Die Vorinstruktion.

Miltärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Kieler Zeitung” vom 16.9.1896,
in: „Grazer Tagblatt” vom 22.9.1896,
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 27.9.1896,
in: „Trierische Landeszeitung” vom 2.6.1900 und
in: „Der Parademarsch”


An der Mittagstafel im Offizierskasino herrschte im Gegensatz zu der sonstigen lebhaften Unterhaltung eine feierliche Stille, es war, als wenn ein Alp auf allen Theilnehmern läge und ihnen die Lust und das Vermögen, lustig zu sein, benähmen. Geräuschlos eilten die Ordonnanzen hin und her. Keiner achtete heute auf die Ungeschicklichkeiten, die sie begingen und die ihnen sonst manches tadelnde Wort zuzogen; ein Jeder hatte viel zu viel mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken zu thun.

„Und wenn der Oberst mich vor ein Kriegsgericht stellen läßt, das ist mir ganz egal,” unterbrach endlich der dicke Paul das Stillschweigen, „ich melde mich morgen früh krank.”

„Bitte, das wirst Du nicht thun,” fuhr der kleine Arthur zornig auf, „ich habe den Gedanken des Krankmeldens zuerst gehabt.”

„Aber Kinder, wie kann man sich nur wegen einer lumpigen Vorinstruktion so aufregen,” mischte sich „der Herr Baron” in das Gespräch, „die Sache ist doch furchtbar einfach.”

„Allerdings,” bestätigte der dicke Paul, „man blamirt sich bis ins dritte und vierte Glied und steht vor der Front, wie ein gewisses Thier vor dem Berge.”

„Aber Mensch, das ist doch lediglich Ihre Schuld,” erwiderte der Baron, „mein alter Oberst pflegte stets zu sagen: wenn ein Offizier bei der Vorinstruktion hineinfällt, so ist das immer seine Schuld, nie die der Leute. Das habe ich mir zu Herzen genommen und habe stets gut abgeschnitten.”

„Wie haben Sie denn das angefangen?” fragten die Kameraden, denn Alle hatten einen Schrecken vor der morgigen Instruktion, und wie der Ertrinkende nach einem Strohhalm, sahen die Geängstigten sich nach jedem Mittel um, dem bevorstehenden Unheil zu entgehen.

Der kleine Baron richtete sich stolz auf: „Meine Herren, wissen Sie was Logik ist?”

„Logik?” brummte ein soeben von Kriegsschule gekommener Kamerad, „ist das nicht das Zeug, bei dem nie was herauskommt?”

„Ganz recht, lieber Freund,” antwortete der „Baron”, „aber zuweilen, wenn man die Sache richtig anfängt, erzielt man doch Erfolge. Sehen Sie mich an, ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Fragen, die ich an meine Leute richte, logisch zu entwickeln. Aus der Antwort auf die erste Frage muß sich unbedingt die zweite Frage ergeben u.s.w. Passen Sie morgen auf, Sie werden staunen.”

„Na, da bin ich aber neugierig,” rief einer vom anderen Ende des Tisches, „wollen Sie übrigens nicht, wenn Sie so sicher sind, wie Busch sagt, erstens zur Erleichterug und zweitens zur Erheiterung eine kalte Flasche ausgeben?”

Aber der Vorschlag fand wenig Beifall, keiner war in der Laune zu zechen, früh gingen Alle nach Hause, um noch etwas in dem Instruktionsbuch zu lesen.

Am nächsten Morgen um 10 Uhr standen die Mannschaften im Exerzieranzug zur Instruktion bereit; die erste Kompagnie, der die anderen in einem Zeitraum von einer halben zu einer halben Stunde folgen sollten, eröffnete den Reigen, und der dicke Paul, den das jedem Offizier in Fleisch und Blut übergegangene Pflichtgefühl noch in der letzten Minute abgehalten hatte, sich krank zu melden, harrte des Unglücks, das da kommen sollte. Nervös sah er jede Sekunde nach der Uhr: „Wenn der Oberst doch erst da wäre, je eher daran, desto eher davon.”

Endlich rief der an der Thür aufgestellte Posten „Achtung” und gleich darauf betrat der Kommandeur den Schuppen.

„Bitte, Herr Leutnant, fragen Sie über die neue Heerordnung und über die durch die letzte Militärvorlage entstandenen Neuerungen ab.”

