Der kleine Willberg.

Von Freiherr von Schlicht.
in: „Die Zukunft”, 18.5.1901, Band 35, S. 270-273,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 8.6.1901 und
in: „Der geplagte Rittmeister”.


Seit der kleine Willberg, wie die Kameraden ihn nannten, oder Herr von und zu Willberg von Willbergshagen, wie er sonst hieß, durch Allerhöchste Kabinetsordre zum Lieutenant mit monatlich fünfundzwanzig Talern Gehalt ernannt worden war, wurde er von Tag zu Tag sonderbarer. Körperlich war er wohl und munter, er hatte einen guten Appetit, er aß für Zwei und trank für Drei und hatte einen Kasinorest wie ein alter Stabsoffizier. Daß er während des Essens über den Dienst schalt, ist selbstverständlich.

So schien es fast, als ob er ganz gesund sei; und doch war er krank und sein Leiden nahm von Tag zu Tag zu. Er litt nämlich an Bazillen oder, richtiger gesagt, an einem Bazillus, — und noch dazu an dem gefährlichsten, den es giebt, obgleich ihn noch kein Arzt entdeckt hat.

Namentlich die Civillisten, die mit dem kleinen Willberg verkehrten, merkten, daß er ernstlich krank sei. Seine Ansichten wurden von Tag zu Tag verschrobener und so glaubten sie zuerst, er hätte Flöhe im Gehirn, wie es beim Militär genannt wird, wenn einer geistig nicht normal ist. Schließlich kamen sie aber dahinter, daß Willberg in seinem Schädel den Militär–Bazillus spaziren trug, der sich dadurch äußert, daß er in dem von ihm Heimgesuchten nicht nur den Glauben, sondern sogar die felsenfeste Ueberzeugung hervorruft: es giebt nur einen Stand auf der Welt, den Offizierstand; alles Andere ist noch ganz bedeutend weniger als gar nichts. Erst kommt der Lieutenant, dann kommt er nochmals, dann kommt er zum dritten Mal, — und dann kommen die Anderen auch noch nicht. Die zählen gar nicht mit.

Der kleine Willberg wußte nicht, daß er krank war. Er hielt sich geistig für vollständig gesund und er selbst konnte schließlich auch nicht allzu viel für seinen Gehirnklapps; der war ihm anerzogen worden. Schon im Corps hatte die Dressur begonnen. Als er dort mit sieben Jahren ankam, war er für sein Alter noch merkwürdig verständig gewesen; er hatte sogar noch mit einigen Freunden, die nicht im Corps waren, hin und wieder einen schriftlichen Gruß gewechselt. Aber bald hatte sein Stubenältester ihm klargemacht, daß sich so Etwas für einen Kadetten nicht passe. Er hatte es eingesehen und danach gehandelt.

Mit zehn Jahren war er schon vollständig militarisirt. Wenn er von seinem Vater sprach, erzählte er nicht, dieser würdige Herr sei Rittergutsbesitzer und Mitglied des Herrenhauses, sondern nur, daß er früher bei den Gardedragonern gestanden und da den letzten Feldzug mitgemacht habe. Und wenn er von seiner Mutter sprach, vergaß er nie, zu erwähnen, daß sie die Tochter eines Brigadekommandeurs sei. Darauf war er sehr stolz, denn er war in seiner Stube der Einzige, dessen Mutter einer Offizierfamilie entstammte. So hatte er also durch und durch militärisches Blut in den Adern. Dessen mußte er sich würdig zeigen. das sah er von Tag zu Tag mehr ein. Er zeigte sich würdig und der Lohn blieb nicht aus: nach fünf Jahren wurde er Stubenältester und nach weiteren fünf Jahren war er so sehr Soldat, daß er nicht begriff, wie er als Civilist geboren werden konnte.

Mit achtzehn Jahren trat er in die Armee als Fähnrich ein. Er hatte die Ansichten eines verrückten Kaninchens, aber trotzdem war das Regiment auf ihn sehr stolz und der Oberst sagte sogar: „Er ist ein Fähnrich, der in Bezug auf seine Gesinnung und die untadelhaften Auffassungen nichts mehr zu lernen braucht. Wäre er älter, so würde ich sagen: ich könnte mir keinen besseren Lehrer für meine jungen Offiziere wünschen.” Und der Fähnrich war wirklich tadellos; er sprach nur, wenn er gefragt wurde, und suchte seinen Umgang nur in Offizierkreisen.

