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II.Akt

„Leutnant Kramer”

Schauspiel

von

Frhr. v. Schlicht und Victor Hahn

Bloch, Berlin, 1904, 78 S.


Personen:

Major v.Berndorf, Kommandeur eines Jäger-Bataillons, resp. eines selbständigen Infanterie-Bataillons.
Oberleutnant v.Berndorf, sein Neffe, Bataillons-Adjutant.
Oberleutnant v.Kramer.
Else, seine Frau.
Hildegard von Retmar, ihre Schwester.
Leutnant von Stern.
Leutnant von Weidner.
Müffelmann, Fabrikant. Friedrich, Bursche bei Leutnant von Kramer.
Werner, Bursche bei Major von Berndorf.
Wilhelm, Kasino-Ordonnanz.
Erste Ordonnanz.
Zweite Ordonnanz.
Kasinounteroffizier Müller.
....unteroffizier Schulze.
Erster Soldat.
Zweiter Soldat.


Anmerkungen:

Das Stück spielt in einem selbständigen Jäger-Bataillon. Macht die Beschaffung der Uniformen aber Schwierigkeiten, so kann es auch bei einem detachierten, selbständigen Infanterie-Bataillon spielen. Demgemäß sind die Uniformen zu wählen, die Jäger erscheinen im Czacko, die Infanterie-Offiziere im Helm.


Major v.Berndorf.  I.Akt: Überrock, Czacko resp. Helm, Säbel, Roter Adlerorden III.Klasse, Centenar-Medaille, Verdienstkreuz und eine Reihe fremder Orden (nur Ordensbänder).
II.Akt: weiße Hosen, Waffenrock mit Achselstücken, Orden wie im I.Akt, ohne Säbel, Mütze, niedrige Stiefel mit Sporen.
III.Akt: Waffenrock mit Achselstücken, Leibbinde, Orden Helm resp. Czacko, hohe Stiefel.
Der Major ist ein schöner stattlicher Mann von höchstens 38 bis 40 Jahren.

Oberleutnant v.Berndorf.  I.Akt: Waffenrock mit Epaulettes, lange schwarze Hosen, Helm, Sporen durch alle drei Akte.
II.Akt: Waffenrock mit Achselstücken, weiße Hosen, Mütze, ohne Säbel.
III.Akt: Waffenrock mit Achselstücken, hohe Stiefel, Adjutantenschärpe, Helm.

Leutnant von Stern.  I.Akt: sehr gute Uniform, lange Hosen, Waffenrock mit Epaulettes, Helm.
II.Akt: wie Berndorf, nur zuerst mit Säbel.

Leutnant von Weidner.  II.Akt: wie Berndorf.

Oberleutnant v.Kramer.  Anzug im I.Akt: Helm, Waffenrock, Orden Leibbinde, Säbel, hohe Stiefe, später lange Hosen.
II.Akt: wie die anderen Offiziere.
III.Akt: wie erster Akt, nur lange schwarze Hosen. Er trägt folgende Orden: den Roten Adler-Orden IV.Klasse, Kronenorden III.Klasse mit Schwertern, Centenar- und China-Medaille und das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens.

Müffelmann.  I.Akt: tadelloser Besuchsanzug.
II. und III.Akt: Frack-Anzug, weiße Bind e (Er darf von keinem Komiker gespielt werden, sondern von einem chargierten Liebhaber)

Friedrich.  I.Akt: sehr gute Burschenlivree. – II. Akt: Hausjacke, dann wie I.Akt.

Unteroffizier Schulze.  Lange Hosen (schwarz), Waffenrock, umgeschnallt.

Müller und Wilhelm.  Weiße Hosen, Waffenrock ohne ....., ohne Mütze.

Werner.  Waffenrock, schwarze Hose, umgeschnallt, Mütze ...

I. und II.Ordonnanz.  Weiße Hosen, Waffenrock, Mütze, ....gewehr

I. und II.Soldat.  Feldmarschmäßiger Anzug.

Sämtliche Offiziere haben beim Betreten des Zimmers den Helm in der Hand und setzen ihn unter keinen Umständen im Zimmer auf.


Hier kann man den Zustand der ersten drei Seiten des Textbuches erkennen, des einzigen Exemplares, das ich habe auffinden können:

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Ein sehr eleganter, nicht zu hell gehaltener Salon, nicht Jugendstil. Meublement womöglich schwarz oder dunkelbraun mit hellen Einsätzen, Teppich, elektrische Krone von der Decke, Portieren an den Türen. Erkerfenster mit Stores, auf den Tischen h.r. und v.l. sowie auf Klavier und Spieltisch, Erkertisch, Blumenkörbe, Bouquets mit Bändern, wie sie die Damen von den anderen Offiziersfrauen zum Willkommen erhalten haben. Die ganze Einrichtung zeigt Geschmack und Reichtum.


Erster Akt.

1. Scene.

(Salon bei Oberleutnant von Kramer. Einrichtung nach obenstehender Zeichnung [fehlt hier] und näherer Angabe der Regie.)

Else. ( steht an einem Tisch und ordnet Blumen in den Vasen.)
Friedrich. ( durch die Mitteltür ) Die gnädige Frau haben geschellt ?
Else. Ist mein Mann noch nicht zurück ?
Friedrich. Der Herr Oberleutnant werden auch sobald nicht kommen. Ach, das hätten die gnädige Frau mit ansehen müssen.
Else. Was denn ?
Friedrich. Wie der Herr Leutnant sich heute morgen wieder bei der Kompagnie gesund meldeten. Der Herr Major hat sogar eine Rede gehalten.
Else. Der Herr Major ?
Friedrich. Jawohl, der Herr Major! Er hat uns gesagt, wir müssen alle stolz sein auf unsern Herrn Oberleutnant, weil der sich bei den Chinesen so auszeichnete. Und dann hat er auf all die Orden gezeigt, die der Herr Oberleutnant für seine Tapferkeit bekommen hat, und dann hat der Herr Major auf den Herrn Oberleutnant ein dreifaches Hurra ausgebracht, und wir haben mächtig geschrien, ganz heiser sind wir geworden. Na, aber der Herr Oberleutnant hat denn auch gleich zur Wiederbelebung unserer Kehlen ein Faß Bier gestiftet. – Sogar ein ganz großes.
Else. Und wo ist mein Mann denn jetzt ?
Friedrich. Im Kasino, gnädige Frau! ( ab Mitte. )


2. Scene

Hildegard.   Vorige.

