Die Urlaubsflasche.

Humoristische Plauderei von Freiherrn v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 265 vom 25.Sep. 1896 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


In keinem anderen Stand und Beruf sind die Ansichten der Gelehrten über ein und dieselbe Sache so verschieden wie beim Militär. Was der Unteroffizier tadelt, hält der Lieutenant für gut und richtig, bis sein Hauptmann ihm auseinandersetzt, daß er keine Ahnung habe, die Sache müsse nicht so, sondern so sein. Der Herr Major hört der Häuptlingsrede zu, und wenn dieser mit einem „dixi” geendet, sagt er: „Ach, Herr Hauptmann, dürfte ich Sie vielleicht einen Augenblick sprechen?” Leider kann der Häuptling nicht, wie er wohl möchte, „nein” sagen, so entgegnet er denn: „Zu Befehl, Herr Major,” nimmt die Hacken zusammen und hört anscheinend äußerst interessirt zu, wie der Herr Major ihm auseinandersetzt, daß die Sache denn doch nicht so, wie der Hauptmann meine, sondern so sein müsse. Der Herr Hauptmann ist für die Belehrung sehr dankbar, denn nun weiß er ja ganz genau, wie er es machen muß — aber der Herr Oberst, der gerade über den Kasernenhof geht, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als er sieht, welchen „Unfug” der Häuptling seinen Leuten beibringt, und spricht zu dem Herrn Major: „Aber, Herr Major, das ist ja Unsinn, was der da macht, bitte, inhibiren Sie das, die Sache muß so gemacht werden.” Zu seinem größten Leidwesen vermag der Herr General und Brigade­kommandeur bei der Besichtigung die Ansicht des Herrn Oberst nicht zu theilen, während Se. Excellenz der Herr Divisions­kommandeur eine andere Meinung über denselben Punkt zu haben geruhen, der Se. Excellenz der kommandirende Herr General sich nicht unbedingt anzuschließen in der Lage sind.

„Ach, in Spanien, ach, in Spanien, ist es schwer, Minister sein,” lautet das schöne Kuplet — auch bei uns, glaube ich, ist es kein Vergnügen, dieses Amt inne zu haben oder inne gehabt zu haben(1) — aber schwerer, noch schwerer ist es, Soldat zu sein.

So viel Köpfe, so viel Ansichten — nur in einem einzigen Punkt sind sich Alle einig, nämlich darin, daß der Dienst eine unangenehme Unterbrechung der freien Zeit ist.

„Der Mensch ist frei geboren, er ist frei,”(2) singt der Dichter — der Lieutenant, überhaupt der Soldat ist es nur sehr selten. Mit der achtstündigen Arbeitszeit kommt man beim Militär nicht aus. Wie schön aber ist ein dienstfreier Nachmittag, man liegt auf der Chaiselongue, zwischen den Lippen baumelt die Cigarre, man bildet sich an „Nana” oder „Madama la Boule” und ist so glücklich, wie nur immer ein Lieutenant für zwei Mark fünfzig Pfennig Gehalt am Tag — der Premierlieutenant bekommt sogar 'nen Thaler, 'nen Thaler(3) — sein kann. Da klopft es mit knöcherner Hand gegen die Thür und eine Ordonnanz tritt herein: „Der Herr Hauptmann lassen den Herrn Lieutenant bitten, da der Herr Lieutenant ja sonst doch weiter keinen Dienst habe, sich in das Lazareth bemühen und ein Verletzungs-Protokoll über den Musketier Meier aufnehmen zu wollen.”

„Rrrrrrraus!” brüllt der Lieutenant, daß der Gefreite rückwärts zur Thür hinausfällt, „rrraus!”

