Wie ich zu einem Kinde kam.

Humoreske von Freiherr v. Schlicht.
in: „Karlsruher Tagblatt” vom 19.Sept.1921 und
in: Weimarisches Sonntagsblatt, Unterhaltungs-Beilage zur
„Allg. Thür. Landeszeitung Deutschland” vom 25.Sept. 1921

Meine langjährige Wirtschafterin war in den heiligen Stand der Ehe getreten und ich hatte ein neues Mädchen, richtiger gesagt, das neunzehnte neue, denn ihre achtzehn Vorgängerinnen hatte ich auf der Polizei geich nach der Anmeldung wieder abmelden müssen, so daß ich schon drauf und dran war, auf dem Meldeamt ein Jahresabonnement zu nehmen.

Da erschien Berta, die Neunzehnte, und die schien bleiben zu wollen und bleiben zu sollen. Gewiß, ein Juwel war sie auch nicht. Von dem Reinemachen und dem Staubwischen hielt sie nicht allzu viel, perfekt kochen konnte sie eigentlich nur Wasser und Eier, Ordnung und Pünktlichkeit waren ihre schwächsten Seiten, aber sie nahm durch ihr sauberes, appetitliches Aeußere für sich ein. Auch schien sie persönliches Interesse an mir und meinem Wohlergehen zu nehmen, denn sie war viel um mich herum, bis sie mir bei der Gelegenheit letzthin einmal gestand, sie habe ein Kind, und dieses Kind mache ihr große Sorgen. Bisher sei es bei der Mutter ihrer Freundin Paula in Pflege gewesen, nun aber habe sie sich mit der Paula erzürnt und infolgedessen hetze die beständig die Mutter auf, das Kind nicht länger zu behalten. Und Berta schloß schluchzend mit der Frage: „Wo soll ich mit meinem Kinde hin, wenn Paulas Mutter es nicht mehr behalten will?”

„Die muß es ganz einfach behalten,” entschied ich kategorisch, schenkte der Berta einen Fünfzigmarkschein und forderte sie auf, ihre Freundin Paula zu einem Bummel duch den Jahrmarkt, der gerade in der Stadt war, einzuladen, dort solange mit ihr Karussell zu fahren, bis die Paula blödsinnig geworden sei und gar nicht mehr wisse, warum sie sich denn eigentlich mit ihr, der Berta, jemals erzürnt habe und dann mit ihr bei mehreren warmen Rostbratwürsten erneut ewige Freundschaft zu schließen.

Mit dem Fünfzigmarkschein in der Tasche zog die Berta glückstrahlend von dannen, um meiner Instruktion gemäß zu handeln, und ich blieb allein zu Hause. Da hörte ich etwa eine Stunde später die Gartenpforte gehen, dann vernahm ich schnelle hastige Schritte auf der Steintreppe, die zur Haustür führt, und als die Schritte sich wieder entfernt hatten, hörte ich plötzlich ein leises Wimmern und Weinen. Und als ich dann voller Neugierde die Haustür öffnete, um zu sehen, was da weine, winsele und jammere, lag dort in Tüchern eingewickelt ein ganz kleines Kind, und instinktiv erriet ich: das ist Bertas Kind. Sicher hatte die Berta die Freundin nicht zu Hause angetroffen und diese hatte, da sie nichts von dem Karussellfahren und den Rostbratwürsten ahnte, mit denen sie versöhnt werden sollte, der Mutter das Kind abgeschwatzt und es ganz einfach vor meine Haustür gelegt, damit die Berta es dort fände und dann gefälligst selbst für ihr Kind sorge.

Vorläufig aber mußte ich nun für das Baby sorgen, denn wenn der Abend auch schön und warm war, konnte ich es doch nicht auf der Steintreppe liegen lassen. So hob ich es denn mit ungeschickten Händen möglichst geschickt auf, und der Erfolg blieb auch nicht aus, der Säugling fing an zu schreien, als sei ich ein Mörder, der ihm sein junges Lebenslicht ausblasen wolle. Das Kind brüllte wie verrückt, ich aber trug es trotzdem in meinen Armen in mein Zimmer, legte es dort auf den Tisch, hielt mir die Ohren zu und überlegte: was tust du nur, damit der Balg nicht mehr schreit? Und ferner fragte ich mich: warum mag er nur so schreien?

Bis ich mir sagte: sicher hat der Säugling Hunger, folglich mußt du ihm etwas zu essen geben. Aber was nur? Etwa den Gurkensalat, von dem bei dem Abendessen ziemlich viel übrig geblieben war? Aber nein, Gurkensalat war doch wohl nicht das richtige und sicher wollte das Kind auch nichts essen, sondern etwas trinken und natürlich Milch. Aber woher sollte ich die nehmen? Ich war doch keine Amme. Da fiel mir glücklicherweise ein, daß ich noch in der Küche eine Flasche Milch stehen haben müsse, die die Berta mir am Nachmittag holte. So stürzte ich denn in die Küche, vorher aber legte ich das Kind von dem Tisch auf den Teppich, damit es sich nicht in meiner Abwesenheit von selbst auf diesen herunter schrie, sich dabei umbrächte und mir dadurch eine Anklage wegen fahrlässiger Kindestötung verschaffe.

