Hohle Zähne.

Humoristische Plauderei von Freiherr v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 46 vom 15.Feb. 1897 und
in: „Türke und Stachelschwein”


Die Weisen aller Jahrtausende waren und sind sich darüber einig, daß hohle Zähne der einzige Besitz sind, um den man von keinem Menschen beneidet wird.

Es ist der einzige Besitz, den man so gerne los sein möchte und von dem man sich doch so schwer trennt.

Der Entschluß, zum Zahnarzt zu gehen, kostet große Ueberwindung, und hat man sich endlich definitiv entschlossen, so kehrt man unter tausend Fällen neunhundertneunundneunzig Mal wieder vor der Thür um.

Der einzige Mensch, der vor der entsetzlichen Zange nicht Reißaus nehmen darf, ist der Msuketier.

Ich denke an eine Szene, die ich erlebte, als ich mein Jahr abdiente.

Alle waren zum Dienst angetreten und der die Aufsicht führende Offizier ging, den Anzug nachsehend, die Front hinunter, als er plötzlich vor einem Gemeinen stehen blieb.

„Nanu, wo haben Sie denn die dicke Backe her?”

„Ich habe einen hohlen Zahn Herr Lieutenant.”

„Warum lassen Sie sich das Ding nicht ausziehen?”

„Ich wollte nach dem Dienst ins Lazareth gehen, Herr Lieutenent.”

Der Lieutenant hatte ein gutes Herz und so sprach er: „Ich will Ihnen mal was sagen, mein Sohn, hier drüben an der Ecke wohnt mein Barbier, zu dem gehen Sie jetzt gleich hin und lassen sich auf meine Kosten den Zahn ausziehen. In zehn Minuten sind Sie wieder hier.”

Der Soldat verschwand, war aber schon nach fünf Minuten mit dem Bescheid zurück, an den Zahn wage sich der Barbier nicht heran.

Nun wurde ein Unteroffizier bestimmt, der den Mann begleiten sollte, und Beide marschierten ins Lazareth.

Und wie ist es ihm ergangen?

Zuerst kam der Einjährige Arzt, besah sich die Sache, fand sie furchtbar einfach, nahm eine Zange, setzte an — und brach den Zahn ab.

Als die Genesung des Kranken so weit vorgeschritten war, erschien der Herr Assistenzarzt. er ließ sich von seinem Untergebenen die Sache vortragen, tadelte ihn, daß er nicht einmal einen Zahn ausziehen kann, nahm die Zange, setzte an — und brach das ab, was der Einjährige Arzt versehentlich hatte stehen lassen.

Der Musketier schrie wie ein Wilder in der Jahrmarktsbude — da öffnete sich die Thür und herein trat der Herr Stabsarzt. Auch er ließ sich von seinem Untergebenen den Fall vortragen, reinigte dann bedächtig die Gläser seiner Brille, besah sich die traurigen Ueberreste von Karthago, sprach ein verständnißvolles „Aha”, nahm die Zange, setzte an, brach den Rest dessen ab, was der Einjährige und der Assistenzarzt hatten stehen lassen, und sprach dann voller Stolz und Würde: „Aha, die Krone hätten wir jetzt.”

Ob er, wie einst Napoleon, sich nicht mit einer Krone begnügen wollte? Genug, er streckte zum zweiten Male die zangenbewaffnete Hand aus, als der Soldat entsetzt aufsprang.

Aber der Befehl: „Setz Dich hin!” stellte die Ordnung gleich wieder her und als der Befehl „Mund auf!” zur Zufriedenheit der Vorgesetzten erfüllt war, stand der Fortsetzung der Prozedur von keiner Seite etwas im Wege.

Da öffnete sich abermals die Thür und herein trat der Herr Oberstabsarzt und Chef–Arzt des Lazareths.

Möglichst umständlich wurde ihm der Umstand vorgetragen, dann besah auch er sich die Sache und sagte: „Ja, meine Herren, auf die Art und Weise werden Sie den Zahn nie bekommen — das müssen Sie so machen.”

Ich will hier aus ästhetischen Gründen nicht schildern, wie der Zahn endlich an das Tageslicht kam, genug, er kam, der brave Krieger aber lag ohnmächtig auf der Erde.

