Der Urlaubsgaul

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 19.2.1899,
in: „Excellenz lassen bitten” und
in: „Seine Hoheit”


In dem Regimentsbureau des Husarenregiments Prinz Joachim herrschte bienenhafte Thätigkeit; es war Parolezeit, die Befehle an die Schwadronen sollten ausgegeben werden, Ordonnanzen kamen und gingen, der Zahlmeister schickte alle Minuten wegen einer anderen Anfrage, der Regiments­adjutant, der in einem besonderen Zimmer mit dem Oberst zusammen arbeitete, erschien alle fünf Minuten mit einem neuen Aktenbündel, das von den Schreibern an die zuständige höhere Behöre abgeschickt werden sollte, und im Vorzimmer standen die fünf Wachtmeister zum Befehlsempfang bereit.

Fast unbemerkt war der Leutnant von Keber an den Regimentsschreiber herangetreten, der nun, da er die Stimme des Offiziers vernahm, schnell aufsprang.

„Ist der Herr Oberst zu sprechen?”

„Ich weiß nicht, Herr Leutnant, ich glaube, der Herr Oberst ist sehr beschäftigt augenblicklich!”

Einen Augenblick dachte der Offizier nach, dann fragte er mit halblauter Stimme: „Ist schon jemand da?”

„Nein,” lautete die Antwort, „ der Herr Oberst ist allein!”

„Na, dann melden Sie mich an!”

Der Schreiber verschwand, um gleich darauf mit dem Bescheid zurückzukehren, der Herr Leutnant möchte einen Augenblick warten.

Fast hätte der Offizier vergessen, wo er sich befand, und zornig mit dem Fuß auf die Erde gesatmpft; aber zur rechten Zeit besann er sich. Aber scheußlich war es doch, daß er warten mußte. Er sah nach der Uhr, es war einhalb Zwölf, um ein Uhr ging sein Zug; gepackt hatte er freilich schon, aber er mußte sich noch umziehen, frühstücken und noch allerlei Besorgungen machen. Na, wenn ich in fünf Minuten vorgelassen werde, geht es noch, dachte er, länger werde ich wohl auch nicht zu warten brauchen.

Aber eine fünf Minuten nach der anderen gingen dahin, die Federn der Schreiber flogen über das Papier, aus dem Nebenzimmer hörte man zuweilen die Stimme des Kommandeurs, der mit seinem Adjutanten sprach; von dem Offizier, der am Fenster stand und in den Hof hinabblickte, nahm kein Menschn Notiz.

Da schlug die Turmuhr zwölf Uhr, und erschrocken fuhr der Leutnant zusammen.

„Wollen Sie mich nicht noch einmal anmelden?” fragte er den Oberschreiber. „Sicher hat der Herr Oberst mich vergessen, gehen Sie doch noch einmal hinein!”

Aber der Schreiber schüttelte den Kopf: „Nein, Herr Leutnant, das kann ich nicht, der Herr Leutnant müssen schon noch warten, das ist nun einmal nicht anders!”

„Das scheint fast so,” klang es zurück, „wie lange glauben Sie denn, daß es noch dauern kann?”

Der Schreiber merkte, daß es dem Wartenden nur um ein Wort des Trostes und der Aufmunterung zu thun war, und so sagte er denn auf gut Glück: „Na, vielleicht noch fünf Minuten, Herr Leutnant, länger wird es, denke ich, nicht dauern.”

Aber auch diese fünf Minuten gingen trotz der Meinung des Schreibers vorüber, ohne daß der Herr Oberst sich sehen ließ.

Endlich, es war fast einhalb ein Uhr, ertönte aus dem Zimmer nebenan die Stimme des Kommandeurs: „Ordonnanz!”

Der Gerufene stürzte in das Gemach und kehrte mit dem Arm voller Akten zurück: „Der Herr Oberst lassen bitten!”

Endlich! Schnell zog Herr von Keber noch einmal seine Attila glatt und trat dann über die Schwelle.

