„Das Preisrätsel”

Humoreske von Freiherr von Schlicht,
in: „Karlsruher Tagblatt” vom 13.10.1926,
in: „Neuer Görlitzer Anzeiger” vom 17.10. 1926 und
in: „Der Feierabend” (Bregenz) vom 22.11.1926


Studienrat Dr. Karl Frieder hatte sich gleich nach Tisch in sein Studierzimmer zurückgezogen, da er, wie er mit dem Befehl absolutester Ruhe bekanntgegeben, sehr angestrengt zu arbeiten habe. So herrschte denn in der Wohnung Grabesstille. Frau Marie wagte das Buch, das sie zur Hand genommen, kaum umzublättern, die beiden sieben- und achtjährigen Jungen saßen wie mit Pechdraht angenäht bei ihren Schularbeiten, und als Anna, das Mädchen für alles, beim Aufwaschen trotz aller Vorsicht das Unglück hatte, das Geschirrtuch fallen zu lassen, erstarrte sie vor Angst bei dem Gedanken, daß der Herr Studienrat das gehört haben und dadurch in seiner Arbeit gestört sein könnte. Aber Anna hatte Glück, der Studienrat hatte nichts gehört, dazu war er viel zu sehr in seine Arbeit vertieft, die er heute unbedingt zum Abschluß bringen wollte, denn schließlich mußte es ihm doch gelingen, das lächerlich einfache Preisrätsel zu lösen, das eine große Zeitschrift in vielen Zeitungen, somit gestern auch im heimischen Lokalblatt veröffentlicht hatte, und das da lautete: Gar mancher ist's, doch keiner will es sein, und wer es dennoch ist, der wahret stets den Schein. Als erster Preis, über den bei mehreren richtigen Lösungen allerdings das Los entschied, winkte ein Tausendmarkschein, und den wollte, nein, den würde er todsicher gewinnen, denn bei allem, was Verlosung hieß, war er bisher immer vom Glück begünstigt gewesen; das bewies am deutlichsten ein großer, schöner Silberkasten für vierundzwanzig Personen, der Stolz seiner Wirtschaft, den er einmal auf ein Drei-Mark-Los gewann. Auch diesmal würde er mit tödlicher Sicherheit gewinnen, er mußte nur erst die richtige Lösung gefunden haben. Aber so viele Lösungen er auch fand, keine schien ihm bei ruhiger Nachprüfung die richtige zu sein. So zermarterte er sein Gehirn weiter, bis er fühlte, wie seine geistigen und körperlichen Kräfte anfingen zu erlahmen und bis gleich darauf seine Stimme durch das Haus dröhnte: „Zum Donnerwetter nochmal, wo bleibt den heute mein Nachmittagskaffee!"

„Aber du hattest doch streng verboten, dich, ganz einerlei aus welchem Anlaß, irgendwie zu stören”, entschuldigte sich seine Frau, die schreckensbleich aus ihrem Zimmer gestürzt kam.

„Der Nachmittagskaffee ist keine Störung, sondern eine Stärkung”, schalt ihr Mann, um fortzufahren: „Wie soll ich denn meine schwierige Arbeit, die mein Gehirn in geradezu unerhörter Weise anstrengt, bewältigen, wenn ihr mich dabei verhungern und verdursten laßt.”

Eine kleine Viertelstunde später brachte das Mädchen, auf den Fußspitzen schleichend, ihm den Kaffee mit der Buttersemmel, und als er sich im Anschluß an diese Stärkung eine Zigarre angezündet hatte, machte er sich von neuem an die schwierige Arbeit, vorher aber donnerte er zur Vorsicht noch einmal mit der ganzen Kraft seiner Lungen durch das Haus: „Ruhe – absolute, absoluteste Ruhe.” Dann zermarterte er sich weiter den Kopf über die Frage: Was ist gar mancher, was will trotzdem keiner sein, aber wenn er es dennoch ist, wer wahrt dann stets den Schein?

Gar mancher ist's, doch keiner will es sein – es war einfach, um verrückt zu werden und um die Wände hoch zu gehen. Und er war von beidem nach abermaligen stundenlangen, vergeblichen Bemühungen, das Rätsel zu lösen, auch nicht mehr weit entfernt, als zuerst ganz leise, dann stärker an seine Tür geklopft wurde und von draußen die ängstliche Stimme seiner Frau erklang: „Es ist ein Herr da, Karl, der dich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünscht und der sich nicht abweisen läßt, da er sich hier nur auf der Durchreise aufhält und morgen wieder weiterfährt. Darf ich ihn hereinlassen?”

