Kompagnie-Vorstellung.

Humoristische Plauderei.
Von Freiherr von Schlicht.
in: „Das kleine Journal”, Nr. 83 vom 23. März 1896 und
in: „Aus der Schule geplaudert”.


Mit Beginn des Frühlings werden die Tage länger, die Nächte kürzer, man schläft also weniger. Manche Menschen schlafen dann aber gar nicht mehr. Das sind die Häuptlinge, wie man bei der Infanterie die Hauptleute nennt und die das schöne Lied „Der Frühling naht mit Brausen” dahin variiren, daß sie singen: „Der Frühling naht mit Grausen” — vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch zu singen vermögen und sich beim Exerziren nicht derartig heiser geschrien haben, daß ihre Stimme mehr dem Geräusch eines schlecht geölten, knarrenden und quietschenden Scheunenthores als menschlichen Tönen gleicht.

Wie das Kind vor dem Quartalsschluß bangen Herzens dem großen Tage entgegensieht und sich oft unwillkürlich in Erwartung der Dinge, die da kommen, mit der rechten la main an jene Körperstelle faßt, auf die es sich häufiger hätte hinsetzen müssen, um jetzt ein ruhiges Gewissen zu haben, so sieht der Häuptling bangen Herzens dem Tag der Kompagnie­vorstellung entgegen und fährt sich in unbeobachteten Momenten mit beiden Händen über und durch die Haare, um die niederschmetternden Worte, die er bei der Kritik zu hören bekommen wird und im Geiste schon jetzt hört, zu verjagen und zu verscheuchen.

„Der Weg ist weit und breit, der zum Abschied führt, und es sind ihrer Viele, die ihn wandeln,” könnte man den bekannten Spruch umändern. Früher war es anders, da gab es nur eine Majorsecke, und wer die glücklich passirt hatte, ohne zu straucheln und ohne zu fallen, der konnte sich noch viele Jahre seines Daseins freuen. Heutzutage aer giebt es so viele Ecken, daß Einem dabei ganz eck–lich(1) werden kann.

Der Tag der Vorstellung ist da, vergebens hat der Häuptling in der Nacht versucht, ein Auge zuzumachen — denn daß ihm dieses Experiment mit beiden Augen gelingen würde, hat er nicht eine Sekunde geglaubt und es darum auch gar nicht erst versucht. In aller Herrgottsfrühe schon ist er aufgestanden, wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig unruhig auf- und abgegangen und alle fünf Minuten hatte(2) er nach der Uhr gesehen, ob es auch schon Zeit sei, zur Kaserne zu gehen. Je später er sich dort sehen läßt, desto besser ist es, denn sein zu frühes Kommen würde die Leute nur noch unruhiger und nervöser machen, als sie es so wie so schon sind. In den letzten Tagen ist vom frühen Morgen bis zum späten Abend exerzirt worden, Nachexerziren war an der Tagesordnung und die Arreststrafen haben gehagelt. Gestern beim Appell im Besichtigungsanzug hat der Herr Hauptmann das große Wort gesprochen: „Kinder, wenn Ihr Euch morgen Mühe gebt, sollt Ihr Urlaub bis in die Nacht haben und die Arreststrafen werde ich dann zurücknehmen, aber wenn Ihr faul seid und bummelt — dann nehmt Euch in Acht!” Sie kennen ihren Häuptling und wissen, daß er hält, was er verspricht — so vergeht auch ihnen die Nacht in Angst und Unruhe und an den Knöpfen ihres Hemdes — oder wenn diese fehlen, an den Knopflöchern, zählen sie ab: „Sitze ich morgen Abend bei Philippine oder bei Philipp.” (Philipp wird bekanntlich bei den Soldaten das Arrestlokal genannt.)