Der Kommandeur hatte sich von seinem Platz erhoben. „Sie wünschen, Herr Leutnant?”

„Ich bitte den Herrn Oberst ganz gehorsamst um fünf Tage Urlaub nach Berlin!”

„Deswegen hätten Sie mich nicht zu stören brauchen, Herr Leutnant!” klang es kurz zurück. „Den Urlaub kann ich Ihnen nicht bewilligen!” Und schon hatte der Herr Oberst sich wieder auf seinen Platz gesetzt und die Feder ergriffen.

Leutnant von Keber stand da mit allen Anzeichen der höchsten Erregung und des äußersten Schreckens — der Urlaub wurde ihm abgeschlagen, das konnte, das durfte nicht sein!

„Gestatten der Herr Oberst,” begann er mit schüchterner Stimme, „daß ich — —”

Aber der Kommandeur fiel ihm ins Wort: „Bitten Sie mich nicht weiter, es ist zwecklos, meine Ansichten kennen Sie ja! Die Offiziere sind dazu da, um Dienst zu thun, aber nicht, um alle Naselang einen Abstecher bald hierhin, bald dorthin zu machen. Danke!”

Gegen dieses Wort „Danke” gab es keine Widerrede, gegen diese Art von Entlassung war man machtlos, das wußte Herr von Keber ganz genau. So machte er denn eine kurze Verbeugung und ging fort.

In der denkbar schlechtesten Laune erreichte er seine Wohnung; sein Wagen, der ihn zur Bahn fahren sollte, stand bereits vor der Thür, der Koffer lag bereits auf dem Bock, und in höchster Ungeduld ging der Bursche auf und ab.

„Es wird Zeit, es wird Zeit, Herr Leutnant, nur noch eine Viertelstunde, ich habe den Zivilanzug schon bereit gelegt!”

„Hänge ihn wieder fort, packe den Koffer aus, und spannt aus!” befahl der Offizier. „Ich reise nicht, der Groom soll kommen, er muß sofort ein Telegramm besorgen!”

Einen Augenblick später stand der Groom vor seinem Herrn, der in seinem mit reicher Eleganz ausgestatteten Wohnzimmer sich an seinen Schreibtisch gesetzt und eine Depesche niedergeschrieben hatte: „Hier, Max, sofort damit zur Post, aber erst lies es mir vor, damit Du den Beamten, falls sie, wie gewöhnlich, meine Handschrift nicht lesen können, Bescheid sagen kannst!”

„Zu Befehl, Herr Leutnant!” gab Max zur Antwort, und dann las er: „Herr Baron von Zinkler und Frau Gemahlin, Berlin, Hotel Monopol. Im letzten Augenblick dienstlich verhindert, Kommen absolut unmöglich. Bitte um gehorsame Empfehlung an die Damen, Ihnen besten Gruß. Wünsche Hals- und Beinbruch, also alles denkbar Gute, zur Steeple-chase.

Ihr ergebenster

von Keber.”

„Stimmt!” bestätigte der Herr Leutnant. „Hier ist das Geld; was Du heraus bekommst, kannst Du mir gelegentlich wiedergeben, ich will nicht gestört sein, ehe ich klingele; sage auch dem Burschen Bescheid, daß er niemanden zu mir läßt!”