Als er Lieutenant geworden war, mußte er auch in den Civilfamilien, in denen das Offiziercorps verkehrte, Besuch machen. Zuerst strikte er; aber als ihm erklärt wurde, ohne Besuch gemacht zu haben, werde man nicht eingeladen, und ohne eingeladen zu werden, könne man nicht leben, und eingeladen zu werden, verpflichte zu nichts, und wieder einzuladen brauche man nicht, und abbrechen könne man den Verkehr ja immer wieder, — als ihm die Augen so geöffnet wurden, sagte er: „Na, denn meinetwegen.” Er nahm einen Wagen, fuhr bei den Familien herum und war im Stillen gegen Alle entrüstet, die ihn annahmen. Aber ihre Dinereinladungen lehnte er nicht ab; o nein: im Gegentheil.

Er war hochmüthig. Einige Civilfamilien ärgerten sich über seinen militärischen Bazillus, sagten es dem Regiments­adjutanten und Der sagte es dem Herrn Obersten. Und der Kommandeur ließ sich seinen Lieutenant kommen. „Mein lieber Willberg,” sagte er, „Sie sind noch jung; Ihre Ansichten und Anschauungen sind zwar die richtigen, aber Sie haben noch nicht tolerant denken gelernt. Sie sind im Corps erzogen, also in den richtigen Grundsätzen. Mit vollem Recht sehen Sie in dem Stande, dem Sie angehören, den vornehmsten und edelsten, denn die Armee ganz allein hat unser Vaterland zu Dem gemacht, was es heute ist. Niemand will und kann uns den ersten Platz, den wir im Staate einnehmen, rauben. Aber Sie müssen die innere Genugthuung, die Sie bei der Vorstellung, Offizier zu sein, empfinden, verbergen lernen. Civilisten sind nun einmal auch nöthig und es ist ein Akt der Großmuth, ihnen nicht nur die Existenz­berechtigung zuzugestehen, sondern sie auch als eben . . . na, sagen wir: mit ausgesuchtester Höflichkeit zu behandeln. Ich hoffe, Sie verstehen mich. Es ist nicht immer leicht, für so schwierige Verhältnisse, wie es das des Offiziers dem Civilstand gegenüber nun einmal ist, das richtige Wort zu finden. Denken Sie nach, dann werden Sie selbst das Rechte treffen,”

Nach dieser Rede des Herrn Obersten, die das Rechte wollte und das Unrechte förderte, wuchs der Militär–Bazillus unheimlich auf und verdrängte gar bald auch noch die letzten verständigen Ansichten, die der kleine Willberg in lichten Momenten manchmal gehabt hatte. Großmuth, Höflichkeit, vornehmster Stand: der Aufforderung, hierüber nachzudenken, war er nicht mehr gewachsen.

Es kam der Hauptschlachtentag des Regiments, der Tag, an dem vor mehr als dreißig Jahren die damals erst neu gegründete Truppe sich heldenmüthig geschlagen hatte. Wie kann ein so denkwürdiger Tag besser gefeiert werden als durch ein Festessen, bei dem sich Alle, die an dem erworbenen Ruhm noch unschuldiger als ungeborene Kinder sind, bis zur halben oder ganzen Bewußtlosigkeit betrinken? So gab es denn in dem festlich geschmückten Kasino ein großartiges Liebesmahl, zu dem alte Regiments­angehörige und viele Gäste geladen waren. Gleich von Anfang an wurde sehr brav gezecht und an der hübsch geschmückten Tafel herrschte gar bald eine äußerst lustige Stimmung. Die, denen zu Ehren man heute die theuersten Speisen und Getränke genoß, hatten es vor dreißig Jahren, als sie sich tot oder zu Krüppeln schießen ließen, nicht halb so gut gehabt.

Der Einzige, der an der langen Tafel nicht in Stimmung kam, obgleich auch er das Trinken nicht vergaß, war der kleine Willberg; und daß seine Laune nicht besonders rosig war, kam daher, daß er zwischen zwei Civilisten saß. Einen hätte er sich zur Noth noch gefallen lassen; aber gleich zwei auf einmal! das war bitter. Er that das Klügste, was er nach seiner Meinung thun konnte: er ignorirte die beiden Herren vollständig. Sprechen konnte er doch nicht mit ihnen; was wußten die beiden Civilisten denn von dem Ehrentag des Regiments! Davon hatten sie doch keinen blauen Dunst; na, und über etwas Anderes konnte man sich doch heute nicht unterhalten.

Wenn der kleine Willberg trotzdem sich plötzlich mit seinem Nachbar zur Rechten in ein Gespräch einließ, so geschah es, weil der Regiments­adjutant ihm durch eine Ordonnanz die schriftliche Aufforderung sandte, sich gefälligst Etwas um seine Nachbarn zu kümmern. Willberg fand die Zumuthung stark. Er wußte ja nicht einmal, wer die Beiden waren; vorgestellt hatten sie sich ihm ja natürlich; aber wer versteht denn die Namen?

„Sind Sie auch Soldat gewesen?” fragte er endlich.

