Der schwerfällige Major.

Skizze aus dem Officiersleben.
Von Frhrn v. Schlicht (Schleswig).
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 21.Mai 1899,
in: „Hamburger Fremdenblatt” vom 24.Juni 1899,
in: „Das Manöverpferd”,
in: „Der schwerfällige Major” und
in: „Aus Heer und Marine”.


Die Zeit der militärischen Besichtigungsreisen ist da. Besichtigungsreisen sind Geschäfts­reisen mit Reise- und Tagegeldern, und der „militärische Geschäftsreisende” steht sich dabei nicht schlecht, er kommt nicht nur auf seine Kosten, sondern hat auch noch einen Thaler und acht Groschen dabei übrig.

Die Armee muß jung erhalten werden und so besteht die Aufgabe des militärischen Geschäftsreisenden darin, sie zu verjüngen, id est, so und so Viele abzuschlachten.

Wer den Abschied erhalten soll, Das bestimmte früher der Divisions­commandeur — Der schrieb direct an das Militärcabinett und dann hatte der Betreffende ausgelitten.

In der allerletzte Zeit ist es anders geworden; der Divisions­commandeur muß dem Commandirenden jetzt melden, wen er zum Abschied einreichen will und wenn die höchste Excellenz nicht ganz der Ansicht ihres Collegen ist, kann sie ihm zurufen: „Halt a Bissele, wart e Bissele, ich komme auf meiner Geschäftsreise demnächst hin und werde mir den nach Deiner Meinung reifen Apfel daraufhin ansehen, ob er wirklich gepflückt werden muß und wenn er auch nach meiner Meinung gepflückt werden muß, na, dann pflücken wir ihn,.”

Ein solcher Apfel war der Major von Redschütz. Er war Officier geworden, weil schon seine Urahnen Officiere waren, dann aber auch weil er zu keinem anderen Berufe die nöthigen geistigen Fähigkeiten besaß. Zum LeutnantspieleNach siebzehn Jahrn erwachte Redschütz eines Morgensn und zum Leutnantsein langte sein bischen Verstand gerade noch. Zwar fiel er beim Officiersexamen dreimal durch, aber die Gnade des Königs verlieh ihm dennoch die Epauletten.

Nach siebzehn langen Jahren erwachte Redschütz eines Morgens und war Hauptmann: er der bis dahin, theils wegen angeborener „Dösigkeit”, theils aber auch in seiner Eigenschaft als Untergebener, immer dümmer gewesen war als die Herren „Compagnieschefte(1)”, war nun plötzlich über Nacht ebenso klug geworden, wie diese es zu sein glauben — pardon, ich meine, natürlich, wie diese es sind.

Redschütz war keine Leuchte der Wissenschaft, ach nein! Als er geboren war, hatte er vergebens seine Stirn den Musen zum Kuß angeboten — er hatte sich damit begnügen müssen, daß seine Mutter ihn auf die Schulter küßte, weil sie dort einen „entzückenden” kleinen Leberfleck entdeckte. Er war dumm geboren und hatte nichts dazugelernt — woher soll da die Weisheit kommen? Oft dachte er daran, sich für zehn Pfennig Klugheit in zwei Düten bei dem Krämer holen zu lassen, aber da er so wie so ein armer Schlucker war, sparte er das Geld.

Es ging auch so: er hatte Glück, sein Schwein war sogar so groß, daß er eines Morgens erwachte und Major war.

Als er die Nachricht seiner Beförderung erhielt, entfuhr ihm das Wort: „Wer hätte Das von mir gedacht!”

Kein Mensch, er selbst am allerwenigsten.

Der neu ernannte Major setzte die ganze Garnison in berechtigtes Erstaunen durch Das, was er nicht leistete und seine Vorgesetzten befanden sich ausnahmsweise einmal wieder in der Lage, sich nicht genug wundern zu können.

Für so dumm hatten sie ihn denn doch nicht gehalten. Aber anstatt, daß sie eingestanden, sich in der Beurtheilung des Untergebenen geirrt zu haben, behaupteten sie, Redschütz müsse sich als Leutnant und als Hauptmann verstellt haben.

Er hatte, wie man zu sagen pflegt, den Klugen „markirt”.

Der Oberst sprach mit dem General, der General mit dem Divisions­commandeur, dann sprachen sie noch einmal mit einander in der umgekehrten Reihefolge und dann sprach der Oberst mit dem Major von Redschütz und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, Bezirksofficier zu werden, es seien gerade jetzt „so schöne Stellen frei”.

Das sagt man immer, Das wußte Redschütz und so sagte er „Nein!” und bei dieser Antwort blieb er selbst dann, als der Oberst ihm die Stellung eines Bezirksofficiers als die begehrenswertheste in den fünf Welttheilen schilderte.

„Und gehst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,” dachte der Oberst.