Diese wahrhaftige Geschichte lehrt, daß es für den gemeinen Mann, auch Soldat und Musketier genannt, kein Vergnügen ist, einen hohlen Zahn zu haben.

Viel, viel schlimmer aber ist es, wenn die Vorgesetzten an hohlen Zähnen leiden.

Der Herr Hauptmann ist nun schon fünf Jahre Häuptling, das ist eine lange Zeit, sowohl in seinen Augen als in denen seiner höheren Vorgesetzten.

Er denkt: „Schon fünf Jahr Hauptmann und immer noch keine Aussicht, in absehbarer Zeit Major zu werden.&rdquo

Die höheren Vorgesetzten denken: „Fünf Jahre ist er nun schon Hauptmann, seit einem Jahr bezieht er schon das Gehalt erster Klasse, die Pension ist also schon ganz hübsch — soll er noch bleiben oder nicht? Kann er Major werden oder muß er vorher wandern?”

Und so entschließt sich denn der Herr Oberst eines Abends, den Herrn Hauptmann mal daraufhin zu untersuchen, ob er einen hohlen Zahn hat oder nicht.

Der Häuptling ahnt nichts Böses. In aller Gemüthsruhe erscheint er am nächsten Morgen auf dem Kasernenhof, besteigt seinen dort bereit stehenden „Gefechtsesel”, auch Kuh oder Pferd genannt, und rückt mit seiner Kompagnie zum Felddienst.

Einen Theil seiner Truppen hat er schon eine Stunde vorher unter einem alten Unteroffizier abmarschieren lassen, der soll mit seinen Leuten den Feind markiren. Zu welchem Thor es hinausgeht, weiß der Unteroffizier, und mehr braucht er auch nicht zu wissen, von früheren Uebungen ist ihm bekannt, wo er sich aufzustellen hat.

Der Häuptling marschiert unterdeß mit seiner Kompagnie ab, und sobald er zur Stadt hinaus ist, ruft er seine Offiziere zu sich: „Meine Herren, wir wollen uns nicht lange aufhalten, ich will nur einmal das Patrouillengehen etwas üben. Wir nehmen an, wir sind hier auf dieser Straße im Vormarsch, als uns gemeldet wird, daß sich im Vorgelände stärkere feindliche Patrouillen zeigen. Schicken Sie Patrouillen ab und instruiren Sie die Leute so, daß in einer Stunde Alles wieder hier ist, dann machen wir noch ein kleines Gefecht und gehen wieder heimwärts.”

Die Uebung beginnt und nimmt ihren programmmäßigen Verlauf, als auf einmal der Herr Oberst auf der Bildfläche erscheint.

Der Häuptling denkt, der Kommandeur reitet nur spazifiziren(1) — so galoppirt er ihm denn entgegen und meldet frohen Muthes: „Melde ganz gehorsamst die Kompagnie in der Stärke von hundert Mann zum Felddienst üben.”

„Danke sehr, bitte, lassen Sie sich gar nicht stören.”

Der Häuptling reitet auf seinen alten Platz zurück und der Herr Oberst sieht sich etwas in der Welt um.

Da gewahrt das scharfe Auge des Vorgesetzten einen Zug, der die Gewehre zusammengesetzt hat und gemüthlich im Grase liegt.

„Was sind das für Leute, Herr Hauptmann?”

„Das — das ist die Feldwache, Herr Oberst.”

„Wo steht denn der Posten?”

„Posten — einen Posten habe ich nicht ausgesetzt, Herr Oberst, ich wollte hauptsächlich den Patrouillendienst üben.&rdquo,

„Schön, sehr schön, aber einen Posten hätten Sie doch lieber ausstellen sollen. Na, das ist ja Ihre Sache! Aber wollen Sie die Leute nicht etwas instruiren lassen?”

„Zu Befehl, Herr Oberst! Herr Lieutenant Aberg, nehmen Sie die Leute zusammen und instruiren Sie über Feldwachtdienst!”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann!”

