Zum 22. März.

Von Freiherrn v. Schlicht (Berlin).
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 21.3.1897


Ueberall, wo Deutsche wohnen, wird der 22. März festlich begangen, der Tag, an dem vor nunmehr hundert Jahren der große Kaiser geboren wurde, der unser schönes, großes Vaterland zu jener Machtstellung erhob, die es noch heute einnimmt. Mag hier und da auch einmal eine Welle an den Felsen heranspülen und ihn zu untergraben suchen, er steht fest und sicher auf dem Fundament, das der Heldenkaiser und seine großen Ratgeber gelegt haben.

Ueberall rüstet man sich zur Feier des Tages, auch in den Kasernen, denn ein Soldatenkaiser ist der große Held gewesen sein Lebelang und unermüdlich hat er als Kaiser für das Heer gesorgt, wie er schon als Prinz von Preußen für dessen Reorganisation gearbeitet hat.

„Zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Kaiser Wilhelms I. findet morgen große Parade statt.”

Seit Wochen wußte man schon, daß etwas derartiges in der Luft lag, man war darauf vorbereitet, aber nun, da der Feldwebel mittags bei der Parole diesen Garnisonbefehl vorliest, bekommen doch alle einen gelinden Schrecken.

„Die Korporalschaftsführer empfangen sofort nach Parole auf Kammer die dritten Röcke und Hosen.”

Diese Worte des Feldwebels lassen die Kammerunteroffiziere ein sehr trauriges Gesicht machen — keine Hausfrau giebt gerne etwas aus ihrem Leinenschrank heraus, man weiß, wie man es weggiebt, aber nie, wie man es wiederbekommt.

„Sonst noch eine Frage?” erkundigt sich der Feldwebel, und als alles schweigt, kommandiert er „Weggetreten”, und wenig später ist auf dem Korridor ein gewaltiges Laufen und Rennen, die dritte Garnitur wird empfangen und an die Leute ausgegeben.

Sobald jeder Mann seinen Anzug hat, beginnt das „Instandsetzen der Sachen”, alias Putz- und Flickstunde genannt.

Zu flicken giebt es bei den tadellosen Röcken, die nur bei ganz besonders feierlichen Gelegenheiten angezogen werden, nichts, wohl aber desto mehr zu putzen.

Der Unteroffizier hat sich sein Schwert um die Lenden gegürtet, um dadurch anzudeuten, daß das Putzen „kein Vergnügen nich ist”, sondern königlicher Dienst, auf das Haupt hat er sich die Mütze gesetzt und dann hat er auf einem Tische Platz genommen, um von oben herab seine Kindlein zu überwachen.

„Die Unteroffiziere können heute nachmittag während der Putzstunde den Leuten noch etwas über den alten Kaiser erzählen,” hat der Hauptmann am Vormittag gesagt und Sergeant Pozililla kommt diesem Befehl nach.

„Hat denn niemand gar kein Streichholz nich,” beginnt er seine Rede, und als seine Pfeife, die er bei diesem Dienste rauchen darf, in Brand ist, fängt er an:

„Also was ich Euch sagen wollte, morgen ist denn nun der hundertjährige Geburtstag von unserem alten unvergeßlichen Kaiser, das heißt der Tag, an dem der Kaiser vor hundert Jahren geboren wurde. So'n Tag , den muß man sich merken, als Soldat und als Patriot, und wir müssen ihn uns doppelt merken, denn wir sind Soldaten und Patrioten in einer Person, nicht weil wir müssen, sondern aus Ueberzeugung. Denn ein Mensch, der keinen Patriotismus nich in sich hat, das ist sozusagen gewissermaßen gar kein Mensch nich. Habt Ihr mir bis hierher mit Euren schafsdämlichen Gedanken folgen können?”

„Zu Befehl, Herr Sergeant.”

„Na, ich wollte es Euch auch geraten haben. Also wir werden nun morgen den Tag feiern, nicht so wie andere Leute. Die anderen, die vons Civil, die kommen zusammen, trinken mehr und reden am meisten. Das schickt sich nicht für Soldaten: ein richtiger Soldat, der es mit seinem Berufe ernst meint, ißt nicht mehr, als er geliefert bekommt, mit dem Trinken richtet er sich so ein, daß er seine zwei und zwanzig Pfennige pro Tag nicht auf einmal hinter die Binde gießt, und das Reden überläßt der Soldat den Weibern. Wir feiern jemanden nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen und mit den Beinen. Jawohl, mit den Beinen, darin liegt die Musik. Ein Parademarsch — das ist die höchste Ehre, die man einem Lebenden oder dem Andenken eines Toten erweisen kann. Wer nicht Soldat gewesen ist, versteht das nicht, aber wahr ist's doch.

Und wenn wir einen Toten zu ehren und zu verehren Veranlassung haben, so ist es unser verstorbener Kaiser Wilhelm I. Und darum sage ich es Euch jetzt noch einmal im Guten: daß Ihr mir morgen die Beine herausbringt — himmelhoch — und wer mir da morgen bummelt und die Knochen schont, der ist nicht wert, daß der alte Kaiser sein Kaiser war. Verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Sergeant.”