Mit großen Schritten ging Herr von Keber in seinem Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, um mit einem Schütteln der Fäuste und einem kräftigen Manneswort seinem Herzen Luft zu machen. Urlaub abgeschlagen! Ist so etwas zu sagen, zu glauben und auf ein Blatt Papier zu schreiben? Giebt es in den vereinigten fünf Weltteilen etwas Ähnliches wieder? Ist so etwas schon dagewesen, so lange es Menschen giebt? Nicht einmal Urlaub giebt es mehr! Selbst das einzige Vergnügen, das man in diesem kleinen Nest hatte, manchmal auf ein paar Tage fortzufahren, wird Einem noch genommen! Was die in Berlin wohl denken mögen, daß ich fortbleibe? Die glauben doch natürlich, daß ich nicht kommen will, denn die Ausrede „dienstlich verhindert” kennt man doch — wenn man gar keinen anderen Abhaltungsgrund anzugeben vermag, muß der Dienst herhalten. Aber ich konnte doch nicht den wahren Grund angeben — sie hätten mich ja ausgelacht, womöglich gedacht, daß ich irgend welche Dummheiten begangen und nun zur Strafe wie ein kleines Kind daheim bleiben muß! Wenn ich nur wüßte, warum der Oberst plötzlich gar keinen Urlaub mehr giebt! Ist ja richtig, ein bischen viel sind wir in der letzten Zeit fortgewesen, aber das ist nach meiner unmaßgeblichen Meinung doch kein Grund, uns jetzt jeden Urlaub abzuschlagen. Donnerwetter, das war in Berlin doch anders!

Er warf sich auf die Chaiselongue, zündete sich eiune Cigarre an und hing seinen Gedanken nach. Ach ja, in Berlin war es schön gewesen, zu schön. Er hatte das Leben genießen wollen, denn er war jung und reich, er war der freie Herr seines nach Millionen zählenden Vermögens, und da hatte er es toll genug getrieben, so toll, daß er sich eines Morgens infolge einer Strafversetzung in dieser kleinen Garnison wiederfand. Sein erster Gedanke war gewesen: Hier bleibst du anstandshalber achtTage, aber länger auch nicht, dann reichst du deinen Abschied ein. Aus den acht Tagen, die er bleiben wollte, waren aber schon mehr als acht Monate geworden, und den Gedanken an das Abschiednehmen hatte er schon lange ganz aufgegeben. Man thut nicht alles, was man sich in der ersten Erregung vornimmt, und er war viel zu gern Offizier, um so leichten Herzens den bunten Rock auszuziehen. Dienstlich gefiel es ihm hier sehr gut — für den Mangel an Vergnügungen und Zerstreuungen bot die Kameradschaft Ersatz, und wurde es ihm einmal gar zu langweilig, dann nahm er Urlaub und fuhr auf ein paar Tage fort. Erst kürzlich war er in Hannover zu den Rennen gewesen, er hatte Urlaub bekommen und das Wort des Kommandeurs: „Dies ist aber das letzte Mal in diesem Jahr!” nicht allzu tragisch aufgefaßt; dem letzten Mal pflegt ja fast immer noch ein allerletztes Mal zu folgen, und für Manche giebt es ja auch noch ein allerallerletztes Mal. So war er in der heitersten Stimmung abgefahren und von mehreren Kameraden, die ein Kommando zur Reitschule hatten, bereits am Bahnhof in Empfang genommen worden. Er hatte sich prachtvoll amüsiert, und da er niemals spielte und selbst bei den Rennen nicht wettete, hatte, abgesehen von einigen leichten physischen Katzenjammern, kein Mißklang für ihn die Tage getrübt. Der Glanzpunkt aber war doch das Diner gewesen, das ein ihm befreundeter verheirateter Rittmeister aus Anlaß des Sieges eines seiner Pferde in den glänzenden Räumen des Hotels Karstens(1) gab. Eine große Gesellschaft, Herren und Damen, war der liebenswürdigen Einladung gefolgt, und dort hatte er auch den Baron von Zinkler mit Gattin und Tochter kennen gelernt. Er hatte die ungefähr zwanzigjährige Baronesse, ein schlank gewachsenes, äußerst liebensürdiges und elegantes junges Mädchen, als Tischdame gehabt und konnte sich nicht entsinnen, sich jemals so gut unterhalten zu haben. Und auch sie schien Gefallen an ihm zu finden, sie zeichnete ihn, obgleich sie sich zum erstenmal sahen, und obgleich alle jungen Herren sie umdrängten und umwarben, ganz besonders aus und zeigte aufrichtige Betrübnis, als er ihr mitteilte, daß er noch an demselben Abend mit dem Nachtzug in seine Garnison zurückkehren müsse.

