„Guten Morgen, Vielliebchen!”

Humoreske von Freiherr von Schlicht
in: „Deutsche Romanzeitung” 50.Jahrgg. 1913, 4.Band, Beiblatt, Seite 455 bis 458 und
in: „S.M. kommt”


Leutnant von Wanndorf, ein hübscher, flotter Offizier von siebenundzwanzig Jahren, lag in seinem Wohnzimmer auf der Chaiselongue und schalt ingrimmig vor sich hin. Und das nicht ohne Grund, er hatte die rasendsten Magenschmerzen und dachte vergebens darüber nach, welchem Umstande er die verdanke. Vielleicht, daß das Bier gestern abend doch zu kalt gewesen war, vielleicht, daß ihm der „Schlangenfraß” im Kasino, wie jedes, selbst das beste Mittagessen dort genannt wird, nicht bekommen war, auf jeden Fall ging es ihm gar nicht gut und das ausgerechnet heute nachmittag, wo er abends um sieben in das Haus seines sehr liebenswürdigen und reichen Hauptmanns nebst vielen anderen Kameraden geladen war, um an der Geburtstagsfeier Fräulein Jutas, des Herrn Hauptmanns bildhübschen Töchterlein, teilzunehmen.

Wie ungeduldig hatte er diesen Tag herbeigesehnt, denn wenn Juta sich ihn auch heute abend als Tischherrn erwählte, dann hatte er die Gewißheit, daß sie ihn wiederliebe, daß sie ihn erhören würde, wenn er um ihre Hand bat.

Heute sollte sich sein Lebensglück entscheiden. Er wollte tun, was er nur immer konnte, um sich dankbar zu erweisen, wenn Juta ihn heute abend an ihre Seite rief, er hatte tanzen, springen und tollen wollen, und statt dessen lag er auf der Chaiselongue und schluckte fort­während Hoffmannstropfen. Und zwischendurch sandte er zum Himmel ein Stoßgebet nach dem anderen, in dem er den Göttern seine Lage schilderte und sie um ihren Beistand bat. Und die Götter, die ja auch wußten, was Liebe war, mußten Mitleid mit ihm empfinden und ihn erhört haben, denn plötzlich fühlte er, wie seine Schmerzen immer mehr und mehr nachließen, so daß er sich wieder ganz gesund fühlte, als er abends um sieben die hübsche Villa seines Hauptmanns betrat, in deren schönen Räumen bereits zahlreiche Gäste versammelt waren. In glücklichster Stimmung trat er auf die Gastgeber, besonders auf Fräulein Juta zu, denn seine Hoffnung hatte sich erfüllt. Auf der kleinen Karte, die ihm in der Garderobe von dem Diener eingehändigt wurde, stand geschrieben: Herr Leutnant von Wanndorf wird gebeten, die Tochter des Hauses zu Tisch zu führen.

Was er erhoffte, war Wirklichkeit geworden und das machte ihn so glücklich, erfüllte ihn aber im ersten Augenblick auch mit einer gewissen Verlegenheit, so daß er, nachdem er dem Geburtstagskind gratuliert, nicht gleich die passenden Worte fand, um sich für die ihm gewordene Auszeichnung zu bedanken. Aber was sein Mund verschwieg, verriet um so deutlicher sein Blick. Bis sie dann plötzlich übermütig meinte: „Frohlocken Sie nicht zu früh, Herr von Wanndorf, wer weiß, ob Sie es nicht noch im Laufe des Abends bereuen werden, daß Sie neben mir sitzen. Vielleicht stelle ich Sie heute noch vor eine Aufgabe, die Sie lösen müssen, um mir zu beweisen, wie recht ich daran tat, gerade Sie zum Tischherrn zu wählen.”

„Und wäre die Aufgabe auch noch so schwer, gnädiges Fräulein, ich werde sie lösen,” rief er schnell, „und je eher Sie mir dazu Gelegenheit gebe, um so besser.”

„Oder auch nicht,” neckte sie ihn, „nun aber geben Sie mir bitte Ihren Arm, ich sehe, daß die Paare sich in den Eßsaal begeben.”