Er schrieb dem Divisions­commandeur auf dem Instanzenwege einen Brief und theilte dem hohen Herrn die Bockbeinigkeit des Majors mit und der Divisions­commandeur schrieb an den commandirenden General: er habe den ganz besonderen Vorzug, in seiner Division einen Major zu besitzen, der unbedingt abgeschlachtet werden müsse, er bäte den Commandirenden hierzu um seinen Segen.

Als die höchste Excellenz diesen lettre d'amour erhielt, hatte sie gerade ausgezeichnet zu Mittag gegessen und rauchte eine wundervolle Upman. In solchen Momenten sind auch die höchsten Excellenzen gut gelaunt und so schrieb er denn zurück: „Ganz so schlimm, wie Sie es schildern, wird es wohl nicht sein. Ich komme zur Bataillons­vorstellung — da werden wir dem Herrn etwas auf den hohlen Zahn fühlen. Wenn — denn! Da bin ich ganz Ihrer Ansicht.”

Auf dem Instanzenweg wurde Redschütz von dem Inhalt dieses Schreibens in Kenntniß gesetzt und noch einmal legte der Oberst ihm nahe, freiwillig zu gehen, aber auch jetzt war alles Liebeswerben umsonst.

Redschütz blieb; mit den silbergewirkten Raupen war eine Art Größenwahnsinn über ihn gekommen. Nun, da er Major war, wollte er es auch bleiben. Bis jetzt hatte er nur nichts geleistet, weil die Vorgesetzten ihn nie Das ausführen ließen, was er angeordnet hatte, sondern ihn immer mit ihren Ansichten und Bemerkungen unterbrachen — bei der Vorstellung war Das anders, da bekam er seinen Auftrag, den er selbstständig auszuführen hatte. Na, und da wollte er ihnen schon zeigen, daß es viele Stabsofficiere in der Armee gäbe, die, wenn auch nicht gerade dümmer, so doch wenigstens ebenso dumm waren wie er. Excellenz mochte nur kommen.

Und Excellenz kam. Aber Excellenz kam nicht allein. Im Gefolge des hohen Herrn befand sich der Chef des Generalstabes. Und dieser Herr führt den lieblichen Beinamen: „Der militärische Scharfrichter.”

Selbstverständlich kamen auch noch einige Adjutanten mit. Die sind immer da, wo es nichts zu thun gibt, wohl aber etwas zu sehen gibt. Diese Adjutanten führen, wenn der Chef des Stabes sich in ihrer Nähe aufhält, den Beinamen: „Die Gehülfen des Scharfrichters.”

Das Bataillon stand, als die hohen und höchsten Herren kamen, in Parade–Aufstellung — der Herr Major hatte sich die erste Garnitur, seinen allerbesten Anzug angezogen, wie sich Das für einen Soldaten, der in den Kampf zieht, gehört.

Und ein verzweifelter Kampf, Einer gegen Viele, würde es werden, Das sagte er sich selbst.

Das Bataillon stand tadellos und der Commandirende machte ein verwundertes „hm, hm!”

Und dieses „hm, hm” pflanzte sich fort bis zu dem Herrn Oberst, der es nicht weiter geben konnte, sondern es herunterschluckte und sich dabei derartig verschluckte, daß sein Adjutant ihn auf den Buckel klopfen mußte. Adjutanten sind wenigstens zu etwas zu gebrauchen.

Auf eine solche vorzügliche „erste Aufstellung” war man nicht vorbereitet gewesen und so entfuhr dem Commandirenden denn ein „Sehr gut!”

Zu spät sah er ein, daß er Dies eigentlich nicht hätte sagen dürfen, und der Divisions­commandeur warf seinem Vorgesetzten, so weit Dies überhaupt bei der Disciplin und Subordination möglich ist, einen leise tadelnden Blick zu.

Nun kam der Parademarsch. Wie singt doch Hölty:

Ueb' immer den Parademarsch,
Bis an Dein kühles Grab
Und weiche keinen Fingerbreit
Von Deiner Richtung ab.

Die Richtung war tadellos und die Kerls und die Herren Kerls warfen die Beine, daß es eine wahre Freude war.

Excellenz war „starr”, und diese „Starrheit” pflanzte sich fort bis zum Gaul des Herrn Obersten, der absolut nicht von der Stelle wollte, als nun das Schulexerciren seinen Anfang nahm.

Wer jemals die Marschbewegungen eines Bataillons zu Fuß mitgemacht hat, weiß, daß dieselben unter tausend Fällen neunhundert­neunundneunzig Mal nicht klappen. Heute aber trat der tausendste Fall ein.

Der Commandirende zuckte mit den Achseln, und dieses Achselzucken pflanzte sich fort bis zu dem Herrn Oberst — und der stieß mit seiner Achsel seinen Adjutanten derartig an, daß sie beinahe Beide vom Pferde gefallen wären.

„Bravo,” lobte der Commandirende.