„Das thut mir sehr leid!” hatte sie geantwortet. „Ich hoffte, daß auch Sie morgen bei einem Frühstück wären, das Papa in seinem Hotel geben will, und zu dem er Sie sicher noch eingeladen haben würde. Aber in Karlshorst bei den Rennen werden Sie doch sein?”

„Selbstverständlich!” hatte er zur Antwort gegeben, und mit einem „Auf Wiedersehen!” hatten sie sich getrennt.

Morgen war nun das Rennen in Karlshorst, in dem auch der Baron von Zinkler, der sich erst vor Jahresfrist einen großen Rennstall angeschafft hatte, seine Farben in das Treffen führte, — und er, der arme Leutnant von Keber, lag nun hier in seiner Junggesellenwohnung auf der Chaiselongue, ballte in ohnmächtiger Wut die Fäuste und räsonnierte beinahe den Gips von seiner Zimmerdecke herunter.

Es war aber auch, um aus der Haut zu fahren. Trotzdem er Kavallerist war, hatte er für die eigentlichen Rennen selbst wenig Interesse, dennoch aber erfreute er sich stets an dem ganzen Leben und Treiben auf dem Turf und war glücklich, dort einmal wieder unter Menschen zu kommen, alte Bekanntschaften zu erneuern, neue anzuknüpfen. Sicher würde er morgen oder übermorgen mit Zinklers und anderen Bekannten im Hotel Monopol oder sonst in einem der ersten Restaurants zusammengewesen sein, und es hätte sich ihm Gelegenheit geboten, sich der jungen Baronesse wieder zu nähern. Marguerite war der Haupt­anziehungs­punkt für ihn, sie wiedersehen zu sollen, hatte ihn froh und glücklich gemacht. Und nun —

Wieder sprang er auf und ging erregt auf und ab. Aus den Augen — aus dem Sinn, wer wußte, ob das Wort nicht auch bei ihr eintraf? Er sah sie umgeben von den glänzendsten und reichsten Offizieren und Kavalieren der Residenz; da würde sie wohl kaum Zeit haben, seiner zu gedenken, Andere würden an seine Stelle treten, und auch zu ihnen würde sie sagen: „Auf Wiedersehen!”

Leise öffnete Max die Thür und trat ins Zimmer.

„Habe ich nicht gesagt, daß ich allein sein wolle?” herrschte er den Groom an.

„Ein Telegramm ist soeben abgegeben, ich wollte nur fragen, ob Antwort nötig sei.”

Schnell las Keber die Depesche, dann sagte er: „Es ist gut, Antwort überflüssig!” und Max verschwand wieder.

„Da haben wir die Geschichte!” lachte der junge Offizier bitter auf, dann las er noch einmal: „Sind aufrichtig über Ihr Fernbleiben betrübt. Vielleicht machen Sie Ihr Kommen doch noch möglich und essen übermorgen um Sechs mit uns bei Dressel. Sonst auf Wiedersehen in Baden-Baden!”

„Auf Wiedersehen in Baden-Baden!” fuhr Herr von Keber in seinem Selbstgespräch fort. „Sehr wahrscheinlich(2), daß ich nach Baden-Baden Urlaub bekomme, wo der Oberst mich nicht mal auf ein paar Tage nach Berlin läßt, obgleich man Berlin in drei Stunden mit der Bahn erreicht! Der klügste Mensch, der nach meiner Meinung bisher gelebt hat, war der, der zum erstenmal sagte: „Es ist 'ne Thränenwelt!” Aber hol' mich der Teufel, nach Baden-Baden will und muß ich hin! Wie ich es anfange, weiß ich noch nicht, aber Urlaub muß ich haben, und wenn ich einen Onkel, der gar nicht lebt, sterben lassen soll! Wenn ich Zinklers auch in Baden-Baden nicht sehe, ist es mit unserer Bekannschaft aus, darüber täusche ich mich nicht, — es sollte mehr als Zufall sein, wenn der Weg uns sonst einmal wieder zusammenführte; ich weiß ja nicht einmal, wo das Rittergut des Barons liegt! Aber selbst wenn ich das in Erfahrung bringe, ist mir nicht damit gedient, — ich kann mich da doch nicht ohne weiteres zum Besuch anmelden, und einladen können sie mich doch auch nicht, dazu kennen wir uns denn doch zu wenig! Ich muß nach Baden-Baden! Es sind ja noch drei Wochen Zeit bis dahin, und inzwischen werde ich schon einen plausiblen Grund finden, um Urlaub zu bekommen. Aber die Sache muß fein eingeleitet werden, ganz fein. Wie wäre es , wenn —

