Die Walküren des Regiments.

Militärische Humoreske von Freiherrn von Schlicht.
in: „Türke und Stachelschwein”


Im Kasino ist großes Liebesmahl, man feiert den Hauptschlachtentag des Regiments, den Tag, an dem es im letzten Kriege dem Regiment ganz besonders vergönnt war, seine Treue und Liebe zum angestammten Herrscherhaus mit seinem Herzblut besiegeln zu dürfen. Auf langen, langen Tafeln sind die Namen der Tapferen, die für das Vaterland den Heldentod fanden, niedergeschrieben. Wenige der einstigen Kämpfer sind nur noch am Leben, aber wenn der Jahrestag der Schlacht wiederkehrt, eilen sie zu ihrem alten Regiment, dem Ehre gemacht zu haben ihr höchster Stolz und Ruhm ist.

Schön, herrlich und begeisternd sind solche Erinnerungstage, und voll Neid blicken die Jungen auf die Alten, deren Brust die durch Tapferkeit errungenen Orden zieren, und sie wünschen sich wie sie hinausziehen zu dürfen in das Feld, zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben für ihren König.

In sehr vielen Regimentern ist es Sitte, daß bei festlichen Gelegenheiten nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen sich zu einer Festlichkeit vereinen, und sie fragen sich nicht ohne eine gewisse Berechtigung: „Warum sollen wir nicht auch trinken, wenn unsere Männer sich betrinken?”

Eine solche Vereinigung der Offiziersdamen nennt man den Walkürenritt, und das geschlossene weibliche Offizierscorps nennt man die „Walküren”.

Heute versammeln sich die Walküren des Regiments bei der Frau Premierlieutenant v. Adlersblick, geborene v. Kuschka. Sie ist sehr, sehr adelsstolz, und nicht ohne Grund, sie fühlt sich als Mutter von fünfzehn Ahnen — ihr Schwiegervater, der einem Doudezfürsten aus einer momentanen Geld­verlegenheit geholfen hat, ist erst im vorigen Jahre, kurz bevor er seine Millionen an der Börse verlor, geadelt worden.

Während sonst immer das Los entschied, bei wem der Walkürenritt stattfinden sollte, hat dieses Mal Frau v. Adlersblick, geborene v. Kuschka, freiwillig um die Ehre gebeten, die Damen bei sich bewirten zu dürfen. Man hat „Ja” gesagt, weil man nicht „Nein” sagen konnte, denn sehr sympathisch ist die adelsstolze Frau niemandem, und wenn man nur einmal im Jahr feiert, dann will man doch auch gut essen und trinken, und es ist ein offenes Geheimnis, daß Adlersblicks knapp das Kommißvermögen haben.

Aber die Wirtin hat seit Monaten gespart, um dieses ihrem Stolze schmeichelnde Fest geben zu können, und so hat sie denn ein Souper zusammengestellt, das Beifall finden muß. Sogar Sekt giebt es, zwar keinen französischen, aber deutschen Schaumwein, der sehr gut schmeckt. Der Herr Premier hat ihn aus dem Kasino bezogen, und er hat mit der Kasinodirektion gesprochen, daß ihm der Betrag für den Wein im nächsten Monat von seinem Gehalt abgezogen werden soll.

Abends um sechs Uhr sollen sich die Walküren versammeln und die ganze Wohnung erstrahlt im hellsten Lichterglanz. Mit ganz besonderer Sorgfalt ist das Schlafzimmer hergerichtet, in dem die Damen ablegen sollen, und ein Schmuckkästchen in der Schlafstube ist die Wiege, in der der dreijährige Sohn und Erbe eines berühmten Namens schläft.

Die Wiege ist ganz neu bezogen, alle Decken und Kissen sind schneeweiß. Der Bengel hat ein ganz neues Hemd anbekommen, sogar für die Flasche ist ein neuer Saugpfropfen gekauft worden — er kann sich sehen lassen.

Und er wird gesehen.

Mit einem „Nein, wie entzückend Ihr Kleiner aber ist”, rauscht eine Dame nach der anderen in den Salon, auf dessen Tisch als einziges Buch Ammon's „Mutterpflichten” liegen.

Frau v. Adlersblick, geborene v. Kuschka, strahlt, und jeder Eintretenden schüttelt sie die Hand, bei der Kommandeuse macht sie einen Hofknix und küßt ihr die huldvollst dargereichte Rechte.