„Nein”, tobte er drinnen, daß Frau Marie draußen vor Schreck gegen die Wand flog. Aber dann besann er sich eines anderen. Vielleicht, nein sicher tat es seinem augenblicklich überarbeiteten und überanstrengten Gehirn gut, wenn es durch eine Unterhaltung mit dem Besucher vorübergehend davon abgelenkt wurde, „daß gar mancher es ist, und daß es trotzdem keiner sein will”. Da würde sein Verstand nachher desto leichter und schneller arbeiten. So ließ er den Fremden bitten näherzutreten; aber kaum stand dieser ihm gegenüber, da bereute er es auch schon, ihn nicht abgewiesen zu haben, denn er sah es auf den ersten Blick, daß der andere, der, wie man ihm schon an der Kleidung anmerkte, einst bessere Tage gekannt haben mußte, ihn um eine Unterstützung bitten würde. Diese Vermutung war richtig, denn noch bevor der andere den ihm angebotenen Platz eingenommen, begann er, wenn auch in aller Kürze, seine augenblickliche Notlage zu schildern, und wie er davon gehört habe, daß der Herr Studienrat immer hilfsbereit wäre; schließlich bekannte er noch, ganz schuldlos sei er an seiner jetzigen Lage nicht, denn er habe einmal in seinem Leben einem schlechten Menschen geglaubt und sei infolgedessen ein Dummkopf gewesen.

„Aber dafür kann ich doch nichts, daß Sie das waren”, versuchte der Studienrat das Geld, das der andere ihm aus der Tasche ziehen wollte, zu retten.

Da umspielte ein leises, wehmütiges Lächeln den Mund seines Besuchers, und mit trauriger Stimme sagte er; „Das natürlich nicht, Herr Studienrat. Aber Sie kennen doch sicher auch das alte, wahre Wort: Gar mancher ist's, doch keiner will es sein, und wer es dennoch –”

Aber der Studienrat hörte gar nicht mehr hin auf das, was der andere noch weiter sprach, sondern mußte mit aller Gewalt an sich halten, um sich in der grenzenlosen Freude, die ihn plötzlich erfüllte, nicht zu verraten, denn durch den Fremden hatte er nun das so lange vergebens gesuchte Rätselwort gefunden. Und so groß war seine Freude über die Hoffnung, den ersten Preis nun bestimmt zu erhalten. daß er dem anderen nicht nur mit einem Zwanzigmarkschein aushalf, sondern sich auch seine Adresse geben ließ, damit er ihm später, wenn er eine zu erwartende Geldsendung erhalten habe, noch weiter helfen könne.

Wenige Minuten darauf war er wieder allein, um die wie durch ein Wunder erhaltene Lösung nochmals in aller Ruhe und Gründlichkeit daraufhin zu prüfen, ob sie auch wirklich die richtige wäre, und je länger er das tat, desto mehr kam er zu der Erkenntnis: sie, und zwar nur sie kann es sein.

Die richtige Lösung, nein, die einzig und allein richtige Lösung war gefunden! Noch an demselben Abend schickte er sie ab und machte sich dann gleich daran, darüber nachzudenken, wie er den Tausendmarkschein nach Empfang am besten im Interesse seiner Familie verwenden könne; denn wenn er die Hilfe des Fremden natürlich auch in keiner Weise unterschätzte, er hatte das Geld doch schließlich verdient, er ganz allein, denn darüber durfte er sich nicht täuschen: die Lösung wäre ihm auch ohne seinen Besucher eingefallen; auf die wäre er im weiteren Verlauf seines Nachdenkens ganz von selbst gekommen. –

Voller Ruhe und Gelassenheit, seines Sieges gewiß, sah er der kommenden Entscheidung entgegen. Aber als diese bekanntgegeben wurde, fühlte er sich einem Schlaganfall nahe, denn die von ihm eingesandte Lösung war weit davon entfernt, richtig zu sein. Richtig war lediglich, daß auch er ein Dummkopf gewesen war, als er auf den Schnorrer hineinfiel, der, wie sich bald darauf herausstellte, unter geschickter Ausnutzung des in der Zeitung erschienenen Inserates beinahe von Haus zu Haus gegangen war, um alle Leute, bei denen er sich einen Erfolg versprach, anzubetteln, und der ihnen allen dabei das Rätselwort wie zufällig verriet. Alle waren sie auf diesen Schwindler hineingefallen, alle waren sie Dummköpfe gewesen; nur einer nicht, der Schnorrer selbst, der ein großer Schlaukopf war.

Der Herr Studienrat tobte nicht schlecht. Aber noch viel wütender als auf seinen Besucher, der ihn hineingelegt hatte, war er auf sich selbst; denn wenn er an jenem Nachmittag nicht mit geradezu polizeiwidriger Dummheit geschlagen gewesen wäre, hätte er auf den ersten Blick sehen müssen, daß sein Besucher, der trotz seiner Armut nach außen hin den Schein zu wahren verstand, ihm die wirklich richtige Lösung gebracht hatte, denn wie hieß es doch: Gar mancher ist's, doch keiner will es sein, und wer es dennoch ist, der wahret stets den Schein.

Ja, der Fremde hatte ihm, ohne daß er, der Dummkopf, es bemerkte, das wirkliche Rätselwort gebracht, denn das hieß: „arm”.


Anmerkung der Redaktion:

Der am 4.Oktober aus dem Leben geschiedene bekannte Schriftsteller hat die vorstehende Humoreske wenige Wochen vor seinem Tode verfaßt.


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© Karlheinz Everts