Aber über dieses „wenn” kam er vorläufig nicht hinweg, alle Gedanken, die in ihm aufstiegen, waren nach seiner Meinung nicht wert, zu Ende gedacht zu werden. Vieles fiel ihm ein, aber immer noch nicht das Richtige.

Plötzlich aber stieß er einen Freudenschrei aus und tanzte, entzückt über den Ausweg, den er gefunden, in seinem Zimmer auf und ab, bis er über sein sonderbares Gebaren selbst zu lachen anfing.

„So geht's, so muß es gehen!” sprach er vergnügt vor sich hin, und er klingelte nach dem Groom, damit dieser ihm einige Depeschen besorge.

*         *         *

Der erste Tag der Baden-Badener Rennen war vorüber, und eine glänzende Gesellschaft hatte sich in den Räumen des Hotels Bristol vereinigt, um einer Einladung des Barons von Zinkler Folge zu leisten. Auch Herr von Keber befand sich unter den Gästen, und mit großer Herzlichkeit war er von dem Baron und dessen Familie begrüßt worden, als er ihnen gestern mittag gleich nach seiner Ankunft einen Besuch abstattete. Mit großer Freude hatte er die Einladung zu dem heutigen Diner angenommen, und sein Herz hatte vor Freude höher geschlagen, als der Baron ihn gebeten hatte, seiner Tochter den Arm zu bieten.

Nun saßen sie an der festlich geschmückten Tafel, und seine Augen schweiften bewundernd über die vielen Menschen, die eleganten Toiletten, über den ganzen Luxus und über die ganze Pracht, die entfaltet war.

„Man sollte es eigentlich nicht für möglich halten, Baronesse, daß man in so kurzer Zeit so versimpeln kann,” sagte er plötzlich. „Ich habe doch viele Jahre in der Residenz gelebt, aber wenn ich jetzt eine solche Gesellschaft sehe wie hier, dann kommt es mir vor wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht. In einer so kleinen Garnison wie bei uns vergißt man es ganz, daß es auch Luxus und Eleganz giebt. Sie sollten einmal solch Fest bei uns mitmachen, Baronesse! Da giebt es weiter nichts als einen warmen Braten mit sechzig verschiedenen Schüsseln Eingemachtem. Und von allem muß man nehmen, denn die Hausfrau hat die Birnen, Äpfel, Aprikosen, Erdbeeren, und was es sonst noch giebt, selbst eingemacht, und sie empfindet es als persönliche Beleidigung und Kränkung, wenn man eine Schüssel, ohne sie zu probieren, weitergehen läßt.”

„Sie scheinen moquant zu sein, mein Herr!” tadelte sie neckend.

„Absolut nicht, Baronesse!” gab er zurück. „Ich bin vielleicht das dankbarste Publikum bei solchen Festen, aber ich finde, man kann als Wirtin auch zu liebenswürdig sein, seinen Gästen auch zu viel zumuten und zu viel von ihnen verlangen. Wir haben bei uns Familien, die ihre Gäste derartig zu Essen nötigen, daß man eigentlich nach jedem Diner auf sechs Wochen nach Karlsbad müßte.”

In humoristischer Weise schilderte er das Leben und Treiben in der kleinen Garnison, aufmerksam lauschte sie seinen Worten, und ihr fröhliches Lachen bewies, daß sie Gefallen an seiner Art der Unterhaltung fand.

