Unfug!

Ein Bild aus dem Offiziersleben.
Von Freiherr v. Schlicht (Dresden).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 22.Okt. 1900,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 9.11.1900,
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 9.12.1900,
in: „Indiana Tribüne” vom 6.1.1901,
in: „Danzers Armee-Zeitung” vom 17.10.1901 und
in: „Der grobe Untergebene”


Ein Jeder weiß es - tout le monde le sait, sagt der Chinese, wenn er in Paris auf der Ausstellung so viel französisch gelernt hat - ein Jeder weiß, daß nach Ansicht der Vorgesetzten Alles, was die Untergebenen in dienstlicher Hinsicht leisten, Unfug ist.

Man unterscheidet Unfug, argen Unfug und höheren Unfug - das Letzte ist das schlimmste, und deshalb wird der höhere Unfug von denen verbrochen, denen man noch nichts oder nichts mehr zutraut, also von den Fähnrichen und denjenigen Offizieren, die, einerlei in welcher Stellung sie sich befinden, nach Ansicht der Höheren zum Sterben bereit sind und die selbst zwar nicht um ihr Leben, sondern nur um eine höhere Pension flehen.

Ohne Pension kann selbst der verabschiedete Offizier nicht leben, und mit vollem Recht ist sein Schelten am abendlichen Stammtisch um so größer, je geringer die Pension ist, mit der er sich mit den Seinen zuweilen durchhungern muß.

Na überhaupt die Verabschiedungen! Mir wird immer gar traurig zumuthe, wenn ich am Ersten eines jeden Monats zu der Pensionskasse(1) gehe, um mir mein Scherflein abzuholen und dann die zahllosen verabschiedeten Offiziere sehe, die zum großen Theil noch im besten Mannesalter stehen und die - nun dazu verurtheilt sind, sich ihrem Tod entgegen zu langweilen. Wenn die alle erzählen wollten, warum sie den bunten Rock mit dem schwarzen vertauschten und vertauschen mußten - na, ich sage weiter nichts, als „Gute Nacht, Emma.”(2)

Der Unfug, den Einer thatsächlich aber nur nach Ansicht der Höheren macht, ist an dem ganzen Unglück Schuld.

Der Vorgesetzte singt: „Oh, ich bin klug und weise”, aber nicht Alles, was man singt, ist wahr.

Offiziell haben die militärischen Vorgesetzten immer Recht, aber auch offiziös? Das ist eine zweite Sache.

Nur der Untergebene macht Unfug - der Höchstkommandirende in einem Regiment oder in einem anderen Truppenverband nach seiner Meinung natürlich nie.

Die Rekruten sind wieder da, sie sind mit Stöhnen und Seufzern gekommen und ebenso in Empfang genommen worden.

Es ist keine Freude, wenigstens keine reine, ungetrübte, sich ausbilden zu lassen, es ist aber auch kein Genuß, wenigstens kein allzugroßer, Rekruten auszubilden und Monate lang jeden Tag bei Wind und Wetter auf dem Kasernenhof seine sechs Stunden zu stehen.

Nur ganz geniale oder nur ganz dumme Menschen halten das auf die Dauer aus, der normal veranlagte Deutsche bekommt dabei einen leichten Gehirnklaps.

Die Rekruten sind da, und der Herr Oberst entwickelt in einer Offiziersversammlung die Grundsätze, nach denen er die Ausbildung der neu eingestellten Leute gehandhabt wissen will. Die Rede ist lang, aber keineswegs lehrreich und außerdem überflüssig. Das Meiste wissen die Meisten schon aus dem Exerzierreglement.

Zusätze zum Reglement werden aber unnachsichtlich durch Verabschiedung geahndet. So steht geschrieben, aber wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter, und der Herr Oberst wird sich schon hüten, sich selbst bei seinen Vorgesetzten zum Abschied einzureichen. Da wäre er ja noch dümmer als seine Untergebenen glauben - na, und das gibt es nicht.