Dem dicken Paul wurde grün und schwarz vor den Augen: das war ja eins der vielen Themata, die er mit seinen Leuten nicht durchgeniommen hatte, weil er selbst Nichts davon wußte! Was kümmerte ihn die neue Militär­vorlage, er mußte doch vierzehn Jahre bis(1) Hauptmann warten. Nur einmal hatte er sich um die Reichstags­verhandlungen gekümmert, als die Gehaltserhöhung auf der Tagesordnung stand; aber seitdem die Angelegenheit nicht zu seiner Befriedigung gelöst war, hatte er geschworen, nie wieder von Dem, was im Reichstage vorging, Notiz zu nehmen. Und treulich hatte er seinen Schwur gehalten.

„Bitte, Herr Lieutenant, fangen Sie an.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Mit großen Schritten ging er vor die Mtte der Abtheilung. Plötzlich fiel ihm ein, was der Baron gesagt hatte, die erste Frage war die Hauptsache, aus der ergab sich das Weitere von selbst. Also Muth!

„Der Flügelmann, was sind Sie?”

„Gemüsebauer, Herr Lieutenant.”

„Unsinn, ich meine natürlich, was Sie jetzt sind?”

„Soldat, Herr Lieutenant.”

„Schön, warum sind Sie jetzt Soldat?”

„Weil ich kein Gemüsebauer mehr bin.”

„Bravo,” sagte leise die Stimme eines Kameraden, und der dicke Paul fühlte, wie ihm das Blut in das Gesicht stieg. Auf diese Weise ging es nicht, das sah er ein, der Flügelmann war zu dumm: Er wandte sich an den Zweiten.

„Warum sind Sie Soldat?”

„Weil ich eingezogen bin.”

„Schön, sehr schön, warum sind Sie eingezogen?”

„Weil ich gesund und stark bin!”

„Gut, warum sind Sie gesund und stark?”

Der brave Pommer schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil ich immer gut was zu essen gekriegt habe.”

Dem dicken Paul trat der Angstschweiß auf die Stirn, so etwas von Dummheit war ihm in seinem militärischen Leben denn doch noch nicht vorgekommen, — aber nur im Fragen keine Pause eintreten lassen, dann werden(2) alle Vorgesetzten unnöthig aufmerksam. So wandte er sich an den Dritten:

„Warum sind Sie jetzt eingezogen worden?”

„Weil ich das gestellungspflichtige Alter erreicht habe.”

„Sehr gut. Warum haben Sie das gestellungspflichtige Alter erreicht?”

„Weil ich zwanzig Jahre alt bin.”

Der dicke Paul frohlockte innerlich, nun begriff er, was „Logik” war, das ging ja famos, eins ergab sich ja immer aus dem anderen, so fragte er denn weiter:

”Warum sind Sie zwanzig Jahre alt?”

„Weil ich 1876 geboren bin.”

„Warum sind Sie 1876 geboren?”

„Nun, ich danke Ihnen schön, Herr Lieutenant,” unterbrach ihn da plötzlich die Stimme des Kommandeurs, „wir wollen auf die Familienverhältisse des Mannes nicht näher eingehen, sonst fragen Sie ihn schließlich noch, warum sein Großvater sich verheirathet hat. Lassen Sie die Leute wegtreten.”

„Zu Befehl, Herr Oberst. Links um, ohne Tritt, marsch.”

Der dicke Paul athmete erleichtert auf, Gott sei Dank, daß die Sache zu Ende war, das „Wie” war ihm höchst gleichgültig. Wenn er nur erst mit seinen Leuten aus dem Exerzierhaus heraus wäre! Da hörte er sich plötzlich anrufen:

„Herr Lieutenant, bitte, einen Augenblick.”

Er eilte auf den Obersten zu, und(3) nun erfolgte eine Kritik seiner Leistungen, die ihm das Blut in den Adern erstarren ließ; viele Grobheiten hatte er schon in seinem Leben zu hören bekommen, aber so etwas hatte er denn doch nicht für möglich gehalten. Kein gutes Haar ließ der Kommandeur an ihm, und wer weiß, was Alles noch erfolgt wäre, wenn der kleine Baron nicht siegesbewußt an der Spitze seiner Soldateska eingerückt wäre.