Er war von einer solchen ausgelassenen Heiterkeit, daß sie endlich zu ihm sagte: „Ich habe noch nie einen Herrn gesehen, der nach der Niederlage, ja sogar nach dem Verlust eines seiner Pferde derartig fröhlich gelaunt war, wie Sie es sind. Ich hatte mir vorgenommen, Sie aufzuheitern und Sie zu zerstreuen, denn ich glaubte, Sie wären sehr, sehr traurig.”

„Baronesse,” entgegnete er, „halten Sie mich nicht für einen schlechten Menschen, wenn ich sage, ich freue mich, daß mein Gaul heute morgen stürzte und das Genick brach! Der Jockey ist ja davon gekommen, ohne sich den geringsten Schaden zu thun; für den ausgestandenen Schrecken habe ich ihn anständig entschädigt. Gewinnen konnte ich mit dem Gaul doch nicht, das war ja vollständig ausgeschlossen, und mir ist es daher lieber(3), daß das Pferd auf dem Kampffeld einen ehrenvollen Tod erlitt, als daß es ungezählte Längen hinter dem Letzten endete.”

Sie sah ihn verwundert an. „Warum ließen Sie das Pferd dann überhaupt laufen, wenn Sie nach Ihrer Meinung gar keine Chancen hatten? Ich habe mir Ihretwegen beinahe beide Daumen abgekniffen, ich wollte Ihre Farben siegen sehen, ich habe sogar auf Ihr Pferd gesetzt!”

„Aber wie konnten Sie nur, Baronesse!” tadelte er. „Das war mehr als leichtsinnig, meine Stute kam doch gar nicht in Betracht, die war doch nur ein Urlaubsgaul! Haben Sie das wirklich nicht gewußt?”

Wieder ließ sie ihre großen dunkelen(4) Augen verwundert auf ihm ruhen, dann sagte sie: „Ich verstehe Sie wirklich nicht, Herr von Keber, wollen Sie mich nicht aufklären?”

„Ich will mich möglichst kurz fassen, Baronesse!” gab er zur Antwort. Einen Augenblick zögerte er, als wisse er nicht, ob er ihr alles sagen dürfe, dann fuhr er fort: „Sie erinnern sich vielleicht, Baronesse, daß ich Ihrem Herrn Vater nach Berlin telegraphierte, daß ich aus dienstlichen Gründen nicht nach dort kommen könnte.”

„Gewiß,” bestätigte sie, „ich weiß es noch sehr genau, uns allen that es sehr leid, daß der Dienst Sie fernhielt.”

„Nicht der Dienst hielt mich fern,” fuhr er fort, „sondern das Verbot des Kommandeurs, der mir den Urlaub abschlug, und ich war sicher, auch nicht hierher reisen zu können, wenn ich nicht einen Ausweg fand, der es meinem Oberst zur Unmöglichkeit machte, mir den Urlaub abzuschlagen. Die einfachsten Sachen sind ja bekanntlich die schwierigsten; so mußte ich mein Gehirn ziemlich anstrengen, bis ich mit einem lauten „Heureka!” mir selbst und der Mitwelt kund that, daß ich gefunden, wonach ich gesucht. Eine meiner Lieblings­beschäftigungen besteht darin, zu telegraphieren; so schickte ich denn sofort einige Depeschen in die Welt, die sämtlich denselben Inhalt hatten.

„Darf man den wissen?” fragte die Baronesse.

„Gewiß,” gab er zur Antwort, „die Telegramme, die an verschiedene unserer größten Trainer gerichtet waren, lauteten: „Wünsche sofort ein Pferd zu kaufen, das bereits für eins der Baden-badener Rennen gemeldet ist.”