„Das fehlt gerade noch, so'ne Schinderei giebt es ja in ganz Deutschland nicht — fällt mir ja gar nicht ein, laß des Teufels Großmutter das Protokoll aufnehmen, laß den Kerl meinetwegen todt bleiben, was liegt mir daran, es giebt viel zu viel Schafsköpfe auf der Welt,” so schimpft der Herr Lieutenant eine halbe Stunde, denn schimpfen erleichtert des Menschen Herz, wie ein Besuch der Berliner Ausstellung(4) das Portemonnaie des müden Wanderers, und wenn der Herr Lieutenant genug geschimpft hat, schimpft er ruhig weiter, vertauscht schimpfend den bequemen Hausrock mit der Uniform, zieht sich schimpfend den Paletot an und legt schimpfend den Weg bis zu dem eine kleine Stunde entfernten Lazareth zurück. Am tollsten aber schimpft er Abends im Kasino über seinen Häuptling: „Gemeinheit — Rücksichtslosigkeit — was Besseres zu thun — was der Mensch sich nur denkt” — diese und ähnliche Redensarten fließen von seinen Lippen. Würde sein Häuptling ihn hören, so würde dieser ihn entweder vor ein Kriegsgericht stellen oder aber er würde gar nichts sagen, denn wie der Lieutenant über seinen Hauptmann, dieser über den Major, der Herr Major über den Herrn Oberst, dieser über den Brigadier, der wiederum über den Divisionär schimpft, so schimpft dieser nur dann nicht über den kommandirenden Herrn General, wenn er mit ihm zusammen ist. Es wird maßlos beim Militär geschimpft, aber es schadet nichts, es denkt sich kein Mensch etwas dabei — weder der, der flucht, noch der, über den geflucht wird.

Geflucht wird immer, im Dienst und außer Dienst, und da man nie außer Dienst ist, sintemalen jeder Vorgesetzte — und wer hat keinen Vorgesetzten? — jeden Untergebenen — und wer hat keinen Untergebenen? — jede Sekunde zu jedem beliebigen Dienst bestellen kann, befindet man sich stets im Dienst, und da wird, wie bewiesen werden sollte und bewiesen worden ist, stets geflucht.

Auf die Dauer hält aber kein Mensch diesen nicht ganz normalen Zustand aus, man bedarf der Abwechslung, der Erholung und Zerstreuung.

Da giebt es nur eins: man geht auf Urlaub. Dem Menschen, der zum ersten Mal den grandiosen Gedanken hatte, auf Urlaub zu gehen, müßte ein Denkmal gesetzt werden, er hat es um die Epigonen verdient.

Es giebt Leute, die immer auf Urlaub gehen, und solche, die nie auf Urlaub gehen, und solche, die stets auf Urlaub gehen und reisen können, so oft sie wollen, während denl Anderen der Urlaub einfach abgeschlagen wird.

„Was, Sie wollen auf Urlaub, jetzt? Und noch dazu vier Wochen? Herr Lieutenant, was denken Sie sich eigentlich dabei?”

„Der Herr Oberst gestatten — ich bin nun sieben und ein halbes Jahr Sekondelieutenant(5) und bin in der ganzen Zeit noch gar nicht auf Reisen gewesen.”

„Na ja also — was wollen Sie denn nun auf einmal fort? Nein, mein Lieber, bleiben Sie nur ruhig hier.”

Und er bleibt, er muß bleiben, denn wenn er trotzdem fortgeht, wird er steckbrieflich als Fahnenflüchtiger gesucht.

Und das ist, besonders für einen Offizier, weder angenehm, noch dem Avancement dienlich. Ach, und das Avancement ist so jammervoll — Mancher wartet fünfundzwanzig Jahre bis zum Major und gar Manche werden es nie.

Offiziere, die immer reisen, erhalten auch stets Urlaub — der Kommandeur ist es gar nicht anders gewöhnt, als daß der dicke Premier jedes Jahr vier Wochen vor und sechs Wochen nach men Manöver auf Urlaub geht und jeden Monat mindestens sechs Tage Jagdurlaub hat, das ist der Herr Premier seiner Gesundheit schuldig, das ist das Wenigste, was er nach seiner eigenen Meinung haben muß — und was der Mensch haben muß, das muß er eben haben.

„Ein Lessing spricht, kein Mensch muß müssen. Ich aber sage Euch: Wenn der Mensch muß, muß er auch müssen.”

Ich bin untröstlich, den Namen des genialen Mencshen, der dieses weise Wort kürzlich in einer Gedichtsammlung veröffentlicht hat, vergessen zu haben — er verdient es entschieden, in den weitesten Kreisen bekannt zu werden.