„Aber meine Liebe,” wehrt die Frau Oberst, aber erst nachdem sie den Handkuß erhalten, ab und neigt sich, um die Frau v. Adlersblick, geborene v. Kuschka, flüchtig auf die Stirn zu küssen.

„Du bist ja heute sehr gnädig,” flüstert „Tante Marie” der Kommandeuse leise zu und erntet dafür, wie stets für ihre boshaften Bemerkungen, einen strafenden Blick.

Wäre Tante Marie nicht schon beinahe fünfzig Jahre, so könnte man sie das enfant terrible nennen.

Tante Marie lebt bei ihrem Schwager, dem sie, als dieser sein Vermögen bei einer übernommenen Bürgschaft total verloren hatte, ihr ganzes Geld unter der Bedingung zur Verfügung stellte, daß er sie fortan kleide und ernähre. Sie übt einen gewaltigen Einfluß auf ihren Schwager aus, der den Beinamen hat: „De Mann mit den beiden Frauen.” Darüber, wer in Wirklichkeit die Kommandeuse ist, streiten sich die beiden Schwestern, obgleich sie sich zärtlich lieben, jeden Tag unzählige Male.

Aber Tante Marie ist nicht die Einzige, die ihre Bemerkung macht — der Kuß, den die Hausfrau erhält, raubt ihr die letzten Freundinnen.

Die Kommandeuse hat inzwischen auf dem Sofa, Ammons „Mutterpflichten” gegenüber, Platz genommen, neben ihr will sich Tante Marie hinsetzen, aber die Frau Oberst lädt die Hausfrau ein, zu ihr zu kommen. Wie die Disziplin es verlangt, zögert die geborene v. Kuschka einen Augenblick und bietet den leeren Platz der Frau „ihres” Majors an und dann „ihrer” Huaptmannsfrau. Erst als „die direkten weiblichen Vorgesetzten” dankend ablehnen, setzt die Hausfrau sich neben die Kommandeuse, und obgleich es ihr eigenes Sofa ist, setzt sie sich doch auf die äußerste Kante ihres Möbels!

Denn Frau v. Adlersblick, geborene v. Kuschka, ist nicht nur sehr adelststolz, sondern sie ist auch sehr dumm.

Nur eine der im Kreise herumsitzenden Damen kann sich rühmen, noch dümmer zu sein, das ist die Frau Hauptmann v. Sterner. Man erzählt sich von ihr folgende Geschichte:

Ein Lieutenant hat geheiratet, und zwar eine Jugend- und Duzfreundin der Frau v. Sterner. Man macht seinen pflichtschuldigen Besuch, wird angenommen und spricht über tausend Dinge.

Auf einmal erhebt sich die Frau Hauptmann, die bisher links von ihrem Besuch gesessen hat, steht auf und läßt sich an der rechten Seite ihres Besuchs nieder.

„Aber was hast du denn nur, Ella?” fragt die Lieutenantsfrau verwundert.

„Ist dir das gar nicht aufgefallen?” lautet die Gegenfrage, „ich saß doch links von dir — das geht doch nicht — mein Mann ist doch Hauptmann, da mußt du links sitzen und ich rechts.”

Als die Geschichte bekannt wurde, schüttelten einige verständige Frauen die Köpfe und meinten, die Sterner hätte es ja nicht nötig gehabt, das so offen und frei auszusprechen, sie hätte es ihren Besuch ja „fühlen lassen können”, daß er auf dem falschen Stuhl saß.

Ich bitte um Erlaubnis, hier drei Ausrufungszeichen machen zu dürfen !!!

Neben der Frau v. Sterner sitzt Frau Brandis, eine sehr verständige Frau, deren größter Kummer der ist, zu spät bemerkt zu haben, wie dumm ihr Mann ist. Sie hat Ehrgeiz, sie wollte ihren Mann auf die Kriegsakademie bringen, aber als seine letzte Winterarbeit als schlechteste im ganzen Corps dem Generalkommando eingereicht wurde, gab sie ihre diesbezüglichen Wünsche auf.

Frau v. Adlersblick und Frau Brandis können sich gegenseitig nicht ausstehen.