Trainer machen bekanntlich alles möglich, nach drei Tagen war ich glücklicher Besitzer der „Adele”, die heute morgen den Heldentod starb, und die ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal sah. Mein Kommandeur machte natürlich gewaltig große Augen, als ich ihn um Erlaubnis bat, hier laufen lassen zu dürfen; hätte er es gekonnt, so hätte er mir meine Bitte natürlich abgeschlagen, aber die allerhöchsten Bestimmungen standen auf meiner Seite; so mußte er mich, wenn auch traurigen Herzens, reisen lassen. Der arme Gaul hatte nur den Zweck, mir meinen Urlaub zu verschaffen — die Zahl der Urlaubsgäule ist übrigens in der Armee ziemlich hoch, man hält sich solch Pferd nicht, um damit zu siegen, sondern nur, um stets einen Vorwand zu haben, auf Urlaub zu gehen. Auch der meinige hat seine Schuldigkeit gethan — ein gutes Andenken werde ich ihm allezeit bewahren.”

„Jugend hat keine Tugend,” neckte sie, „das sieht man auch hier wieder. Nur ein Leutnant macht solche Anstalten und giebt so viel Geld aus, nur um ein paar Tage Urlaub zu erhalten.”

„Ein paar Tage?” sagte er. „Ach nein, mein gnädiges Fräulein, so lange ist es nicht, heute nacht schon geht es wieder zurück!”

„Wissen Sie, Ihr Oberst scheint mir aber wirklich ein unangenehmer Mensch zu sein,” erwiderte sie ärgerlich. „Jedesmal, wenn Sie eben bei uns sind, müssen Sie schon wieder fort; da lohnt es sich ja gar nicht für Sie, auf Reisen zu gehen, und ich bewundere Sie, daß Sie überhaupt gekommen sind.”

„Wissen Sie, welches der Hauptgrund meines Kommens ist, Baronesse?” fragte er. „Nein? Soll ich es Ihnen sagen?”

„Da bin ich aber wirklich begierig!” erwiderte sie.

„Ich will ein Telegramm abschicken!”

Sie lachte laut auf. „Das hätten Sie doch aber auch zu Hause thun können!”

„Nein,” gab er zur Antwort, „um dies Telegramm absenden zu können, mußte ich hierher kommen!”

„Ist es indiskret, nach dem Inhalt der wichtigen Staatsdepesche zu fragen? Haben Sie sich vielleicht wieder telegraphisch einen neuen Urlaubsgaul bestellt?”

„Nein, Baronesse, etwas anders lautet der Inhalt meines Telegramms, — wenn ich mich nachher von Ihnen verabschiede, werde ich mir erlauben, Ihnen die Depesche vorzulesen; bis dahin bitte ich um die Erlaubnis, das Staatsgeheimnis für mich bewahren zu dürfen. Darf ich Ihnen für die Enttäuschung, nicht gleich den Inhalt des Telegramms kennen zu lernen, etwas von diesem süßen Eingemachten anbieten?”

Er reichte ihr die Kristallschüssel, und durch einen Zufall berührten sich ihre Hände.

Er sah, wie ihre Wangem sich dunkel färbten, und wie eine leichte Verlegenheit aus ihren Zügen sprach. War es Einbildung, daß er einen leisen Druck ihrer schlanken Finger zu verspüren glaubte?

Beide sahen sich an, und ihre Augen sprachen, während ihr Mund stumm blieb.

„Ich glaube, unsere Nachbarn werden ungeduldig werden,” mahnte sie endlich, und mit einem Ausdruck des Bedauerns gab er ihre Hand frei.

Er fühlte, wie sein Herz unruhig schlug, und er sehnte sich danach, aus ihrem Munde zu erfahren, ob auch sie ihn liebe, wie er sie, ob er ihre Verlegenheit, mit der sie ihn gestern willkommen geheißen, richtig deute, ob er die Thatsache, daß er sie heute wieder zu Tisch führen durfte, als ein Zeichen ihrer Freundschaft und Zuneigung und nicht nur als einen Akt der Höflichkeit auslegen dürfe.

Sie schien zu fühlen, was in ihm vorging, denn schweigend saß sie neben ihm und hatte ihren Blick auf den Teller gesenkt.

