Der vorgesetzte Vater

Von Freiherrn von Schlicht
in: „Simplicissimus”, VI.Jahrgg. Nr. 22, S. 170, 22.8.1901,
in: „Der Lügenmajor” und
in: „Der Gefechtsesel”


Seine Excellenz der Divisionskommandeur hatte sein Erscheinen zu der in den nächsten Tagen stattfindenden Besichtigung des Husarenregiments Peter Paul angemeldet und damit in den beteiligten Kreisen keine allzu große Freude erweckt. Am meisten erschrak über die bevorstehende Ankunft Seiner Excellenz der Oberleunant von Stachau, obgleich er sich eigentlich darüber hätte freuen müssen, denn er stand zu Seiner Excellenz in sehr nahen verwandtschaftlichen Beziehungen — er war der Soh des hohen Vorgesetzten.

Der Vater liebte seinen Sohn, wie es ja auch ganz selbstverständlich ist, aber in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter hatte er an dem Leutnant vielerlei auszusetzen. Er war nach seiner Ueberzeugung ein schlechter Offizier und ein noch schlechterer Reiter. Excellenz hatte den Herrn Oberst gebeten, den Leutnant von Stachau genau so wie jeden anderen Offizier des Regiments zu behandeln und nicht die geringste Milde und Nachsicht walten zu lassen, im Gegenteil gegen ihn womöglich noch strenger zu sein als gegen die anderen Herren. Das that der Herr Oberst denn auch und wenn die Zeit kam, in der er die jährliche Konduite schreiben mußte, da wurde die immer sehr schlecht, denn, so sagte sich der Herr Oberst, wenn ich den Leutnant von Stachau lobe, glaubt Excellenz, ich wäre nicht unparteiisch und dann stellt der hohe Herr mir selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Und so wurde das Qualifikationszeugnis des armen Leutnants von Jahr zu Jahr schlechter anstatt besser und Excellenz begriff nicht, wie ein militärisch so bedeutender Vater einen militärisch so wenig veranlagten Sohn haben könne.

Natürlich litt der Leutnant unter dem unglücklichen dienstlichen Verhältnis, in dem er zu seinem Vater stand, und mehr als einmal machte er den Versuch, sich zu einem anderen Truppenteil versetzen zu lassen. Das Regiment machte ein paarmal auf seine Bitten hin eine entsprechende Eingabe, aber mit einem „Nicht zur Befürwortung geeignet” kam das Schreiben dann stets von der Division zurück, und zum Ueberfluß wurde dem Herrn Leutnant im Auftrag Seiner Excellenz dann von dem Herrn Oberst ganz gewaltig der Kopf gewaschen.

Wenn der Divisionskommandeur zu der Besichtigung kam, fühlte er keinem so auf den Zahn wie seinem Herrn Sohn. Selbstverständlich hört im Dienst jede Verwandtschaft auf, da heißt es nicht: „Jawohl, Papa,” sondern: „Zu Befehl, Eure Excellenz”, und wenn der Herr Filius angerufen wurde, durfte er nicht fragen: „Wünschest du etwas, Papa?” sondern es hieß: „Eure Excellenz befehlen?” Das bringt das Interesse der Disziplin und der Subordination so mit sich, und um den Mannschaften und den Offizieren zu zeigen, daß er im Dienst jede verwandtschaftliche Beziehung verleugnete, befahl Excellenz keinem so viel wie seinem Herrn Sohn. Und bei der Kritik kam der Leutnant von Stachau immer am schlechtesten weg.

So sah der Herr Leutnant der Ankunft seines Excellenzen–Vaters mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Auf der einen Seite freute er sich sehr, den Mann wiederzusehen, dem er das Leben, das er so sehr liebte, verdankte, auf der anderen Seite lag ihm aber an einer Begegnung mit dem Herr Divisions­kommandeur gar nichts. Excellenz aber kam trotzdem und war ganz Vorgesetzter. Im Kasino, wo die Herren den Gast erwarteten, begrüßte er das Offizierkorps — für den Etatsmäßigen hatte er einen Händedruck, für seinen Sohn nicht. Er vermied es sogar, diesen mit „Du” anzureden, sondern sagte nur: „Ich soll viele Grüße von zu Haus bestellen,” und förmlich und feierlich antwortete der Leutnant: „Ich danke gehorsamst Eurer Excellenz.”

