Persönliche Tapferkeit im heutigen Kriege.

Von Freiherrn von Schlicht (Wolf Graf Baudissin).
in: „St. Petersburger Zeitung”, Montags-Blatt, vom 30. Aug. (12. Sep.) 1904 und
in: „Bozner Nachrichten” vom 6. Okt. 1904


Im Fernen Osten tobt mit unverminderter Heftigkeit der russisch-japanische Krieg. Die Frage, wird Port Arthur fallen oder nicht, beschäftigt alle Gemüter, und täglich berichten die Zeitungen von den tapferen Angriffen der Japaner, von dem heldenmütigen Ausharren der Verteidiger. Kein Tag vergeht, wo nicht der Tapferkeit beider Armeen und der Tapferkeit einzelner Führer Anerkennung gezollt wird. Da ist es vielleicht nicht unangebracht, ein paar Worte über die persönliche Tapferkeit im heutigen Kriege zu sagen, denn wie alles in der Welt, hat im Laufe der Jahrhunderte auch die persönliche Tapferkeit ein ganz anderes Gesicht bekommen.

Wenn man in aller Kürze die Kriege von einst mit denen von jetzt vergleicht, so besteht der Unterschied hauptsächlich darin, daß es sich früher um einen Nahkampf, jetzt aber um einen Fernkampf handelt. Die zur Verfügung stehenden Waffen brachten es in den alten Zeiten mit sich, daß man dem Gegner in des Wortes verwegenster Bedeutung unmittelbar auf den Leib rücken mußte. Die Streitaxt, das kurze Schwert der Römer, die Lanzen und Hellebarden des Mittelalters waren nur dann wirksam, wenn man dem Gegner auf wenige Schritte gegenüberstand; nur dann hatte die Waffe überhaupt einen Zweck, nur dann konnte es überhaupt zu einem Kampfe kommen. Und so waren die ganzen Schlachten der alten Römer und Griechen und auch die Schlachten des Mittelalters weiter nichts als ein aus zahllosen einzelnen Gefechten zusammengesetztes Ganzes. Man kämpfte Mann gegen Mann, und war der eine Gegner gefallen, so stand dem Sieger schon wieder ein anderer gegenüber. Und der Sieg war auf Seiten dessen, der die größte persönliche Tapferkeit besaß, der mit Heldenmut angriff, der zuerst die Waffe gegen den Feind erhob. Die persönliche Tapferkeit war alles, und es genügte nicht die Tapferkeit des Führers, auch die Mannschaften mußten von persönlichem Mut beseelt sein. Die individuelle Tapferkeit und, damit eng verbunden, die persönliche Körperkraft waren ausschlaggebend. In der heutigen Zeit schwärmen nur noch die Besucher der Galerie oder hysterische Frauenzimmer für moderne Herkulesse, die sich bei den Ringkämpfen die Köpfe blutigschlagen und sich gegenseitig mehr oder weniger die Knochen entzweibrechen. In der alten Zeit, wo Kriegskunst und -wissenschaft keine Rolle spielten, beugte man sich nur vor der Tapferkeit und der Kraft. Wer da die wilden Tiere in den Sand streckte oder einen Stier um die Rennbahn herumtrug, war ein Nationalheld. Von den Wundern der Tapferkeit und der Kraft singen die alten Sagen, und die Namen der Helden lebten im Volke fort von Geschlecht zu Geschlecht.

So war es zur Zeit der Griechen und Römer, der alten Germanen, und wenn auch etwas verändert, blieb es so bis zur Erfindung des Pulvers, bis zur Einführung der Schießwaffen. Von da ab begann die Tapferkeit des einzelnen eine geringere Rolle zu spielen, nicht etwa weil es den Kämpfern an Mut fehlte, sondern weil es ihnen an Gelegenheit mangelte, sich persönlich auszuzeichnen. Aus dem Nahkampf entstand nach und nach der Fernkampf, wenngleich man damals noch nichts von den großen Entfernungen ahnte, auf die man heute einen Gegner unschädlich zu machen versucht. Die Einzelgefechte und die Einzelkämpfe hörten auf, man kämpfte in ganzen Abteilungen. Geschlossen rückte das Bataillon bis auf fünfhundert Meter an den Feind heran und gab seine Salve ab. Wer bei dem Feuer des Gegners fiel, blieb liegen, das Bataillon schloß sich wieder fest zusammen und avancierte im strammen Paradeschritt weiter, bis es entweder den Gegner durch sein Salvenfeuer oder durch seine Übermacht erschüttert hatte, oder bis es selbst zurückgeschlagen wurde. Aus den selbständig fechtenden Kämpfern war gewissermaßen eine Maschine geworden. Man hatte nichts zu tun, als die Befehle der Vorgesetzten auszuführen, auf Kommando zu schießen und stehen zu bleiben, bis der Gegner das Feuer erwidert hatte. Auf eins hatte man nur zu achten, das war die strenge Seitenrichtung; denn niemand durfte einen Schritt vor, niemand einen Schritt zurückstehen. Von einer persönlichen Tapferkeit des einzelnen konnte keine Rede sein, die eiserne Disziplin zwang zur allgemeinen Tapferkeit, die darin bestand, den Befehl der Vorgesetzten trotz des feindlichen Feuers genau auszuführen, im feindlichen Kugelregen auszuharren.

