Helgoländer Urlaub.

Humoristische Plauderei von Freiherrn v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 275 vom 5.Okt. 1896 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


„Grün ist der Strand, gelb ist der Sand —
Das sind die Farben von Helgoland.”

So, oder weigstens so ähnlich, lautet ja wohl das schöne Wort. Genau weiß ich es nicht. Ich kenne Helgoland nicht, weder seinen Sand, noch seinen Strand, am allerwenigsten die neuen Strandbatterien — ich weiß nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein soll: die Leute, die in Helgoland waren, sagten mir, es sei „himmlisch”, die Leute, die nach Helgoland beurlaubt gewesen waren, meinten, es sei einfach scheußlich. Die da „himmlisch” sagten, waren junge Damen, die da „einfach scheußlich” sagten, junge und auch ältere Offiziere — wer hat nun Recht? Galant, wie ich von Haus aus gegen das schöne Geschlecht bin, müßte ich ja eigentlich den holden Evastöchtern beistimmen, aber auch die Bezeichnung „einfach scheußlich” hat was für sich.

Auf dem Kasernenhof stehen die Rekruten und üben nach dem Kommando ihrer Unteroffiziere den wunderschönen Griff „Das Gewehr über”, sie machen die Sache nach Zählen. Auf das Kommando „eins” bringt der Soldat — wenn man den Civillisten im bunten Rock schon mit diesem stolzen Namen belegen kann — das Gewehr senkrecht vor die Mitte des Leibes: es dauert Wochen, bis ein Pollack begriffen hat, was senkrecht und wo die Mitte seines Leibes ist. Auf das Kommando „zwei” greift die linke Hand, die bis dahin vorschriftsmäßig, d. h. mit dem kleinen Finger an der Hosennaht an dem linken Bein der Hose VI. Garnitur geruht hat, eine Handbreite über die rechte la main. Auf Tempo „drei” greift die rechte Hand, „gleichsam saugend”, auf das Schloß, sobald der Korporal „vier” ruft, schiebt der Krieger seine treue Flinte auf die linke Schulter. Tempo „vier” ist das schwerste — wird der Griff richtig gemacht, so muß es „knacken”, wenn das Gewehr eingeschoben wird, es knackt aber entweder gar nicht oder aber es knackt nicht laut genug — richtig ist es nie. „Nochmal,” ruft der Unteroffizier. „Kerl, das hört man ja gar nicht, des Teufels Großmutter muß vor Angst in einen Kessel siedenden Oeles hineinfallen, wenn Du das Gewehr einschiebst, das muß sich anhören, als wenn die Erdachse bricht, nochmal — Kommando „vier”! Nach vier kommt „fünf”, das ist in der ganzen Welt so, nur daß nicht überall Jedermann, sobald in seiner Nähe Jemand diese Zahl ausspricht, die recht Hand mit einem hörbaren Pfiff durch die Luft sausen läßt, sie dann aber nicht an das rechte Hosenbein anklatscht, sondern sie leise, unhörbar vorschriftsmäßig anlegt.

So, nun ist das Werk vollendet, der Befehl „Das Gewehr — über” ist ausgeführt. „Gott sei Dank” sagt der Korporal und athmet erleichtert auf. „Gott sei Dank” stöhnt der Rekrut in seinem Innern — ist er ein Pollack, so stöhnt er es auf polnisch. Das klingt etwas anders, ist aber ganz genau dasselbe.

Nichts auf Erden währet ewiglich und so ist denn auch die Freude des Unteroffiziers und seines Zöglings nur eine kurze. Das Kommando „Gewehr — ab” bereitet dem Paradies auf Erden ein jähes Ende. Dann geht es wieder von vorne los, auf das Kommando „eins” bringt der Soldat das Gewehr senkrecht vor die Mitte des Leibes, nach eins kommt „zwei”, dann drei, vier, fünf und nach fünf kommt wieder eins; bis Alle blödsinnig sind, der Unteroffizier, der Soldat und das Gewehr.

