Freiherr von Schlicht

Ein Patrouillenritt.

in: „Das kleine Journal”, Nr. 238 vom 19.Sept. 1898


Im letzten Manöver war es – das „wo” verschweigt des Sängers Höflichkeit, denn wenn man mir auch oft vorwirft, aus der Schule zu plaudern, so bin ich doch diskret genug, nie Namen zu nennen.

Im letzten Manöver also war es und vom frühesten Morgen bis zum späten Nachmittag hatte das Gefecht gedauert. Der böse, böse Feind hatte einen Höhenzug sehr stark besetzt und wollte nicht aus seiner Stellung weichen – erst durch eine große Umgehung gelang es, ihn im Rücken zu fassen und dadurch zu vertreiben. Was man thut, soll man ordentlich thun, lautet ja ein altes Wort, und so zog denn der Gegner, als er sich endlich zum Rückzug entschloß, mit solcher Geschwindigkeit und Geschicklichkeit von dannen, daß er den Augen der anderen Partei vollständig entschwand.

Als die Kavallerie am Abend in ihre Quartiere rückte und keine Nachrichten über den Gegner mit nach Haus brachte, wurde der Führer des Detachements dem armen Rittmeister s—ehr grob, und nicht ohne Grund. Wenn man den Feind am nächsten Morgen angreifen will und nicht weiß, wo er steht, so ist dies mit noch größeren Schwierigkeiten als sonst verbunden. Angreifen aber wollte der Herr Oberst, das hatte er sich vorgenommen, er wollte kühn und tapfer sein wie Richard ohne Furcht, denn in diesem Manöver sollte es sich entscheiden, ob er General würde. Nachrichten mußte er unter allen Umständen haben und deshalb sagte er: „Bis heute Abend 10 Uhr erwarte ich Ihre Meldungen, Herr Rittmeister, woher Sie dieselben bekommen, ist Ihre Sache.” Der Herr Rittmeister sagte: „Zu Befehl!”, machte linksum Kehrt und ging zu seine Schwadron.

„Meine Herren,” sprach er zu seinen Offizieren, „es thut mir leid, aber ich kann es bei dem besten Willen nicht ändern, einer von Ihnen muß jetzt sofort noch eine Patrouille reiten. Meldet einer der Herren sich freiwillig?”

Natürlich trat Keiner vor.

„Ihr Diensteifer ist nur lobend anzuerkennen, meine Herren, dann bitte ich also den Jüngsten. Herr Lieutenant von Dingsda, wollen Sie so freundlich sein? Suchen Sie sich aus Ihrem Zuge die sechs besten Pferde heraus und dann reiten Sie los. Woher Sie die Meldungen bekommen, ist Ihre Sache, aber kommen Sie mir nicht unverrichteter Sache zurück, sonst giebt's ein Unglück.”

Fünf Minuten später trabte der Herr Lieutenant mit seiner Begleitung auf der Chaussee von dannen, in der rosigsten Stimmung befand er sich gerade nicht.

Eine Stunde verrannn nach der anderen, nichts war zu sehen, kein militärisches Wesen zu entdecken.

Endlich, endlich tauchte in der Ferne ein Reiter auf, der Trab wurde verstärkt und bald hatte man ihn eingeholt – es war ein Stabsoffizier der Gegenpartei, der sich durch die weiße Binde, die er um den linken Oberarm trug, als Schiedsrichter kenntlich machte.

„Nanu? Wohin wollen Sie denn noch so spät?” fragte er den jungen Offizier.

„Melde ganz gehorsamst: Patrouille gegen den Feind, ein Offizier, sechs Pferde.”

Bei der Kavallerie zählt man nur die Pferde, wer auf ihnen sitzt, ist ganz gleichgiltig.

„Und wo suchen Sie den Feind?”

Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des jüngsten Lieutenants. „Ja, Herr Major, wenn ich das wüßte, wäre ich sehr, sehr glücklich,” und einem plötzlichen Gedanken folgend, fuhr er fort: „Könnten der Herr Major mir nicht irgend einen Hinweis geben, wo ich den Gegner finde?”

Der Stabsoffizier schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Ich könnte schon, aber —”

„Ach bitte, bitte, Herr Major,” flehte der junge Lieutenant, „bitte, helfen der Herr Major mir. Seit heute Morgen um fünf Uhr sitze ich im Sattel, das sind jetzt dreizehn Stunden, und morgen früh um fünf Uhr geht es schon wieder los. Ein Pferd ist mir heute Morgen schon lahm geworden und dieser Gaul ist todtmüde.”

Der Lieutenant sprach mit so kindlich rührender Stimme, daß in der Brust des Stabsoffiziers sich etwas wie Mitleid regte.

„Was soll ich machen?” jammerte der Offizier weiter, „wenn ich ohne Meldung zurückkomme, giebt es ein Unglück, der Herr Rittmeister hat es mir prophezeit, und der Herr Major kennen meinen Herrn Rittmeister nicht, der prophezeit nie falsch.”

Ein leises Lächeln umspielte den Mund des Zuhörers: „Nun, wenn Ihnen nur an einer Meldung gelegen ist, kann ich Ihnen helfen. Ich will Ihnen sagen, was ich Ihnen sagen darf – Sie müssen mir aber Ihr Wort darauf geben, daß Sie vor morgen Mittag nicht verrathen, woher Sie Ihre Nachrichten haben.”