Am nächsten Vormittag fand die Regimentsbesichtigung statt und ein unglücklicher Zufall wollte, daß der Rittmeister der dritten Eskadron, bei der Leutnant von Stachau stand, bei dem Nehmen eines Hindernisses mit dem Pferd stürzte und sich eine sehr schmerzhafte Verletzung zuzog, die es ihm unmöglich machte, wieder in den Sattel zu steigen.

„Herr Oberleutnant von Stachau, übernehmen Sie das Kommando der Eskadron,” erfolgte da der Befehl seines Divisionskommandeurs.

„Zu Befehl, Eure Excellenz,” klang es zurück, und gleich darauf ritt der Herr Oberleutnant an der Spitze der Schwadron. Besonders wohl war ihm nicht zu Mut, er kannte natürlich alle Kommandos, aber zwischen der Theorie und der Praxis ist bekanntlich ein großer Unterschied und selbst alten Rittmeistern passiert es sehr häufig, wenn sie im scharfen Galopp vor der Front reiten und wenn der Luftzug ihnen den Atem benimmt, daß ihnen zur richtigen Zeit das richtige Wort nicht einfällt. Und dem Herrn Oberleutnant ging es ebenso: entweder gab er gar kein Kommando oder ein falsches, und einmal fehlte nicht viel, dann wäre seine Schwadron mit einer anderen zusmmengeritten und dann hätte es zahllose eingedrückte Kniescheiben und andere Verletzungen gegeben.

Excellenz war außer sich, er schalt und fluchte nicht schlecht. „Erbärmlich, mehr als erbärmlich,” tobte er, „miserabel — hundsmiserabel. ich bin auch einmal jung gewesen und habe Dummheiten gemacht, aber solche ganz gewiß nicht, denn die gabs damals noch gar nicht, die haben Sie erst erfunden, Herr Leutnant! Aber darauf brauchen Sie sich gar nichts einzubilden — verstehen Sie — gar nichts — noch weniger als gar nichts. Um so was zu glauben, muß man es mit angesehen haben, aber selbst dann glaubt man es nicht. Und so was will nun Rittmeister werden! Wenn es einmal wieder Krieg wird, brauchen Sie mit Ihrer Schwadron gar nicht erst auszurücken, Sie bringen Ihre Leute schon ganz alleine um. Haben Sie denn von Ihrem Vater gar keine militärische Veranlagung geerbt? Da thun Sie mir leid und Ihr Herr Vater auch!”

An den Gesichtern der Offiziere, die um ihn herum hielten, merkte Excellenz, daß der Schluß seiner Rede nicht ganz passend gewesen war. Ein Vorgesetzter darf nicht sagen, daß er sich selbst leid thut — was sagen da erst die Untergebenen — und selbst, wenn sie nichts sagen, was denken sie erst? Das ist gar nicht auszudenken! So fing Excellenz, der eigentlich hatte Schluß machen wollen, noch einmal von vorne an, und als er diesesmal aufhörte, waren alle starr. Man hatte es nicht für möglich gehalten, daß der hohe Herr so grob werden könnte.

„Wenn mein Vater mir solche Dinge sagte,” dachte ein junger Leutnant, „dann würde ich ihm hinterher wenigstens für drei braune Lappen Schulden beichten — selbst wenn ich gar nicht so viel hätte — irgendwie muß der alte Herr das doch wieder gut machen.”

Aber der dachte vorläufig gar nicht daran, sondern sprach kurz: „Ich danke sehr, meine Herren.” Dann ritten die Herren wieder zu ihrer Schwadron zurück.