Die Oberaufsicht bei dieser geistreichen Beschäftigung hat der Herr Premier. Heute Mittag hat sich der Sekondelieutenant(1), der junge Dachs, wie er ihn verächtlich nennt, krank gemeldet an Brustschmerzen. Als wenn er, der Herr premier, nicht in seinem Leben mindestens zehntausendmal Brustschmerzen gehabt hätte, ohne daß es ihm auch nur für eine Sekunde in den Sinn gekommen wäre, sich wegen solcher lächerlicher Lappalie krank zu melden, aber die Geschlechter werden immer schlechter, das ist eine alte Geschichte. Der Herr premier ist wüthend, daß er nun bis auf Weiteres die Rekruten exerzieren muß — übel nehmen kann ihm das Niemand,denn Rekruten exerzieren kommt gleich hinter dem Schafe hüten. Ich glaube, Schafe hüten ist doch noch interessanter, zuweilen läuft doch mal solcher Vierfüßler fort und muß wieder eingefangen werden; von den Rekruten läuft nie einer fort, und liefe dennoch einer fort, so würde von dem Ausbildungs­personal kein Mensch auf den verruchten Gedanken kommen, ihn wieder einzufangen, sondern Jeder würde dankbar die Hände falten und sagen: „Gottsei gepriesen, den wären wir los.”

Noch etwas Anderes kommt hinzu, dem Herrn Premier die Laune zu verderben, er hatte heute einen dienstfreien Nachmittag, den er dazu benutzen wollte, einmal ordentlich auszuschlafen und dann mit der theuren Gattin eine Anzahl Besuche zu machen, die ihn schwerer drücken als der Inhalt seines Portemonnaies.

Der Herr Premier ist wüthend, rasend, er hat schon geflucht, daß selbst ergraute Unteroffiziere sich gestehen müssen, in dieser Hinsicht viel von ihrem Lieutenant lernen zu können.

Da sieht der Herr Premier — nein, das ist ja gar nicht möglich, er glaubt zu träumen — er faßt sich an die Nase und schreit „Au”, weil er sich selbst Schmerzen verursacht hat — und er hat sich doch nicht geirrt — der Kerl im dritten Glied — der zweite Mann vom rechten Flügel — der Kerl ist verrückt, total verrückt oder totaliter betrunken — der Kerl übt den Griff „Das Gewehr über” allein und schiebt mit wahrer Todesverachtung das Gewehr anstatt auf die linke Schulter auf die rechte.

Der Mensch hat Flöhe im Gehirn.

Wie ein Rasender, ein zweiter Ariovistus furibundus, stürzt der Herr Premier auf den Menschen zu:

„Das ist ja Deine rechte Schulter, Du Heuochse, hier, hier ist Deine linke Schulter — hier, mein Sohn, geliebter Bruder im Herrn, hier ist links, und das hier ist Deine linke Backe,” und ohne es zu wollen, jedenfalls aber, ohne auch nur im Geringsten an eine Mißhandlung seines Untergebenen zu denken, giebt er ihm eine schallende Ohrfeige.

Als er es gethan hat, gedenkt er des schönen Wortes:

„Ich bin ein Mensch und die Schuld ist mein,
Mög' Gott der Allmächt'ge mir gnädig sein.”

Aber er ist nicht gnädig — wenigstens dieses Mal nicht.

Wenige Vorgesetzte reiten wie der Teufel — aber der Teufel reitet alle Vorgesetzten, daß sie gerade dann kommen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kan. Der Herr Oberst ist auf dem Kasernenhof erschienen und hat die Szene mit angesehen — als der Herr Premier ihm meldet, sagt er kein Wort, nicht einmal „danke”, aber noch an demselben Abend erläßt der Herr Oberst den Befehl: „Ich wünsche morgen Mittag um zwölf Uhr sämmtliche Herren Offiziere des Regiments in beliebigem Anzug in dem Kasino zu sprechen.”

Als der Herr Premier diesen Befehl erhält, ist er etwas gedrückt, als er am nächsten Mittag aus dem Kasino nach Hause kommt, ist er noch gedrückter. Bei Tisch ist er merkwürdig still und er, der sonst ein starker Esser ist, hat heute fast gar keinen Appetit, dest größer ist sein Durst. Er befiehtl dem Diener, eine neue Flasche Rothwein aus dem Keller zu holen.

Willst Du noch mehr trinken?” fragte die kleine Frau, „ich denke —”

„So, denkst Du?” fragt er ironisch, „ich glaube, diese anstrengende Thätigkeit könntest Du ruhig mir überlassen.”