Der Lieutenant schwur zehn Eide statt des einen, dann zog er sein Notizbuch hervor und schrieb nieder, was der Andere sagte.

„Na, da wird mein Rittmeister aber Augen machen,” dachte der Lieutenant, als er bald darauf in das Biwak zurückritt, und er behielt Recht. Der Herr Rittmeister machte sogar große Augen, als sein Lieutenant ihm zwei Stunden später einen ausführlichen Vortrag über die feindliche Aufstellung hielt.

„Sie sind ja ein ganz verfluchter Kerl, daß Sie das Alles ausgekundschaftet haben,” lobte er, „nun aber melden Sie sich bei dem Herrn Oberst, der Sie mit Ungeduld erwartet.”

Hatte der Rittmeister große Augen gemacht, so machte der Herr Oberst noch größere: „Was? Der Teufel noch einmal, in der Richtung ist der Feind abgezogen, das zu erfahren ist ja äußerst wichtig. Er glaubte sich wohl vor mir verstecken zu können? Beinahe wäre es ihm ja auch gelungen. Nun aber werde ich ihn morgen früh finden und aufs Haupt schlagen, darauf kann er sich verlassen. Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht, Herr Lieutenant – haben Sie schon zu Abend gegessen? Nein? Dann sind Sie selbstverständlich mein Gast. Sie essen doch Rebhühner?”

„Wenn ich sie habe, immer,” dachte der Lieutenant, und bei kaltem Geflügel und einer kalten Flasche Sekt kam der Offizier, der noch vor einigen Stunden sein Dasein verwünscht hatte, zu der Überzeugung, daß das Leben gar nicht so dumm wäre.

Am nächsten Tag ereignete es sich seit langer, langer Zeit einmal wieder, daß die beiden Gegner sich gar nicht fanden.

Vergebens wartete der General mit seinem Stabe auf der Anhöhe, bei der es nach seiner Berechnung – und Generale verrechnen sich bekanntlich nie – zu dem Zusammenstoß kommen mußte, auf das Anrücken der Truppen.

Aber es rückten keine Truppen heran.

Stunde auf Stunde verrann.

Adjutanten, Ordonnanzoffiziere, Meldereiter, Patrouillen und Radfahrer wurden nach allen Himmelsrichtungen entsandt, endlich fand man eine Partei, die andere war spurlos verschwunden.

Da meldeten des Weges kommende Bauern, daß sie vor vielen, vielen Stunden Truppen in der gerade entgegengesetzten Richtung gesehen hätten.

Wieder wurden Adjutanten abgeschickt und Nachmittags um vier Uhr waren die Truppen beide Parteien zusammengezogen – an ein Gefecht war natürlich nicht mehr zu denken.

Der Herr General befand sich in einer Stimmung, die geradezu haarsträubend war.

„Klarheit will ich haben, meine Herren, klar will ich sehen, wie eine solchen Geschichte möglich ist.” (Statt „Geschichte” brauchte er leider ein anderes Wort, das wiederzugeben meine Feder sich sträubt.)

Und endlich war die Klarheit da.

„Meine Herren, ich bitte um fünf Minuten Zeit, ich muß mir erst überlegen, was ich dazu sagen soll.”

Alle bekamen es mit der Angst, und nicht ohne Grund, denn wenn ein General die Grobheiten, die er loslassen will, ganze fünf Minuten überlegt, kann die Rede genußreich werden.

Und sie wurde noch gröber als die bekannte Kritik des alten Wrangel: „Meine Herren, ich habe mir sehr gefreut, Sie Alle so wohl zu sehen – das war aber auch das Einzigste, worüber ich mich heute gefreut habe.”

„Meine Herren,” donnerte der General, „daß der Stabsoffizier der Gegenpartei dem jungen Kavallerie-Offizier auf seine kindlichen Fragen hin nicht die Wahrheit gesagt hat, ist nur in hohem Grade anzuerkennen. Daß der junge Offizier glaubte, was der Gegner ihm erzählte, ist traurig und beweist, daß er noch viel zu jung ist, um schon Offizier zu sein. Ganz räthselhaft aber ist es mir, Herr Oberst, wie Sie dieser Meldung den geringsten Glauben schenken konnten. Ihr Verhalten zeigt mir, daß Sie sich absolut nicht in die Kriegslage hineinzudenken vermochten – es thut mir leid, Ihnen dies sagen zu müssen. Ich hätte mehr und Besseres von Ihnen erwartet.”

Armer Herr Oberst! Wie konntest Du aber auch nur so auf den Köder, den man Dir hinhielt, anbeißen? Wie konntest Du Dich aber auch nur so blamiren? Und vor allen Dingen: Wie konntest Du den jungen Lieutenant, der Dir durch seine Meldung den Hals brach, nur auf Dein letztes Rebhuhn einladen und ihm zu Ehren sogar noch einer Flasche Sekt den Hals brechen?

So weit ich unterrichtet bin, hat der Herr Oberst das letztere bis auf den heutigen Tag selbst noch nicht begriffen, und ich fürchte, er wird es auch nie mehr begreifen, da mit dem Amt ja auch der dazu gehörige Verstand zu schwinden pflegt.

Freiherr v. Schlicht.


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© Karlheinz Everts