Die Kompagnie-Schule.

Skizze aus dem Soldatenleben.
Von Freiherr v.Schlicht (Schleswig.)
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 19.März 1899 und
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 16.4.1899

Ich glaube, seitdem Europa existirt, ist kein Schüler jemals mit größerem Widerwillen zur Schule gewandert, als ich es that.Der Abschied aus der Schulstube wurde mir sehr leicht, und als ich zum ersten Mal als neugebackener Fähnrich in großer Uniform durch die Straßen der Stadt ging und mich umsah, ob sich auch Jemand nach mir umsähe, sagte ich zu mir: „Jetzt liegt die Schule Gott sei Dank für alle Zeiten hinter Dir, jetzt wird das Leben erst schön. Bis jetzt war es Essig, jetzt wird es wenigstens Wein-Essig, wenn auch vorläufig noch kein reiner Wein."

Der Mensch irrt sich bekanntlich immer dann, wenn er nicht Recht hat, und so mußte auch ich einsehen, daß es außer der Schule noch eine andere Schule gab. Von der sogen. dramatisirten Schule des Lebens will ich nicht sprechen, wohl aber von der „Kompagnie-Schule".

Die hat der Teufel erfunden.

Es ist jetzt die Zeit des Kompagnie-Exerzierens, und jeden Morgen zieht der Hauptmann mit seiner Heldenschaar hinaus nach dem Exerzierplatz.

Ihm macht das keinen Spaß, den Leutnants auch nicht und den Kerls erst recht nicht - aber es nützt nichts, es muß sein.

Der Herr Oberst hat das große Wort gesprochen:

„Meine Herren, ein Kompagnie-Exerzieren auf dem Kasernenhof , wie es unter meinem Herrn Vorgänger Mode war, kenne ich nicht."

Wenn der Oberst das nicht kennt, gibt es das natürlich auch nicht mehr - also hinaus in die Natur! Wozu hat Gott denn schließlich auch die Welt erschaffen, wenn der Soldat nicht in ihr exerzieren soll?

Na also - nur immer hinaus in das Gelände!

Neben dem Hauptmann, der hoch zu Roß voranreitet, geht der Herr Premier, oder wie es jetzt heißt, der Herr „Ober".

Der steht sich ausgezeichnet mit seinem Brodherrn und so fragt er denn:

„Wird's heute lange dauern, Herr Hauptmann?"

„I wo," gibt der zur Antwort, „wenn die Sache gut geht, höre ich bald auf, ich will nur die Schule durchmachen, das Gefecht schenke ich mir."

„Das ist wenigstens ein Trost," denkt der Ober, und muthig schreitet er dem Kommenden entgegen.

Sein Muth ist um so mehr zu bewundern, da er ganz genau weiß, was ihm bevorsteht.

Jetzt ist man auf dem Exerzierplatz angelangt, einen Augenblick dürfen die Leute sich „verpusten", dann heißt es:

„Kompagnie in Linie zu zwei Gliedern antreten, marsch, marsch!"

Der Hauptmann hat sein Schlachtschwert gezogen, und seufzend folgen die Leutnants seinem Beispiel.

„Stillgestanden - richt Euch, rechts die Nasen! . . . . Meier, Sie Nachtwächter, hierher ist die Richtung! Wenn Sie bei der Besichtigung auch links sehen, sperre ich Sie drei Tage ein - hierher ist die Richtung! . . . . Ich muß aber sehr bitten, daß die Herren Leutnants sich auch ausrichten. Der Herr Zugführer vom zweiten Zug steht eine halbe Meile vor. Bitte, gehen Sie zurück - noch mehr - noch mehr - nun ist es zu viel geworden . . . . Ja, meine Herren, wenn ich mich auch noch mit Ihnen aufhalten soll, dann . . . ."

Und da er nicht weiß, was „dann" ist, reitet er vor die Front und kommandirt:

„Augen - gerade aus!"

„Das war nichts, Leute," tadelt er, „das war gar nichts! Es muß in den Halswirbeln knacken, wenn Ihr die Köpfe dreht . . . . noch einmal!"

Es gibt ein gar hübsches Lied mit dem Refrain „Noch n'mal."

Sicher ist der Verfasser Soldat gewesen, denn beim Militär wird Alles „noch n'mal" gemacht, wenn es schlecht war, damit es besser wird, wenn es gut war, damit es noch besser wird.