Sie schweigt — was soll sie auch auf solche Unart erwidern? — und er trinkt schweigend weiter.

„Wollen wir nun heute Mittag die Besuche endlich machen oder hast Du wieder Dienst?”

„Dienst? Nein,” entgegnet er, „ein Anderer ist zur Beaufsichtigung der Rekruten kommandirt worden.”

„Wie schön,” frohlockt sie noch, „dann werden wir endlich diese gräßlichen Besuche los. Wann wollen wir gehen — wann paßt es Dir?”

„Gar nicht,” stößt er barsch hervor und gießt ein volles Glas Rothwein hinter die Binde.

„Aber Adolar,” bittet sie beschwichtigend.

„Du meinst?” fragt er ironisch.

„Ich meine, daß wir die Besuche nun wirklich nicht mehr länger aufschieben können, und da Du doch heute Zeit hast —”

„Wer sagt Dir, daß ich Zeit habe?”

„Du selbst,” entgegnet sie verwundert, „Du sagtest doch selbst, Du hättest keinen Dienst.”

Er lacht verächtlich auf: „Als wenn man weiter nichts zu thun hätte als dies bischen Dienst — ich muß arbeiten, Briefe schreiben, mich auch einmal wieder mit dem Reglement beschäftigen und tausend andere Dinge.”

Sie lacht laut auf.

„Wieder lachst Du so albern!” knurrt er wüthend.

„Ach Adolar — sei nicht böse, aber ich möchte Dich wirklich einmal arbeiten sehen — Du und arbeiten!”

Nun lacht auch er, zuerst etwas gezwungen, dann aber ebenso herzlich wie seine kleine Frau.

Einen Augenblick zögert er noch, dann aber sagt er: „Na, es ist ja doch Alles Unsinn und erfahren wirst Du es ja doch einmal — wenn Du es denn absolut wissen willst, warum ich Dich heute Mittag nicht begleiten kann, so sei es Dir hiermit gesagt, ich bin auf drei Tage nach Helgoland beurlaubt.”

Sie sieht ihn verwundert an: „Aber Adolar, was willst Du denn jetzt im Oktober(2) auf Helgoland?”

„Gar nichts.”

„Aber warum hast Du Dir denn Urlaub nach dort genommen?”

„Erlaube mal,” ruft er, „ich habe mir den Urlaub nicht genommen, sondern man hat ihn mir gegeben.”

„Und wann willst Du reisen?”

„Gar nicht.”

Sie ringt die Hände. „Aber Adolar, dabei kann man ja blödsinnig werden.”

„Stimmt,” pflichtet er ihr bei. Langsam erhebt er sich von seinem Stuhl, lehnt sich hinter den Sessel seiner Frau, und ihr zärtlich die Haare streichelnd, spricht er mit möglichst einschmeichelnder Stimme: „Mit dem Urlaub nach Helgoland, mein liebes kind, ist es, wie Du wohl schon bemerkt haben wirst, eine eigenthümliche Sache — es ist der einzige Urlaub, den man erhält, ohne daß man darum bittet, — es ist der einzige Urlaub, bei dem es keine Urlaubsflasche giebt, — es ist der einzige Urlaub, auf den man sich nicht freut, — es ist der einzige Urlaub, bei dem man verreist und doch zu Hause bleibt, — mit einem Wort, der Helgoländer Urlaub ist einzig, — sieh' mal, liebes Kind, ich habe es Dir bereits früher einmal gesagt, aber Du scheinst es inzwischen wieder vergessen zu haben, — nach Helgoland beurlaubt zu sein, heißt weiter nichts als Stubenarrest zu haben.”

Entsetzt springt sie in die Höh': „Es ist nicht wahr, Du lügst!”

„Erlaube mal,” entgegnete er, „es ist doch wahr — ich weiß es zu genau: dies ist mein dritter Helgoländer Urlaub.”

„Doch kaum ist ihm dies Wort entfahren,
Möcht' er's im Busen gern bewahren.”