Und noch anders ward es seit der Einführung der Hinterlader, die es ermöglichten, auf früher ungeahnte Entfernungen das Feuer zu eröffnen. Aber auch da hielt man zuerst noch an den starren Formen der alten Taktik fest, selbst in den ersten Schlachten des Krieges 1870/71 kämpften die Deutschen noch in geschlossenen Formationen, bis die enormen Verluste sie zwangen, zu der aufgelösten Gefechtsform überzugehen. Aber man tat es nur ungern und widerwillig, man betrachtete die Schützenlinie nur als eine Ausnahme, denn man glaubte, die Disziplin würde zum Teufel gehen, wenn der Führer die Truppe während des Gefechts nicht geschlossen in der Hand hielte. So blieb trotz allem der alte Zopf des geschlossenen Avancierens nach den Klängen des Avanciermarsches die Hauptsache, und das geschlossene Bataillonskarree wurde mit einer Liebe gehütet und gepflegt, als gälte es das Teuerste, was man auf Erden besaß, vor dem Untergang zu retten. Und man hielt an der alten Gefechtsweise fest, bis die Erfindung des rauchlosen Pulvers endlich eine durchgreifende Änderung der ganzen Taktik herbeiführte. Da sahen selbst die stärksten Anhänger des alten Systems ein, daß es mehr als ein Wahnsinn wäre, mit geschlossenen Truppenteilen gegen den Feind anzugehen, und so entstand denn endlich die aufgelöste Gefechtsordnung für die vorderen Truppen, nur für die Unterstützungstruppen behielt man noch die geschlossene Formation bei. Aber auf die Dauer war auch das nicht durchzuführen, auch die Soutiens wurden aufgelöst, und der Angriff eines geschlossenen Regiments, das mit klingendem Spiel und wehender Fahne zum Sturmangriff übergeht, wird noch alljährlich bei den Manövern als Paradestück gezeigt, kommt aber für den Ernstfall natürlich nicht ein einzigesmal in Frage. So ist man im Laufe der Jahrhunderte allmählich wieder zu einem gewissen Einzelgefecht gekommen. Jeder Mann der Schützenlinie nimmt sich einen bestimmten Gegner aufs Korn und handelt innerhalb seines Befehlsbereichs ganz selbständig. Unbekümmert um das, was seine Nebenleute tun, zielt er, so lange er will, er drückt ab, wenn er seines Schusses sicher zu sein glaubt, und hat er nach seiner Meinung keine Aussicht auf einen Treffer, so wartet er ruhig, bis ihm sein Ziel besser sichtbar wird. Aus dem Einzelfeuer eines jeden Schützen entsteht somit das Feuer der ganzen Linie, das kein blindes Drauflosknallen auf Befehl des Vorgesetzten, sondern ein selbständiges Handeln jedes einzelnen Mannes ist. Dieses Schützenfeuer bildet bei dem heutigen Gefecht die Hauptsache. Ein Heranstürmen an den Feind ist nicht möglich, wenn dieser nicht vorher durch das Feuer der Infanterie oder der Artillerie niedergekämpft ist. Die Entfernung, aus der dieses entscheidende Feuer abgegeben wird, ist erklärlicherweise verschieden, es richtet sich nach dem Gelände, nach den Witterungsverhältnissen, nach der Beleuchtung und nach manchem anderen. Man versucht natürlich so nahe wie möglich an den Gegner heranzukommen, bevor man das Feuer eröffnet, aber im allgemeinen wird sich der Entscheidungskampf für die Infanterie auf einer Entfernung von etwa 700 Meter abspielen. Und es ist klar, daß da von einer persönlichen Tapferkeit des einzelnen gar nicht die Rede sein kann. Weder Offiziere noch Mannschaften finden Gelegenheit, sich dort irgendwie auszuzeichnen. Die Aufgabe der Mannschaften besteht darin, ruhig zu feuern, und die Offiziere haben die Aufgabe, die Feuerleitung in der Hand zu halten, einen Mißbrauch der Patronen zu verhindern und das Gelände zu beobachten. Die Zeiten, wo die Offiziere die Truppen entlang gingen, um die Leute zu kontrollieren, sind für immer vorbei. Auch die Offiziere liegen heute in der Schützenlinie, und wer sich da unnötig erhebt, fällt den feindlichen Kugeln zum Opfer. Ebenso sind die Zeiten vorbei, in denen durch ein mutiges Darauflosstürmen der Erfolg herbeigeführt wurde. Wer zum Angriff übergeht, bevor der Feind erschüttert ist, setzt sein Leben und das der Mannschaft ohne jeden Zweck leichtsinnig auf das Spiel. Zu erzwingen ist heutzutage ein Erfolg niemals mehr durch persönliche Tapferkeit, sondern nur durch ein wohlgezieltes, andauerndes Feuer. Heutzutage muß der Erfolg abgewartet werden; die Kämpfe vor Port Arthur zeigen es aufs neue. Es hat keinen Zweck, daß Japaner darauflosstürmen, Tag und Nacht neue Angriffe versuchen. Solange das Feuer der Geschütze nicht seine volle Schuldigkeit getan hat, scheitert die größte Tapferkeit der Führer und Soldaten an der furchtbaren Wirkung der modernen Feuerwaffen. Das ist für tapfere Truppen und für tapfere Führer, die ihr Leben gering achten und deren Ehrgeiz und Temperament sie drängt, mutig vorwärtszustürmen, bitter und zuweilen auch entmutigend, aber sie müssen sich dennoch fügen und müssen es lernen, den geeigneten Augenblick abzuwarten. Die persönliche Tapferkeit des einzelnen hat heute nur noch einen moralischen, einen erzieherischen Wert. Die Truppen müssen unbedingt wissen, daß ihr Führer tapfer ist; an seinem Mut werden auch sie sich wieder aufrichten. Aber einen praktischen Nutzen hat die individuelle Tapferkeit nur indirekt. Graf Keller, der vor einiger Zeit gefallene russische General, hatte seinen Tod vorausgesagt und von seinen Freunden und Angehörigen Abschied genommen, bevor er sich zu Pferde setzte und die Front der Truppen abritt, um ihnen Mut zuzusprechen. Er hat seinen Zweck, den Geist der Soldaten zu beleben, erreicht; einen größeren Erfolg konnte seine Tapferkeit auch nicht haben.