Hildegard. ( durch die Mitte eintretend, sehr elegant gekleidet, Hut, Sonnenschirm. Hat die letzten Worte von Friedrich gehört. ) Sprecht Ihr von Ernst ?
Else. Fritz erzählt eben, er wäre mit den anderen Herren im Kasino, da können wir vielleicht noch lange warten. Du warst in der Stadt ? warum so echauffiert ?
Hildegard. ( ihren Hut ablegend ) Else, Du kannst Dir gar nicht denken, unsere kleine Großstadt ist in gewaltiger Aufregung über unsere Rückkunft. Zwei Tage sind wir erst wieder hier und alle Welt spricht nur von uns. Weißt Du, eigentlich ist solch kleine Stadt doch gräßlich, und ich kann mich noch gar nicht darein finden, daß wir wieder hier sind. Wenn ich des morgens aufwache, denke ich immer noch, wir sind in Egypten.
Else. ( lächelnd ) Lange genug waren wir ja auch da.
Hildegard. Fast ein halbes Jahr. Wie soll ich Dir danken, daß Du mich mitgenommen.
Else. Liebling, wie wäre mir die schwere Pflege von Ernst wohl ohne Dich möglich gewesen ? Ich wäre einfach zusammengebrochen.
Hildegard. Und ohne Dich wäre Ernst sicher gestorben. Aber was habe ich Dir genützt ? Du hast mich ja kaum ans Krankenbett gelassen, Tag und Nacht hast Du bei ihm gewacht, alles hast Du selbst getan. ( Pause. Den Ton ändernd. ) Weißt Du wohl, daß ich mich in den langen Wochen eigentlich immer gewundert habe ?
Else. Und worüber ?
Hildegard. Daß Du Ernst so lieb hast; – denn so sorgt eine Frau für ihren Mann doch nur, wenn er für sie alles auf der Welt ist.
Else. Warum sollte ich Ernst nicht über alles lieben ? Er ist doch der prächtigste Mensch auf der Welt.
Hildegard. Gewiß, aber trotzdem, Deine erste – wahre Liebe war doch vor sechs Jahren in unserer Vaterstadt der Hauptmann von Berndorf, unser jetziger Major. Wenn der damals Vermögen gehabt hätte, – – –
Else. ( sie rasch unterbrechend, sehr erregt ) Ich bitte Dich, sprich nicht davon!
Hildegard. ( sie ganz erstaunt ansehend ) Warum denn nicht ? Ist es denn eine Sünde, wenn man nicht nur aus Liebe heiratet ? Das geht doch nun einmal in unseren Kreisen oft nicht anders. Und wenn es Dir damals auch sehr schwer geworden ist, dem Major zu entsagen, jetzt bist Du ja mit Ernst glücklich.
Else. Ja, jetzt bin ich glücklich.
Hildegard. Weißt Du, es war doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Herr von Berndorf hier als Major das Bataillon bekam, unmittelbar nachdem Ernst nach China ging. War Dir das Wiedersehen nicht peinlich ?
Else. ( sich verstellend ) Nicht im geringsten; – ich war doch seit drei Jahren Ernst's Frau und liebte meinen Mann.
Hildegard. Wir sprachen so oft über Dich, Mama und ich, und da beneideten wir Dich beide.
Else. Ja, ja, ich weiß, Mutter schreibt mir ja in jedem Brief, wie sie sich freut über mein großes Glück.
Hildegard. Und auch mit vollem Recht. Mutter ist stolz, daß Ernst sich jetzt so ausgezeichnet hat und mit so hohen Orden dekoriert ist und von allerhöchster Stelle so gelobt wurde; auf den muß man ja stolz sein! Aber das höchste Glück für Dich ist doch, daß Du ihn jetzt so lieb hast.
Else. ( sehr bestimmt ) Ich habe ihn über alles lieb. ( Pause. Nachdenklich. ) Früher, da war es wohl manchmal anders. Geachtet und bewundert hab' ich ihn stets, aber erst jetzt, seitdem ich für sein Leben gezittert, ist er mein Ein und Alles. ( Pause. ) Er ist viel zu gut für mich, er hätte eine viel bessere Frau verdient.
Hildegard. Weil Du ihn nicht immer so geliebt hast ?
Else. Kind, das verstehst Du nicht.
Hildegard. Bitte, mit 21 Jahren versteht man alles. Nur Dich verstehe ich manchmal nicht ganz.
Else. Mich ?
Hildegard. Du bist in der letzten Zeit ganz anders geworden. Seitdem Ernst nach China ging, bin ich nun doch bei Dir – wie ruhig warst Du in der ersten Zeit, Du warst ja fast glücklich, daß er endlich Gelegenheit hatte, vor dem Feind zu stehen.
Else. Sollte ich mich nicht darüber freuen ? Ich weiß doch, wie Ernst mit Leib und Seele Offizier ist.
Hildegard. Gewiß, ich hab' mich ja mit Dir gefreut, und auch der Major, der sich unser so freundschaftlich annahm. Aber mit einem Mal war Deine ganze Fröhlichkeit weg.
Else. ( verwirrt ) So ?
Hildegard. Ja – ich weiß noch genau den Tag, es war nach dem Ball bei der alten Geheimrätin. Ich hatte Probe zu den lebenden Bildern, Du fühltest Dich nicht wohl und bliebst zu Haus, ich mußte allein hingehen. Als ich dann am nächsten Morgen zu Dir in's Zimmer kam, fand ich Dich ganz verändert. Von dem Tage an hast Du nicht wieder gelacht.
Else. ( sich herausredend ) Ja, ja, ich weiß, der Major war da gewesen, er erzählte mir, es wären schlechte Nachrichten von drüben gekommen, und zum ersten Male fing ich an, für Ernst zu fürchten, die Angst ließ mich nicht mehr los, bald darauf erhielt ich ja auch das Telegramm, Ernst sei schwer verwundet.
Hildegard. Das also war es ?
Else. Ja, das war es.
Hildegard. Aber selbst, als Ernst seine Rückkehr meldete, freutest Du Dich nicht.
Else. ( verlegen, tastend. ) Weil – weil – ich für seine Gesundheit zitterte – weil ich fürchtete, ihn als Krüppel wiederzusehen – weil ich glaubte, er würde nie wieder Dienst tun können. Das alles nahm mir die Ruhe.
Hildegard. Arme Schwester, warum hast Du Dich nicht ausgesprochen. Ich wollte nicht fragen, so habe ich mir meine eigenen Gedanken gemacht. Ich glaubte – nein, nun schäm' ich mich, es Dir zu sagen.
Else. ( sehr unruhig, sich gewaltsam beherrschend ) Was dachtest Du Dir denn ?
Hildegard. ( sehr zögernd, der ganze Satz ist sehr zart und schonungsvoll zu bringen ) Ich dachte – der Major war doch so oft bei uns, da glaubte ich, Deine Liebe zu ihm wäre wieder erwacht und Ihr hättet Euch an jenem Abend ausgesprochen. Ihr waret ja immer so lustig zusammen und da habe ich gemeint, – vielleicht hofft Else im stillen, ( sehr zaghaft ) daß Ernst gar nicht wiederkommt.
Else. ( aufspringend ) Das hast Du geglaubt ?
Hildegard. ( weinend ) Sei nicht bös, ich weiß ja, wie unrecht ich Dir tat. Else, sag' mir, daß Du mir nicht zürnst. Ich wollte Dir schon lange gestehen, wie schlecht ich dachte, jetzt habe ich es getan, nun habe ich wieder ein reines Gewissen. ( Man hört draußen die Stimme des Oberleutnants von Kramer. )
Else. Um Gotteswillen, nimm Dich zusammen, Ernst kommt. ( Beide kämpfen ihre Erregung nieder. )