Um acht Uhr soll die Kompagie nach dem etwa eine Stunde entfernten Exerzierplatz, auf dem die Besichtigung stattfindet, abmarschiren. Aber schon um vier Uhr wird geweckt, damit nur Alles fertig wir. Um sechs Uhr fangen die Unteroffiziere an, den Anzug ihrer Leute nachzusehen, und eine Stunde später erscheint der Häuptling mit seinen Lieutenants, um während einer weiteren Stunde dieselbe geistreiche Beschäftigung vorzunehmen.

Was giebt es da nicht Alles zu beobachten! Die Hosen sollen mit dem oberen Rand des Stiefelabsatzes abschneiden, und wie so mancher Mann über ein zu langes Beinkleid hinfällt, ist auch schon mancher Häuptling darüber zu Fall gekommen. Die Halsbinde soll strohhalmbreit aus dem Kragen hervorsehen — aber was der eine einen Strohhalm nennt, tauft der Zweite ein Haar, der Dritte ein Meter. So geht es mit jedem einzelnen Bekleidungsstück, das Jeder der hundertzwanzig Leute an seinem Leibe trägt — eine Kompagnie anzuziehen, ist ein mühseliges Stück Arbeit.

Endlich ist die Uhr drei Viertel auf Acht. Die Kompagnie rückt auf den Kasernenhof hinunter und wird dort rangirt, d. h. in Züge, Halbzüge und Sektionen eingetheilt. Dann erfolgt nochmals eine Ermahnung des Herrn Hauptmanns und dann geht es unter dem „Gezwitscher des Federviehs” — wie man die Musik der Trommler und Pfeifer nennt, weil diese auf den Schultern als ein Abzeichen ihrer Würde und ihres Standes ein Schwalbennest tragen — dem Exerzierplatz entgegen. Der Häuptling reitet an der Tête — selbst der Gaul hat zur Feier des Tages sein Festgewand angelegt — aber bald vertreibt ihn die Ungeduld seines Herzens von seinem Platz. Er bittet den Premierlieutenant, die Führung zu übernehmen, und trabt selbst voraus, um sich umzusehen, wie weit die erste Kompagnie, der er mit der seinigen folgen soll, mit der Besichtigung ist. Er kommt gerade rechtzeitig an, um zu hören, wie der Herr Oberst das soeben beendete Schulexerziren einer keineswegs freundlichen Kritik unterwirft und er bemerkt, wie der Herr Brigade- sowie der Herr Divisions-­Kommandeur, die der Vorstellung beiwohnen, den Worten des Regiments­kommandeurs zustimmend, mit dem Kopf nicken. Und je mehr die Herren nicken, desto gröber wird der Herr Oberst, der natürlich gespannt in den Mienen der Vorgesetzten liest, ob seine Meinung(3), die er äußert, auch ihren Beifall findet.

Und schließlich gleichen die beiden hohen Vorgesetzten einem Paar Pagoden, die beständig mit dem Kopf nicken.

„Na, die Sache kann ja niedlich werden,” denkt der Häuptling von der königlichen Zweiten. Er wendet sich mit Grausen und jagt seiner Kompagnie entgegen, um sie auf das ihr Bevorstehende vorzubereiten. Einen Augenblick werden die Gewehre noch zusammengesetzt, der Anzug nochmals in Ordnung gebracht, ein heimlicher Schluck aus der verbotenen Kognakflasche genommen &mdash, dann geht's los.

Die hohen Vorgesetzten nähern sich der „mit Gewehr über” mit geöffneten Gliedern in der Paradeaufstellung stehenden Kompagnie. Der Herr Oberst nimmt die Besichtigung ab, die anderen Vorgesetzten wohnen derselben freiwillig bei — ihm wird also der Rapport überreicht und er wird angesehen, d. h. die zweihundertundvierzig Augen der Kompagnie sind nur auf ihn gerichtet.