„Bitte, Herr Lieutenant, instruiren Sie über das Gewehr!”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Der kleine Baron hatte gestern im Kasino nicht zu viel behauptet, wenn er sagte, er wäre seiner Sache sicher. Frage und Antwort klappten famos, und der kleine Baron wäre sicher als preisgekrönter Sieger hervorgegangen, wenn er nicht im Gefühl zu großer Sicherheit das Thema zu genial behandelt hätte. Plötzlich saß er fest, die gepriesene Logik hatte ihn auf falsche Wege geführt, und er konnte weder vorwärts noch rückwärts. Er schwieg und sah sich Hülfe suchend um, aber alle Blicke waren auf ihn gerichtet, er mußte weiter fragen.

„Wer hat unser Gewehr in die Armee eingeführt?” rang es sich plötzlich aus seinem angsterfüllten Herzen.

„Seine Majestät der Kaiser.”

„Gut, wie heißt Seine Majestät der Kaiser?”

„Wilhelm II.”

„Richtig, mit wem ist Seine Majestät verheirathet.”

„Mit Ihrer Majestät der Kaisern.”

„Sehr gut. Wie heißt Ihre Majestät die Kaiserin?”

„Auguste Viktoria aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg.”

„Wie heißen die Kinder Seiner Majestät des Kaisers?”

Nun war er wieder im Zug, das Kaiserhaus kannten seine Kerls in- und auswendig.

„Bitte bemühen Sie sich nicht weiter,” unterbach ihn da die Stimme des Kommandeurs, „ich glaube, es würde selbst dem weisesten Mann schwer fallen, einen Zusammenhang zwischen dem Infanterie-Gewehr Modell 88 und den Kaiserlichen Prinzen zu finden. Oder ist Ihnen vielleicht, Herr Lieutenant, ein solcher bekannt?”

„Zu Befehl nein, Herr Oberst.”

„Na also, dann lassen Sie die Leute forttreten, Sie selbst möchte ich aber noch einen Augenblick sprechen.”

„Meine Herren,” begann der Kommandeur, als die Mannschaften abgerückt waren, „ich will für heute es mit der Vorinstruktion genug sein lassen, denn was ich gehört, hat mich in keiner Weise befriedigt. In acht Tagen werde ich mir wieder vorinstruiren lassen und hoffe dann ein besseres Urtheil fällen zu können. Meine Herren, Sie müssen sich die Leute in die Hand spielen, wissenschaftliche Vorträge sind nicht angebracht, kurze Fragen kurze Antworten, alles Andere ist Unsinn. In diesem Sinne bitte ich die acht Tage auszunützen.”

Wie zwei geknickte Lilien zogen der dicke Paul und der kleine „Baron” über den Kasernenhof. „Hol der Teufel Ihre verfluchte Logik,” schimpfte der Dicke, „darauf falle ich nicht wieder hinein.”

„Und doch ist Logik das einzig Wahre,” entgegnete der Baron, „passen Sie auf, ich werde es Ihnen noch beweisen.”

„Na, da bin ich neugierig; aber wenn ich Ihnen einen guten Rath geben darf, machen Sie es fortan wie ich und bimsen Sie die Leute.”

Acht Tage später waren die Mannschaften wieder zur Instruktion angetreten, und beide Offiziere waren lustig und guter Dinge. Sie hatten die ihnen gegebene Frist gut ausgenutzt, in der Wohnung des dicken Paul lag ein ganzer Stoß von Strafarbeiten, die die Leute hatten anfertigen müssen, und auf dem Schreibtisch des Barons lag ein großer Stapel von Büchern über das Wesen und den Begriff der Logik.

Der kleine Baron kam zuerst an die Reihe. „Bitte, Herr Lieutenant, wollen Sie über die neue Heerordnung vorinstruiren.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Aber während er vor die Mitte der Abtheilung trat, fiel ihm das Wort seines Freundes wieder ein: „Folgen Sie meinem Rath und bimsen Sie die Kerls.” Ach wäre er nur gefolgt, was nützte ihm bei diesem Theam Alles, was er in der letzten Zeit über Atomistik(4), Positivismus und Materialismus studirt und gelernt hatte.

„Bitte, Herr Lieutenant, fangen Sie an.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Er ging auf den Flügelmann zu.

„Wie lange dienen Sie als Soldat?”

„Sechs und einen halben Monat, Herr Lieutenant.”

„ Unsinn, ich meine natürlich, wie lange Sie dienen müssen?”