Mit der Flasche in der Hand stürzte ich bald darauf von der Küche wieder nach oben, zog im Laufen mit dem Korkenzieher meines Taschenmessers die Flasche auf, legte dann den Säugling vom Teppich wieder auf den Tisch und wollte ihm aus der Flasche zu trinken geben. Aber Erbarmung, mir fehlte ja die Hauptsache, der Gummilutscher. Und woher sollte ich den nehmen? Ich wußte ganz genau, daß ich keinen im Hause hatte, trotzdem begann ich den in allen Winkeln und Ecken zu suchen, aber ich fand natürlich keinen, und ich fand auch nichts, was mit einem Gummilutscher auch nur die entfernteste Aehnlichkeit gehabt hätte.

Und das Baby, das sicher den Milchgeruch witterte, brüllte nach seiner Nahrung wie imm Zoologischen Garten die wilden Bestien, wenn sie den Wärter wittern, der ihnen das rohe Fleisch bringt.

Was war Richards III. berühmter Schrei nach dem ebenso berühmten Pferd gegen meinen Schrei nach einem Gummilutscher! Ich hätte nicht ein, sondern drei Königreiche für einen solchen gegeben, vorausgesetzt, daß ich sie besessen hätte.

Ob ich den Schreihals eine halbe Stunde sich selbst überließ, in der Nachbarschaft Tür bei Tür anklopfte und die Leute fragte: „Ach, entschuldigen Sie bitte, ich habe eben ein Kind bekommen, können Sie mir vielleicht mit einem Gummilutscher aushelfen?” Aber ich mußte damit rechnen, daß die Leute mich für verrückt hielten und mir die Tür vor der Nase zuschlugen.

Ein Pferd, ein Pferd, nein, einen Lutscher, einen Lutscher, zehn Königreiche für einen Lutscher!

Das Baby verdrehte im Brüllen und im Schreien seine Augen und ich verdrehte mir die meinen erst recht. Die irrten immer noch suchend durch das Zimmer, weil ich mir sagte: irgendwo mußt du doch einen Saugapparat finden, denn wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten, denn plötzlich fielen meine Augen, die mir schon ganz weit aus dem Kopfe heraushingen, auf eine neue kurze Pfeife, die ich mir am Vormittag gekauft und deren Mundstück ich zur Vorsicht hatte auskochen lassen. Ich war gerettet! ich drehte das Mundstück ab, bohrte es in das durch den Pfropfenzieher in dem Korken entstandene Loch, steckte den Korken wieder fest in die Flasche und steckte dem Säugling die Milchpfeife, nein, die Milchflasche, in den weitgeöffneten Rachen. Dann schrie ich Hurra und nochmals Hurra, denn das Kind trank. Ich aber fühlte mich so stolz wie noch nie in meinem Leben, ich stillte mein Kind, und dabei war es nicht einmal mein Kind. Das Kind trank und trank, aber leider schien es nicht ganz dicht zu sein, denn was es oben in sich hineintrank, tropfte es unten wieder heraus, oder hatte es vorher schon getropft? Das wußte ich nicht, aber jedenfalls fühlte ich, der ich das Kind bei dem Stillen auf meinem Schoß hielt, daß ich nasse Beinkleider bekam, so daß ich meinem Säugling voller Verzweiflung vorsang: „O du himmelblauer See, Kind, Kind, was machst du da, das ist bäh bäh!”

Aber das Kind tropfte weiter, und wer weiß, wie lange es das noch getan hätte, wenn nicht plötzlich Berta nach Hause und zu mir in das Zimmer gekommen wäre, um mir zu erzählen, daß sie die Paula leider nicht angetroffen habe und deshalb auch nicht mit der bei dem Karussellfahren die Rostbratwürste hätte essen können.

Einen Augenblick starrte sie mich und mein, nein ihr Kind fassungslos an, dann riß sie mir das Baby, für das ich doch in wahrhaft väterlicher und mütterlicher Weise gesorgt hatte, aus den Armen, um es zunächst einmal trocken zu legen, obgleich es nichts geschadet haben würde, wenn man auch mir diesen Liebesdienst erwiesen hätte.

Die Berta verschwand mit dem Kinde in ihrem Zimmer, dort hält sich der Säugling auch heute noch auf, und ich weiß nicht, ob er dort auch nicht die nächsten Jahre noch bleiben wird. Ohne ihr Kind will die Berta nicht bei mir bleiben, und wenn ich sie eines Tages mit dem Kinde fortschicke, wer weiß, ob ich dann nicht, wenn ich wieder ein neues Mädchen habe, eines Tages vielleicht sogar Zwillinge bekomme.


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© Karlheinz Everts