Prüfenden Auges wird die Richtung gemustert: Ein „nicht übel” entringt sich den Lippen des Hern Oberst; „im zweiten Glied — hm, hm — da ist die Richtung weniger sauber. Es fehlen da ein paar Leute (natürlich sind sie da, aber sie legen sich nicht vorne herein, so daß man sie vom Flügel aus nicht sehen kann) — der eine Kerl streckt den Bauch zu weit vor und auf dem linken Flügel streckt ein Mann die Nase so weit vor. Wie heißt der Mann?”

„Meier, Herr Oberst, der Mann hat eine große und unförmige Nase.”

„So? Hm — hm, so muß er das Kinn mehr an die Binde herannehmen. Im übrigen, Herr Hauptmann, hatte ich Sie nur gefragt, wie der Mann heißt.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

„Dieses war der erste Streich,” denkt der Häuptling im Stillen, „wer weiß, wie lange es dauert, bis der zweite folgt.”

Der Herr Oberst geht die Front herunter und alle Leute müssen dabei mit dem Kopfe bis zum dritten Mann folgen, dann wieder kurz geradeaus sehen.

Plötzlich bleibt er vor einem Polen stehen: „Warum drehen Sie Ihren Kopf nicht?”

„Wrzoncziekz, Herrr Obberst.”

„Der Mann versteht kein Deutsch,” beeilt sich der Häuptling die Situation aufzuklären.

„So — hm, hm, nun das ändert die Sache.”

Wieder geht er die Front hinunter, bis er abermals stehen bleibt.

„Warum folgen Sie nicht mit dem Kopf?”

„Versteh' ich nicht, Herr Oberst.”

„Der Mann versteht sehr wenig Deutsch,” beeilt sich der Häuptling die Situation aufzuklären.

„So — hm, hm, — Ihre Leute scheinen alle sehr wenig zu verstehen, Herr Hauptmann.”

Bums, das war der zweite Streich.

Die Aufstellung ist erledigt, das zweite Glied schließt auf das erste auf(4); nun kommen die Griffe:

„Das Gewehr — über!”

„Bitte, lassen Sie den Griff noch einmal machen, Herr Hauptmann — und bemühen Sie sich, das Ausführungskommando „über” recht kurz zu geben — das Kommando muß die Leute wie ein elektrischer Strom zusammenfahren lassen.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

„Das Gewehr — üppp!”

„Bitte nochmals, Herr Hauptmann, da kamen wieder einige Leute nach, und dann heißt das Kommando nicht üppp — sondern „über”. Wenn Sie üppp sagen, kann ein Anderer mit derselben Berechtigung Hütt sagen und der Nächste kommandirt dann „hott”.”

„Zu Befehl, Herr Oberst. — — Das Gewehr — über!”

„Na, geben wir es auf — der Griff geht nicht. Bitte die Chargirung, aber ohne Oeffnen der Kammer.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

„Ohne Oeffnen der Kammer! Bataillon soll chargiren — geladen!”

Kladderadatsch — da reißen drei Mann mit vollem „avec” die Kammern zurück.

„Herr Hauptmann, wie ist so etwas möglich — ich bitte die Leute mit Nachexerziren zu bestrafen — wenn ein Esel darunter ist, so lasse ich mir das gefallen, aber gleich drei — Herr Hauptmann, wie ist so etwas nur möglich?”

Ja, wenn der Herr Oberst das nicht einmal weiß, der Häuptling weiß es ganz gewiß nicht. Er hat sich die denkbar größte Mühe gegeben und nich tausend, sondern zehntausend Mal darüber instruirt, wann beim Laden die Kammern geöffnet werden, wann sie geschlossen bleiben. Während es in seinem Innern rast und tobt, steht er unbeweglich wie aus Erz gegossen vor der Front und keine Miene verräth, was in ihm vorgeht.

Beim zweiten Mal klappt der Griff endlich, dennoch kann der Herr Oberst nicht umhin, zu äußern: „Auf die Griffe scheinen Sie wenig Gewicht gelegt zu haben, Herr Hauptmann.”