Zufrieden ist der Mensch nie, ein Vorgesetzter - ich wollte sagen „am niesten", aber das Wort gibt es wohl nicht.

Daß es schwer ist, einen Hauptmann zufrieden zu stellen, merken die Leute, als nun „die Griffe" kommen.

Mit „Gewehr über" fängt die Sache an und mit „Gewehr ab" hört sie auf, zwischendurch wird noch mal präsentirt und das Gewehr „ohne Patronen" geladen - das ist die ganze Geschichte, aber, du großer Bimbam, wieviel Trara wird daraus gemacht!

Ein Soldat übt in den zwei Jahren, die er dient, sicher zwölfhundert volle und geschlagene Stunden Gewehrgriffe - aber er lernt sie deshalb doch nicht.

Ein Oberleutnant hat in seinem Leben ganz sicher wenigstens sechstausend Stunden weiter nichts gethan, als den Leuten die Griffe beizubringen versucht; aber trotzdem behaupten die Vorgesetzten, die Leutnants hätten nicht die Gabe, der Mannschaft auch nur „das Gewehr über" beizubringen.

„Meine Herren," donnert der Hauptmann vom hohen Gerüste, „solche Griffe verbiete ich mir! Ihre Sache ist es, den Kerls die Griffe beizubringen - ich habe dazu hier keine Zeit."

Die Leutnants denken sich ihr Theil - für einen Augenblick will sich auch „der Ober" ärgern, aber er sagt sich: „ Ärgern dürfen sich nur die Vorgesetzten, der Untergebene darf sich nur wundern ."

Und er wundert sich, ob über sich selbst oder über seinen Hauptmann, weiß ich nicht.

Nach den Griffen kommen die Wendungen: „Linksum, rechtsum, Front und Kehrt - nein, das ist nicht richtig: linksum, Kehrt, rechtsum, Front - so wird's gemacht und nicht anders."

Ich erinnere noch, wie ein Landwehrhauptmann einmal mit der Wendung: „Rechts-um" anfing. Hätte der Major, der zugegen war, es nicht vorgezogen, oben zu bleiben, er wäre ganz sicher vom Pferde gefallen. „Herr," schalt er, „Sie wollen im nächsten Kriege eine Kompagnie führen und können nicht einmal die Wendungen kommandiren?"

Ein wahres Glück, daß wir inzwischen noch keinen Feldzug gehabt haben - sicher hätten wir alle Schlachten, in denen der Landwehrhauptmann mitwirkte, verloren.

„Meine Herren," ruft der Hauptmann, „die Leute haben von den Wendungen keine blasse Ahnung, die Kerls drehen sich nicht." („Nanu?" denkt der Ober, „wir haben uns doch eine geschlagene Viertelstunde um unsere Längsachse gedreht, oder sollen wir uns in Zukunft auch noch um unsere Querachse drehen und einen Salto schlagen?")

„Points - vor!" erfolgt das Kommando.

Nach den Wendungen kommt „die Richtung". Das war so, das ist so und das wird so bleiben.

Der Hauptmann hat die Points, die vorgetretenen Offiziere, angesetzt; sie stehen nun schon fünf Minuten, aber sie „stehen" immer noch nicht.

„Das stimmt immer noch nicht," ruft der Hauptmann, „beim zweiten Offizier ist die Sache nicht in Ordnung. Bitte, Herr Leutnant, nehmen Sie Ihren Bauch zurück."

Das ist nun viel leichter gesagt, als gethan - trotzdem bemüht sich der Leutnant, seinen Bauch „einzuziehen" - er zieht und zieht, er hält den Athem an und denkt: „Komm, süßes Turteltäubchen, komm." Langsam verschwindet der Bauch aus der Natur, er geht zurück - mehr oder weniger ist ja jeder Soldat ein Kautschukmann - der Bauch geht zurück, dafür legt sich der Offizier zu weit vorne über und streckt die Brust vor.

„Herr Leutnant, zurück mit der Brust," schilt der Vorgesetzte, „nehmen Sie den Brustkasten fort."

„Ich kann mir doch nicht sämmtliche Bestandtheile meines in Deinen Augen krüppelhaften Körpers abnehmen," denkt der Leutnant, „und sie nachher wieder anstecken, das geht doch bei dem besten Willen nicht. Ich kann mich doch nicht anders machen, als ich bin."