Der Lieutenant beginnt und richtig hört der Oberst zu: „Was Sie da sagen, ist ja Alles sehr schön und richtig, Herr Lieutenant, aber mir wäre es lieber, wenn Sie speziell über die heutige Uebung instruiren, über die Idee, die derselben zu Grunde liegt, damit ich sehe, daß die Leute auch wissen, worum es sich heute handelt.”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

Der Lieutenant wirft seinem Hauptmann einen fragenden Blick zu, der da besagt: „Welche Idee liegt denn eigentlich der Uebung zu Grunde, denn die, die Du uns vorhin gesagt hast, ist doch gar keine.”

Auch der Hauptmann wirft seinem Lieutenant einen Blick zu und der besagt: „Laß mich nicht hineinfallen.”

Und der Lieutenant liebt seinen Häuptling und so reißt er ihn denn heraus:

„Wie ich Ihnen vorhin schon sagte, ist die Idee, die der heutigen Uebung zu Grunde liegt, folgende: Wir gehören zu einer Ostpartei, die von unserer Garnison aus im Vormarsch nach Bedorf ist. Wir sind die rechte Seitendeckung. Hier, wo wir uns jetzt befinden, angekommen, erhalten wir die Nachricht, daß unser Gros für heute nicht weitermarschirt. Infolge dessen machen auch wir Halt, beziehen eine Vorpostenstellung und klären durch Patrouillen auf in der Richtung Adorf, Cedorf und Gedorf.”

„Wiederholen Sie das, Hansen.”

Vergebens bemüht sich der Musketier, diesen Vers nachzubeten, und kopfschüttelnd reitet der Herr Oberst, ohne weiter ein Wort zu sagen, von dannen.

Dem Häuptling kommt die Welt auf einmal wieder schön vor und er sagt zu seinem Lieutenant: „Na, ich danke Ihnen sehr, daß Sie mich aus der Patsche herausgerissen haben, das hätte ein schöner Reinfall werden können.”

„Hätte werden können?” Armer Häuptling, wenn es nur nicht noch einer wird.

Der Hauptmann sieht nach der Uhr, noch zehn Minuten und die Patrouillen müssen zurück sein. Da werden auch schon die ersten sichtbar, aber was ist das? Wer reitet da neben ihnen? Wahrhaftig, der Herr Oberst.

Langsam kommen sie heran und einzeln melden sie dem Vorgesetzten:

„Meldung von der Patrouille Nr. 1: Das Dorf Bedorf ist vom Feinde nicht besetzt.”

„Meldung von der Patrouille Nr. 2: Wedorf ist vom Feinde nicht besetzt.”

„Aber ich denke, die Patrouillen sollen nach Adorf, Cedorf und Gedorf aufklären?” erkundigt sich der Herr Oberst.

„Zu Befehl, Herr Oberst, das müssen die Leute falsch verstanden haben.”

„Nun, ich will die Sache auf sich beruhen lassen,” lautet der tröstliche Bescheid des gestrengen Vorgesetzten. Dann spricht er: „Herr Hauptmann, nehmen Sie, bitte, die Front nach der Stadt und geben Sie die Idee zu einer neuen kleinen Uebung aus.”

„Zu Befehl, Herr Oberst. Ganzes Bataillon — kehrt. Wir wollen Folgendes annehmen:”

Aber anstatt seine Idee nun bekanntzugeben, versinkt der Häuptling in tiefes, geheimnißvolles Schweigen, das sich Jeder deuten kann, wie er will.

Der Herr Oberst deutet es sich richtig. Schweigend wendet er sein Pferd und reitet von dannen. Er hat genug gehört, obgleich er gar nichts gehört hat.

„Einen hohlen Zahn hat er also sicher,” denkt der Herr Oberst, „na, wenn es sein einziger ist, soll es ihm nicht schaden. Aber ob es sein einziger ist? Na, wir werden ja sehen.”

„Wir können ja froh sein, daß der Oberst heute Morgen bei uns gewesen ist,” tröstet der Häuptling sich und seine Offiziere, „ich kenne ihn, nun kommt er fürs Erste nicht wieder.”

Aber er kommt doch wieder, schon am nächsten Morgen, als der Häuptling mit seinen Leuten nach dem Exerzierplatz gerückt ist.

„Detail–Exerzieren” lautet das Programm, das der Hauptmann sich vorgenommen hat.

Aber der Herr Oberst ist anderer Ansicht, er möchte die Kompagnie gern geschlossen exerzieren sehen.