Auf Urlaub schweift man durch Wald und Feld — da muß man es auch einer Urlaubsplauderei zu Gute halten, wenn sie etwas von dem geraden Wege abschweift und aufhebt, was rechts und links des Weges liegt. Ich setze dies in Parenthese für Diejenigen, die da etwa sagen sollten: der Autor ist doch sonst ein so „schlichter” Mensch, warum macht er denn heute so viele unnütze Worte. — Ich schließe die Klammer.

Die eigentliche Urlaubszeit ist jetzt(6), nach den Manövern. Die Reservisten sind entlassen — die Rekruten sind, der Himmel sei gepriesen, noch nicht da; Dienst ist nicht, das Reinigen der Manöveranzüge, das Wochen in Anspruch nimmt, die Kammerarbeiten beaufsichtigt der Unteroffizier — der Offizier hat nichts zu thun, also hinaus in die Ferne — möglichst weit weg, ganz weit weg, irgendwo hin, wo es keine Soldaten giebt.

Man setzt sich seinen Cylinder — alias Helm genannt — auf den Kopf, macht ein sehr vergnügtes Gesicht und spricht zu seinem Häuptling: „Ich bitte ganz gehorsamst, x Tage Urlaub einreichen zu dürfen.”

Ist der Häuptling liebenswürdig, so sagt er: „Bitte sehr,” ist er besonders liebenswürdig, so sagt er: „Haben Sie auch Reisegeld? Sonst stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.” Ist er aber ein Scheusal, so spricht er: „Es thut mir leid, ich kann Sie dienstlich nicht entbehren.”

Aber nicht er, sondern der Herr Oberst ertheilt den Urlaub, man geht zu ihm heran und bittet entweder mit oder ohne Genehmigung seines Herrn Hauptmanns um so und so viel Tage Urlaub.

Unter hundert Fällen wird er neunundneunzig Mal gewährt.

Man schreit innerlich drei Mal Hurrah, macht eine möglichst stramme Kehrtwendung, um einen guten Eindruck zu hinterlassen, fliegt zum Telegraphenamt und depeschirt: „Freut Euch, habe vierzehn Tage Urlaub, schickt sofort M. 500.”

Ach ja, das liebe Geld, das ist beim Militär(7) immer das Wenigste, und ohne Geld kann kein Mensch auf Reisen gehen.

Die Eltern, die die Depesche ihres Herrn Sohnes erhalten, sind natürlich sehr erfreut, sie kratzen zusammen, was in den verschiedenen Kassen nur zu finden ist, und senden es betrübten Herzens fort: sind's auch nicht gerade fünfhundert, so sind's vielleicht dreihundert, das ist auch immer besser wie in die hohle la main gepfiffen(8). Und der Herr Sohn ist dankbar für das, was man ihm giebt — er bestellt sich einen neuen Civilanzug, ein Rundreisebillet und geht dann ins Kasino, um zum letzten Mal für vierzehn Tage den „Fraß” zu essen. Ich bitte wegen dieses unschönen Wortes um Verzeihung, aber, wie ich schon einmal an dieser Stelle sagte, termini technici dürfen nicht geändert werden und das Kasinoessen wird nun einmal so bezeichnet. Denn gut ist es nie, wenigstens nicht nach der Meinung Derjenigen, die es essen, wenn jeder andere Sterbliche das Menu und die Zubereitung auch ausgezeichnet finden würde.

Aber der Mensch lebt ja nicht vom Essen allein, sondern zum nicht geringen Theil auch vom Trinken, und getrunken wird immer: Morgens, Mittags, Abends und Nachts. Es gibt ein Kuplet: „Warum trinkt man?”

„Mancher trinkt, weil er so lustig,
Mancher, weil er traurig ist,
Mancher, weil es heut so warm ist,
Mancher, weil es kalt nicht ist!”(9)

und dieses geistreiche Lied schließt mit dem Vers:

„Mancher trinkt wohl vor der Hochzeit,
Mancher leider nachher noch.”

Beim Militär wird entsetzlich viel getrunken: Ist man am Morgen angepfiffen worden, so muß man seinen Schmerz vertrinken, das ist selbstverständlich, das war von je her Mode und alte, überlieferte Gewohnheiten darf man nicht ohne Weiteres aufgeben — und ist der Lieutenant am Morgen ausnahmsweise nicht „angeheult” worden, so muß er Mittags selbstverständlich eine kalte Flasche trinken, eingedenk des Wortes: „Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.”