„Meine liebe Frau von Brandis,” hatte die Adlersblick ein paarmal recht spöttisch gesagt, um ihren Besuch zu kränken, aber da war sie an die falsche Adresse gekommen.

Die Brandis hatte einfach gelacht und ihr vis-à-vis nur Frau Adlersblick genannt, das hatte geholfen.

Die Brandis schriftstellerte und verdiente sich dadurch ein schönes Stück Geld.

Ei Schrei des Entsetzens ging durh die Walküren, als das bekannt wurde.

„Nun, wie viel haben Sie denn für ihre letzte Novelle bezahlt erhalten?” fragte man sie eines Tages spöttisch.

„So viel, daß ich das Essen, das ich auf den Tisch bringe, auch bezahlen kann,” hatte sie der Fragerin geantwortet, von der bekannt war, daß sie „prinzipiell” alles schuldig blieb.

Aber lieber alles schuldig bleiben als für Geld arbeiten.

Himmel, was giebt es für Dummköpfe!

Die Walküren sitzen im fleißigen Gespräch, als sich auf einmal die Thür öffnet und Frau v. Renser ins Zimmer stürzt und die Hausfrau nach allen Regeln der Kunst abküßt.

„Seien Sie mir nicht böse, Liebste, daß ich auf mich habe warten lassen. Denken Sie nur, was mir passiert — ich bin fix und fertig angezogen, da fängt auf einmal der Junge an zu schreien und will partout noch mal die Brust haben — na, was blieb mir da anderes übrig, da mußte ich mich halt noch einmal wieder ausziehen. Und der Bengel konnte gar nicht genug bekommen, so schön hat es ihm geschmeckt.”

Und sie lacht ihr silberhelles, glückliches Lachen. Frau v. Renser ist in der glücklichen Lage, sehr, sehr reich zu sein. „Ob mein Mann den Abschied bekommt oder nicht, ist mir ganz gleichgültig,” pflegte sie zu sagen, „wir kommen auch so durch die Welt.” Sie redet darauf los, wie ihr der Mund gewachsen ist, und als sie jetzt das peinliche Schweigen merkt, das ihren Worten folgt, sagt sie mit herrlich gespieltem Erstaunen: „I, das habe ich noch gar nicht gewußt, daß wir alle noch junge Mädchen sind.”

Zum Glück erscheint in diesem Augenblick der Diener und meldet, daß serviert ist.

Die Wirtin erhebt sich und wendet sich an die Kommandeuse: „Gnädige Frau, wenn ich bitten darf —”, und zu ihren übrigen weiblichen Gästen gewendet, setzt sie hinzu:

„Ich habe keine Tischordnung gemacht, ich glaube wir gruppieren uns ganz zwanglos.”

Geborene v. Kuschka, das war nicht schlau von dir.

Wenn eine Tischordnung gemacht ist, läßt es sich jede Walküre gefallen, daß sie streng nach dem Patent ihres Mannes placiert wird; da läßt es sich die dreißigjährige Lieutenantsfrau ruhig gefallen, daß sie ganz unten zu sitzen kommt, während die erst neunzehn Jahre alte Frau des Herrn Majors neben der Kommandeuse ihren Platz erhält — sie muß es sich gefallen lassen, denn Disziplin und Subordination muß auch unter den Walküren herrschen.

Dem „muß” gegenüber verstummen selbst die militärisch erzogenen weiblichen Zungen, also was soll man dazu sagen, wenn die kleine Brocken, die von ihrem Lieutenentsgatten instruiert ist, sehr liebenswürdig gegen die älteren Damen zu sein, Tante Marie völlig mit Beschlag belegt und dadurch die Frau Oberstabsarzt, deren Mann doch Majorsrang hat, zwingt, sich ganz unten hinzusetzen.

„Pah, die,” denkt die kleine Brocken, „die kann froh sein, daß sie überhaupt eingeladen ist, die gehört doch eigentlich gar nicht hierher. Ihr Mann ist doch nur Beamter in Offiziersrang.”

„Sehr wohl, gnädige Frau, aber daß der Herr Oberstabsarzt, obwohl er nur Beamter ist, zehntausendmal mehr gelernt hat als Ihr Gatte, das ist ja auch ganz nebensächlich.”