„So geht das nicht weiter,” dachte der Divisions­commandeur und mit den Schenkeln, aber ohne Sporen — man kann nie wissen, ob solcher „Besichtigungsgaul” nicht entsetzlich kitzlig ist — drängte er sein Pferd näher an den Commandirenden heran. Seine Nähe sollte den Vorgesetzten daran mahnen, daß er nicht zuviel loben dürfe.

„Nun aber naht sich das Malheur.
Denn dies Getränke ist Liqueur.”

sprach da die Stimme des Scharfrichters.

Das Gefecht begann. Der Chef des Stabes sah mit scharfen Augen hin, um die Fehler, die gemacht würden, seinem hohen Herrn melden zu können. Aber noch sah er keine.

Der Oberst, der den Gefechtsauftrag gab, hatte befohlen, ein gefürchtetes Defilé zu stürmen. Die Sache konnte der Major schon deshalb nicht richtig lösen, weil kein Stratege der Welt in der Lage war, das Defilé zu überschreiten, es war für Truppen überhaupt uneinnehmbar.

Der Brigade–Commandeur und der Divisions–Commandeur nickten dem Oberst beistimmend zu: „Da muß er sich das Genick brechen.”

„Wenn der Major es fertig bringt, den Auftrag auszuführen, lasse ich ihn vorpatentiren,” sprach da der Commandirende, und das war gerade kein Lob für Den, der den Auftrag gegeben hatte.

Bald darauf ließ der Commandirende „Halt” blasen, das Gefecht und damit zugleich die Vorstellung waren zu Ende.

Nun sollte die Kritik kommen, die war sehr schwer, denn es war Alles tadellos gewesen.

Der Divisions–Commandeur ahnte, was in der Brust der höheren Excellenz vorging.

„Er leistet sonst aber wirklich gar Nichts, Excellenz,” sprach der Divisions–Commandeur, „er hat heute, wenn ich mich so ausdrücken darf, seinen beau jour gehabt. Excellenz kennen ja wohl auch das Sprichwort von den größten Kartoffeln.”

Excellenz dachte einen Augenblick nach: „Mir ist so, als ob ich davon schon gehört hätte — aber ich kann mich im Augenblick nicht darauf besinnen — richtig, nun fällt es mir ein, es handelt sich da um den Esel, dem zu wohl ist — ach nein, nun weiß ich, der unbegabte Bauer, natürlich, natürlich! Leistet der Major sonst wirklich so wenig?”

„Absolut nichts, Excellenz, noch weniger als absolut nichts, er hat heute Glück gehabt, colossales Glück. Voilà tout, wenn ich mich mit Eurer Excellenz Erlaubniß so ausdrücken darf. Excellenz haben vielleicht die Güte, auch einmal den Herrn Brigade–General und den Herrn Obersten zu befragen.”

Und Excellenz hatten die Güte — dazu hatte er ja die Geschäftsreise unternommen.

Unterdeß hielt der Herr Major neben den Officieren seines Bataillons und wartete auf den Officiersruf zur Kritik. Stolz schwellte seine vorschriftsmäßig auswattirte Brust und immer und immer wieder sagte er sich: „Das hast Du gut gemacht!”

Da sah er plötzlich, wie der Commandirende sein Pferd in Bewegung setzte und davon ritt. Alle Vorgesetzten ritten hinter der höchsten Excellenz her, nur nicht der Oberst.

Der näherte sich der Truppe und sagte: „Excellenz hat mich beauftragt, dem Bataillon zu sagen, daß es sehr gut exercirt hat.”

Dann eilte auch er davon.

„Warum sagt Excellenz uns Das nicht selbst?” fragte sich der Herr Major.

Wäre er nicht so thöricht gewesen, so hätte er sich selbst die Antwort geben können, die da lautete: „Tadeln konnte er nicht, loben konnte er unter Berücksichtigung der besonderen Umstände auch nicht, da sagte er lieber gar Nichts.”

Gar keine Kritik ist auch eine, Das mußte der Major von Redschütz erfahren, als er einige Wochen später, obgleich er sich verschiedentlich mit einem energischen „Nein” dagegen gewehrt hatte, Bezirksofficier wurde.

Er ärgerte sich maßlos darüber — darum kümmern sich die Vorgesetzten aber nicht, denen ist es lieber, daß die Untergebenen sich ärgern, als daß sie sich selbst ärgern.

Beim Militär muß man bekanntlich bei dem Exerciren auf seine Vorderleute und auf seine Nebenleute Rücksicht nehmen, aber trotzdem ist sich Jeder selbst der Nächste.

Major von Redschütz war erledigt — wie konnte er aber auch nur so dumm sein, nicht zu gehen, wenn man es wünschte?

War er so dumm, daß er nicht einmal wußte, daß der Gegensatz von „ich gehe nicht” nicht „ich bleibe” heißt, sondern „ich werde gegangen”? Was der Mensch nicht weiß, muß er lernen, wenn nicht durch die Theorie, dann durch die Praxis, und so „wurde er gegangen”.

Requiescat in pace!


Fußnote:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „Compagnieschäfte”. (zurück)


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