Das Exerzieren beginnt. Die Unteroffiziere kontrolliren die Rekruten-Gefreiten, die Leutnants passen auf die Unteroffiziere auf, die Hauptleute auf ihre Leutnants, die Herren Bataillonskommandeure auf ihre „Häuptlinge” und der Herr Oberst, der es für seine Pflicht und Schuldigkeit hält, jeden Tag wenigstens einmal über den Kasernenhof zu gehen, paßt auf Alle auf, auf die Rekruten und auf die Leutnants, auf die „Stabshengste” und auf die Unteroffiziere, auf die Hauptleute und auf die Gefreiten. Er sieht Alles, Alles, Alles, aber merkwürdiger Weise nur Unfug.

In Sonderheit kann er sich mit der Haltung der Ellenbogen absolut nicht einverstanden erklären, diese sollen nach dem Reglement leicht gekrümmt und ebenso wie der Oberarm etwas vorgedrückt werden.

Aber „leicht” und „etwas” sind zwei sehr dehnbare Begriffe, wenn die Rekrutenoffiziere das noch nicht wußten, so erfahren sie es jetzt. Bei der ersten Kompagnie ist die Krümmung der Ellenbogen „zu viel”, bei der zweiten „viel zu viel”, bei der dritten „eine Idee zu wenig”, bei der vierten „annähernd richtig”, bei der fünften „über alle Begriffe mangelhaft”, bei der sechsten „in keiner Weise mit dem Reglement in Einklang zu bringen”, bei der siebenten ist es „nicht ganz so schlimm wie bei der ersten, aber beinahe so”, bei der achten haben die Leute „keine Ahnung”, was sie mit ihren Ellenbogen anzufangen haben, bei der neunten scheint der „Leutnant unfähig” zu sein, bei der elften hätte der Herr Oberst „Besseres erwartet” (warum gerade bei mir? denkt der Offizier) und bei der zwölften lohnt es sich überhaupt nicht, über die vollständig fehlerhafte Haltung der Ellenbogen auch nur ein Wort zu verlieren - trotzdem setzt der Kommandeur dem Leutnant in längerer Rede auseinander, daß es so nicht weiter ginge, daß der Offizier es mit seinem Dienst viel gewissenhafter nehmen müßte, wenn er ernstlich daran dächte, jemals in seinem Leben Hauptmann zu werden.

Dann ruft der Herr Oberst seine Leutnants zusammen und hält ihnen eine Rede, nicht die erste und nicht die letzte und setzt ihnen ganz genau auseinander, wie die Haltung der Arme sein soll - ja er läßt sogar bei einem vorschriftsmäßig „aufgebauten Mann” den lichten Raum zwischen dem Körper und der inneren Seite der gekrümmten Ellenbogen ausmessen.

Avez-vous mots? Hast Du Worte?” denkt ein Leutnant, der nicht so dumm ist, wie der Vorgesetzte aussieht, dann prägen sich Alle das Maß ein und warten mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der Herr Oberst von der Erdoberfläche verschwunden ist.

Endlich geht er, und die Offiziere bilden sofort eine Gruppe. Nach kurzer Berathung nehmen sie einstimmig eine Resolution an, die dahin lautet, daß der Kommandeur über Nacht verrückt geworden sein muß.

Es ist sehr schwer, den Leuten etwas beizubringen, grausam schwer aber ist es, die Leute etwas umlernen zu lassen. Aber was hilft's? „Ja nun man trägt, was man nicht ändern kann,” singt der Dichter. Der Unfug ist befohlen - folglich wird er ausgeführt.

Wenn die Soldateska nur die verständigen und vernünftigen Befehle ihrer Vorgesetzten erfüllen wollte, hätte sie oft Tage lang nichts zu thun, dann fiele beispielsweise auch sehr häufig ein großer Theil der Manöver aus, bei denen notorisch zuweilen oft vom frühen Morgen bis zum späten Abend nichts als Unfug befohlen wird.

Die künstliche Haltung der Ellenbogen beginnt, schön ist etwas Anderes, nur von weitem macht sich die Sache ganz entfernt, nahebei ist sie scheußlich.