Schließlich gibt der Häuptling es auf, seinen Offizier „aufzubauen", er knurrt nur etwas vor sich hin von „Flitzbogen, Bierbäuchen" und anderen schönen Sachen, dann läßt er die Leute sich nach Points und Rotten, mit gerader und schräger Front einrichten.

Für den, der es mag, ist das „Einrichten" etwas sehr Schönes.

Aber es mag nur Keiner, das ist das Traurige bei der Sache.

Und daß es Keiner mag, kann man Niemandem verdenken.

Wenn man richtig eingerichtet ist, soll man mit dem rechten Auge die Brust seines Nebenmannes, mit dem linken Auge die Knopfreihe aller anderen Leute „schimmern sehen".

Man rutscht mit den Füßen nach vorne und zurück, nach rechts und nach links, bis man endlich „schimmern" sieht, was „schimmern" soll.

Und dann kommt der Hauptmann und setzt Einem auseinander, daß man von der Richtung „keinen Schimmer" habe.

Das ist dann gerade was Schönes, und unwillkürlich sehnt man sich nach einem Stuhl da für seine Hulda.

Die Beine schmerzen von dem langen Stillstehen, daß man sie kaum bewegen kann, wenn es heißt: „Noch n'mal". Und dann fängt der letzte Vers wieder von vorne an.

Die „Richterei" hat der Teufel erfunden, als er einmal darüber nachdachte, womit er die Menschen elenden könnte.

Ganz besonders schwer ist es bei der Richtung, die berühmte Knopfreihe „schimmern" zu sehen, wenn die Leute die Litewka tragen. Diese Blouse hat keine Knöpfe, aber „schimmern" sehen soll man sie doch.

Und was befohlen wird, wird gemacht.

„Der Schule auf der Stelle" folgt „die Schule in der Bewegung".

Mit dem Sektionsmarsch fängt die an - da soll die ganze Kompagnie auf Vordermann marschiren, und Einer soll genau so treten wie der Andere, damit der Tritt „rein ist wie der Rheinwein im Glase", und der Leutnant vom rechten Flügel der ersten Sektion soll gerade ausgehen.

Er soll und muß es unter allen Umständen - aber er thut es doch nicht, weil er es nicht kann.

„Nehmen Sie sich einen Punkt im Gelände und marschiren Sie auf den gerade los," ruft der Hauptmann.

Aber woher einen Punkt nehmen und nicht stehlen, wenn nun keiner da ist?

Der Leutnant möchte wohl, daß sein Hauptmann ihm nur ein einziges Mal diese Frage beantwortete - der aber wird sich hüten, es zu thun.

Wohin sollte das auch führen, wenn jeder Vorgesetzte jede Frage seiner Untergebenen beantworten wollte? Was käme dabei wohl heraus?

Wer das nicht weiß, dem nützt es auch nichts, wenn ich es ihm sage.

Und der Leutnant am rechten Flügel marschirt immer noch nicht gerade aus.

„Die Herren Offiziere!" ruft da der Hauptmann.

„Nun gibt es etwas auf den Hut," sagen sich die Leutnants.

Auch Untergebene irren sich zuweilen nicht, und so machen sie denn gar kein erstauntes Gesicht, als der Hauptmann ihnen s-ehr grob wird. Am meisten bekommt der Leutnant des rechten Flügels zu hören - aber er ist Kummer und Elend gewöhnt und bemüht sich, das Unvermeidliche mit Würde zu tragen.

„Ich danke sehr, meine Herren."

„Bitte, bitte," denken die Leutnants, dann treten sie wieder ein, und der Sektionsmarsch beginnt von neuem.

Der Leutnant macht seine Sache so gut er kann, das hat er von Anfang an gethan, das versteht sich bei einem Offizier überhaupt ganz von selbst.

„So ist's besser," ruft der Hauptmann, der fest davon überzeugt ist, daß seine Grobheit ihre Früchte trägt, „so ist's viel besser."

„Na, na, wenn das nur wahr ist," denkt der Leutnant, „ich glaub nicht recht daran."

„In Züge links marschirt auf - marsch, marsch!"

Ein leises Stöhnen geht durch die Kompagnie - „die Rennsaison" nimmt ihren Anfang.