3. Scene

Vorige.  Oberleutnant von Kramer.  ( Später ) Fritz

Kramer. ( noch hinter der Scene. ) Ha, ha, na, ich will mir's überlegen, ( lachend durch die Mitteltür, die Damen begrüßend. ) Guten Morgen, Kinder, auch schon aufgestanden ? Der Fritz ist wirklich die Perle von einem Burschen.
Else. Wieso ?
Kramer. Er hat mich gefragt, ob ich mir kein Pferd anschaffen wolle, er hätte viel zu wenig zu tun. Ich bitte Euch, ein Bursche, der zu wenig zu tun hat!
Hildegard. Na, dem Knaben kann geholfen werden, er kann heute mal Silber putzen.
Kramer. Meinetwegen. Übrigens habe ich eine große Neuigkeit für Euch.
Hildegard u. Else. ( zusammen ) Was giebt's, was ist los ?
Kramer. Morgen Gartenfest im Kasino mit Musik und Tanz, italienische Nacht, Gondelfahrt auf dem Springbrunnen, großes Feuerwerk ohne Raketen und Schwärmer, was weiß ich alles!
Else. Das ist ja entsetzlich.
Hildegard. ( klatscht in die Hände ) Famos! Herrlich!
Kramer. Ansichtssache. Mir wäre es auch lieber, sie hätten das Fest noch verschoben, aber sie wollen uns ja mit aller Gewalt anfeiern. Else, Dir zu Ehren hat der Major bestimmt, daß es ein Fest mit Damen wird.
Hildegard. Nur Else zu Ehren ? Das nehme ich dem Major übel.
Kramer. ( lachend ) Na, laß nur gut sein, vielleicht hat er auch ein klein wenig an Dich dabei gedacht. – Übrigens – Du, Hilde, sag' mal, was hast Du denn eigentlich während meiner Abwesenheit mit Berndorf, unserem Adjutanten angestellt ?
Hildegard. ( ganz verlegen ) Ich ? Mit Kurt ?
Kramer. Kurt heißt er also ? ( neckend ) Woher weißt Du denn das ? Der ist ja bis über beide Ohren in Dich verliebt und hofft bestimmt, Dich morgen zu Tische führen zu dürfen. Na, Hilde, Du brauchst nicht rot zu werden, wenn er Dich wirklich liebt, und Du ihn, warum sollt' Ihr Euch denn nicht heiraten ? Was an Moneten fehlt, werde ich schon zulegen.
Hildegard. ( Kramer umarmend ) Schwager, Du bist zu gut.
Kramer. ( sich losmachend ) Laß nur, ich hab' doch gewissermaßen die Pflicht, für Dich zu sorgen, und einen besseren Mann als den Kurt, kannst Du gar nicht bekommen, der ist ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle wie alle Berndorfs!
Else. ( läßt ein Buch, in dem sie blätterte, zur Erde fallen. )
Kramer. ( dadurch aufmerksam geworden, wendet sich zu ihr ) Du siehst blaß aus, Liebling, was hast Du ? ( Hebt das Buch auf. )
Else. Nichts – nichts. Ich bin ja so grenzenlos glücklich, Dich gerettet zu wissen.
Hildegard. Schwager, die Frau mußt Du fortan auf Händen tragen, die hat Übermenschliches für Dich getan.
Kramer. Ich weiß, Hilde ( und seine Frau an sich ziehend ) und das vergeß'ich Dir nie – niemals.
Else. ( schuldbewußt ) Ich hab' kein Recht auf Dank.
Kramer. So sind die Frauen in ihrer Güte, das Gute, das sie tun, betrachten sie als etwas ganz Selbstverständliches –
Else. ( zögernd ) Und das Schlechte ?
Kramer. ( sie erstaunt ansehend ) Das Schlechte ? Darüber hab' ich noch nie nachgedacht.

(Es klingelt draußen)

Kramer. Hoffentlich noch kein Besuch.
Else. Besuch ?
Hildegard. Wie kommst Du darauf ?
Kramer. Habe ich das noch nicht gesagt ? Die unverheirateten Kameraden wollen heute mit Rücksicht auf das morgige Fest Visite machen.
Else. Und das sagst Du erst jetzt ?
Hildegard. Da muß ich doch gleich nach dem Rechten sehen, damit wir die Herren nicht zu trocken empfangen. ( Rasch, rechts ab. )
Friedrich. ( Durch die Mitte ) Herr Major von Berndorf bittet, seine Aufwartung machen zu dürfen.
Kramer. ( zu Else ) Tu mir die Liebe, nimm Du ihn an, ich komme gleich, ich will mir nur ( auf seine hohen Stiefel zeigend ) ein Paar weniger vorschriftsmäßige Stiefel anziehen. ( Ab, Tür links. )
Else. ( zu Friedrich ) Ich lasse bitten.

(Friedrich Mitte ab.)

4. Scene.

Friedrich. ( sofort durch die Mitte zurück, meldet ) Herr Major von Berndorf. ( Läßt den Major eintreten, dann ab. )
Major. ( durch die Mitte, geht auf Else zu, küßt ihr stumm die Hand. )
Else. ( vorwurfsvoll ) Ich habe es ja schon gehört, daß Sie noch hier sind und doch haben Sie mir beim Abschied versprochen, daß wir uns nicht wieder begegnen würden.
Major. Ich habe getan, was ich konnte, um meine Versetzung zu erreichen. Vielleicht, daß ich nach dem Manöver ein anderes Bataillon erhalte. Solange muß ich hier noch ausharren.
Else. Und wie wollen Sie Ernst gegenübertreten ?
Major. Ich will versuchen, seine Freundschaft zu gewinnen.
Else. ( mit leiser, feiner Ironie ) Sie haben ja sogar heute Morgen schon eine Rede auf ihn gehalten.
Major. Es mußte sein, gnädige Frau, direkter Befehl vom Generalkommando. Aber als er mich ansah, mit seinen großen, offenen Augen, seinem ehrlichen Gesicht, da sind mir die Worte im Halse stecken geblieben. So hab' ich mich vor ihm geschämt –. Hätte ich bei der Versetzung geahnt, daß ich Sie hier als Frau von Kramer wiedersehen würde, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ein anderes Bataillon zu bekommen.
Else. ( das Gesicht in den Händen begrabend ) Was haben wir getan!
Major. ( zu ihr tretend, sehr warm ) Gnädige Frau, quälen und martern Sie sich wenigstens nicht mehr mit diesen Selbstanklagen. Es ist genug, daß ich leide, daß ich es nicht wage, Ihren Gatten offen anzusehen. In den Augen der Welt giebt es für uns keine Entschuldigung, und doch – haben wir nicht leichtsinnig gefehlt; wir haben beide dagegen angekämpft, wochenlang, aber die wiedererwachte Liebe war stärker als die Vernunft, wir mußten unterliegen.
Else. Gott weiß, wie ich gekämpft habe.
Major. Wenn Reue eine Tat sühnen könnte, ständen wir beide rein und makellos da; aber unsere Reue wird und muß uns die Kraft geben, dies Leben ferner zu ertragen. Oder – soll ich vor Ihren Gatten hintreten und ihm alles bekennen ?
Else. Um Gottes Willen, er darf nichts erfahren, niemals, ich denke dabei nicht an mich, sondern nur an ihn.


5. Scene.

Vorige.  Oberleutnant von Kramer.

Kramer. ( durch die Tür links, lange Beinkleider, Waffenrock, wie in der 1.Scene, trägt in der Hand einen Kasten, den er auf einen Seitentisch stellt, geht dann mit ausgestreckten Händen dem Major entgegen. ) Wie freue ich mich, Herr Major, Sie bei uns zu sehen. Seit zwei Tagen sind wir zurück, und erst jetzt finde ich Gelegenheit, Sie außer Dienst zu sprechen.
Else. Aber wollen die Herren nicht Platz nehmen ?