„Nur gut, daß der Herr Oberst dieses Mal die Rekruten allein besichtigen wird und daß der Kommandirende mit seinem Rheumatismus zu Bette liegt,” denken die Leutnants, „sonst gäbe es ein grausames Unglück.”

Während die kranken Untergebenen aus Prinzip niemals zu einer Besichtigung gesund werden, klettern die hohen Vorgesetzten stets, wenn ein solcher „Festtag”, den der Teufel erfunden hat, vor der Thür steht, aus dem Bett heraus.

Auch der Kommandirende wird wieder gesund. Kraft seines Amtes hat er der(3) Gicht befohlen: „verschwinde” und weg war sie.

Nun steht die Excellenz auf dem Kasernenhof und sieht zu, wie der Oberst die Rekruten besichtigt, offiziell ist er nur Zuschauer, offiziös aber hat er doch ein Wort und sogar ein sehr gewichtiges mitzureden.

Während der Herr Oberst sich Griffe, Wendungen und andere schöne, mehr oder weniger brodlose Künste von den in Freiheit dressirten Jünglingen vorführen läßt, geht der Kommandirende die Reihen der jugendlichen Krieger entlang und mustert ihr Äußeres.

Die Leute „rühren”, sie stehen bequem und warten des Augenblicks, da sie etwas vormachen sollen, es in der Erregung aber, in der sie sich befinden, ganz sicher schlecht machen.

Sie rühren, aber Jeder, dem sich der Kommandirende nähert, nimmt die Hacken zusammen, steht still und sieht den hohen Herrn, wie es ihm befohlen ist, offen und frei an.

„Derjenige, der von Euch am allerwenigsten kann, muß das klügste Gesicht machen!” hat der Unteroffizier befohlen, und danach handeln die Leute. Alle bemühen sich, ein sehr intelligentes Gesicht zu machen, und der Kommandirende ist mit dem „geistigen Ausdruck” der Mannschaften sehr wohl zufrieden.

Auch an der Haltung der Rekruten hat er nichts auszusetzen, nur die Haltung der Ellenbogen findet nicht ganz seinen Beifall, er glaubt, daß die Leute versehentlich so stehen und er tritt an den Ersten heran, um ihm die Arme richtig zu legen.

„So ist es gut, mein Sohn,” lobt er, dann kommt er zu dem Zweiten, auch diesem korrigirt er stillschweigend die Haltung der Ellenbogen.

Bei dem Dritten sagt er schon, wenn auch väterlich wohlwollend:

„Strecken Sie die Arme etwas mehr aus, mein Sohn.”

Bei dem Vierten ist er schon nicht mehr ganz so freundlich: „Länger die Arme!” sagt er kurz und bündig, immerhin noch freundlich.

Bei dem Fünften wird er ärgerlich: „Aber warum stehen Sie denn so unglücklich da? Strecken Sie gefälligst die Arme mehr aus, wie Sie es gelernt haben.”

Bei dem Sechsten wird er nachdenklich. Ist das Zufall, wie die Leute die Ellenbogen krümmen, oder sollte es Absicht sein?

Er wendet sich zu dem Kommandeur, der inzwischen dem Wunsche des Kommandirenden gemäß ruhig weiter besichtigt hat und ruft:

„Ach, einen Augenblick, Herr Oberst, wenn ich bitten darf.”

„Excellenz befehlen?”

Der Herr Oberst eilt herbei, sein Adjutant begleitet ihn und als kluger Mann winkt der Kommandeur auch dem Herrn Major, dem Hauptmann und dem Rekrutenoffizier, in seiner Suite zu folgen. Nicht ohne Grund vermuthet er, daß irgendwo irgendetwas nicht in Ordnung ist, und da ist es sehr gut, wenn gleich sämmtliche direkten Vorgesetzten des Rekruten zur Stelle sind, um über dessen Heimath, Charakteranlagen, geistige Fähigkeiten, Unordnungen im Anzug oder was eben den hohen Herrn sonst irgendwie interessirt, die nöthige Auskunft geben zu können.

Der Kommandeur meint es gutgemacht zu haben, der Kommandirende ist aber anderer Ansicht:

„Ich hatte Sie nur allein gerufen, Herr Oberst, wenn ich die anderen Herren auch haben wollte, hätte ich es gesagt.”