So herrscht schon Neid und Mißgunst, als man sich zu Tisch setzt, und die Walküren stecken die Köpfe zusammen und tuscheln und mokieren sich über die in ihren Augen geschmacklose Zimmereinrichtung und über die gedeckte Tafel, obgleich alles sehr hübsch arrangiert ist.

Das Essen, das aufgetragen wird, ist tadellos, und huldvoll wendet sich die Kommandeuse an die Wirtin: „Die Rehkeule ist wirklich ganz ausgezeichnet, meine Liebe, und diese Sauce ist einfach unübertrefflich — haben Sie das alles mit Ihrer Köchin allein gemacht?”

Für einen Augenblick schwankt die Hausfrau, ob sie die Wahrheit gestehen soll, dann sagt sie: „Ich habe mir zu heute Abend eine Kochfrau angenommen.”

„Aber ich denke, Sie haben eine so tadellose Köchin?” fragt in schnippisch-höhnischem Ton von der anderen Seite des Tisches die lange Hagemann, die dafür bekannt ist, daß sie sich eifrigst um jeden Haushalt kümmert, nur nicht um den ihrigen.

„Ich habe die Köchin plötzlich entlassen müssen.”

Messer und Gabel ruhen, die Augen weiten sich, das schon erhobene Glas wird unberührt wieder niedergesetzt, wer einen Bissen hinunterschlucken wollte, verschiebt es bis nachher, der Mund, der sich nach beendetem Sprechen wieder schließen wollte, bleibt offen.

„Aber so erzählen Sie doch, Liebste, und spannen Sie uns nicht auf die Folter.”

Wer das Wort gesprochen — niemand weiß es — aber allen kommt die Frage aus der Seele.

Einen Augenblick zögert die Hausfrau noch, dann sagt sie: „Es ließ sich beim besten Willen nicht länger verbergen.”

Diese Antwort ist für die Uneingeweihten gar keine Antwort, man ist so klug als wie zuvor.

„Aber Liebste, was ließ sich denn nicht länger verbergen?”

Unruhig rückt die geborene v. Kuschka auf ihrem Stuhl hin und her: „Wie soll ich mich nur ausdrücken?”

„Herr Gott, ist es das?” fragt Frau v. Renser und macht eine nicht mißzuverstehende Handbewegung.

„Aber Frau v. Renser!”

Ein Schrei des Entsetzens hallt durch das Haus. Hätten die Walküren ihre Pferde hier, sie würden aufsitzen und davonreiten.

„Ist denn das so schlimm?” fragt die Renser, „ich habe immer geglaubt, etwas Schöneres als ein Kind könnten wir Frauen gar nicht geschenkt bekommen.”

„Aber sie ist doch nicht verheiratet,” bemerkt die Hausfrau.

„Na, dann heiratet sie halt hinterher, das ist doch noch nicht das Schlimmste.”

Die Renser ist nicht zu bekehren, und sie selbst bekehrt auch niemanden, alle sind entsetzt, außer sich.

„So sagen Sie doch auch mal was,” flüstert die Renser der Brandis zu, „Sie haben doch sonst verständige Ansichten.”

„Was soll ich da viel sagen,” bemerkt die Brandis, „ich finde es unerhört, daß in einem adeligen Haushalt die Dienstboten so wenig Rücksicht auf ihre Herrschaft nehmen.”

Geborene v. Kuschka, das Wort verzeihst du, soweit ich dich kenne, der Brandis nie. Der Spott, der in den Worten lag, war nicht zu verkennen.

„Weiß man denn nicht, wer der Vater ist?” fragt die Hagemann, die in ihren Mußestunden Strümpfe für sittlich verwahrloste Mädchen strickt.

„Gewiß, ihr Verlobter, ein Gefreiter von der ersten Compagnie.”

„Aber liebe Frau v. Adlersblick, Ihr Herr Gemahl steht ja doch bei der ersten — warum meldet er denn nicht dem Hauptmann den Menschen zur Bestrafung?”

Auf den Gedanken ist noch niemand gekommen, die Hagemann ist doch gar nicht so dumm, wie sie aussieht — allgemeines Schweigen folgt dieser tiefernsten Bemerkung.

Da sagt auf einmal Tante Marie: „Ich glaube, wenn alle Väter bestraft werden sollten, würde bald das ganze Regiment meines Schwagers im Arrest sitzen.”