( Alle drei setzen sich, Else in der Mitte. )

Kramer. Und doch hätte ich Ihnen gerne gleich am ersten Tage gedankt.
Major. ( verlegen ) Gedankt ? Mir ?
Kramer. Ich weiß, Herr Major, wie Sie sich meiner Frau in den langen Monaten meiner Abwesenheit angenommen haben, ich weiß, welch' treuer, selbstloser Freund Sie mir, den Sie gar nicht kannten, und ihr waren.
Major. ( will ihn unterbrechen )
Kramer. Nein, bitte, Herr Major, meinen Dank müssen Sie schon annehmen. Aus jedem Brief meiner Frau klang hervor, wie Sie für sie sorgten. Wie Sie täglich vorsprachen, ihr mit Rat und Tat zur Seite standen. Und für all das sollt' ich Ihnen nicht danken ?
Major. ( ganz verwirrt ) Ich weiß wirklich nicht, – gnädige Frau, ich glaube, Sie haben, um Ihren Gatten zu beruhigen, mehr über mich geschrieben als Recht war.
Else. ( doppelsinnig ) Und doch habe ich nicht einmal alles geschrieben.
Kramer. Da hören Sie es ja. So nehmen Sie denn meinen herzlichsten Dank.  ( Schüttelt ihm die Hand. )  Und hier  ( steht auf, holt vom Tisch den mitgebrachten Kasten )  dies, Herr Major, nehmen Sie, bitte, als kleine Gabe freundlichst von mir an.
Major. ( will das Geschenk ablehnen, das Kramer ihm in die Hand zwingt. ) Aber ich weiß wirklich nicht, – ( Macht ganz mechanisch den Kasten auf. )
Else. ( hat hingesehen, ganz erschrocken ) Aber Ernst, das sind ja Pistolen!
Kramer. Sogar sehr wertvolle. Ein Schmuck für Ihre Waffensammlung, Herr Major.
Major. ( hat eine Pistole herausgenommen und betrachtet sie. ) In der Tat, sehr hübsche Arbeit.
Kramer. Und das nicht allein. Die Dinger schießen wie der Teufel. Ich habe sie selbst an Stelle unseres Armeerevolvers benutzt. Wenn Sie jemals in die Lage kommen sollten, eine Waffe gebrauchen zu müssen, Herr Major, auf die können Sie sich verlassen.
Major. ( ausweichend ) Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen danken soll. –
Else. Aber Ernst, wie kann man ein solches Geschenk machen. Waffen zerstören die Freundschaft.
Kramer. Aberglauben. Was, Herr Major ?
Major. Fürchten Sie nichts, gnädige Frau, wir bleiben die alten.


6. Scene.

Vorige.  Hildegard.

Hildegard. ( von rechts, einfach, aber sehr elegant gekleidet [Haustoilette] lustig hereinwirbelnd. ) Na, Kinder, was sagt Ihr nun, seh' ich nicht hübsch aus ?
Major. Ganz allerliebst, gnädiges Fräulein.
Hildegard. O Pardon, Herr Major, ich wußte nicht, daß Sie hier sind. ( giebt ihm die Hand. ) Aber schön, daß man Sie endlich einmal wiedersieht. Wie lange ist es eigentlich her, Schwager, daß wir Dir entgegenreisten ?
Kramer. Vor sieben Monaten traf ich Euch in Alexandrien.
Hildegard. ( traurig ) Und nun sitzt man wieder hier. Ach, in Egypten ist's so schön, die Menschen, die ganze Landschaft, große Palmen, blühende Bananen, und dann das mehr als poetische Lagerleben! Denken Sie sich, Herr Major, wir waren sogar in einem Beduinendorf, wissen Sie, was mir da am meisten auffiel ?
Major. Nun ?
Hildegard. Es stand nicht einmal angeschrieben, zu welchem Bezirkskommando das Dorf gehörte.
Major. ( lacht. )
Kramer. Aber Hilde.
Else. Was redest Du denn da alles zusammen ?
Hildegard. Ordnung muß sein. Hätt' ich was zu sagen, ich ließe die Tafel noch nachträglich anbringen.
Kramer. ( lachend ) Wie in Kiautschau die große Tafel: „Hier ist das Rauchen verboten.” Das ist das erste, was man liest, wenn man das Land betritt.

( Alle lachen. )