Die günstigste Gelegenheit, sich einmal einen ordentlichen derrière la cravatte zu gießen, ist naturellement der Tag, an dem man zu sich sagt: „Morgen früh fährst Du auf Urlaub, o, welche Seligkeit macht mir das Herz so weit, o, welche Himmelslust schwellt mir die Bru—u—ust.”

Es ist Sitte in der Armee, daß derjenige Offizier, der auf Urlaub fährt, den traurigen Hinterbleibenden einen Abschiedstrunk — die sogenannte Urlaubsflasche — stiftet. Es liegt in der Natur der Sache, daß aus dieser einen Flasche zuweilen mehrere werden, daß die leeren Flaschen schneller zunehmen als die in der couveuse auf der Gewerbe-Ausstellung(10) „brütenden” Kinder, und es ist schon manchmal vorgekommen, daß die Urlaubsflasche das ganze Reisegeld verzehrte, so daß man am nächsten Morgen mit gepumptem Gelde nach Hause depeschiren mußte: „Bin unter die Räuber gefallen. Schickt sofort Lösegeld.”

Aber die Urlaubsflasche kann noch größeres Unheil anrichten. In Krähwinkel war es, einer elenden kleinen Garnison, wo eines Mittags das gesammte Offizierkorps bei einer Urlaubsflasche saß, die ein beurlaubter Kamerad gestiftet hatte. Da öffnete sich die Saalthür und herein trat ein Reserve-Offizier des Regiments(11), Kammerherr einer kleinen Prinzessin, die auf einem in der Nähe von Krähwinkel gelegenen Gut die Sommerfrische verlebte.

Freudige Ueberraschung — herzliche Begrüßung — Kredenzung eines mächtigen Willkommens-Trunkes und dann die Frage: „Was wollen Sie hier &mdash, was verschafft uns die Ehre?”

Und dann die Antwort: „Ich bin hier im Auftrage meiner hohen Herrin, um hoch dieselbe heute Abend um acht Uhr bei dem Diner bei dem Landrath zu vertreten.”

„Um acht Uhr? Und jetzt ist es erst drei Uhr — da haben Sie ja noch mächtig Zeit. Sie kommen wie gerufen, nein, das ist zu nett, daß Sie hier sind, na, denn Prosit.”

„Prosit, meine Herren, Sie sind wirklich sehr, sehr liebenswürdig. Prosit, Herr Major — ich komme sofort nach, Herr Hauptmann, Prosit, Herr Baron, aber Kinder, ich kann doch nicht nur „Ganze” trinken — Prosit, lieber Graf — bedenkt, ich bin in hohem Auftrage hier — Prosit, Fähnrich — da darf ich mir doch nicht die Nase begießen — Prosit, Herr Premier!”

Von drei bis acht Uhr ist eine verzweifelt lange Zeit, in der man barbarisch oft Prosit sagen kann, und so kam, was kommen mußte: Um sieben Uhr wußte der Kammerherr gar nicht mehr, weswegen er eigentlich zur Stadt gekommen war, um sieben Uhr fünfzehn Minuten, nachdem er sechs Flaschen Selterswasser getrunken hatte, fiel es ihm allmälig wieder ein, um sieben Uhr zwanzig Minuten fing er an grob zu werden, um ein halb acht Uhr neigte er das Haupt und schlief ein.

Und keine Macht der Erde vermochte den Kammerherrn so weit zu ernüchtern, daß er als Vertreter Ihrer Hoheit hätte zu dem Diner gehen können.

Die Folge war, daß der Kammerherr seine Stellung verlor und vom Hofe verbannt wurde — und das Alles wegen einer Urlaubsflasche.

Wie wäre das Trinken schön, wenn man sich bei dieser edlen Beschäftigung nie betränke! Ach, dann spricht man so oft so manches Wort, das man hinterher bitter bereut, und schon Ovid, wenn ich mich nicht irre, klagt bitter darüber, daß keine Ewigkeit das einmal gesprochene Wort zurückbringe.

Ach, auch der kleine Baron, wie sie ihn im Regiment immer nannten, mußte die Wahrheit dieses Wortes an sich erfahren.