An der großen, festlich geschmückten Tafel saß wenig später eine frohe, lachende Gesellschaft beisammen. Man hatte es im voraus gewußt, daß es wie stets ein gutes Diner geben würde, und das heutige begann sogar mit Austern, obgleich die Jahreszeit hierfür eigentlich vorüber war. Und zu den Austern gab es französischen Sekt, der in den Kelchen perlte und schäumte, so daß überall gleich von Anfang an eine fröhliche Stimmung herrschte. Aber der fröhlichste von allen war doch Leutnant von Wanndorf. Er hatte ja auch alle Ursache dazu. Die wahnsinnigen Magenschmerzen, die ihn den ganzen Tag gepeinigt hatten, waren wie verflogen. Er saß an der Seite Fräulein Jutas, die ihm heute noch schöner und begehrenswerter erschien als sonst, und die auch ihrerseits in der ausgelassensten Stimmung war. So plauderten und scherzten sie miteinander, daß sie beide glaubten, sich noch nie so gut unterhalten zu haben, bis Juta jetzt zu ihm sagte: „Ich sehe es ein, Herr von Wanndorf, es war unrecht von mir, wenn ich vorhin zu Ihnen sagte, ich würde Sie vor eine schwere Aufgabe stellen, damit Sie mir beweisen, daß ich recht tat, Sie zum Tischherrn zu nehmen. Das haben Sie mir bereits bewiesen, und Sie brauchen nun nicht mehr zu fürchten, daß ich einen weiteren Beweis von Ihnen erbitte.”

„Und wenn ich den nun trotzdem erbitte?” Und er ließ nicht nach, sie zu bitten und zu quälen, bis sie dann schließlich sagte: „Schön, wenn Sie es denn absolut wissen wollen, dann hören Sie: Ich hatte beschlossen, daß Sie mit mir ein Vielliebchen essen, und daß Sie dieses auch gewinnen sollten.”

Er lachte hell auf: „Wenn es weiter nichts ist, gnädiges Fräulein.”

„Sagen Sie das nicht so übermütig,” schalt sie, „ich habe noch nie ein Vielliebchen verloren, und ich weiß auch schon, was ich mir von Ihnen wünsche. Ich sah es heute morgen bei dem Juwelier auf dem Tisch liegen, klein und schmal, ein einfaches, sogenanntes goldenes Freundschafts­armband.”

„Und ich weiß auch schon, was ich mir von Ihnen wünsche,” erwiderte er keck und übermütig. „Ich sah es auch auf dem Tisch liegen, wenn auch nicht bei dem Juwelier, sondern vorhin auf diesem Tisch, dicht neben meinem Teller, auch das war klein und schmal, höchstens, aber auch allerhöchstens fünf dreiviertel, Ihre kleine Hand.” Und so leise, daß selbst kaum sie ihn verstand, fragte er: „Darf ich hoffen, daß Sie mir Ihre Hand für immer lassen werden, wenn ich das Vielliebchen gewinne?”

Unwillkürlich färbten sich ihre Wangen in leichter Verlegenheit, bis sie dann meinte: „Wenn Sie es gewinnen, dann ist es immer noch Zeit, Ihnen die Antwort zu geben. Aber ich weiß, daß Sie gar nicht in die Lage kommen können, mir zuerst ein „Guten Morgen, Vielliebchen” zuzurufen.”

Ohne auf ihre Worte zu achten, griff er in eine vor ihm stehende kleine, silberne Schale, um dieser eine Knackmandel zu entnehmen.

„Wir haben Glück, gnädiges Fräulein,” meinte er lustig, „gleich die erste Nuß enthält ein Vielliebchen. Wir sind zwar noch lange nicht bei dem Dessert angelangt, aber trotzdem, wenn ich bitten darf?” Er hielt ihr die Mandel hin, aber sie zögerte, die anzunehmen, so daß er mit einer Stimme, aus der sie deutlich seine Betrübnis heraushörte, fragte: „Gnädiges Fräulein, würde es Ihnen denn so schwer fallen, mir das als Vielliebchen­geschenk zu gewähren, das ich erbat?”