Lange wollte kein Gespräch wieder zwischen ihnen aufkommen. Beide hatten die Empfindung, ihre innersten Gedanken erraten zu haben, und waren nicht unbefangen genug, um über gleichgiltige Dinge weiterplaudern zu können.

„Müssen Sie schon aufbrechen?” fragte die Baronesse, als sie sah, daß Herr von Keber seine Uhr zog; und sie konnte ein leises Zittern ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Nein, Gott sei Dank, noch nicht, Baronesse, noch habe ich Zeit! Aber obgleich Sie die Wirtin sind, muß ich sagen: ich bin traurig, daß wir so lange bei Tische sitzen. Ich hatte mich so darauf gefreut, mit Ihnen noch einen Walzer und, wenn möglich, noch einen Katillon tanzen zu können, daraus wird nun aber wohl nichts mehr werden.”

„Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben!” meinte sie heiter. „Ein anderes Mal bringen Sie mehr Zeit mit, wenn Sie kommen!”

„Ein anderes Mal — das sagen Sie so leicht hin, Baronesse!” gab er traurig zur Antwort. „Sie sind frei, wie der Vogel in der Luft, Sie sind bald hier, bald dort — mich hält der Dienst. Meinen großen Urlaub habe ich schon im Frühjahre gehabt; ehe ich nun wieder an das Reisen denken kann, wird dies Jahr und sicher auch die Hälfte des nächsten vorübergehen. Wer weiß, Baronesse, was dann ist, wo Sie dann sind! — Heute ist es vielleicht für lange Zeit, wenn nicht für immer, das letzte Mal, daß wir uns sehen!”

Er sah, wie sie bei seinen Worten erbleichte, und wie das Glas zitterte, das sie in der Hand hielt — fast wäre es umgefallen, als sie es auf den Tisch zurückstellte, ohne es an ihre Lippen geführt zu haben.

Ihm war, als solle die Glückseligkeit, die ihn erfüllte, ihm die Brust sprengen, und mit leise flüsternder Stimme fragte er: „Marguerite, Baronesse! Würde es Ihnen wirklich leid thun, wenn wir uns nie wiedersähen?”

Sie sah ihn an mit großen, traurigen Augen, die in feuchtem Glanze schimmerten.

„Nicht weinen,” bat er, „nun ist ja alles gut! Was ich Ihnen sagen möchte, jetzt zu sagen, verbietet mir der Ort. Wissen Sie, Baronesse, was es ist?” Und als sie glückselig lächelnd zu ihm aufschaute, fuhr er fort: „Darf ich Ihnen jetzt die Depesche zeigen, die ich schon den ganzen Tag bei mir trage, und die ich nur mit Ihrer Einwilligung absenden darf?”

Sie nickte stumm Gewährung, und während ein brennendes Rot ihre Wangen färbte, las sie: „An das Kommando des Husarenregiments Prinz Joachim. Stehe im Begriff, mich zu verloben. Bitte ganz gehorsamst um fünf Tage Nachurlaub.” Ängstlich las er in ihren Mienen, und mit flehender Stimme bat er: „Darf ich das Telegramm absenden?”

„Wollen Sie es nicht etwas ändern?” fragte sie schelmisch, und als er ihr auf ihre Bitte hin einen Bleistift gereicht hatte, strich sie die ersten Worte durch und schrieb: „Habe mich soeben verlobt.”

„Marguerite!” jubelte es in ihm auf, und nur gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.

Er erhob den Sektkelch, um ihr zuzutrinken, und hell und rein klangen die Gläser aneinander. — Der Urlaubsgaul hatte seine Schuldigkeit gethan.


Fußnoten:

(1) In der Fassung des Globus-Verlags heißt es hier: „Hotel ,Kasten'” (Zurück)

(2) In der Fassung des Globus-Verlags heißt es hier: „sehr unwahrscheinlich” (Zurück)

(3) In der Fassung des Globus-Verlags heißt es hier: „viel lieber” (Zurück)

(4) In der Fassung des Globus-Verlags heißt es hier: „dunklen” (Zurück)


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