Eine Sekunde sieht sie ihn sprachlos an, dann sinkt sie auf ihren Stuhl nieder, sie schlägt die Hände vor das Gesicht, die Thränen entströmen ihren Augen und ihre schlanke, zierliche Gestalt erbebt in konvulsivischen Zuckungen: „O Du Abscheulicher — o Du garstiger, undankbarer Mensch — so also lohnst Du mir meine Liebe!”

„Sei bitte nicht albern,” sagt er — seine Stimme soll fest, derb und befehlend klingen, aber er kann es nicht verhindern, daß sie ein wenig zittert.

Wieder springt sie empor: „Sei nicht so albern, sei nicht so kindisch — das ist immer Eure beliebte Redensart, wenn wir Frauen mit Recht über Euer Thun und Treiben außer uns gerathen.”

„Gerate wieder in Dich,” bittet er, „meinerseits steht dem nicht das Geringste im Wege.”

„Daß Du Dich nicht schämst, mir gegenüberzutreten,” braust sie auf, „ich würde vor Scham in die Erde versinken — als verheiratheter Mann solche Sachen zu machen — pfui — so wenig an Weib und Kind zu denken — was soll der Junge dazu sagen?”

„Vorläufig kann er ja noch gar nicht sprechen(3),” beruhigt er sie, „und könnte er sprechen und würde er sich iregndwie unpassende Redensarten erlauben, so würde ich ihn so lange über mein väterliches linkes Knie legen, bis ihm das Sprechen vergangen wäre. Dafür bin ich denn doch der Vater.”

„Ein schöner Vater,” sagt sie verächtlich.

„So, nun ist es aber genug,” ruft er zornig, „erstens brauche ich Dich gar nicht zu fragen, ob ich mich nach Helgoland beurlauben lassen soll oder nicht, und zweitens — sieh' mal Kleine,” fährt er, ruhiger werdend, fort, „todtgeschlagen habe ich doch Niemanden, auch nicht gestohlen oder Brand gestiftet,” und er erzählt, was vorgefallen ist.

„Ist das wirklich Alles?” fragt sie, „ist das auch die Wahrheit?”

„Ich belüge Dich nie!” ruft er mit dem Brustton seiner innersten Ueberzeugung.

Sie ist etwas beruhigt. „So entsetzlich schlimm ist Dein Vergehen ja dann eigentlich gar nicht — ich habe als junges Mädchen einmal unserer Köchin eine Ohrfeige gegeben, als ich sie dabei erwischte, wie sie unsere eingemachten Erdbeeren aufaß.”

„Na ja also — siehst Du wohl, Kleine,” frohlockt er, „da hast Du es ja selbst erfahren, wie leicht die rechte Hand durch die Lüfte saust — gewiß, es ist Unrecht, aber man ist schließlich doch auch nur ein Mensch und als solcher begeht man Thorheiten. Na, sprechen wir nicht mehr davon.”

Das wäre ihm das Liebste — denn sein Gewissen schlägt doch nicht so ruhig wie sonst, aber wenn Frauen sich auf ein Gesprächsthema verbissen haben, sind sie schwerer davon abzubringen als ein Rattenbeißer von dem ihm zur Vollstreckung des Todesurtheils überlieferten Thieren.

„Schrecklich ist es aber doch,” fängt sie nach einer kleinen Pause wieder an zu klagen, „ich genire mich entsetzlich, heute Mittag wird nun in allen Familien nichts Anderes gesprochen — ich mag den Herren, und noch mehr den Damen, gar nicht mehr gegenübertreten.”

„Sei nicht kindisch,” meint er, „glaubst Du denn wirklich, daß vor mir noch nie ein Offizier im Regiment nach Helgoland beurlaubt gewesen ist? Es ist zwar nicht sehr kameradschaftlich — aber es schadet ja schließlich nicht — sieh' mal, unser Oberst und Regiments­kommandeur, doch gewiß ein ehrenwerther Mann, — das sind sie Alle, Alle — der hat im vorigen Jahr auch plötzlich auf einige Zeit nach Helgoland verreisen müssen.”

„Der auch?” fragt sie athemlos — ihre Neugier ist erweckt — „ach bitte, erzähle!”