„Jawohl, was ich sagen wollte — Ihr habt den Kaiser ja nicht gekannt, oder hat ihn mal einer von Euch gesehen? Na, das dachte ich mir ja gleich, was wollt Ihr auch in Berlin, in der Großstadt könnt Ihr Euch ja auch nicht bewegen, Ihr könnt ja nicht einmal im langsamen Schritt über den Kasernenhof gehen.

Aber ich, ich habe den alten Kaiser gesehen, damals, als ich noch in Potsdam auf der Unteroffizierschule war und mir nicht träumen ließ, daß es solche Dämlacke, wie Ihr seid, auf der Welt gäbe. Jeden Sonntag vormittag, soweit der Dienst es zuließ, bin ich in Berlin Unter den Linden — da wohnte nämlich der alte Kaiser — gewesen und habe zugesehen, wie die Wache aufzog. Mit klingendem Spiel kam sie an und sobald sie bei dem Schlosse war, trat der Kaiser ans Fenster und ein tausendfaches Hurrah tönte ihm entgegen. Denn sie alle, die Tausende, die da vor dem Fenster standen, liebten ihren Kaiser und wollten es ihm zeigen.

An einen Sonntagmorgen muß ich immer noch denken, das war so im Jahre 87 oder 88. Es war ein wundervolles Wetter, und viele, viele Tausende standen vor dem Schloß und warteten. Endlich hörte man von weitem das „Locken” der Spielleute, und mit dem Preußenmarsch setzte die Musik ein. Immer näher und näher kamen die Maikäfer, die den Tag auf Wache zogen. Nun war sie bei dem Schlosse, und in dem Augenblicke, da der Tambourmajor das Fenster passierte, wurde der Kaiser sichtbar, aber nicht allein. Neben ihm stand ein kleiner Herr vom Civil mit weißen Haaren.

Ich habe mir hinterher nun sagen lassen, das sei das erste Mal gewesen, daß der alte Kaiser nicht allein am Fenster gestanden habe, und die Berliner, die alle höllisch neugierig sind, waren denn auch, wie man zu sagen pflegt, so perplex, daß sie ganz das Hurrahrufen vergaßen. Sie wollten absolutemente wissen, wer der Fremde sei. Und die Berliner sind helle, und so hatten sie es denn bald heraus, daß der Fremde niemand anders nicht sei, als ein Franzose, der berühmte Lesseps, der da den großen Suez Kanal gebaut hat, von dem Ihr natürlich alle noch nie was gehört habt. Wenn Ihr nur Euer Schinken- und Wurstverhältnis habt, das ist für Euch ja die Hauptsache.

Na, und was ich sagen wollte, als wir das denn nun erstmal 'raus hatten, wer der Fremde war, da ging ein Hurrahrufen los, wie ich es noch nie gehört habe, das war so gleichsam, na, wie soll ich sagen, na, als wenn wir alle dem Franzosen zeigen wollten: „Sieh mal, so lieb haben wir unseren Kaiser, das erzähl' mal in Frankreich, und, wenn Ihr mal wieder Krieg anfangt, dann ziehen wir mit derselben Liebe, wie Anno 70 wieder für unseren Kaiser ins Feld.”

So hab' ich mir das Hurrahrufen wenigstens zurecht gelegt.

Und es ward ein Gedränge, daß ich bis dicht an das Palais herankam. Ich stand so dicht, daß ich dem alten Kaiser die Hand hätte geben können, und da sah ich, daß seine Augen voller Thränen standen. Seht Jungens, und da hab' ich auch geweint.”

Der Sergeant schweigt und fährt sich mit der Rechten durch den mächtigen Schnauzbart:

„Hat denn niemand gar kein Feuer nich?”

Die Pfeife ist ihm beim Sprechen ausgegangen, nun aber brennt sie wieder, und gewaltige Dampfwolken steigen zur Decke empor.

„Ja, Jungens, das war ein Kaiser, der hat sein Volk geliebt und ihn sein Volk. Niemand konnte ihn sehen, ohne ihm gut zu sein.

Da habe ich mal eine Geschichte gelesen. In Rußland, wißt Ihr, da im Osten bei Sibirien liegt es, da wohnte ein Deutscher, der in jedem Jahre nach Berlin fuhr, und seine Vorgesetzten, er war Beamter, die fragten ihn einmal, was er eigentlich immer in Berlin mache. Da gab er zur Antwort: „Einmal in jedem Jahr muß ich meinen Kaiser sehen.”

Und die Russen, die lachten ihn aus, denn was so'n Russe ist, der hört und sieht nichts von seinem Kaiser.