Der kleine Baron und sein Häuptling konnten einander „nicht riechen”, wie man zu sagen pflegt. Die Beiden standen sich wie Katze und Hund — im Dienste schimpfte der Häuptling auf seinen Lieutenant, daß diesem sechzigmal in der Stunde die Augen übergingen, und nach dem Dienst fluchte der Lieutenant über seinen Hauptmann, daß die Fenster in der Kaserne zitterten. Alle Versuche, zu einer anderen Kompagnie versetzt zu werden, schlugen fehl — lerne zu leiden, ohne zu klagen — er mußte bleiben, der Dienst verlangte es, und da müssen alle persönlichen Rücksichten und Wünsche schweigen. Mit der Zeit fügte sich der kleine Baron in das Unvermeidliche — schließlich war er mit seinem Kapitän ja auch nicht verheirathet; ein Jahr, höchstens zwei, dann würde er ja sicher zu einer anderen Kompagnie versetzt werden — also ruhig, Cäsar!

Eines Tages nach dem Manöver kam der kleine Baron auf den verständigen Gedanken, Urlaub zu nehmen, er wandte sich an seinen Hauptmann, der ihm kaltblütig lächelnd erwiderte: „Ich bitte Sie — jetzt Urlaub — in vier Wochen kommen die Rekruten — das Rekruten-Lehrpersonal muß ausgebildet werden — bedenken Sie, was es da Alles zu thun giebt — es thut mir leid, aber Urlaub kann ich Ihnen nicht geben.”

„Gestatten der Herr Hauptmann, daß ich ohne Einwilligung des Herrn Hauptmanns um Urlaub bitte?”

„Gewiß — bitte sehr — selbstverständlich, wenn Sie sich den geringsten Nutzen davon versprechen —”

Und der kleine Baron ging zu dem Herrn Major, dieser ging zu dem Herrn Hauptmann, dann gingen der Herr Major, der Herr Hauptmann und der kleine Baron zu dem Herrn Oberst und dieser sprach erst mit dem Einen, dann mit dem Andern, endlich mit allen Dreien und dann hieß es: „Der Urlaub ist gewährt.”

Der Hauptmann tobte vor Wuth, der kleine Baron hüpfte vor Freude auf beiden Beinen abwechselnd und dachte: „Nun habe ich den Alten wenigstens einmal gehörig geärgert.”

Am Mittag wrde die Urlaubsflasche getrunken — es wurde mächtig viel getrunken, aber am meisten trank der kleine Baron — Ursache vergnügt zu sein, hatte er ja auch schließlich.

Da will es das Unglück, daß er nach Tisch in der Thür mit seinem Häuptling zusammenprallt.

„Nun,” sagt dieser zu ihm, „Sie sehen ja riesig vergnügt aus &mdash, Sie freuen sich wohl sehr auf Ihren Urlaub?”

Und da packt den kleinen Baron der Teufel — was will der Mensch, denkt er, morgen gehe ich vierzehn Tage von hier fort, und um das, was dann ist, will ich mich heute absolut nicht kümmern: ein Augenblick gelebt im Paradies wird nicht zu theuer mit dem Tod gebüßt — das Vergnügen will ich denn doch wenigstens haben, daß ich ihm einmal ordentlich meine Meinung sage, weshalb ich mich so mächtig auf meinen Urlaub freue.

„Zu Befehl, Herr Hauptmann, ich freue mich sehr auf meinen Urlaub, denn das will ich dem Herrn Hauptmann nur einmal sagen — der Herr Hauptmann können mir das ganz ruhig übel nehmen, das ist mir ganz gleichgiltig, denn gemeiner als der Herr Hauptmann mich nun einmal behandeln, können der Herr Hauptmann mich ja gar nicht behandeln. Und das wollte ich dem Herrn Hauptmann nur sagen: ein Genuß ist es nicht, bei der Kompagnie des Herrn Hauptmann zu stehen, und der Herr Hauptmann sollten sich was schämen, die Macht, die der Herr Hauptmann in Händen haben, so zu mißbrauchen.”

Und so „Herr Hauptmannte” sich das eine Viertelstunde lang — und der Herr Hauptmann war ein niederträchtiger Kanarienvogel: anstatt zu lachen, den kleinen Baron zu unterbrchen und zu sgaen: „Na, was Sie sonst noch gegen mich auf dem Herzen haben , können Sie mir ein anderes Mal anvertrauen!” ließ er den kleinen Baron ruhig aussprechen — ach, und der hatte viel, sehr viel auf dem Herzen, und als der kleine Baron endlich fertig war — ging er zum Kommandeur und verklagte ihn.