„Ja, Liebling, genau kenne ich den Sachverhalt natürlich nicht. Es war da im Manöver was vorgefallen, der General und der Oberst haben sich gegenseitig Grobheiten gesagt, der Kommandeur hat sich beschwert, ist damit hineingefallen und hat sitzen müssen — wie gesagt, Genaues weiß man nicht. Na, und dann der schöne Robert, unser hübscher Sekond — wie oft ist der nicht schon seiner unvorschriftsmäßig spitzen Stiefel wegen nach Helgoland beurlaubt worden. Als er das letzte Mal von dort zurückkam, hatte er ein Paar Stiefel angezogen, die so breit waren, daß sie kaum durch die Thür gingen. Der Oberst sah sich „die Latschen” an und meinte: „Haben Sie die auf Helgoland angezogen?”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Na, dann ziehen Sie sie auch nur auf Helgoland wieder aus. Ich gebe Ihnen dazu drei Tage Zeit, das genügt Ihnen wohl?”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Na, dann reisen Sie mit Gott und lassen Sie sich bei dem Scheiden gesagt sein: Utzen lasse ich mich nicht von meinen Untergebenen. Glückliche Reise.”

„Danke gehorsamst, Herr Oberst.”

Da saß der schöne Robert wieder drei Tage auf Helgoland — ach, wer ist nicht schon Alles nach dort beurlaubt gewesen?”

Er spricht es seufzend, sehnend, klagend — und so grundlos ist sein Klagen nicht: Die Zahl der Reisenden ist Legion, amüsirt hat sich bei dieser Reise aber noch Niemand.

Wenn der Musketier drei Tage stramm erhält, weil am Abend vorher seine Carmen ihn, als er Abschied nehmen wollte, an den Rockschößen festhielt und mit dem ganzen Schmelz ihrer Stimme sang: „Die Liebe vom Zigeunerstamm fragt nicht nach dem Arrestlokal” — wenn besagter Krieger den Lockungen und Verführungen seiner Dulcinea nicht hat widerstehen können und die Liebe höher stellt als seine Pflichterfüllung, wenn besagter verliebter Muschko Nachts versucht hat, sich auf verbotenem Wege in sein Bett hineinzuschmuggeln, dabei abgefaßt und eingesperrt wurde, dann thut man ihn dahin, wo weder Sonne noch Mond scheint. Die Fensterscheiben seiner Wohnung bestehen aus sechzig Centimeter dicken Eichenbalken und vor das Schlüsselloch wird von draußen ein Tuch gehängt — es ist die Camera obscura in der höchsten Potenz und in der größten Vollendung. Vor dem Arresthaus steht ein Posten mit dem treuen Gewehr in der Hand und sobald einer seiner Schutzbefohlenen niest, galubt er an einen Fluchtversuch und macht sich kampfbereit.

Wenn der Offizier eingesperrt alias nach Helgoland beurlaubt ist, so sitzt er daheim bei Weib und Kind, falls er verheirathet ist — als Junggeselle würde er ebenfalls sehr glücklich sein, wenn die holde Weiblichkeit ihm die Zeit verkürzte — er würde sogar gerne auf das Kind verzichten. Aber Besuche empfangen ist verboten — wer das Verbot überschreitet, dem kostet es den Kragen.

Man sitzt in seiner Bude und liest den neuesten französischen Schmöker — unverheirathete Lieutenants lesen sonderbarer Weise mit Vorliebe französische Autoren. Man ist ganz versunken in die Lektüre der äußerst interessanten und pikanten Schilderungen — da klopft es an die Thür.

„Herein.”

Die Thür öffnet sich.

„Ah, Herr Lieutenant, wie freue ich mich, Sie zu Hause zu treffen —”

„Aber ich bin ja gar nicht zu Hause!” ruft der arme Lieutenant, dem jetzt erst einfällt, welche Dummheit er mit seinem „Herein” angerichtet hat.

„Sie sind nicht zu Hause?” fragt der Besucher ganz erstaunt.

„Nein, gewiß nicht,” betheuert der Lieutenant, „aber liebster, bester Mensch, sehen Sie mir das denn nicht an — ich bin ja verreist, ich bin ja gar nicht hier — ich bin ja auf Helgoland.”

Entsetzt weicht der Besucher zurück und denkt, sein Vis-à-vis hat den Verstand verloren, und Mittags erzählt er an seinem Stammtisch von dem wirren Blick, dem unstäten Auge des armen Lieutenant, der, wie er gehört habe, demnächst einer Anstalt übergeben werden solle.