Na, und da geschah es denn einmal, daß der, der da der höchste Vorgesetzte von dem Deutschen war, ein, was man so nennt, „Stockrusse”, nach Berlin mußte, weil er da für seine Regierung zu thun hatte, und er nahm seine Frau mit sich. Wie sie nun beide in Berlin sind, haben sie gedacht, sie wollten sich doch auch einmal den Kaiser ansehen, von dem der Deutsche immer so viel erzählte. Es war im Winter, und in ihre langen Pelze gehüllt, stellten sie sich denn vor das Palais und warteten, bis die Wache aufzieht. Immer mehr Menschen kamen heran, aber sie ließen sich nicht stören, sie blieben auf ihrem alten Platz fest stehen und sahen immer hinauf zu dem Fenster, an dem der Kaiser erscheinen sollte.

Und als er endlich ans Fenster trat, von seinem Volke jubelnd begrüßt, da entblößte der vornehme Russe demütig sein Haupt und ließ sich mit seiner Gattin auf beide Kniee nieder, und er kümmerte sich nicht darum, daß man ihn auslachte.

„Liubs batuschka, liubs batuschka,” das heißt auf deutsch: „Lieber Vater, lieber Vater.” Das haben sie immer wieder gerufen, denn wie ein Vater, der für seine Kinder sorgt, ist er ihnen erschienen.

Und länger als sie wollten, sind die Fremden in Berlin geblieben und jeden Mittag haben sie dem alten Kaiser ihr „liubs batuschka” zugerufen.

Seht mal, so haben ihn alle geliebt, die ihn kannten, und kennen thaten ihn alle, auch die, die ihn nie gesehen haben, denn das Gute, das er that, war von ihm bekannt.

Und als der alte Kaiser nun gestorben war, na, davon brauche ich Euch ja nichts zu erzählen, das habt Ihr ja alle selbst miterlebt.”

„Hat denn niemand gar kein Feuer nich?”

Wieder ist dem Herrn Sergeanten die Pfeife ausgegangen, aber sie wird abermals schnell entzündet.

„Na, also dem Gedenken des Kaisers gilt morgen unser Parademarsch, na, und das brauche ich Euch wohl nicht erst zu sagen, daß Ihr mir Eure Knöpfe ordentlich putzt, und daß ihr überhaupt morgen so hübsch aussehen müßt, wie das bei Euerer mehr oder weniger krummen Körper­beschaffenheit überhaupt nur möglich ist. Dir, mein Sohn Meier, lege ich die Reinlichkeit ganz besonders ans Herz, daß du mir nicht wieder mit deinen Kommißbrotfingern den Kragen zumachst, sondern hübsch die Rockschlizel dazu nimmst, denn wer morgen mit Ernst und Liebe bei der Sache ist, dem muß so sein, als ob der alte Kaiser in Person bei uns ist, na, und was würde der sagen, wenn Ihr dreckig vorbeimarschiertet?”

Die Hände der Rekruten, die während der Rede ihres Vorgesetzten mehrfach geruht haben, greifen jetzt wieder zur Putzgabel und zur Putzpomade, und fleißig geht die Arbeit von statten.

„Denn das sage ich Euch, Kerls, wer morgen nicht seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit thut, der kommt mir übermorgen bei dem Mannschaftsfest nicht aus dem Bau heraus. Für nichts ist nichts, das merkt Euch, nicht nur für jetzt, sondern auch für später, wenn Ihr wieder daheim die Schafe hütet, denn zu was anderem seid Ihr ja doch nicht zu gebrauchen. Auch im Fleiße könnt Ihr Euch ein Beispiel nehmen an dem großen Kaiser, der hat sein Lebelang gearbeitet vom frühen Morgen bis zum späten Abend, Jahr aus, Jahr ein, bis zum hohen Alter. Der hatte, wie er selbst an einem seiner letzten Tage sagte, keine Zeit, müde zu sein.

Und Ihr? Wenn Ihr nicht jeden Abend um neun Uhr in die Falle kriechen könnt, um den „Garnison­klappen­dienst” zu üben, dann ist in Euren Augen der Teufel los, dann wird gleich geschimpft, weil Ihr bange seid, Ihr könntet Euch tot arbeiten.

Na, ein Verlust für das Deutsche Reich wäre das ja nun gerade nicht.

Bis der 22. März vorüber ist, könnt Ihr meinetwegen aber am Leben bleiben, und ich will die Hoffnung nicht aufgeben, daß Ihr Euch morgen ernstlich vornehmt, Euch zu bessern und Eure Pflicht und Schuldigkeit zu thun, bis zum letzten Atemzug, so wie der alte Kaiser das auch gethan hat. Wollt Ihr das?”

„Zu Befehl, Herr Sergeant.”

„Na, das ist denn man gut, dann habe ich wenigstens nicht umsonst geredet.”

Und mit Grandezza steigt er von seinem Tisch herunter und zieht sich hinter den Vorhang, der seinen „Verschlag” von der Mannschaftsstube trennt, zurück, und, damit es auch bei ihm festlich aussehe, macht er sich daran, die Bilder der drei Kaiser, die vor ihm auf einem Tisch stehen, fein säuberlich zu putzen.


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