Unter dem Helm sträuben sich dem Gefragten die Haare: Wenig Gewicht gelegt. Morgens drei Stunden und Nachmittags zwei Stunden, das sind in der Woche dreißig, in sieben Wochen zweihundertundzehn Stunden. Jede Stunde hat er wenigstens hundertundzwanzig Griffe kommandirt — er versucht, im Kopf auszurechnen, wie viel die Multiplikation ergiebt, doch wird ihm bei dem bloßen Gedanken an die hohe Zahl schlecht zu Muthe. Und dann sagt man: er hätte wenig Gewicht darauf gelegt!

Er läßt den Vorwurf ruhig über sich ergehen — vertheidigt er sich , so riskirt er, daß ihm gesagt wird: „Ja, mein Lieber, davon merkt man aber blitzwenig. Vielleicht haben Sie aber auch zu viel geübt und die Leute dadurch unruhig und unsicher gemacht.”

Das Faktum der schlechten Griffe liegt vor, nur damit wird gerechnet — folglich schweigt er.

Nun kommen die Marschbewegungen.

„Ich bitte die Herren, einzutreten.”

Während dies Kommando sonst die Zugführer erzittern und erbeben ließ, stimmt es sie heute froh, denn es ist das letzte Mal für lange Zeit, daß der Ruf an sie ergeht. So eilen sie denn an ihre Plätze und nehmen sich vor, die Sache so gut zu machen, wie sie nur irgend können — ach, noch viel besser!

„Der Frontmarsch könnte besser sein,” ruft der Herr Oberst und der Häuptling beeilt sich, diesen Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen. Er thut es, indem er schnell Kompagnie-Kolonne formiren läßt und „ohne — Theilt”(5) kommandirt.

„Es wäre mir lieber gewesen, Herr Hauptmann,” ruft der Herr Oberst, „wenn Sie den Frontmarsch etwas länger gemacht hätten, vielleicht wäre dann allmälig(6) mehr Ordnung in die Kompagnie gekommen.”

„Zu Befehl, Herr Oberst!” Im Innern aber denkt er: „Das hätte auch noch gerade gefehlt. Ich werde doch nicht unnöthig Gelegenheit zu weiterem Tadel geben.”

„Bitte, lassen Sie aufmarschiren und rechts Kompagniekolonne formiren.”

„Zu Befehl, Herr Oberst! Marschirt auf, marsch, marsch — nach rechts Kompagniekolonne formirt, marsch, marsch!”

So, armer Häuptling, nun ist das Unglück da. Ein Kommando „nach rechts” giebt es nicht, wohl aber „rechts” und „nach der rechten Seite”. Du hast ein falsches Kommando abgegeben. Die Leute wissen nicht, wohin sie sollen — was hat der Hauptmann unter „nach rechts” gemeint? Die Einen glauben „rechts”, die Anderen „nach der rechten Seite” — die Einen laufen hierhin, die Anderen dorthin, es ist das reine pêle mêle.

„Aber, Herr Hauptmann —

„Aber, Herr Hauptmann —

„Aber, Herr Hauptmann —

Der Eine sagt es immer etwas höher als der Andere, und der es am höchsten sagt, ist in diesem Falle der Höchstkommandirende.

Dem Häuptling wird schwarz vor Augen: ein schwarzer Cylinder und ein schwarzer Civilanzug winken ihm in der Ferne und erscheinen vor seinem geistigen Blick. Schnell aber faßt er sich und in kurzer Zeit hat er die Kompagnie wieder gesammelt und geschlossen in der Hand. Endlich hat der Herr Oberst von dem Schulexerziren genug gesehen, er läßt „Gewehr abnehmen und rühren”. Nun kommt der Tragödie letzter Theil, das Gefecht.