Hildegard. Herr Major, erzählen Sie doch, was giebt es Neues in Bataillon.
Major. ( zuckt die Achseln. )
Hildegard. ( fragt ) Gar nichts ?
Major. Doch, etwas. Einen neuen Leutnant.
Hildegard. Das interessiert mich nicht.
Kramer. ( lachend ) Das kann ich mir denken. Der Platz in Deinem Herzen ist ja schon besetzt.
Hildegard. ( verlegen, leise ) Aber Schwager!
Kramer. Aber mich interessiert der neue Kamerad. Er steht mit mir auf derselben Kompagnie.
Else. Wie heißt er ?
Major. Leutnant von Stern. Die Kameraden nennen ihn nur den „Gardestern”, weil er den früheren Gardisten bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten herausbeißt. Er hat nicht allzu viel Freunde im Bataillon; dienstlich hab' ich auch viel an ihm auszusetzen. Aber sonst gefällt er mir, ich muß immer über seine frechen Redensarten lachen.
Hildegard. Ein früherer Gardist ? Wie kommt denn dieser Glanz in unsere Hütte!
Major. Strafversetzt, gnädiges Fräulein.
Kramer. Auch solch alter Zopf, den man endlich abschneiden sollte, für die Garde ist solcher Offizier nicht mehr gut genug, dann schickt man ihn zu einem anderen Regiment und sagt damit: für Euch paßt er. Mit anderen Worten: wir werden offiziell nicht für so vollwertig angesehen. Und das muß man sich gefallen lassen.
Else. Aber Ernst, Du sprichst ja so erbittert.
Kramer. Habe ich nicht recht, Herr Major ?
Major. Gewissermaßen, ja. Wäre ich vorher gefragt worden, ich hätte auch gesagt, für strafversetzte Leutnants ist in meinem tadellosen Offizierskorps kein Platz.
Hildegard. Aber irgendwo müssen die Strafversetzten doch bleiben, es kann doch nicht gleich jeder, der etwas auf dem Kerbholz hat, den Abschied bekommen.
Major. Allerdings, das wäre etwas hart.
Kramer. Das sehe ich nicht ein. Ich bin gewiß nicht unbarmherzig und sicher der letzte, der verlangt, daß jeder Leutnant als Tugendengel durch's Leben geht. Ist aber sein Vergehen so schwer, daß er sich dadurch unwürdig macht, seinem alten Regiment anzugehören, dann ist er überhaupt unwürdig, weiter diesen Rock zu tragen. Wer sich erst einmal etwas zu Schulden kommen ließ, tut es ja doch wieder. Eine Strafversetzung schiebt die Verabschiedung nur auf, über kurz oder lang erfolgt sie doch, warum da nicht gleich die schlechten Elemente aus dem Heere entfernen ?
Else. Man muß der Jugend doch Zeit lassen, sich zu bessern.
Kramer. Eine Redensart, die einem Frauenherzen Ehre macht. Ich denke anders. Ich habe drüben ein Leutnantsleben kennen gelernt, – der war nach drüben gegangen, um eine Schuld, die ihn drückte, durch den Tod fürs Vaterland zu sühnen. – Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Offizier mit so schuldbeladenem Gewissen, den Mut hat, weiterzudienen. Und darum müßten nach meiner Meinung die Bestimmungen über die Ehrengerichte geändert oder ergänzt werden.
Major. Ich verstehe Sie nicht, wieso ?
Else. ( tauscht mit Major einen Blick. ) Inwiefern, Ernst ?
Hildegard. Das interessiert mich auch mächtig.
Kramer. Nun, sehr einfach. Nach den jetzt bestehenden Vorschriften ist ein Offizier verpflichtet, jeden Kameraden, der sich nicht ganz standesgemäß benahm, der etwas tat, was mit der Auffassung der Offiziere über Ehre nicht in Einklang zu bringen ist, dem Ehrenrat zu melden.
Major. ( eine gewisse Unruhe schwer verbergend ) Und wie denken Sie sich die Änderung, von der sie sprachen ?
Kramer. Nach meiner Meinung müßte jeder neuernannte Offizier am Tage seiner Beförderung ehrenwörtlich verpflichtet werden, sich selbst dem Ehrenrat zu stellen, sobald er eine Schuld begangen hat.
Major. ( sehr unruhig ) Das – das wäre doch wohl etwas zu viel verlangt, und es könnte doch auch Fälle geben, wo –
Else. ( Major zu Hilfe kommend ) Und was sollte denn diese mehr als strenge Neuerung nützen ?
Kramer. Daß wirklich nur solche Herren Offiziere sind, die auch würdig sind, den bunten Rock zu tragen.
Hildegard. Schwager, Du darfst aber auch von den jungen Leutnants nicht zu viel verlangen. Wie willst Du fordern, daß jeder, der einmal fehlte, sich deshalb gleich selbst dem Richter stellt ?
Major. Ganz meine Ansicht, gnädiges Fräulein. Lieber Kramer, ich finde, Sie gehen mit Ihren strengen Ehrbegriffen doch zu weit. Finden Sie nicht auch, gnädige Frau ?
Else. ( unruhig, sich mühsam beherrschend ) Ich möchte mir kein Urteil erlauben.
Kramer. Ich weiß nicht, Herr Major, ob ich so unrecht habe. Als Offizier kann jeder eines Tages in die Lage kommen, über einen Kameraden im Ehrengerichte zu sitzen. Und wer da richten will, kann dies doch nur, wenn er selbst frei von jeder Schuld ist. Wer über andere den Stab brechen will, muß den Mut haben, sich selbst der strengste Richter zu sein.
Major. ( zögernd ) Gewiß, – ja – aber dennoch – –
Hildegard. Weißt Du, Schwager, ein Ehrengericht denke ich mir schrecklich, ein Kriegsgericht mag ja auch nicht schön sein, aber da handelt es sich doch nur um Vergehen gegen die Kriegsartikel. Man verbüßt seine Strafe und damit ist alles gut. Aber ein Ehrengericht, wo Offiziere über einen Kameraden zu Gericht sitzen, ob der noch würdig ist, Offizier zu sein, wo sie ihm vielleicht die Ehre aberkennen müssen, und ihn gewissermaßen moralisch zum Tode verurteilen, Du, das denke ich mir noch viel schlimmer, als wenn man jemanden wirklich zum Tode verurteilt.
Kramer. ( sehr ernst ) O ja, es ist wohl das traurigste, und das verantwortlichste, was es giebt.
Major. Gott sei Dank kommen Ehrengerichte ja sehr selten vor.
Kramer. Doch wohl nur deshalb, weil nicht jede Schuld bekannt wird. –


7. Scene.

Vorige.  Friedrich.  ( Gleich darauf ) von Stern.

Friedrich. ( durch die Mitteltür, bringt auf silbernem Tablett eine Karte. ) Der Herr Leutnant wünscht seine Aufwartung zu machen.
Else. ( die Karte lesend ) Leutnant v.Stern ? Ich lasse bitten.
Friedrich. ( ab Mitteltür )
Hildegard. Aha, der Gardestern. Da bin ich aber begierig.
Friedrich. ( meldet ) Herr Leutnant v.Stern. ( Läßt Herrn v.Stern eintreten, dann ab. )
v.Stern. ( sehr elegant in seinen Manieren, sehr gute Uniform, tritt auf Frau v.Kramer zu, küßt ihr die Hand. ) Meine gnädigste Frau, ich wollte mir gehorsamst erlauben, Ihnen meine Aufwartung zu machen.
Else. Sehr liebenswürdig, Herr Leutnant. Darf ich Sie mit meiner Schwester bekannt machen. Liebe Hildegard – Herr Leutnant v.Stern.
Stern. Sehr erfreut, gnädigstes Fräulein. Wer dazu verurteilt ist, in der Wüste zu leben, weiß die Blumen, die er da findet, doppelt zu schätzen.
Major. ( lachend ) Fangen Sie schon wieder an zu schelten ?
Stern. ( begrüßt zuerst Kramer, dann den Major ) Pardon, Herr Major, ich wäre nicht wert, zehn Jahre lang Berliner Luft geatmet zu haben, wenn ich Residenz schon jetzt vergessen hätte. Weine ihr jeden Abend von neun bis zehn heiße Tränen nach.
Hildegard. Das ist hoffentlich doch nur bildlich zu verstehen.
Stern. Selbstverständlich. Königlich preußischer Leutnant weint überhaupt nur in Gedanken.
Else. Und Sie haben sich hier noch gar nicht eingelebt, Herr Leutnant.
Stern. Fürchte auch, daß die Stunde nie kommen wird. Habe früher immer geglaubt, „kleine Garnison” existiert nur in schlechten Romanen, muß jetzt leider einsehen, daß es die auch in Wirklichkeit giebt. Dienstlich gefällt es mir hier soweit ganz gut, –
Major. ( lachend ) Gilt das Kompliment mir oder Ihrem Hauptmann ?
Stern. ( ganz gelassen ) Ihnen beiden, Herr Major.
Kramer. Und der Dienst ist doch schließlich für jeden Offizier die Hauptsache.
Stern. ( sieht Kramer ganz verständnislos an, dann allmählich begreifend )Ach s o meinen Sie ? Na ja, aber man ist doch schließlich nicht Offizier geworden, um nur Dienst zu tun.
Kramer. Sondern ?
Stern. ( ganz ernsthaft ) Na irgend eine Beschäftigung muß der Mensch doch haben.

( Alle lachen.)

Stern. Ich meine das ganz ernsthaft.
Else. Was machen Sie denn des Abends ?
Stern. Lege Patiencen, gräßlich stumpfsinnig.
Hildegard. Lesen Sie doch gute Bücher.
Stern. Meisten taugen ja nichts. Die guten sind so lang, und das Leben ist so kurz. Scheußlich!


8. Scene.

Vorige.  Friedrich.  Oberleutnant v. Berndorf.

