Die Verdauungspause.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Excellenz kommt!”


Ich will mich nicht schlechter machen als ich bin — heutzutage, da nach meiner Meinung schon die guten Freunde und getreuen Nachbarn auf den Augenblick warten, wo sie über unsere Leichen hinweg zu Ruhm und Ansehen gelangen können, wäre es mehr als thöricht, von sich selbst etwas anderes als nur Gutes zu sagen. Ich will daher, wie es ursprünglich meine Absicht war, auch von mir nicht behaupten, daß ich ein Sybarit bin, wohl aber gestehe ich offen und ehrlich ein, daß ich sehr gerne ein sehr gutes Diner mitmache. Ich esse sehr gerne sehr gut, ich trinke sehr gerne sehr gute Weine und unterhalte mich sehr gerne sehr gut mit einer nicht zu jungen und nicht zu häßlichen Dame — nur „ästhetisch” darf sie nicht sein, dagegen habe ich einen horror. Erst kürzlich habe ich in dieser Hinsicht wieder gar traurige Erfahrungen gemacht. Die Dame sprach während eines langen Diners — es gab vierzehn Gänge — von der Bouillon bis zu den Früchten in einem fort über Kunst und Litteratur; meine Hoffnung, daß sie beim Essen den Mund halten würde, war eitel, da sie infolge einer Magenindisposition gar nichts aß. Selbst gebackene Seezunge mit Krabbensauce — ein Gericht, für das ich kaltblütig lächelnd drei Raubmorde und zwei Eisenbahn­überfälle ausführe — brachte sie nicht zum Schweigen und als wir nach drei Stunden endlich aufstanden, bedauerte sie lebhaft, sich so wenig habe aussprechen zu können.

Das schönste nach meiner unmaßgeblichen Meinung ist aber bei jedem Diner die Verdauungspause — man sitzt in einem bequemen Fauteuil, schlürft einen Cognac und raucht dazu eine tadellose Cigarre. Weiß man im voraus, daß der Wirt für guten Tabak kein Verständnis hat, so empfiehlt es sich, die eigene Cigarre mitzubringen und diese in einem unbewachten Augenblick mit der Geschicklichkeit eines Bellachini mit dem vom Gastgeber offerierten Kraut zu vertauschen.

Ich liebe solche Verdauungspausen sehr; ein behagliches, molliges, seliges Gefühl durchströmt den ganzen Körper, man fühlt sich so leicht, so glücklich, die ganze Welt erscheint im rosigen Licht, alles Leid und Ungemach dieses Daseins wird vergessen, man träumt und sinnt, man ist der Wirklichkeit halb entrückt und mit einem „Wie meinten Sie?” fährt man in die Höhe, wenn der Nachbar zur Rechten oder zur Linken uns plötzlich anredet.

Solche Verdauungspausen, in denen man dem Magen Zeit läßt, sich von dem Diner zu erholen und sich für die weiteren kommenden Genüsse vorzubereiten, sind schön, herrlich, göttlich.

Ich kenne aber auch Verdauungspausen, die weniger schön sind, das sind die „militärischen Verdauungspausen”. —

Die Kompagnie ist zum Exerzieren nach dem großen Exerzierplatz abgerückt. Man würde dem Herrn Hauptmann Unrecht thun, wenn man glaubte, daß er freiwillig sich diesen Dienst angesetzt hätte; ach nein, so ist er nicht, dazu ist er viel zu bequem. Aber der Herr Hauptmann hat einen Major und der hat gestern Mittag so ganz beiläufig seinen Untergebenen gefragt, wann er denn einmal mit seiner Kompagnie nach dem „großen” Platz gehen wolle. Hätte der Hauptmann die Wahrheit sagen wollen, so hätte er antworten müssen: „Ueberhaupt nicht,” aber in dem Gesicht des Herrn Majors hatte ein undefinierbares Etwas gelegen und so hatte der Hauptmann sich denn beeilt zu sagen: „Ich dachte morgen früh, Herr Major.”

Und befriedigt war der Vorgesetzte von dannen gegangen.