„Bis ich entlassen werde, Herr Lieutenant.”

„Das Wort „Herr Lieutenant” können Sie sich sparen. Und wann werden Sie entlassen?”

„Das ist noch nicht bestimmt, Herr Lieutenant.”

Der kleine Baron machte ein so wüthendes Gesicht, daß der Flügelmann erschrocken einen Schritt zuücktrat.

„Der Nächste, wie lange müssen Sie dienen?”

„Ebenso lange wie mein Nebenmann, Herr Lieutenant.”

Der kleine Baron wurde heiß und kalt. „Ja, natürlich,” entgegnete er unruhig, „aber warum müssen Sie ebenso lange dienen wie die Anderen?”

„Weil wir Alle gleich lange dienen müssen.”

„Die Leute scheinen ja von einer besonderen Intelligenz zu sein,” mischte sich hier der Herr Oberst ein, „ich glaube kaum, daß Sie auf diese Art und Weise zu einem Resultat gelangen. Bitte, überlegen Sie sich das Thema einstweilen, ich werde inzwischen erst die nächste Kompagnie hören.”

In stummer Verzweiflung blieb der kleine Baron vor der Front stehen, während der Kommandeur auf die erste Kompagnie zuschritt.

„Bitte, Herr Lieutenant, instruiren Sie über das Gewehr.”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

Und nun ging die Sache los, daß es eine wahre Freude war.

„Warum heißt das Infanterie-Gewehr Modell 88?”

„Weil das Modell aus dem Jahre 88 ist.”

„Womit wird das Gewehr bei dem Reinigen eingefettet?”

„Mit Fett.”

„Darf das Fett etwa ranzig sein?” (Energisches Schütteln des Kopfes begleitete diese Frage.)

„Nein.”

„Gebraucht man noch anderes Material zum Reinigen des Gewehrs?”

„Zu Befehl.”

„Wie nennt man das zur Reinigung dienende Material?”

„Reinigungsmatrial, Herr Lieutenant.”

Das Gesicht des strengen Kommandeurs hellte sich mehr und mehr auf und er ließ durch den Adjutanten den kleinen Baron herbeirufen, damit dieser Zeuge der Triumphe wäre, die sein Kamerad feierte.

Der dicke Paul instruirte indessen lustig weiter.

„Womit verschließt man das Gewehr?”

„Mit dem Verschluß.”

„Ein kürzeres Wort für Verschluß heißt wie?”

„Schloß.”

Wohlwollend berührte der Kommandeur den Arm des Instruirenden: „Ich danke Ihnen sehr, ich sehe, die Leute sind ausgezeichnet unterichtet,” und zu dem kleine Baron gewandt, fügte er hinzu: „Ich werde ein anderes Mal Gelegenheit nehmen, Ihre Leute nochmals zu hören. Lassen Sie sich das aber schon heute gesagt sein: Erfolge werden Sie nur erzielen, wenn Sie gelernt haben, auf dieselbe Art und Weise zu instruiren wie Ihr Herr Kamerad.”

Arm in Arm schritten die beiden Freunde einen Augenblick später über den Kasernenhof dem Offizierskasino zu, um sich durch eine Flasche Sekt zu stärken.

Plötzlich blieb der kleine Baron stehen und stampfte zornig mit dem Fuß auf den Boden . . . „Und mag der Kommandeur sagen, was er will, dies gedankenlose Frage- und Antwortspiel, wie Sie es mit Ihren Leuten treiben, hat absolut gar keinen Zweck. Logik ist die Hauptsache, die fehlt Ihnen, und mag man sagen, was man will, Recht habe ich doch.”

„Sie irren sich, Bester,” entgegnete der dicke Paul und zog den widerstrebenden Freud mit sich fort. „Sie sind nun schon so lange Offizier, kennen Sie immer noch nicht das Wort: „Der Vorgesetzte hat das höchste Gehalt, folglich hat er immer Recht?” Das ist die einzige Logik, die beim Militär gilt und die die Weisheit sämmtlicher Weisen nicht umzustoßen vermag.”


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es: „bis zum Hauptmann” (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es: „wurden” (zurück)

(3) In der Buchfassung fehlt das Wort: „und” (zurück)

(4) In der Buchfassung fehlt das Wort: „Atomistik” (zurück)


zurück zur

Schlicht-Seite