Friedrich. ( meldet. ) Herr Oberleutnant v. Berndorf.
Else. Ich lasse bitten.
Friedrich. ( läßt Leutnant v.Berndorf eintreten, dann Mitte ab. )
Berndorf. ( durch die Mitte eintretend, zuerst zu Else. ) Meine Gnädigste, ich freue mich, Sie endlich wieder hier in der Heimat begrüßen zu können; ( zu Hildegard ) gnädiges Fräulein. ( begrüßt Kramer sehr herzlich ) Na, alter Junge, Du freust Dich wohl, daß Du endlich wieder zu Hause bist.
Kramer. Das kannst Du mir glauben; draußen war es ja auch sehr schön, aber „eigenes Nest, das allerbest”.
Berndorf. Besonders wenn man eine so prächtige Frau hat, und ein so reizendes Heim. Meine Junggesellenwohnung ist weniger behaglich.
Kramer. Was Dir fehlt, kann ja noch werden. ( Neckend. ) Übrigens habe ich der Hilde gesagt, daß Du sie morgen auf dem Kasinofest zu Tisch führen willst.
Berndorf. ( lebhaft ) Und was hat sie geantwortet ?
Kramer. ( sich umsehend ) Frag' sie selbst.
Hildegard. ( hat sich aus der Gruppe im Hintergrund der Bühne losgelöst und tritt auf die beiden Herren zu ) Ich habe Ihnen noch gar nicht guten Tag sagen können, Herr Leutnant, das muß ich noch nachholen. ( Reicht ihm die Hand. )
Kramer. ( läßt die beiden unauffällig allein und tritt zurück. )
Berndorf. ( sich schnell umsehend, dann sehr warm ) Mein gnädiges Fräulein, Sie ahnen ja gar nicht, wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe. Mir ist, als wären Sie Jahre fortgewesen, so langsam sind mir die Tage vergangen.
Hildegard. ( neckend und lachend ) Mir nicht. Der Tag war immer um, ehe man es wußte. Ich habe Ernst ja kaum mitpflegen dürfen, Else erlaubte es nicht. Da bin ich denn immer mit Hassan, der Perle aller Fremdenführer, in Kairo herumgezogen. Ach wie viel Schönes, wie viel Herrliches haben wir gesehen.
Berndorf. Und haben Sie bei all den Herrlichkeiten, die Sie sahen, auch zuweilen an mich gedacht ?
Hildegard. Sogar sehr oft.
Berndorf. ( lebhaft ) Wirklich, bei welcher Gelegenheit ?
Hildegard. Immer, – ( Berndorf macht eine freudige Bewegung. Hildegard fährt lachend fort. ) wenn die Bettler mich nicht in Ruhe ließen, oder wenn die Händler mich nicht freilassen wollten, da dachte ich, wenn doch K – ( sich verbessernd ) Herr von Berndorf hier wäre, der würde dem frechen Volk gehörig die Jacke ausklopfen.
Berndorf. Da hätten Sie mich sozusagen nur als Ausklopfer verwenden wollen; und sonst haben Sie gar nicht an mich gedacht ?
Hildegard. ( etwas verlegen, aber sehr herzlich ) O doch, sogar sehr oft. Ich hab' eigentlich immer gewünscht, daß Sie mit mir zusammen die Schönheiten bewundern könnten.
Und doch haben Sie mir nie einen Gruß gesandt.
Hildegard. Sie wissen, Ansichtskarten schreibe ich nicht.
Berndorf. Und Karten ohne Ansicht ?
Hildegard. Giebt's denn die überhaupt ?


9. Scene.

Vorige.  Friedrich.  Müffelmann.