Allerdings kommt es auch vor, daß man von dem Stubenarrest in eine Festungs-Anstalt wandert, doch das sind Ausnahmen. Für gewöhnlich wird der Stubenarrest, wie es ja schon das Wort besagt, in der Stube verbüßt und man unterscheidet einfachen Stubenarrest und verschärften Stubenarrest.

Bei dem letzteren wird dem Betreffenden der Säbel abgenommen.

Und das ist niederträchtig, „einfach scheußlich”

Ist der Stubenarrest beendet, erhält man seinen Säbel zurück. Manchmal aber auch nicht.

Davon noch eine kurze Geschichte:

„Ich hatte 'nen Freund, der auch einen hatte,
Das war ein ganz vorzüglicher Gatte.”

Aber das hinderte doch nicht, daß besagter Ehemann seine Strohwitwerzeit benutzte, allerlei Thorheiten und Dummheiten zu begehen. Alle Schuld rächt sich auf Erden, wenngleich leider Gottes auch nicht alle Schulden bezahlt werden — und so kam, was kommen mußte, der vorzügliche Gatte wurde auf sieben Tage nach Helgoland beurlaubt, und zwar „verschärft”.

Das ärgerte ihn ganz niederträchtig, aber das half ihm nichts, er mußte seinen Säbel abgeben, der dem Herrn Oberst in die Wohnung gebracht wurde.

Als der vorzügliche Gatte eines Morgens erwachte, sagte er: „Es ist ein Segen, daß heute die sieben Tage vorbei sind, man wird ja vor Langeweile blödsinniger, als es selbst beim Militär erlaubt ist, wo nicht nur Blödsinn, sondern sogar höherer Blödsinn en vogue ist.”

Er erhob sich von seinem Lager, machte sehr umständlich mit Hilfe seines Burschen Toilette, trank sehr langsam seinen Thee und wartete, daß der Adjutant ihm seinen Säbel zurückbrachte.

Aber der Adjutant kam nicht und der Säbel kam auch nicht; das ärgerte den vorzüglichen Gatten ganz gewaltig, er schrieb ein Billet und schickte seinen Burschen zum Adjutanten und dann kam die Lösung.

Der Herr Oberst hatte den ihm überbrachten Säbel in sein Arbeitszimmer gestellt, der Bursche hatte ihn dort fortgenommen und, weil die Scheide unten ganz durchstoßen war, zum Büchsenmacher gebracht. Der Büchsenmacher hatte sich den Schaden besehen und gemeint, da wäre nichts mehr zu machen, da wolle er lieber eine neue Scheide bestellen — das war geschehen und die alte Scheide war von dem Gehilfen des Büchsenmachers verkramt worden und niemals(4) in Deutschlands Gauen zu finden.

Und nun saß der vorzügliche Gatte da und konnte aus seinem Arrest nicht entlassen werden, weil er keinen Säbel hatte. Die Versuche, sich bei einem Kameraden ein Schwert zu leihen, scheiterten — sie gaben an, sie besäßen Alle nur einen Sabul — in Wirklichkeit aber kam ihnen die Situation des Gatten viel zu spaßhaft vor, um derselben ein Ende zu bereiten.

So kam es, daß der Helgoländer Urlaub drei Tage länger dauerte, als es ursprünglich beabsichtigt war — auch hieraus geht hervor, daß der Helgoländer Urlaub ein seltsames Ding ist, und so Einer von Denen, die einmal nach Helgoland beurlaubt waren, diese Zeilen lesen sollte, so wird er sagen: „Helgoländer Urlaub ist nicht nur seltsam, sondern „einfach scheußlich”.

Möchte das Urtheil über diese Plauderei nicht auch „einfach scheußlich” lauten.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es statt „Premier”: „Oberleutnant”, statt „Sekondelieutenant”: „Herr Leutnant ”. (zurück)

(2) In der Buchfassung fehlen die Worte „im Oktober”. (zurück)

(3) Schlicht/Baudissins Sohn wurde am 25.3.1894 geboren, war also zur Zeit der Niederschrift dieser Plauderei 2½ Jahr alt. (zurück)

(4) In der Buchfassung: „und nirgends”. (zurück)


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