Man würde auch den Herren Lieutenants Unrecht thun, wenn man glaubte, daß sie freiwillig zu diesem Dienst gekommen wären; ach nein, dazu sind sie viel zu verkatert. Bis zum frühen Morgen haben sie getanzt und sehr viel Bier getrunken, ihnen ist gar nicht ganz extra. Ginge es nach ihren Köpfen — und die sind heute dicker als je — so lägen sie noch im Bett und schliefen bis in die Nacht und wieder bis zum Morgen.

Daß auch die Leute, die „Kerls”, die Mannschaften, oder wie man sie nun immer nennen will, auch nicht freiwillig, sondern nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, gekommen sind, ist ganz selbstverständlich. Teilnehmend, mitleidig betrachten sie ihre Beine und streicheln sie zärtlich mit der Hand, sie wissen, was ihren „Knochen” bevorsteht und sie haben einiges Mitgefühl mit ihnen.

Lust zum Exerzieren hat keiner und als man auf dem Platz angekommen ist, läßt der Hauptmann die Züge auseinanderziehen und befiehlt „Einzelmarsch und Einzel-Griffe”.

Die Herren Lieutenants befehlen ihren Unteroffizieren, die Glieder zu übernehmen und die Unteroffiziere befehlen ihren Leuten: einzeln, mit sieben Schritt Abstand, bei ihnen vorbeizumarschieren.

Der Hauptmann reitet auf dem Platz spazieren, die Herren Lieutenants unterhalten sich mit einander, die Herren Unteroffiziere lassen die Leute vorbeimarschieren, wie sie wollen und die Kerls bummeln, daß jeder Aufsichtsrat einer Tertiärbahn, der dies mit ansähe, behaupten würde, im Vergleich mit dieser Bummelei verkehrten auf seiner Bahn überhaupt keine Bummelzüge, sondern nur D-Züge.

Selbst der Sonne ist der Anblick dieser Bummelei unangenehm, sie läßt das Rouleaux herunter in Gestalt einer schwarzen Wolke.

Aber nun macht den Leuten das Exerzieren erst recht keinen Spaß mehr.

Eine Stunde ist so vergangen, da kommt der Hauptmann auf den Gedanken, etwas anderes machen zu lassen. Er will jetzt geschlossen exerzieren und er befiehlt: „In Kompagnie-Kolonne antreten marsch — marsch.”

Wie jeder Befehl wird auch dieser ausgeführt, aber fragt mich nur nicht wie.

Der Hauptmann sagt nichts, aber er denkt: „Na wartet, ich will Euch schon kriegen.”

Dann zieht er den Säbel, das heißt auf deutsch: „Ich bitte die Herren Lieutenants einzutreten.”

Und die Herren Lieutenants kommen, wenn auch etwas betrübten Herzens, dieser Bitte nach.

Der Herr Hauptmann kommandiert: „Stillgestanden.” Das ist das unangenehmste Kommando das es giebt, denn es bedeutet den Anfang des Exerzierens.

Gleich darauf heißt es: „Bataillon — marsch.”

Hundertzwanzig linke Beine erheben sich unwillig, innerlich knurrend und murrend von der Erde. Die linke Fußspitze, die nach unten gedrückt sein soll, zeigt in die Höhe, gleichsam als wolle sie feststellen, was denn heute für Wetter sei; sie schnüffelt, wie der Kunstausdruck lautet, in der Luft herum. Die linke Fußspitze teilt das Ergebnis ihrer Forschung dem ganzen Fuße mit und als dieser erfahren hat, daß da oben nichts los sei, berührt er wieder den Erdboden. Damit er keine Verletzung davon trägt, ist er bei der Berührung mit der Erdoberfläche sehr vorsichtig.

„Kerls, gebraucht mir Eure linken Beine besser,” bemerkt der Kapitano — da ist auch schon der rechte Fuß mit dem dazu gehörigen rechten Bein in der Luft.

Es ist eine Thatsache, die ich mir nicht zu erklären vermag, daß die linken Beine unserer gesamten Armee viel stärker ausgebildet sind als die rechten. Wenn die Kerls den linken „Knochen” hinsetzen, dröhnt die Erde, wird der rechte Fuß aufgesetzt, so hört man so gut wie gar nichts.