Friedrich. ( meldet. ) Herr Fabrikant Müffelmann.
Else. Sehr angenehm.
Friedrich. ( läßt Müffelmann eintreten, dann ab. )
Müffelmann. ( sehr elegant gekleidet, Besuchsanzug, begrüßt die Damen. ) Meine gnädigste Frau, ich bin entzückt, Sie endlich hier wieder begrüßen zu können, kann nur sagen, Ihr gastfreies, liebenswürdiges Haus hat uns allen im Bataillon kolossal gefehlt. ( Begrüßt die Herren durch Händedruck. )
Hildegard. ( ist mit Berndorf zu den übrigen getreten. ) Ist Ihre Liebe für das Militär immer noch nicht geschwunden, Herr Müffelmann ? ( Giebt ihm die Hand. )
Müffelmann. ( ihr die Hand küssend ) Entzückt, auch Sie zu sehen, gnädigstes Fräulein. Aber wie soll ich Ihre Frage verstehen ? Es giebt nur einen Stand, –
Hildegard. ( neckisch ) Den Fabrikantenstand.
Müffelmann. Gänzlich im Gegenteil, wir haben ja in gewissem Sinne auch unsere Existenzberechtigung, Pappkartons müssen ja auch sein, aber, wahrhaft existenzberechtigt ist doch nur der Offizier und daß mein alter Herr mir nicht erlaubt hat, Soldat zu werden, verzeihe ich ihm nie.
Major. Na, Sie halten sich ja durch den Verkehr mit uns ziemlich schadlos. Sie kommen doch morgen zum Gartenfest ?
Müffelmann. Aber selbstverständlich, bin mehr als glücklich, dem Fest als einziger Civilist beiwohnen zu dürfen. – Übrigens, Sie wissen ja nicht, gnädige Frau, daß das Offizierskorps mich vor 3 Monaten zum Oberleutnant à la suite des Bataillons ernannt hat!
Else. Das ist allerdings eine große Auszeichnung für Sie.
Hildegard. Da gratuliere ich herzlichst.
Müffelmann. Habe mich aber auch nicht lumpen lassen, habe Offizierskorps neues Silberzeug für 24 Personen gestiftet.
Major. Der Wahrheit die Ehre. Herr Müffelmann hat das in dieser Hinsicht in ihn gesetzte Vertrauen glänzend gerechtfertigt.
Müffelmann. Sehr schmeichelhaft, Herr Major. Und wenn ich nun erst Hauptmann bin, dann mache ich es wie ein Freund von mir, der bei der Garde stand. Als der über Erwarten früh Hauptmann wurde, bezahlte er den sämtlichen Leutnants die Schulden.
Stern. Ich werde morgen den Antrag stellen, daß Sie befördert werden.
Müffelmann. Na nu erzählen Sie mal, wie war es denn eigentlich drüben bei den Chinesenboxern ? Muß sagen, war wirklich stolz auf unser Bataillon, als ich las, wie Sie sich bei dem gelben Gesindel ausgezeichnet haben. Ist doch weit standesgemäßer, ins Feld zu ziehen, als egal Pappkartons zu fabrizieren – scheußlich leere Beschäftigung. Einzig Gute, daß man nicht selbst mitzuarbeiten braucht, sondern sich lediglich an der Jahres-Bilanz erfreut.
Stern. Auch 'ne ganz standesgemäße Beschäftigung.
Berndorf. Herr Müffelmann hat Recht, erzähl mal was, alter Junge.
Major. Sie werden uns ja zwar in der allernächsten Zeit einen ausführlichen Vortrag im Kasino halten müssen, lieber Kramer –
Hildegard. Ach Du armer Schwager!
Major. ( lachend ) Ja, gnädiges Fräulein, das geht nun einmal nicht anders.
Stern. Solche Kasinovorträge sind einfach scheußlich. Weiß der Kuckuck, ich schlafe immer dabei ein.
Kramer. ( halb belustigt, halb ärgerlich ) Vielleicht gelingt es mir doch, Sie wach zu halten.
Stern. Schwerlich.
Major. ( ärgerlich ) Nun lassen Sie Kramer doch endlich einmal zu Wort kommen.
Kramer. ( nachsinnend ) Was kann ich über den Krieg eigentlich noch viel erzählen.
Müffelmann. Muß doch riesig interessant gewesen sein, da drüben.
Kramer. Gewiß, mal heraus aus der Garnison, mal etwas anderes sehen, als ewig und ewig den Gamaschendienst. Man lernt Land und Leute kennen, der Blick weitet sich, man lernt über so vieles anders urteilen, überhaupt man wird ein anderer – ein ernster Mensch.
Hildegard. Du, das bist Du wirklich geworden, lieber Schwager. Früher, da schäumtest Du über vor Lebensmut, jede Torheit erschien Dir begreiflich und verzeihlich, da hättest Du nicht so streng über Deine Kameraden geurteilt wie vorhin.
Berndorf. Als Du noch Adjutant warst, hast Du oft genug unseren vorigen Major verleitet, den Leutnants gegenüber nicht nur ein, sondern beide Augen zuzudrücken. Da lautete Dein Motto: Man soll sein Leben genießen, – und heute –
Kramer. Heute denke ich noch genau ebenso. Nur daß mir jetzt erst der Ernst und der Wert des Lebens klar geworden ist.
Müffelmann. Ach nee!
Stern. Bin mir schon lange über den Wert oder besser gesagt den Unwert dieses Daseins klar.
Major. Und was hat bei Ihnen den Umschwung herbeigeführt, Kramer ? Was hat Ihre Anschauung so plötzlich geändert ?
Kramer. Nicht mit einmal ist es in mir anders geworden, erst nach und nach. Bei den Schrecknissen des Krieges fing es an, was gilt da das Leben eines Einzelnen ? Ob die Kanonen donnern, ob das Feuer des Gegners Tod und Verderben in unsere Reihen tragen, was liegt daran ? Es giebt kein Zurück, es giebt kein Halt, fällt ein Kamerad, so tritt ein anderer an seine Stelle, es giebt nur eins: „Vorwärts, heran an den Feind, bis die Entscheidung gefallen, bis der Sieg errungen”. Und ist die Schlacht dann entschieden, dann gilt die ganze Sorge nur den Verwundeten, die man vorhin notgedrungen liegen lassen mußte. Nun ist's, die Wunden, die die feindlichen Kugeln geschlagen, zu heilen; und hat man vorher, um das Ziel zu erreichen, ohne Bedenken Hunderte von Menschen daran gewagt, so wird nun alles daran gesetzt, den Tod von seinen sicheren Opfern zu scheuchen. Jeder einzelne Mann wird dem Tode zu entreißen gesucht, alle Hülfsmittel werden aufgeboten, das fliehende Leben unter allen Umständen festzuhalten. Ganze Abteilungen werden ausgeschickt, einen einzelnen Vermißten aufzufinden, weil man die Erkenntnis hat, daß das Leben, selbst das des geringsten Mannes, viel zu wertvoll ist, als daß man es wagen könnte, ohne das Äußerste zu seiner Rettung getan zu haben.
Stern. ( mit leiser Ironie ) Schön und ehrenvoll ist es, für's Vaterland zu sterben.
Kramer. So denk' auch ich. Ich habe mein Leben nicht geschont, nur ein Wunder ist es, daß von den vielen Kugeln, die mich trafen, nicht eine einzige tödlich war.
Else. Armer Mann, wie lange hast Du gebraucht, um wieder gesund zu werden. Weißt Du noch den Tag, als Du endlich aufstehen durftest, zum ersten Mal auf den Balkon hinaustratst ?
Kramer. Den Tag vergeß ich nie, er hat mich ja zu dem gemacht, was ich heute bin, zu einem ernsten Manne. Ganz deutlich steht der Tag noch vor mir. Wochenlang hatte ich krank gelegen, endlich durfte ich die Sonne wiedersehen. In leuchtender Schönheit schien sie zur Erde, über uns der klar, blaue Himmel, in den Gärten die blühenden Palmen, die ganze Blumenpracht des Orients; – zu unseren Füßen das Leben – das ganze Leben in seiner Arbeit, in seinem Hasten und Drängen, aber auch in seinem Frieden und seiner Schönheit lag vor mir. ( Seiner Frau die Hand gebend. ) Und als Du da plötzlich zu mir tratest, Dich an mich schmiegtest, mir stumm die Hand drücktest, als ich in Deinen Augen Deine Liebe las, und als wir beide dann schweigend hinabblickten auf die Herrlichkeiten dieser Welt, da – ich weiß nicht, wie es kam – ich habe nie für mein Leben gezittert, ich hab' es oft genug waghalsig auf's Spiel gesetzt, aber als ich da dem Leben zum ersten Mal wieder gegenüberstand, da habe ich die Hände gefaltet, und meinem Gott gedankt. Und da ist es mir klar geworden, was es heißt zu leben, nicht leben, um nur zu genießen, sondern vor allen Dingen sich selbst an dem eigenen Leben nicht zu versündigen, nicht darauf loswüsten, es nie leichtsinnig auf's Spiel setzen.
Stern. Ist ja in der Theorie sehr schön, was Sie da sagen, aber in der Praxis ? Bin mal in Potsdam durch die Hänseleien der Kameraden gezwungen worden, einen Gaul zu reiten, der bis dato jeden in den Sand geworfen hatte. Ein niederträchtiger Schinder, bin natürlich auch 'runtergeflogen, einfach scheußlich, von Blamage ganz abgesehen. Dreifacher Rippenbruch und leichte Gehirnerschütterung. Habe halbes Jahr gelegen, bis Rippen wieder einigermaßen normal waren. Aber trotzdem, hätte ich mich necken lassen sollen ? Giebt's doch garnicht. Wären Sie etwa nicht auf den Bock hinaufgeklettert ?
Kramer. Ich denke gar nicht daran ( Lacht. )
Stern. Verstehe ich nicht. Und Sie, Müffelmann ?
Müffelmann. Offen gestanden, nee.
Major. Und Kramer hat Recht, lieber Stern. Wenigstens in dem von Ihnen angeführten Beispiel.
Berndorf. Ganz meiner Ansicht, Onkel.
Hildegard. Ich hätte mich raufgesetzt auf den Gaul.
Else. Das sieht Dir Wildfang ähnlich.
Stern. Mein Kompliment, gnädiges Fräulein. Wissen Sie, Herr von Kramer, sich ruhig necken lassen, das ist eigentlich dasselbe, als wenn man ruhig eine Beleidigung einsteckt.
Kramer. Und Sie meinen, da soll man immer gleich zur Pistole greifen ? Lustig drauf losschießen, nur weil's mal so Mode ist.
Stern. Aber 'ne verflucht anständige Mode.
Müffelmann. Sogar tadellos anständig.
Kramer. Das ist Ansichtssache.
Major. ( erstaunt und betroffen ) Ich verstehe Sie nicht ganz, lieber Kramer.
Hildegard. Ich Dich gar nicht.
Else. Aber ich glaube Dich zu verstehen, Mann!
Kramer. Ich will versuchen, mich etwas klarer auszudrücken. Nicht davon will ich sprechen, daß das Duell auf der einen Seite verboten, auf der andern Seite geradezu gefordert ist. Aber, ist man wirklich nur dann ein Ehrenmann, wenn man bei einer Beleidigung gleich zur Waffe greift ? Ist eine vom blinden Zufall geleitete Kugel überhaupt im Stande, einem Beleidigten die Ehre wieder zu geben ? Das seh ich absolut nicht ein.
Stern. Erlauben Sie mal, was soll unsereiner denn tun, wenn er beleidgt wird ?
Kramer. Den Vorfall dem Ehrenrat melden, dieser entscheidet, ob der Beleidigte mit Recht einer unehrenhaften Handlung angeschuldigt wird, in diesem Falle hört er auf, Offizier zu sein, ist aber die Beleidigung eine grundlose, dann erkennt das Ehrengericht bei dem Beleidiger, der in böswilliger Absicht die Ehre eines Kameraden angegriffen, auf Ehrverlust, er wird aus dem Offizierskorps ausgestoßen – – und ein Duell ist unmöglich, weil ein Offizier sich mit einem Ehrlosen doch unmöglich schlagen kann.
Stern. Das ma ja alles sehr schön sein, aber dennoch –
Müffelmann. Ganz meine Ansicht, lieber Stern.
Stern. Aber es können doch auch Fälle vorkommen, wo man nicht zum Kadi geht, wenn man die Beleidigung nicht an die große Glocke bringen will.
Major. ( zögernd zustimmend ) Da stimme ich Ihnen bei, Stern.
Kramer. Wer kann einen Ehrenmann denn wirklich beleidigen ? Man muß sein Leben nur so einrichten, daß man selbst tadellos dasteht, dann fällt die Beleidigung immer auf den Anderen zurück.
Major. Gewiß, ja, aber dennoch –
Kramer. Kein Stand ist mit dem Duell so leicht bei der Hand, als gerade wir. Nicht etwa, weil wir besser sind, –
Stern. Erlauben Sie mal!
Kramer. ( fortfahrend ) Wir sind nur viel empfindlicher als die anderen.
Berndorf. Was willst Du eigentlich mit all dem sagen, lieber Kerl ?
Kramer. Daß wir gar kein Recht und gar keine Veranlassung haben, uns mehr zu dünken, als die andern. Wir sollen und müssen unsere Empfindlichkeit ablegen, dann werden wir in weiterer Konsequenz das Leben ernster nehmen, uns nicht gleich auf einen Durchgänger setzen, wenn wir geneckt werden, nicht gleich zur Pistole greifen, wenn uns jemand in der Sektlaune ankrakehlt.
Stern. Mit andern Worten, man soll gegebenen Falles alles einstecken, um das Leben, der Güter höchstes, wie Sie es wohl nennen, zu retten ?
Kramer. Nur unreife Burschen haben das Bedürfnis, sich als Männer aufzuspielen, ein ernster Mann, der geachtet vor seinen Mitmenschen dasteht, hat das nicht erst nötig.
Major. Lieber Kramer, ich denke, wir lassen das Thema ruhen. Ansicht steht gegen Ansicht, da ist es schwer, eine Einigung zu erzielen. Und außerdem, meine Herren, es ist die höchste Zeit, zu Tisch ins Kasino zu gehen.
Kramer. Ich würde Sie alle bitten, hier zu bleiben –
Hildegard. Tu es doch, dann trinken wir ordentlich Sekt mit Erdbeeren.
Stern. ( zu Müffelmann ) Sie, das wäre nicht dumm!
Else. Meine Herren, so gern ich Sie hier behielte, ich bin leider nicht auf Gäste eingerichtet.
Major. Fürchten Sie nichts, gnädige Frau, heute haben Sie noch Ruhetag, aber morgen wird im Kasino gehörig gefeiert.
Stern. ( leise zu Müffelmann ) Das soll 'ne feuchte Kiste werden.
Hildegard. Ich freue mich schrecklich! Es wird doch auch getanzt ?
Berndorf. Aber selbstverständlich. Die drei ersten Walzer bitte ich mir zu reservieren.
Hildegard. Bescheidenheit ziert den preußischen Leutnant. ( Spricht leise mit Berndorf weiter. )
Major. ( sich verabschiedend zu Else ) Meine gnädigste Frau, ( küßt ihr die Hand ) ich hoffe morgen auf ein frohes Fest. Mein lieber Kramer, ( wendet sich zu Hildegard ) gnädiges Fräulein, ( sich zu den anderen Herren wendend ) wie ist's, meine Herren, begleiten Sie mich ?
Müffelmann. Wenn der Herr Major gestatten, große Auszeichnung für mich. ( zu Hildegard ) Auch ich bitte um einen Tanz, gnädiges Fräulein, zu morgen. ( Stern, Müffelmann, Berndorf und Major ergreifen die Kopfbedeckung und verabschieden sich. )
Berndorf. ( zu Kramer während der Verabschiedung ) Na, auf Wiedersehen, alter Junge, paß mal auf, was Dir morgen auf dem Kasinofest für eine Überraschung zu teil wird. Du weißt ja gar nicht, wie stolz wir alle auf Dich sind. Was, Onkel ?
Major. Das sind wir mit vollem Recht. ( Geht mit Kramer etwas nach vorn. ) Aber was Sie da vorhin an Theorien entwickelt haben, lieber Kramer, das hat mir, offen gestanden, nicht sehr gefallen. Na, die Orden da an Ihrer Brust zeigen ja, daß Sie ein ganzer Kerl sind. Und deshalb hätten Sie nicht so reden sollen, der anderen wegen nicht. ( Wendet sich zu den übrigen zurück. ) Und nun auf Wiedersehen, meine Damen, morgen im Kasino. Kommen Sie, meine Herren!
( Major, Berndorf, Stern, Müffelmann verabschieden sich durch Verbeugungen, Kramer begleitet die Herren auf den Korridor, alle Mitte ab. )