Fräulein Juta schwieg eine kleine Weile, dan sagte sie: „Und wenn ich nun zögere, das Vielliebchen mit Ihnen zu essen, weil ich die Gewißheit habe, daß Sie es gar nicht gewinnen können?” Und als er nun seinerseits den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: „Wenn Sie es mir nicht so glauben, will ich es Ihnen beweisen. Sie wissen, daß ich oft mit meinem Vater nach dem Exerzierplatz hinausreite, wenn er dort seine Kompagnie exerzieren läßt, und das tue ich auch morgen. Ich habe mir meinen Plan schon zurecht gemacht und den Vater gebeten, daß er zuerst mit dem Gefecht beginnt und erst später, damit ich ausschlafen kann, die Paradeaufstellung besichtigt. Ich reite nicht gleich mit dem Vater fort, sondrn erst später, um einhalb zehn Uhr. Wenn das Gefecht zu Ende ist, bin ich draußen, und wenn der Vater dann die Front abreitet, reite ich dicht hinter ihm, um dann so leise, daß nur Sie es hören, Ihnen „Guten Morgen, Vielliebchen” zuzurufen. Sie können den Zuruf nicht einmal erwidern, und erst recht können Sie mich nicht zuerst begrüßen, denn wenn die Truppe unter präsentiertem Gewehr steht, können Sie mir doch unter gar keinen Umständen ein ‚Guten Morgen, Vielliebchen’ zurufen.”

„Das allerdings nicht, gnädiges Fräulein,” stimmte er ihr bei, „und ich muß Ihnen offen gestehen, Sie haben sich das sehr schön ausgedacht, und mich da tatsächlich vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt. Aber seien Sie unbesorgt, lösen werde ich sie trotzdem, wenn ich auch in diesem Augenbolick noch nicht die leiseste Ahnung habe, wie. Das aber soll meine Sorge sein, nun lassen Sie uns erst mal das Vielliebchen essen.”

Wenn auch widerstrebend, führte sie die Mandel an den Mund: „Schön, wenn Sie es denn wollen, ich habe Sie gewarnt, die Folgen tragen Sie allein.”

„Nein Sie, gnädiges Fräulein,” widersprach er, und das Sektglas erhebend, stieß er mit ihr an, um es dann auf einen Zug zu leeren, im Augenblick ganz vergessend, daß der Stabsarzt ihm streng angeraten hatte, entweder gar keinen Sekt, oder den nur in ganz kleinen Schlucken zu trinken. Jetzt hatte er dagegen gesündigt, und er mußte es büßen. Keine fünf Minuten später waren die Magenschmerzen wieder da, und sie wurden stärker, als sie es bisher überhaupt gewesen waren. Er mußte sich alle Gewalt antun, um sich zu beherrschen, aber er konnte es trotzdem nicht verhindern, daß er blaß wurde.

Fräulein Juta sah natürlich sofort die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war und die Ursache falsch deutend, meinte sie jetzt: „Wir wollen das Vielliebchen wieder rückgängig machen, Herr von Wanndorf, ich merke es Ihnen ja deutlich an, daß Sie sich schon jetzt den Kopf zermartern, um eine Lösung zu finden.”

Aber er widersprach, und wenn Juta auch nicht erriet, was ihm in Wirklichkeit fehlte, so sah der Hausherr, als die Tafel endlich aufgehoben war, auf den ersten Blick, daß seinem Gast elendiglich zumute war, und so rief er dem denn zu: „Um Gottes willen, Wanndorf, was haben Sie denn nur? Sie sind krank, hoffentlich haben Sie keine schlechte Auster bekommen. Meine Frau hat mir Vorwürfe genug gemacht, daß ich die um diese Jahreszeit bestellte, sie meinte, sie wären jetzt nicht mehr frisch genug. Ich habe nicht darauf gehört, weil ich sie so gern esse. Werden Sie mir nur nicht ernstlich krank, ich müßte mir sonst die bittersten Vorwürfe machen. Kommen Sie, ich werde Ihnen einen Kognak geben, und wenn das nicht hilft, drücken Sie sich heimlich, gehen Sie nach Hause, und wenn Ihnen morgen früh noch nicht besser ist, bleiben Sie ruhig vom Dienst weg. Nun aber erst mal einen tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche.”