Als der kleine Baron am nächsten Morgen erwachte, war er noch total betrunken — das war zwar nicht recht von ihm, aber er konnte nichts dafür, und ich, sein Chronikenschreiber, kann noch weniger dafür.

Also er war noch betrunken — aber er wurde mit der Geschwindigkeit einer Tertiärbahn nüchtern, als eine Ordonnanz zu ihm in das Zimmer trat und ihm meldete, daß der Herr Oberst ihn um elf Uhr im Dienstanzuge auf dem Regimentsbureau zu sprechen wünsche.

„I nanu? Mich?” sprach er, „mir ist doch so, als ob ich von heute Morgen ab beurlaubt bin — gewiß ja, ich irre mich nicht — es muß ein Mißverständniß vorherrschen, ich werde selbst zu dem Herrn Oberst hingehen, um den Irrthum aufzuklären.&rdquo

Pünktlich um 11 Uhr meldete er sich bei dem Kommandeur — die Thüren wurden geschlossen, sogar der Regimentsadjutant wurde gebeten, sich zu entfernen. Von dem, was der Herr Oberst mit dem kleinen Baron gesprochen, ist nie eine Silbe in die Oeffentlichkeit gedrungen, es ist auch besser so — aber als der kleine Baron endlich das Regimentsbureau wieder verließ und sich auf dem kürzesten Wege in seine Wohnung begab, machte er ein gar ernstes, tieftrauriges Gesicht.

Und er hatte allen Grund dazu. Sein vierzehntägiger Urlaub nach Sylt war ihm gestrichen worden — dafür war er auf sieben Tage nach Helgoland beurlaubt worden.

Helgoland ist schön — ein Helgoländer Hummer ist noch schöner — Helgoländer Urlaub aber ist schrecklich, denn, im Vertrauen gesagt, bedeutet nach Helgoland beurlaubt sein, nichts weiter als Stubenarrest zu haben.

Darüber sprechen wir vielleicht das nächste Mal.

Für heute nur noch einen guten Rath:(12)

„Eine Urlaubsflasche ist in der Theorie sehr schön — in der Praxis hat sie große Schattenseiten, und wer eine Urlaubsflasche in der Ferne winken sieht, der geht ihr am besten, besonders dann aus dem Wege, wenn er die ernste Absicht hat, auf Urlaub zu gehen.”


Fußnoten:

(1) Der Kriegsminister Walther Franz Georg Bronsart von Schellendorff trat am 14. Aug. 1896 wegen Differenzen mit dem Militärkabinett von seinem Amt zurück. (zurück)

(2) „Der Mensch ist frei geschaffen, er ist frei, und würd' er in Ketten geboren.” (Friedrich v. Schiller, Die Worte des Glaubens) — so lautet das Zitat auch in der Buchfassung. (zurück)

(3) In der Buchfassung: „der Oberleutnant bekommt sogar noch mehr”. — Zwei Wochen vor Veröffentlichung dieser Plauderei war Schlicht/Baudissin zum Premierlieutenant befördert worden. (zurück)

(4) Gemeint ist hier die Berliner Gewerbe-Ausstellung vom 1.Mai bis 15.Okt. 1896. (zurück)

(5) Schlicht/Baudissin selbst ist gerade zur Zeit der Niederschrift dieser Plauderei 7½Jahre Lieutenant. (zurück)

(6) In der Buchfassung fehlt das Wort „jetzt”. (zurück)

(7) In der Buchfassung: „das liebe Geld ist beim Militär”. (zurück)

(8) In der Buchfassung: „besser als absolut gar nichts””. (zurück)

(9) Zu diesen Versen siehe auch: Baudissin, Wolf Graf und Eva Gräfin, Spemanns goldenes Buch der Sitte, §366. Mäßigkeit im Trinken. (zurück)

(10) In der Buchfassung: „Gewerbeausstellung seligen Angedenkens”. (zurück)

(11) In der Buchfassung: „desselben Regiments”. (zurück)

(12) Statt der beiden Absätze: „ Darüber sprechen wir . . . . . noch einen guthen Rath” heißt es in der Buchfassung: „So sage ich:”. (zurück)


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