Der Herr Hauptmann hört absolut nichts.

Das ärgert den Häuptling — um so mehr, als in diesem Augenblick der Herr Major, der seit einigen Minuten auf dem Platz herumreitet, ihm zuruft: „Die Kompagnie marschiert schlapp, sehr schlapp.”

Zum Zeichen, daß er die Worte des Vorgesetzten vernommen hat und daß er ihnen teilweise zustimmt — ganz stimmt ein Untergebener niemals einem Vorgesetzten zu — salutiert er mit dem Degen.

Dann kommandiert er: „Bataillon — halt.”

„Nun geht's los,” denken sich die Leute und unmerklich mit den Schultern zuckend, schieben sie sich die Bundeslade, den Tornister, zurecht, gleichsam als wollten sie sich den Panzer gegen die nun kommende Strafrede zurcht rücken.

„Kerls,” beginnt der Hauptmann, „ich will Euch mal etwas sagen.”

Diese Einleitung ist überflüssig, sie verfehlt die beabsichtigte Wirkung, die Zuhörer aufmerksam und neugierig zu machen, vollständig. Daß er ihnen etwas sagen will, wissen die Kerls, also wozu so viel Worte?

„So geht die Bummelei nicht weiter.”

„Dat heww ick mi wull dacht, dat dat kommen würde!” (Das habe ich mir wohl gedacht, daß das kommen würde!) sagt ein braver Musketier zu sich in seinem Innern und die anderen denken ebenso.

Man sieht, auch dieser Teil der Rede bringt nicht neues.

„Wenn Ihr noch weiter bummelt, werde ich ungemütlich, das laßt Euch hiermit gesagt sein und überlegt Euch meine Worte.”

Die Rede des Herrn hauptmanns ist beendet, nun folgt für die Zuhörer die Verdauungspause; sie sitzen nicht in einem Lehnstuhl und rauchen keine Henry Clay und keine Uppmann, sie stehen still: Hacken zusammen, Knie durchgedrückt, Bauch herein, Brust heraus, Schultern zurück, Kopf in die Höh', Kinn an der Binde, Augen geradeaus, auf der linken Schulter das Gewehr, auf dem Puckel den „Affen”.

In solcher Stellung verdaut es sich unbequem, und der Herr Hauptmann läßt ihnen zu dieser Thätigkeit sehr lange Zeit. Er sagt sich: „Steht nur still, Kinder, ich habe davon keine Beschwerden, aber Euch werden schon mit der Zeit die Beine wehthun, und dann wird es in Eurem Schädel schon helle werden, ob Ihr so wollt, wie ich, oder nicht.”

Zu ihrem großen Leidwesen müssen die Herren Lieutenants mitverdauen: unbeweglich, wie aus Erz gegossen, stehen sie in der Front, kein Wimper zuckt, keine Miene verrät, was sie denken und — wie sie fluchen, daß sie mitleiden müssen unter der Bummelei der Leute.

Unterdes verdauen die Leute die Worte ihres Vorgesetzten; sie denken darüber nach, was wohl geschieht, wenn sie weiter faullenzen. Was heißt das: der Hauptmann wird ungemütlich werden? — wird er schelten? Daran sind sie gewöhnt, das macht auf sie wenig oder gar keinen Eindruck mehr. Wird er sie nachexerzieren lassen? Auch daran sind sie gewöhnt. Wird er sie einsperren? Auch das steht in seiner Macht, und das wäre ihnen sehr, sehr unangenehm, denn trocken Brod und frischer „Pumpenheimer” ist kein Hochgenuß — aber sie trösten sich mit dem Gedanken, daß er doch nicht die ganze Kompagnie einsperren kann.

Und das Resultat des Nachdenkens ist: „Wir wollen abwarten, was der Alte unter ,ungemütlich werden' versteht.” Sie sind sehr neugierig darauf, aber vorläufig denkt der Herr Hauptmann gar nicht daran, ihre Neugier zu befriedigen.

Er läßt sie ruhig stehen.