10. Scene.

Else.  Hildegard. ( Dann ) Kramer.

Hildegard. Schwester, ich bin außer mir, wie konnte Ernst nur so sprechen! Ich habe die Blicke bemerkt, mit denen die Herren sich gegenseitig ansahen.
Else. ( sich beherrschend ) Früher hätte ich Dir vielleicht zugestimmt, aber jetzt, wo Ernst den hohen Wert des Lebens kennen gelernt hat, kann er ja gar nicht anders urteilen.
Kramer. ( durch die Mitte )
Else. ( in größter Erregung auf ihren Mann zutretend ) Nicht wahr, Ernst, ich sprach eben mit Hildegard, ich hörte auch die letzten Worte des Majors. Laß Du die andern ruhig spotten, Du wirst Deine Ansicht nie ändern! Du wirst Dein kaum wieder gewonnenes Leben nie leichtsinnig auf's Spiel setzen ?
Hildegard. Wie kannst Du als Soldatenfrau wohl so zu Deinem Mann sprechen ?
Else. Ernst, ich habe plötzlich solche schreckliche Angst, versprich es mir.
Kramer. So beruhige Dich doch, Else.
Else. ( die sich nicht beruhigen läßt ) Laßt mich, erst will ich wissen, daß Ernst sich niemals schießen wird!
Kramer. ( ganz erstaunt ) Ich mich schießen ? Mit wem ? Weswegen ?
Else. ( in fliegender Angst ) Versprich es mir, daß Du Deiner Überzeugung niemals untreu wirst!
Kramer. Nie, denn Du bist mein Leben, und ich schätze das Leben über alles.
Hildegard. Auch höher als Deine Ehre ?
Kramer. ( ganz erstaunt ) Wie meinst Du das ? Ich habe meine Ehre stets wie mein kostbarstes Juwel behütet – die kann mir niemand rauben! ( Zieht seine Frau an sich. )

Der Vorhang fällt.

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II.Akt
© Karlheinz Everts