Beinahe spielt die persönliche Tapferkeit bei der Verteidigung heutzutage eine größere Rolle als beim Angriff, aber auch da ist sie meistens eine passive, die darin besteht, im dichtesten feindlichen Feuer nicht zu wanken und den Angriffen des Feindes zu trotzen. Ein solches Beispiel persönlicher Tapferkeit ist der Kommandant der Festung Port Arthur, der General Stößel. Welchen praktischen Wert seine Tapferkeit hat, ob es ihm gelingen wird, die Festung zu halten, bis die Ersatztruppen herangekommen sind, ob es ihm möglich sein wird, auch weiterhin die Angriffe zurückzuschlagen, muß die Zukunft lehren. Auf jeden Fall hebt seine Tapferkeit nicht nur den Mut der Garnison von Port Arthur, sondern den der ganzen russischen Armee, auf die es geradezu einen niederschmetternden Eindruck machen würde, wenn die Festung fiele.

So kann heutzutage nur von einem indirekten Wert der persönlichen Tapferkeit des einzelnen die Rede sein, niemals kann ein einzelner, und wäre es der höchststehende General, durch persönlichen Mut allein irgendwelche Entscheidung herbeiführen. Dies gilt von allen Waffengattungen, nicht zuletzt von der Kavallerie. Über den Wert oder Unwert der großen Kavallerie-Attacken, wie sie heutzutage bei den Parademanövern geritten werden, sind sich längst alle einig. Eine Attacke hat heute nur dann einige Aussicht auf Erfolg, wenn der Gegner bereits erschüttert ist oder wenn es der Kavallerie gelingt, ganz überraschend aufzutreten. Und diesen richtigen Moment abzupassen und abzuwarten, erfordert mehr Geschicklichkeit und ruhige Überlegung als persönliche Tapferkeit, die da wild nach vorn drängt. Auch die Seegefechte zeigen, daß die persönliche Tapferkeit der Kommandanten und Mannschaften allein niemals einen Erfolg herbeiführen kann. Rußland hat zur See ungeheure Verluste erlitten, und doch hat gerade die russische Marine den größten Mut bewiesen, ihre Führer haben, wenn auch noch so schwer verwundet, den Platz auf der Kommandobrücke nicht verlassen, aber den Torpedos und den schweren Geschützen gegenüber blieb auch ihre Courage nutzlos.

So hat es allen Anschein, als ob die persönliche Tapferkeit des einzelnen aufgehört hätte, einen Wert zu haben. Und dennoch muß sie sein, um die Truppen an einem feigen Zurückgehen zu verhindern, um sie zu zwingen, im dichtesten Feuer zu stehen. So kann die persönliche Tapferkeit in mancher Hinsicht doch noch unendlich viel nützen, aber die Zeiten, in denen der einzelne Gelegenheit hatte, sich auszuzeichnen, sind vorbei für immer, und liest man heutzutage von tapferen Helden, die mutig darauflosstürmen, so liest man nicht von einem Erfolg, den sie errungen, sondern nur von dem Heldentod, den sie dabei gefunden haben.


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© Karlheinz Everts