Es wird die demselben zu Grunde liegende Idee ausgegeben, der Häuptling wiederholt den ihm gewordenen Auftrag, damit jeder Irrthum und jedes Mißverständniß ausgeschlossen ist, und wendet sich dann seinen Leuten zu, um auch diesen mitzutheilen, um was es sich handelt. Dann kommandirt er: „Taschen auf. Mit Platzpatronen — Bataillon soll chargiren —”

„Herr Hauptmann, der Zusatz ‚mit Platzpatronen’ ist überflüssig,” bemerkt der Herr Oberst, „daß die Leute keine scharfen Patronen laden, ist selbstverständlich, weil sie sie nicht hier haben — andrerseits ist es ganz selbstverständlich, daß mit Patronen geladen wird, sobald ‚Taschen auf’ befohlen ist.”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Also dann nochmal von vorne,” denkt der Hauptmann im Stillen.

„Taschen zu, Taschen auf. Bataillon soll chargiren — geladen.”

Die Rahmen werden aus den Patronentaschen herausgenommen und in den Kasten des Gewehrs gesteckt, dann wieder „Gewehr über” genommen.

Und in diesem Augenblick geht ein Schuß los und dann noch einer und dann der dritte.

Wäre der Häuptling nicht schon vorher vom Pferde heruntergestiegen, er würde sicherlich vor Schreck herunterfallen. Jähes Entsetzen erfaßt ihn — er vermag sich nicht zu rühren — nur aus den Augenwinkeln schielt er nach seinem Oberst und fühlt einen Blick auf sich ruhen, der mehr sagt als eine stundenlange Rede, deren Thema da lautet: „Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.”

Dann beginnt das Gefecht. Die hohen Vorgesetzten sind zu Pferde gestiegen und reiten im Galopp der Stelle zu, wo sich der markirte Feind aufgestellt hat, um von dort aus das Vorgehen der Kompagnie zu beobachten. Kein Wort des Tadels oder des Vorwurfs ist von Seiten der Vorgesetzten gefallen, als die drei Leute vorschossen — es herrscht eine Stille wie bei der Beerdigung eines geliebten Todten.

Der erste Zug entwickelt sich, löst die Schützen auf und eröffnet das Feuer. Nach einiger Zeit wird er durch den zweiten Zug verstärkt — beide machen gemeinsam einen Sprung, um sich dem Feinde zu nähern — der dritte Zug folgt geschlossen, unter möglichster Benutzung des Geländes, als Soutien oder wie es jetzt heißt „Unterstützungstrupp”. (Auch beim Militär schafft man nach Möglichkeit die Fremdwörter ab — früher sagte man: „Distance schätzen” — jetzt heißt es: „Entfernungen taxiren”.)

Der Häuptling liegt vorne in der Schützenlinie und läßt die Karre laufen, wie sie läuft. Er befindet sich in jenem Stadium, in dem Einem Alles „schnuppe” ist. Da kommt ein Adjutant im Carrière herangesprengt: „Der Herr Oberst lassen den Herrn Hauptmann sofort zu sich bitten!” und leise flüstert er dem ihm befreundeten Häuptling zu: „Der Alte ist höllisch wüthend!”

„Ach nein, wirklich?” fragt der Häuptling mit dem erstauntesten Gesicht von der Welt, „i, davon hab' ich doch noch gar nichts gemerkt,” dann aber sieht er sich um nach seinem Streitroß. Natürlich ist der Pferdehalter tausend Meter hinter der Front — endlich hat er das Winken begriffen und kommt im sausendsten Schritt mit dem Thier an. Der Häuptling ist außer sich, denn je mehr Zeit er dem Obersten läßt, sich in seinen Zorn zu verbeißen, desto mehr bekommt er auf den Hut.

Endlich ist das Pferd da und sein Reiter schwingt sich in den Sattel. Er drückt dem Gaul die Sporen in die Seite und jagt direkt auf den Herrn Obersten los, es sind gut 1000 Meter, die er reiten muß. Schon hat er die Hälfte in wildester Pace zurückgelegt, als ihm plötzlich einfällt: „Herr Gott, hier gerade vor Dir ist der ausgehobene Schützengraben.”