Wie jede Besichtigung, fand auch diese ihren Abschluß mit einem Gefecht, das sich im Gegensatz zu einem Infanteriekampfe unendlich kurz und schmerzlos abspielt. Man versucht so unbemerkt, wie nur irgend möglich in möglichste Nähe des Gegners zu kommen. Ist dies gelungen, dann kommandiert man „Eskadron, Galopp — marsch — legt Lanzen ein” und dann geht es vorwärts, was der alte Friedrich Wilhelm laufen kann.

Das Regiment attackierte in mehreren Treffen — das vorderste bestand aus der dritten Schwadron unter dem Befehl des Oberleutnants von Stachau, und in dem vorgeschriebenen Abstand folgten die andren Schwadronen.

Als Excellenz endlich zur Kritik blasen ließ, glaubten alle ihre Sache gut gemacht zu haben, bis sie von neuem und zu spät einsehen mußten, daß auch diesesmal die Ansichten der Vorgesetzten und der Untergebenen sehr weit auseinandergehen.

Mit dunkelrotem Kopf stand Excellenz halb aufgerichtet in den Bügeln, und um das europäische Gleichgewicht nicht zu verlieren, stützte er sich mit der Linken auf den Sattelknopf — er klammerte sich an den Stabsoffizierzügel, den ältere Herren dann anfassen, wenn ihre Pferde mit ihnen über ein Hindernis gehen.

„Die Herren des Regiments zur Kritik zur Stelle,” meldete der Herr Oberst, aber der Divisions­kommandeur war so aufgeregt, daß er nicht einmal „Danke” sagte — er begnügte sich damit, ganz flüchtig einen Finger der rechten Hand an den Helm zu legen.

„Herr Oberst,” begann seine Excellenz, dem man es anmerkte, wie schwer es ihm bei seiner Erregung wurde, nicht nur die richtigen Worte, sondern überhaupt Worte zu finden, „Herr Oberst, das muß ich Ihnen sagen, ich habe in meinem Leben schon viele Attacken reiten sehen, gute und schlechte, in Kriegs- und in Friedenszeiten, aber das muß ich Ihnen sagen, Herr Oberst, eine so jammervoll jammervolle Attacke wie eben sah ich noch nie!”

Excellenz schwieg einen Augenblick, nicht um dem Herrn Oberst Zeit zu lassen, die soeben vernommene Kritik zu verdauen, sondern um von neuem Atem zu schöpfen, dann fuhr er fort: „Es thut mir leid, Herr Oberst, so abfällig über Ihr Regiment urteilen zu müssen, aber es geht nicht anders. Das war kein Galopp, den Ihre Pferde gingen, das war Schritt, sogar langsamer Schritt wie er bei Trauerparaden üblich ist. Sie haben viel Schuld, Herr Oberst, aber die größte Schuld hat der Führer der vordersten Eskadron, der Oberleutnant von Stachau. — Herrrrrrrrrrrr,” fuhr er diesen an, während er thatsächlich in seiner Erregung vergaß, daß er seinen Sohn sich gegenüber hatte, „Herr, wie kommen Sie dazu, ein so langsames Tempo zu reiten und damit das ganze Regiment aufzuhalten? Nach Ihrer Person muß Ihre Schwadron sich richten, wenn dieselbe Sie nicht über den Haufen reiten will! Und eine Attacke reitet man so schnell und nicht so langsam wie man kann.” Mit zornigen Blicken musterte der Vorgesetzte seinen Untergebenen, der mit der Hand an der Pelzmütze regungslos im Sattel saß, und die Augen Sr. Excellenz glitten von der Person des Reiters auf dessen Pferd. Und das gab ihm Anlaß zu neuem Tadel. „Herr!” brauste Excellenz plötzlich auf, „Herr Leutnant, wie können Sie es überhaupt wagen, sich mit einem so elenden Schinder bei einer Besichtigung sehen zu lassen? Wenn Sie schon Kavallerieoffizier sind, schaffen Sie sich gefälligst ein anständiges Pferd an, sonst lassen Sie sich zum Train versetzen! Haben Sie mich verstanden?”

Und die Rechte von neuem an die Pelzmütze legend, sagte der Herr Ober: „Zu Befehl, Eure Excellenz, ich werde heute noch mit meinem Vater darüber sprechen!”


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© Karlheinz Everts