Die Hauptsache ist, was der Herr Oberst „möchte”, ob es der Häuptling auch mag, darauf kommt es gar nicht an.

Der Hauptmann nimmt seine Kompagnie zusammen und zeigt, was seine Leute können und was er selbst kann: viel ist das nun gerade nicht und schön geht es auch nicht.

Und als nun das „unraillirte” Exerzieren beginnt, da herrscht eine Unordnung in der Kompagnie, wie sie größer nicht gtedacht werden kann.

Der zweite hohle Zahn ist entdeckt.

Am nächsten Morgen erscheint der Herr Oberst auf dem Scheibenstand, um sich einmal die Schußleistungen der Kompagnie anzusehen.

Die Leute haben ihren schlechten Tag, sie schießen ein Loch nach dem anderen, aber nicht in die Scheibe, sondern in die Luft.

Der Herr Oberst fordert sich zum Mittag das Schießbuch der Kompagnie ein und überzeugt sich davon, daß die Kerls jammervoll schießen.

„Noch ein hohler Zahn?” denkt der Oberst, „ganze dreie? das ist ein bischen viel. Mit zweien kann der Mensch leben, aber mit dreien? Hm, hm, hm.”

Das klingt verdächtig, sehr verdächtig.

Der Hauptmann sitzt im Kasino und ahnt das Unheil nicht, das über seinem Haupte schwebt.

Aber nach wenigen Tagen schon wird es ihm klar, daß man ihn gerne los sein will, und so geht er freiwillig, mit Rücksicht auf seinen leidenden Gesundheitszustand.

Natürlich, wenn Einer drei hohle Zähne hat, kann er sich doch nicht gesund nennen?

Der Häuptling geht und tröstet sich mit dem Bewußtsein, daß er nicht der Einzige ist, der hohle Zähne hat, die Offiziere leiden alle daran, die Einen mehr, dieAnderen weniger. Am stärksten tritt die Krankheit im Manöver hervor und da sind es meistens die höheren Vorgesetzten, die daran leiden.

Woher kommt das? Sollten die kalten Biwacks daran Schuld sein, obgleich die hohen Vorgesetzten gar nicht mit biwackiren?

Es geschehen viele wunderbare Dinge auf Erden, wunderbar ist doch auch, daß bei den Offizieren die hohlen Zähne nicht wie bei anderen Menschen im Mund, sondern im Gehirn sitzen. Zuweilen sitzen sie sogar in den Beinen.

Bei einem Regiment stand ein Lieutenant, der absolut keinen Parademarsch machen konnte, und zwar aus drei Gründen nicht: Erstens war er so unmusikalisch, daß er die große Trommel nicht von der Klarinette unterscheiden konnte, infolge dessen setzte er den linken Fuß nicht bei dem Klang der großen Trommel, sondern bei dem Klang der Klarinette zu Boden. Er hatte also 'nen „Tritt”, oder um einen alten Witz der „Fliegenden Blätter” anzuführen: er war stets der Einzige, der Tritt hatte. Zweitens konnte der arme Teufel seine Beine nicht, wie das Exerzierreglement es verlangt, nach hinten, sond ern nur nach vorne, nach der Heimath, durchdrücken, und drittens war er nicht im Stande, vorschriftsmäßig lange Schritte von achtzig Centimeter zu machen.

So kam es, daß er das Entsetzen der Kompagniechefs bildete, und wenn zumm Herbst die neue Offiziers­vertheilung im Regiment bevorstand, liefen alle Häuptlinge zum Regiments­adjutanten und beschworen ihn, daß der zu jeder Kompagnie versetzt werden möge, nur nicht zu der des Bittenden.

Einer aber mußte ihn doch bekommen, und der ihn bekam, der klagte Ach und Weh, aber los wurde er ihn nicht wieder.

Natürlich warf der arme Lieutenant jeden Parademarsch seines Zuges um und wurde nach jedem Vorbeimarsch mächtig angepfiffen.

Eine Zeit lang ließ sich der Herr Lieutenant das ruhig gefallen, dann aber faßte er in einer schwachen Stunde einen kühnen Entschluß: Sobald ein Parademarsch befohlen wurde, bat er um die Erlaubniß, austreten zu dürfen.