Und das sagt Marie, die sich mit Stolz zwar nicht die Tochter, wohl aber „die Jungfrau des Regiments” nennt.

Gegenüber der Schwester der Kommandeuse schweigen alle Zugen — die Schwester ist heilig wie die Kommandeuse selbst.

Zur Beruhigung der Gemüter erscheint in diesem Augenblick der Diener mit der Sektflasche.

Seit Beginn des Essens haben die Sektkelche auf dem Tisch gestanden — nun aber thun alle gewaltig erstaunt und verwundert.

„Wie, sogar Sekt? Aber liebe Freundin, Sie stürzen sich wirklich in zu große Unkosten.”

Und die Kommandeuse sagt in leicht tadelndem Ton: „Liebe Frau von Adlersblick, die Worte der Allerhöchsten Kabinettsordre: „Je mehr Luxus und Wohlleben um sich greifen, desto mehr tritt an den Offizier die Verpflichtung heran, einen bescheidenen Lebenswandel zu führen”, diese godenen Worte, die ich nur dem Sinne nach wiederholte — der Wortlaut ist mir nicht gegenwärtig — gelten auch für uns Damen.”

„Aber heute liegt doch eine besondere Veranlassung vor,” schmeichelt die Hausfrau, „heute, am Ehrentag des Regiments —.”

„Nun, Sie haben recht, mit Rücksicht darauf will ich Ihre ja gut gemeinte Verschwendung nicht übel nehmen,” lautet die tröstliche Antwort, und die Kommandeuse schlägt an ihr Glas: „Meine Damen, auf das Wohl unseres schönen und tapferen Regiments. Es lebe hoch, hoch, hoch.”

Bald darauf hebt die Frau Oberst die Tafel auf und man begiebt sich in den Salon, wo der Kaffee serviert wird.

Man nimmt wieder Platz und unterhält sich, da die Dienstbotenfrage bereits gelöst ist, einfach über die Zähnchen der Kinderchen.

Frau v. Renser und die Brandis geraten unterdes, da ihre Kinder noch keine Zähne haben, in ein litterarisches Gespräch.

„Was?” fragt die Brandis verwundert: „Jolanthes Hochzeit von Sudermann kennen Sie nicht? Die müssen Sie aber lesen.”

Die anderen Damen horchen auf: „Sudermann? Den lesen Sie?”

„Ja, warum denn nicht?” fragt die Brandis verwundert, „was lesen Sie denn, Frau Hagemann?”

„Ich? Gar nichts, wo soll man denn dazu die Zeit hernehmen? Ich freue mich, wenn ich dazu komme, den Roman in meiner Zeitung zu lesen,” und die anderen Damen pflichten ihr bei.

„Was halten Sie denn für eine Zeitung?” erkundigt sich die Renser.

„Welche Frage? Natürlich die ,Kreuzzeitung', welche denn sonst? Halten Sie die etwa nicht?”

Die Renser lacht laut auf: „Nehmen Sie es nicht übel, die ist mir zu langweilig, ich muß ein Blatt haben, das amüsant und pikant ist.”

Entsetzen herrscht, starres Entsetzen.

Die Welt geht unter.

Eine Offiziersdame liest ein anderes Blat als die „Kreuzzeitung”.

Die Kommandeuse öffnet den Mund, um etwas zu sagen, aber sie besinnt sich — da muß ihr Mann einschreiten.

Und nach einer Verlegenheitspause kehrt man zu den Zähnchen der Kinderchen zurück.

Und alle Damen unterhalten und amüsieren sich dabei vortrefflich.

Na, und das ist ja die Hauptsache.

Um elf Uhr werden die Walküren abgeholt, nicht von ihren Männern — die sitzen noch im Kasino —, sondern von ihren Dienstmädchen, und alle ziehen heimwärts.

Wenig später haben die Walküren das wenig Walkürenhafte, das sie besitzen, abgelegt, und liegen mit oder ohne Nachtmützen — die Charaktere sind auch hierin verschieden — in ihren Betten und harren des Gatten, der da kommen soll, aber nicht kommt.

Verdenken kann man es den Männern nicht.

Endlich schlafen die Walküren ein. Wäre ich ein schlechter Mensch, würde ich sagen: „Möchten sie nie wieder erwachen!” Als homo bonus aber sage ich nur: „Gute Nacht!”


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© Karlheinz Everts