit einander, sondern tendenziös geschaffene Phantasiebilder und verzerrte Possenfiguren, wie die des Müffelmann, für die kein Platz ist in einem Drama, das ernst genommen werden will. Wenn auch in dem Drama eine gerechtere Vertheilung von Licht und Schatten, als dies in dem bekannten Schlichtschen Militärroman der Fall ist, angestrebt worden ist, so sind doch die Verfasser auf dem Wege von der Bilse- zur Beyerleinkategorie ohnmächtig in den Anfängen stecken geblieben.

Der Aufführung nahmen sich die Damen Raoul (Frau Kramer) und Hellmuth (Hildegard) sowie die Herren Steinert (in der Titelrolle), Duve (Major v. Berndorf), Gemberg (Leutnant von Berndorf) und Steinert (Müffelmann) mit großem Eifer und im Allgemeinen mit gutem Erfolge an. Herr Steinert war mir bei seinem ersten Auftreten zu affektiert und ließ dadurch den Zuschauer zuerst über die Persönlichkeit Kramers im Unklaren. Im letzten Akt verschmähte er leider nicht in übertriebenem Pathos die Anwendung etwas reichlich grober äußerer Mittel. Leutnant von Stern, der gestürzte Gardeleutnant, war durch Herrn C. Schmitz nicht sehr würdig vertreten.
C. v. D.


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© Karlheinz Everts