„Selbstverständlich,” lautete die Antwort, „aber leider nur ein Vierteljahr. Ich wurde sehr krank, lag viele Wochen im Lazareth und wurde dann als dauernd dienstuntauglich entlassen.”

„Schlapp,” dachte der Lieutenant; „so was kann auch nur einem verweichlichten Civilisten passiren;” laut aber sagte er: „So, so, also Sie sind nicht Reserveoffizier? Sehr schade für Sie. Darf ich, ohne indiskret sein zu wollen, fragen, was Sie jetzt sind?”

„Gewiß,” gab der Andere zur Antwort, „warum denn nicht? Ich bin Schriftsteller.”

Der kleine Willberg machte ein mitleidiges Gesicht: „So? Schriftsteller?” fragte er. „Sagen Sie mal, lohnt sich Das denn eigentlich? Kann man denn davon leben? Was bekommt man denn für solche Angelegenheit bezahlt? Ich habe mir sagen lassen, zum Leben sei es zu wenig, zum Sterben zu viel.”

Der Andere lächelte ironisch, dann sagte er: „Ich glaube, Herr Lieutenant, wir kennen uns zu wenig, als daß Sie von mir einen genauen Bericht über meine Einnahmen verlangen können,.”

„Wie Sie wollen,” sagte der kleine Willberg ganz ruhig; „ich glaubte, es würde Ihnen Spaß machen, sich einmal aussprechen zu können. Im Grunde interessirt Ihre Thätigkeit mich natürlich sehr wenig . . . Habe keine Zeit, zu lesen, außerdem hat mir Jemand gesagt: Schriftstellern kann Jeder.”

„Gewiß,” lautete die Entgegnung, „schriftstellern kann Jeder; wenigstens versucht es heutzutage Jeder. Sie kennen gar keine Bücher? Aber die Geschichte Ihres Regiments werden Sie doch gelesen haben?”

„Aber selbstverständlich.” Der kleine Willberg sah seinen Nachbar, in dessen Worten eine gewisse Geringschätzung der Regiments­geschichte zu liegen schien, scharf an. „Das kann allerdings nicht Jeder schreiben, dazu muß man Soldat gewesen sein mit Leib und Seele, sich eins fühlen mit seinem Regiment . . . Aber Pardon! Das werden Sie kaum nachfühlen können.”

„O doch,” erwiderte der Andere ruhig.

„So; wundert mich; liegt doch eigentlich außerhalb Ihrer Sphäre. So was zu schreiben, ist beinahe so schwer, wie selbst ein guter Soldat zu sein.”

„Welche Eigenschaften halten Sie dazu für erforderlich?”

„Gute Familie, tadelloser Ruf, gute Gesundheit . . .”

„Das ist Alles?”

Der kleine Willberg sah verwundert auf: „Was sollte noch fehlen?”

„Geistige Begabung ist also nicht erforderlich?”

In dem selben Augenblick erhob sich ein Redner. Feierliche Stille. Er ging aus von dem Wort Bismarcks: „Alles können die anderen Staaten uns nachmachen, aber nicht den preußischen Lieutenant.” Er rühmte die Ritterlichkeit der Gesinnung, den Diensteifer, die Pflichttreue . . . und schloß mit einem Hoch auf den Geist des Offiziercorps.

Die Musik blies einen Tusch, die Gläser klangen an einander, ein donnerndes Hoch ertönte, und während der kleine Willberg mit seinem Nachbar zur Rechten anstieß, sagte er, der die Rede ganz falsch verstanden hatte: „Was brauchen wir geistige Begabung? Sie hören es ja: der Geist ist da!”

Aber der Nachbar sah aus, als hätte ihn die Rede ganz anders gepackt als die jungen Lieutenants ringsum; er schrie nicht mit Hurra, sondern blickte träumerisch vor sich hin, so daß der kleine Willberg beinahe Mitleid mit ihm verspürte. „Solch armer Civilist,” dachte er; „nicht mal einen Begeisterungrausch kann er empfinden,” und mit halblauter Stimme fragte er: „Soldat sein ist doch schöner als schriftstellern, was?”

Der hob die Augen und sagte: „Ueber Selbsterlebtes zu schreiben, ist sehr hübsch, auch wenn man die Geschichte seines Regimentes schreibt. Auch dann, wenn man nur als gewöhnlicher Soldat von der Schulbank aus weg in den Krieg zog und gleich lahm geschossen wurde. und dann ist auch die geistige Begabung da; auch darin haben Sie Recht.”

. . . Und von dem Tage an wurde der kleine Willberg in dem Verkehr mit den Civilisten noch zurückhaltender, als ers unter der Einwirkung seines Militärbazillus schon früher gewesen war.

Freiherr von Schlicht


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