„O wär' ich weiter, o wär' ich zu Haus, ich glaube die Puste geht hierbei mir aus," denkt so Mancher - aber sie laufen, wohin es befohlen ist.

Die beiden „schließenden" Unteroffiziere am rechten und linken Flügel, die den weitesten Weg bei jedem Aufmarsch haben, stöhnen am meisten.

Am wenigsten klagt der Feldwebel - der hat, als das Laufen seinen Anfang nahm, zufällig seinen Bleistift verloren. Er ist ohne Weiteres ausgetreten und sucht und sucht. Ohne die Bleifeder des Feldwebels geht es nicht, denn die Hauptsache ist doch, daß die Kerls, die da bummeln, zum Nachexerziren aufgeschrieben werden können.

Wenigstens ist „die Mutter der Kompagnie" dieser Ansicht, und als Mutter muß sie doch am besten wissen, was ihren Kindern gut thut.

Die Kompagnie läuft immer noch, und der Feldwebel denkt: „Lauft nur, Kinder, wenn's Euch nur Spaß macht."

Von rechtswegen müßte er nun wieder mitlaufen, denn er hat die Bleifeder wiedergefunden, aber nun sieht er, daß die Spitze abgebrochen ist. Er muß den rechten Handschuh ausziehen, das Taschenmesser hervorholen, das Blei spitzen, es probiren, ob es auch gut schreibt, dann das Messer abwischen, wieder fortstecken, den rechten Handschuh wieder anziehen und sich dann umsehen, wo die Kompagnie denn eigentlich ist.

Das Alles erfordert viel, sehr viel Zeit.

Die Kompagnie übt indeß immer noch Aufmärsche - im Anfang aus der Zug-, nun aus der Sektionskolonne, und als die Kerl nicht so laufen, wie der Hauptmann sich das gedacht hat, übt er das Aufmarschieren aus dem Reihenmarsch. Da gilt es jedesmal eine Entfernung von hundert Metern zu durchlaufen. „Nur immer lustig, fidel und munter, die hundert Meter, die kriegen uns nicht unter" denken die Kerls.

Aber zehn mal hundert sind tausend, das ist eine alte Geschichte, und als die Kompagnie den berüchtigten Aufmarsch zehn mal gemacht hat, macht ihr die Sache keinen Spaß mehr.

Verdenken kann es ihr Niemand.

Die Kerls haben keine Lust mehr, die Herren Kerls erst recht nicht - der „Ober" hat seinem Hauptmann schon ein paarmal einen Blick zugeworfen, der da zu sagen scheint: „Freue Dich, Liebster, daß ich Dich nicht eintreten lassen kann, sonst solltest Du auch einmal etwas erleben."

Der Hauptmann sieht nach der Uhr: „So, nun noch einen Parademarsch."

Aber aus dem einen Parademarsch werden drei: einer in Zügen, einer in Kompagniefront und einer in Kompagniekolonne.

Und damit die Leute das Laufen, das sie eben so schön gelernt haben, nicht gleich wieder verlernen, gibt es auch noch einen Parademarsch im Laufschritt nach dem berühmten Text:

„Stiefelputzer war mein Vater,
Im Viktoriatheater.
Meine Mutter wusch Manschetten
Für Off'ziere und Kadetten."

„So, ich danke, nun ist's genug für heute," spricht der Häuptling, „eigentlich wollte ich schon lange zu Hause sein."

Gleich darauf rückt die Kompagnie ab. Der Vormittagsdienst ist vorbei.

Leider folgt aber jedem Vormittag auch ein Nachmittag und da wird geübt, was am Morgen bei der Kompagnie-Schule nicht klappte, und das war so ziemlich Alles.

Also los mit den Griffen, den Wendungen und der Richtung!

„Siehe, es will Abend werden, und der Tag neigt sich zu Ende," spricht der Feldwebel schließlich zum Hauptmann. Da läßt er endlich die Leute wegtreten und hört für heute mit dem königlichen Dienst auf.

Morgen früh geht es aber wieder zur Schule, zur Kompagnie-Schule, in der man nur mit den Armen und den Beinen zu lernen braucht.

Seinen Kopf und seinen Verstand braucht der Soldat nur im Gefecht, darüber plaudere ich vielleicht das nächste Mal.

Bei der Kompagnie-Schule kann aber der Soldat den Kopf ruhig zu Hause lassen.


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© Karlheinz Everts