Von den Fußspitzen aus durchdringt ein eigentümliches krabbelndes, kitzelndes Gefühl die Füße, man würde, wenn man sie überflüssig hätte, gerne hundert Mark ausgeben, um nur einmal die Füße bewegen zu dürfen. Aber das geht nicht; nur die Zehen bewegt man in den Stiefeln einmal auf und ab und es ist, als wenn das prickelnde Gefühl nur darauf gewartet hätte. Von den Füßen steigt es in die Höhe, langsam aber sicher steigt es in die Wade und von dort in die Kniekehlen. Man fühlt, man kann die Knie nicht mehr durchdrücken, aber man muß; die Beine fangen an zu zittern und immer höher geht das Prickeln, den Rücken hinaufund nun langsam vom Genick bis in den Hinterkopf. Es wird einem gar sonderbar vor den Augen; es flimmert und tanzt allerlei Seltsames in der Luft herum; man möchte zugreifen, mit der Hand einmal sich die Augen reiben, aber das darf nicht sein, die Rechte muß nach vorne geöffnet an der Hosennaht liegen.

Ein leises Zittern geht durch die Kompagnie, es ist, als wenn ein leiser Wind über ein Kornfeld streicht, nur einem scharfen Auge bemerkbar schwanken die Gestalten hin und her.

„Nun ist's genug,” denkt der Hauptmann, „an diese Verdauungspause werden sie denken.” Und es scheint, daß er recht hat; als er mit lauter Stimme „Bataillon — marsch” kommandiert, schlagen die Beine, froh, sich bewegen zu dürfen, einen Trommelwirbel nach dem anderen in der Luft.

Alles auf Erden aber hat seine Zeit und nach fünf Minuten bummeln die Leute wieder genau so wie vorhin.

„So, nun werde ich aber wirklich ungemütlich, Jungens,” ruft der Hauptmann und kommandiert dann: „Laufschritt marsch — marsch.”

Im leichten Trab reitet er an seiner Kompagnie vorbei und im „Zuckeltrab” folgen die Leute.

Ein Vergnügen ist solch' Laufschritt für die Beteiligten nicht: da wird geseufzt, geächzt, gestöhnt, geklagt, gejammert, gepustet, gewimmert, geflucht, aber es hilft alles nichts, es wird gelaufen.

Endlich, endlich heißt es: „Bataillon halt. Gewehr ab, rührt Euch.”

Und der Hauptmann sieht seine Kinder an, als wolle er sagen: „So, nun verdaut das einmal.”

Die Leute sehen sich an, sprechen dürfen sie nicht miteinander, aber in den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwerfen, steht geschrieben: „Das ist nichts Genaues!”

Dieses Mal ist die Verdauungspause nur sehr kurz. Kaum hat man wieder Atem geschöpft, da heißt es: „Stillgestanden” und mit „Gewehr über” marschiert die Kompagnie gleich darauf wieder durch einen nicht unbeträchtlichenTeil unseres schönen Vaterlandes.

Und jetzt ist es mit der Bummelei definitiv vorbei. — Für die Herren Offiziere giebt es noch eine besondere Verdauungspause; sie tritt ein, wenn jemand etwas „ausgefressen” hat und ihm nun die militärische Tonleiter vorgepfiffen wird. Je höher der Vorgesetzte ist, desto längere Pausen macht er, um dem Untergebenen auch ja Zeit zu lassen, alles zu verdauen, was er ihm sagt; denn er ist felsenfest davon überzeugt, daß seine Worte im höchsten Grade bemerkenswert sind und daß der Getadelte nicht genug darüber nachdenken kann.

Gewöhnlich aber benutzt der Untergebene die Verdauungspause nicht, um zu verdauen, sondern um das bisher Gesagte schleunigst zu vergessen; denn wenn er alle Liebenswürdigkeiten, die er zuweilen zu hören bekommt, verdauen wollte, müßte er einen noch besseren Magen haben als der berühmte Vitriol, der seinerzeit sich in allen großen Städten sehen ließ und dessen Lieblingsgericht aus Stiefelsohlen und Glasscherben bestand.


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