„Siehst Du,” denkt der Leutnant, „es liegt viel Wahrheit in dem alten Wort: 'Gehe nicht zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen wirst.' Na, nun können wir ja wieder nach Haus gehen.”

„Wenn die Herren aber nun einmal hier sind, können sie meinetwegen auch hier bleiben,” fährt der Kommandirende fort.

„Gott, wie freundlich,” denkt der freche Leutnant, „hoffentlich nimmt Excellenz es uns nicht persönlich übel, daß wir geboren sind.”

Der Herr Oberst hat sich inzwischen an die linke côté Seite Se. Excellenz voltigirt und spitzt die Ohren, um keines der Worte zu verlieren, die aus dem vorgesetzten Munde fließen werden.

Vorläufig aber fließt noch gar nichts, sondern Excellenz beschränkt sich darauf, einen Rekruten, der in strammer Haltung vor ihm steht, scharf anzusehen. Auch der Kommandeur sieht den Jüngling an.

„Der Mann steht gut,” denkt der Herr Oberst, „er steht sogar sehr gut. Die linke Fußspitze ist nach meinem Geschmack ein klein wenig zu weit auswärts genommen, aber auch nur ein ganz klein wenig. Sonst steht der Mann brillant, namentlich die Haltung der Ellenbogen ist hervorragend schön, beinahe militärisch klassisch.”

„Sagen Sie bitte, Herr Oberst,” erklingt da die Stimme Se. Excellenz, „wer hat denn nur diese blödsinnige Haltung der Ellenbogen angeordnet? Das sieht ja einfach schrecklich aus, wie die Leute dastehen. Wer hat denn das angeordnet? Ich muß wirklich offen und ehrlich gestehen: ein höherer Unfug ist mir bisher in meinem militärischen Leben noch nicht vorgekommen.”

Da knackt etwas, es sind die Kniee des Kommandeurs, und soweit die Disziplin und die Subordination es gestatten, sinkt der Herr Oberst in sich zusammen - auf die Kritik war er nicht vorbereitet.

Das durfte nicht kommen.

Nun, es ist aber da, und der Kommandeur versucht es zu verdauen, aber die Worte Se. Excellenz liegen ihm schwerer im Magen, als den Rekruten das vorschriftsmäßige Kommißbrod, mit dem sie zwar drei Tage auskommen sollen, aber häufig nicht einen einzigen Tag auskommen.

„Unfug,” hat Excellenz gesagt, sogar „höherer Unfug”. Und das muß der Herr Oberst hinnehmen, in Gegenwart der ihm unterstellten Offiziere.

Auch die Rekruten wissen, daß er persönlich diese Haltung der Ellenbogen anordnete, und auch sie haben das Wort „höherer Unfug” vernommen.

„Nun, wer ist der Schuldige?” fragt da Se. Excellenz. „Jetzt Muth”, denkt der Kommandeur, dann sagt er:

„Ich, Ew. Excellenz.”

Erstaunt sieht der Kommandirende den Kommandeur an.

Mehr sagt er nicht, ihm fehlen die Worte für einen derartigen Unfug. Worte hat er nicht für den Untergebenen, wohl aber einen Blick, nur einen einzigen, aber der genügt vollständig, der drückt Alles aus, nur keinen Unfug.

Denn dafür hielt es kein Untergebener, wenn der Vorgesetzte ihm zu verstehen gibt: „Mein Sohn, such' Dir ein anderes Reich, der Kasernenhof und der Exerzierplatz sind für Dich zu groß, da kannst Du mir zu viel Unfug machen.”


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Danzers Armee-Zeitung” heißt dieses Wort: „Pensionscassa”. (Zurück)

(2) In der Fassung von „Danzers Armee-Zeitung” heißt es hier: „vertauschen mußten — na, das könnte schön werden”. (Zurück)

(3) In der Fassung von „Danzers Armee-Zeitung” heißt es hier: „seiner Gicht”. (Zurück)


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© Karlheinz Everts