Aber der half auch nicht, im Gegenteil, die Schmerzen wurden fast noch schlimmer, so daß ihm wirklich nichts anderes übrigblieb, als sich heimlich zu drücken, nachdem er sich nur bei Fräulein Juta entschuldigt hatte: „Ich habe Ihrem Herrn Vater gegenüber ein Unwohlsein vorgeschützt, um mich entfernen zu können, in Wirklichkeit bin ich so gesund, wie nur einer, ich befinde mich lediglich in einer leicht begreiflichen nervösen Aufregung. Ich m öchte allein sein, um darüber nachzudenken, wie ich morgen den Sieg an meine Fahne heften soll. Die Zeit ist kurz, und der Gegner erscheint mir unüberwindlich.”

Wenig später war er gegangen, um sich zu Hause von seinem Burschen warme Umschläge machen zu lassen. Er gedachte dabei des Wortes von Wilhelm Busch: Doch ein heißes Bügeleisen auf den Leib gebracht, hat ihn schnell gesund gemacht. Aber so schnell wie in der Dichtung ging es in Wirklichkeit doch nicht. Und während er sich in seinem Bett stöhnend hin und her warf, zermarterte er sich sein Gehirn, wie er das Vielliebchen gewinnen solle. Er sah dazu gar keine Möglichkeit, jetzt noch weniger als vorhin, da er neben Juta saß, der er aber seine Bedenken natürlich nicht eingestehen durfte.

Nur ein Glück, daß Juta nicht gleich mit ihrem Vater auf den Exerzierplatz ritt, sondern daß sie später nachkam.

Er wußte selbst nicht, inwiefern das für ihn ein Glück bedeutete, bis dann plötzlich ein Gedanke in ihm wach wurde, bis der schließlich ganz deutlich vor ihm stand.

So rief er denn jetzt seinen Burschen heran, um den zu fragen: „Sag' mal, Friedrich, hättest du Lust, dir zwanzig Mark zu verdienen?”

Der Bursche grinste glückselig vor sich hin, bis er dann ausrief: „Wenn es geht, Herr Leutnant, sogar vierzig!”

„Schön, auch die sollst du haben, vorausgesetzt, daß alles gut geht und daß du den Pferdeburschen des Herrn Hauptmanns dahin bringst, daß er zu allem Ja und Amen sagt.”

Friedrich hatte zwar noch keine Ahnung, um was es sich handelte, trotzdem erklärte er jetzt, während er dabei wie zufällig seine Hände zur Faust ballte: „Ich werde schon so lange auf den einreden, bis er tut, was er soll, da können der Herr Leutnant ganz unbesorgt sein.”

So weihte Leutnant von Wanndorf seinen glücklicherweise sehr intelligenten Burschen in alles ein, und der war sofort Feuer und Flamme. Er kannte ja auch die Tochter seines Hauptmanns, und daß gerade sein Leutnant sich mit der verloben wollte, versetzte ihn in eine Begeisterung, als wäre er selbst der glückliche Bräutigam. „Das machen wir, Herr Leutnant,” meinte er triumphierend, „und es geht sogar sehr gut. Der Pferdebursche hat dieselbe Figur wie ich, er ist in der Front mein Nebenmann, und ich habe dieselbe Figur wie der Herr Leutnant. Ich habe schon manches Mal heimlich einen Rock von dem Herrn Leutnant angezogen, um mal zu sehen, wie das ist, wenn man Leutnant ist, und der Rock saß mir wie angegossen.”

Unter anderen Umständen hätte der Bursche wegen dieses Geständnisses sicher etwas auf den Hut bekommen, jetzt aber nahm sein Leutnant es ruhig hin, weil diese Nachricht ihm das Gelingen seines Planes noch wahrscheinlicher machte. So beschränkte er sich denn lediglich darauf, nochmals alles mit seinem Burschen zu besprechen und flehte dann die Götter an, sie möchten ihm seine Schmerzen lassen, damit er morgen mit gutem Gewissen von der Übung zurückbleiben könne. Und das konnte er, als es soweit war, wirklich. Es ging ihm hundsmiserabel, aber trotzdem krabbelte er aus seinem Bett heraus.