Nach dem „warum” fragte man ihn nicht, man war froh, ihn los zu sein.

Da wollte es das Unglück, daß der hohe Chef des Regiments gelegentlich einer Reise, die ihn in die Nähe der Garnison führte, auf den Gedanken kam, sich einmal seinem Regiment wieder zeigen zu wollen.

Es wurde angefragt, ob dem hohen Herrn eine Parade angenehm sei.

Und der hohe Herr sagte: „Ja.”

Natürlich begann nun ein Parademarsch–Ueben vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und wenn die Kerls keinen Dienst hatten, mußten sie „Fußrollen üben”, denn die Fußspitzen, meine Herren, das ist die Hauptsache, wer die nicht herunterdrücken kann, der ist nicht werth, geboren zu sein.

Jeden Morgen um zehn Uhr stand das Regiment auf dem Kasernenhof und jeden Morgen nahm der Herr Oberst die Parade ab.

Nach acht Tagen ging es leidlich, nach vierzehn Tagen „gut, sehr gut”, aber je näher der gefürchtete Tag herankam, desto „schweinemäßiger”, pardon, wurde es.

Natürlich war das nicht wahr, aber die Vorgesetzten sagten es, damit die Kerls sich nicht einbilden sollten, daß sie etwas könnten.

Der einzige Zug, der jedesmal gleich schlecht vorüber kam, war der des krummen Lieutenants, und jeden Morgen gab es deswegen einen bösen Tanz. Der Herr Oberst pfiff den Major an, dieser den Hauptmann und der Häuptling seinen Lieutenant.

Der Hauptmann ist ja für den Vorbeimarsch seiner Kompagnie verantwortlich, daß er böse wurde, konnte ihm also Niemand verdenken.

„Herr Lieutenant, wenn Sie nicht so große Schritte machen können, dann nehmen Sie doch in des drei Teufels Namen Vorschuß — so viel Sie haben wollen, aber ich bitte mir aus, daß Sie sich bei dem Vorbeimarsch zwei Schritte vor der Mitte Ihres Zuges befinden. Verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann!”

Aber es blieb Alles beim Alten.

Der Häuptling tobte und schnauzte seine Leute an: „Kerls, das sag ich Euch, wenn Ihr an dem Besichtigungstage so vorüber kommt, dann lasse ich Euch nachexerzieren, daß Ihr nicht wißt, wo Ihr hin sollt.”

„Wenn wir nur keinen Lieutenant vor der Front hätten,” dachten die Leute.

Aber sie kannten ihren Hauptmann und wußten, daß der nichts androhte, was er nicht auch hielt, und so verfielen sie denn auf den Ausweg, sich um ihren Lieutenant gar nicht zu kümmern.

Am Besichtigungstage marschierten sie frei—weg, sie schmissen die Beine, daß es eine Freude war, und so kam, was kommen mußte: obgleich der Lieutenant wenigstens seine fünfzig Schritte Vorschuß hatte, wurde der Zwischenraum mit jedem Schritt kleiner, und als der Zug bei dem hohen Herrn vorbeikam, befand sich der Zugführer nicht zwei Schritt vor der Mitte seines Zuges, sondern vierzig Schritt hinter seiner Truppe.

Die Kerls waren einfach bei ihrem Lieutenant vorbeimarschiert.

Ganz alleine, krumm und ohne Tritt, zog der Lieutenant mit „Augen rechts” bei dem hohen Chef vorbei.

Und wie zog er vorbei!

Selbst der hohe Chef konnte ein leises Lächeln nicht unterdrücken. Und dieses Lächeln war der Tod des armen Lieutenants: Auslachen lasse ich mich nicht, von keinem Menschen, dann gehe ich lieber.

Und er „gung”, nicht ganz freiwillig, aber man legte es ihm sehr nahe, bis er aus Gesundheits­rücksichten sich endlich definitiv entschloß, dem Parademarsch für immer Lebewohl zu sagen.

Er wurde Zahnarzt, um anderen Leuten die Krankheit fortzukuriren, an der er selbst zu Grunde gegangen war: Hohle Zähne.


Fußnote:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „spazieren”. (zurück)


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