Was nun? Jetzt noch nachholen, was er gleich von Anfang an hätte thun sollen, in einem Bogen um den breiten, gefährlichen Graben herumreiten?

Aber bevor er noch einen Entschluß gefaßt hat, ist er dem Hinderniß bis auf 50 Meter nahe gekommen.

„Sehen Sie sich vor, Herr Hauptmann, ein breiter Schützengraben,” ruft man ihm zu

„Schritt, Schritt, Herr Hauptmann,” ruft die alte Excellenz, die sich nicht mehr gaz sicher zu Pferde fühlt.

Aber der Häuptling thut, als wenn er nichts hörte.

„Wenn ich mir doch einmal das Genick brechen soll heute, dann will ich es mir auch wenigstens ordenlich brechen,” denkt er.

Der Gaul macht Miene auszubrechen. Er beugt sich vorne über und reißt mit der Kandare, daß dem Pferde alle Zähne im Maul lose werden, gleichzeitig setzt er sich ordentlich hinten herunter und jagt dem Thier die Sporen bis an die Stiefelspitzen in die Flanken. Mit einem gewaltigen Sprung nimmt der Fuchs das Hinderniß und jagt dann auf die Gruppe der Reiter los: eine kurze Parade, daß das Pferd hinten beinahe in die Knie fällt, dann salutirt der Häuptling seinen Degen: „Der Herr Oberst haben befohlen.”

Einen Augenblick sind die hohen Vorgesetzten noch starr über dieses Reiterkunststück und lassen ihre Blicke auf den unbeweglich auf dem unruhig drängenden und scharrenden Pferde Sitzenden ruhen, dann spricht die alte Excellenz ein lautes „Bravo, bravo, Herr Hauptmann,” und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu:

„Wir wollen hier abbrechen, Herr Hauptmann, deshalb bat der Herr Oberst Sie, hierher zu kommen. Herr Oberst, darf ich Sie bitten, Ihre Bemerkungen, die Sie zu machen haben, zu äußern?”

Der Herr Regiments­kommandeur versteht diesen Wink und ist in der Kritik sehr milde: „Wenngleich einige Kleinigkeiten vorgekommen sind, die Anlaß zum Tadel geben und die ich an Ort und Stelle bemerkt habe, so kann ich doch nur sagen, daß die Kompagnie im Großen und Ganzen einen sehr guten Eindruck gemacht hat. Auch die Unteroffiziere und die Herren Lieutenants sowie Sie selbst, Herr Hauptmann, waren in Haltung und Benehmen gut. Besonders möchte ich noch Ihre Leistung soeben bei dem Nehmen des Hindernisses rühmlich hervorheben. Sie haben dadurch eine nicht gewöhnliche Frische und Elastizität bewiesen, die, des bin ich sicher, sich auch auf Ihre Untergebenen übertragen wird.”

Die höheren Vorgesetzten nicken Beifall und äußern dann dasselbe mit etwas anderen Worte, dann wenden sich die Herren der nächsten Kompagnie zu, die bereits in Paradeaufstellung steht und der Dinge harrt, die da kommen sollen.

Dann wiederholt sich dasselbe Bild — und nur, wer wie unser Häuptling von der königlichen Zweiten „fest im Sattel gesessen hat”, kann Abends die theure Gattin freudig umarmen und zu ihr sprechen: „Mutter, freue Dich, sie haben doch noch wieder ein Jahr mit mir kapitulirt!”

Mit den Anderen ist es sonst wie mit dieser Plauderei — aus.

Freiherr von Schlicht.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung: „eck–lig”. (zurück)

(2) In der Buchfassung: „hat”. (zurück)

(3) In der Buchfassung: „die Meinung”. (zurück)

(4) In der Buchfassung: „schließt auf das erste an” (zurück)

(5) In der Buchfassung: „ohne — Tritt”. (zurück)

(6) In der Buchfassung: „allmählich”. (zurück)


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