Er war mehr als neugierig, wie die Begegnung mit Juta verlaufen würde, aber die brannte erst recht vor Ungeduld, zu erfahren, ob und in welcher Weise Leutnant von Wanndorf doch noch das Vielliebchen gewinnen würde. Juta konnte den Augenblick kaum erwarten, in dem sie auf dem Exerzierplatz eintraf, und so beeilte sie sich derartig mit dem Ankleiden, daß sie schon ein Viertel nach neun Uhr zum Fortreiten fertig war, obgleich sie sich das Pferd erst um ein halb zehn bestellt hatte.

Ungeduldig stand sie jetzt auf dem Hof und wartete darauf, daß ihr Rappe herausgeführt würde, und mehr als einmal rief sie in den Stall hinein: „Aber, Heinrich, wo bleiben Sie denn nur?”

Bis dann endlich der Bursche mit den beiden Pferden erschien. Der hatte den Auftrag, das gnädige Fräulein auf dem dritten Pferde des Herrn Hauptmanns zu begleiten, so führte er denn, als er jetzt endlich erschien, an jeder Hand ein Pferd. An der linken Fräulein Jutas Rappen, an der rechten seinen Braunen. Die Pferdeköpfe verbargen sein Gesicht, und das wandte er auch jetzt ab, als er nun den Braunen losließ und sich an dem Rappen zu schaffen machte.

„Alles in Ordnung, kann ich aufsteigen?” erkundigte Juta sich.

„Zu Befehl, gnädiges Fräulein,” lautete die Antwort.

So trat sie denn auf den Burschen zu, damit er ihr behilflich sei, sie in den Sattel zu heben, aber als sie dann den Musketier zufällig ansah, der ihr in hohen Kommißstiefeln, in den Kommißreithosen mit Lederbesatz, in dem Waffenrock mit dem umgeschnallten Seitengewehr, mit dem Helm auf dem Kopf, vollständig vorschriftsmäßig angezogen, gegenüberstand, da starrte sie den plötzlich ganz entsetzt an, denn das war doch gar nicht der Heinrich, das war doch — — —

„Guten Morgen, Vielliebchen!” klang es da an ihr Ohr, noch bevor sie sich von ihrem Erstaunen und ihrer Überraschung hätte erholen können, und übermütig fuhr der junge Offizier fort: „Jawohl, gnädiges Fräulein, sehen Sie mich nur genau an, ich bin es wirklich. Ich mußte es mir doch zunutze machen, daß Sie mir in leichtsinniger Weise erzählten, Sie würden erst um halb zehn Uhr fortreiten. Auf dem Ritt selbst kann ich Sie ja leider nicht begleiten, das muß schon der richtige Bursche tun. Ich will dem schnell seine Uniform wiedergeben, denn unter uns gesagt, gnädiges Fräulein, der steht da drinnen im Stall im Hemd und Unterhosen. Der wird sich freuen, seine Sachen wiederzubekommen, und ich will mich selbst wieder in den Leutnant verwandeln, denn wenn der Musketier auch das Vielliebchen gewann, das erbetene Vielliebchen­geschenk würden Sie sicher keinem Musketier geben.”

Zuerst voller Erstaunen, dann immer mehr belustigt, hatte Fräulein Juta ihm zugehört, bis sie ihn jetzt übermütig fragte: „Und wenn auch der Leutnant das Geschenk nicht erhält, das er erbat, weil er mich so schmählich hineinlegte?”

„Dann nimmt er sich ganz einfach, was ihm freiwillig nicht gegeben wird,” rief er ihr zu, und ihre Hand ergreifend, bat er: „Die halte ich jetzt fest, versuchen Sie, ob Sie die wieder frei bekommen!”

Aber da Juta einsah, daß der Offizier doch stärker war, als sie, versuchte sie es gar nicht erst, ihm ihre Hand zu entziehen, und sie leistete nicht einmal Widerstand, als er sie gleich darauf sogar küßte.


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© Karlheinz Everts