Der Überraschungs-Besuch

von Freiherr von Schlicht

in: „Bataviaasch nieuwsblad” vom 29.5.1908,
in: „Het nieuws van den dag voor Nederlandsch-Indië” vom 27-06-1912
unter dem Titel „Het onverwachte bezoek”,
in: „Arme Schlucker”
Grethlein & Co., 1907 und
in: „Die Fürstentreppe”
Verlag Oskar Meister, Werdau, 1927


Seine Hoheit Prinz Nicolaus der Allergnädigste und Fünfundzwanzigste seines Namens wollte in der nächsten Woche seinen Geburtstag feiern, nicht den ersten, denn er zählte bereits vierzig Jahre, und auch nicht den letzten, denn sein Leibarzt hatte ihm ein langes Leben prophezeit und war dafür mit einem hohen Titel und einem hohen Orden bedacht worden, der ihm ebenso lang zum Halse heraushing, wie anderen Leuten andere Dinge, die aber mit einem Orden nichts zu tun haben — —

Seine Hoheit wollte demnächst seinen Geburtstag feiern, und er wollte ihn noch oft feiern, denn er lebte sehr gerne. Er besaß ein großes Vermögen, hatte wenig zu tun und Sorgen irgend welcher Art kannte er nicht. Wenn er trotzdem manchmal auf seinen Spazierfahrten ein sorgenvolles Gesicht machte, so geschah das nur, damit seine Landeskinder sagen sollten: ja, ja, so 'ne Hoheit hat es auch nicht immer leicht! Das würde seine Untertanen dann vielleicht veranlassen, ihre Steuern, aus denen ja seine Apanage bezahlt wurde, etwas freudiger zu entrichten, denn wenn es einem Fürsten auch schließlich ganz einerlei sein kann, ob ihm das, was ihm zusteht, gern oder ungern bewilligt wird, so ist es vom idealistischen Standpunkte aus doch immerhin besser, wenn das Volk freudig für ihn in den Beutel greift — —

Prinz Nicolaus war ein Idealist. Und deshalb machte er oft ein sorgenvolles Gesicht, wenn er ausfuhr.

Aber an seinem Geburtstag wollte er alle Sorgen vergessen, — da er keine hatte, würde ihm das nicht leicht fallen, aber er wollte es trotzdem tun. Welche Opfer bringt nicht ein Fürst seinem Volke! Und das sollte ihn an dem Tage ganz glücklich sehen.

Hoheit wollte den Tag so feiern, wie es der Tatsache seiner Geburt würdig war. Und deshalb hatte er auch seinen benachbarten liebwerten Freund und Vetter, den Fürsten Ullrich, eingeladen, den Tag mit ihm zusammen zu verleben.

Fürst Ullrich regierte im Staate nebenan und war ein viel mächtigerer Fürst, als Prinz Nicolaus, denn er hatte einundzwanzigtausend Untertanen mehr. Und dementsprechend war auch seine Apanage bedeutender, die Zahl seiner Schlösser und Besitzungen zahlreicher als die des Prinzen Nicolaus. Politisch spielten die beiden Reiche dieselbe Rolle, nämlich gar keine. Trotzdem warb Prinz Nicolaus abr hauptsächlich aus politischen Gründen um die Gunst seines mächtigen Vetters und Freundes Ullrich.

Wenn ein so kluger Fürst, wie Prinz Nicolaus es war, so etwas tat, dann hatte er dafür natürlich seinen Grund. Und ein kluger Fürst war Nicolaus, das hatten die konservativen Blätter seines Landes erst bei der letzten Rede, mit der er die Mastochsen-Ausstellung eröffnete, von neuem anerkannt.

Und ein Grund, um die Gunst des benachbarten Herrschers zu werben, lag auch vor. Fürst Ullrich hatte eine Tochter, die war allerdings kaum geboren, aber sie war doch schon da, und Hoheit Nicolaus hatte einen Sohn. Vorläufig war das noch ein ganz ungezogener und verzogener Bengel, aber das würde sich ja legen, und wenn er einst den Thron seiner Väter bestieg, würde er schon seine Pflicht tun und sein Volk glücklich machen, schon deshalb, weil Fürsten ihr Volk immer glücklich machen — —

Prinz Nicolaus träumte in wachem Zustande oft davon, daß sein Sohn einmal die Tochter seines Nachbarn heiraten solle. Und wenn Gott der Herr seine Gebete erhörte, und wenn Prinz Ullrich auch in Zukunft keinen Sohn bekam, obgleich Prinz Ullrich sich zu diesem Zweck täglich betender Weise an den lieben Herrgott wandte, — — Hoheit sah dann mit dem ihm angeborenen prophetischen Blick die beiden mächtigen Reiche unter einem Hute vereint — — dann schwellte ein stolzes Gefühl der Freude Hoheits Brust. Nur ein kleiner Wermutstropfen fiel hinein: er selbst mußte sterben, bevor die beiden Reiche vereinigt wurden. Aber die Trauer hielt nie lange an, sie verwandelte sich sehr schnell in eitel Freude, denn: welcher Fürst stirbt nicht gerne für sein Volk? —

Das Volk stirbt ja auch so gerne für seinen Fürsten!

Und das gehört sich auch so.

Prinz Nicolaus hatte Fürst Ullrich eingeladen. Aber Fürst Ullrich bedauerte in einem eigenhändigen Handschreiben unendlich, dieses Mal von dem freudigen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können. Seine Hoheit Prinz Nicolaus wisse ja, wie eng die Bande der Freundschaft wären, die sie beide vereine, aber trotzdem, — wichtige Regierungsgeschäfte lägen vor, wahrscheinlich sei auch an jenem Tage die feierliche Grundsteinlegung für das neue Schlachthaus, und bei dem regen Interesse, das er allen Unternehmungen seines getreuen Volkes entgegenbrächte — — er sähe keine Möglichkeit, sich frei zu machen. Es sei ganz ausgeschlossen, daß er kommen könne, — wenn er aber dennoch kommen können sollte, dann wollte er es versuchen, sich frei zu machen. —

Die konservativen Blätter hatten mit dem, was sie über den Prinzen Nicolaus bei der Mastochsen-Ausstellung geschrieben hatten, ausnahmsweise einmal recht. Prinz Nicolaus war wirklich ein kluger Fürst. Und so verstand er denn den Brief seines Nachbarn auch sofort. Der kam nicht offiziell. Aber er kam doch. Er wollte seinem liebwerten Freund, Bruder und Gönner keinen zeremoniellen Besuch machen, sondern — wie es in der Hofsprache heißt — einen sogenannten Überraschungsbesuch.

Sobald Sr. Hoheit diese Erkenntnis gekommen war, klingelte er nach seinem geheimen Kabinettchef und diktierte diesem Höchsteigenmündig eine offizielle kurze Notiz für sämmtliche Zeitungen seines Landes, die dem Volke die für sein weiteres Wohlergehen und für das schnelle Aufblühen seines Handels unendlich wichtige Mitteilung brachte, daß Se. Hoheit Fürst Ullrich zu Seinem aufrichtigsten Bedauern verhindert sei, der an Ihn seitens des Prinzen Nicolaus ergangenen Einladung Folge zu leisten. Auch das Volk würde mit Ihm diese Absage auf das tiefste bedauern, dessen sei Se. Hoheit sicher.

Hoheit war mit dem, was er da zu Papier gebracht hatte, sehr zufrieden. Dann schickte er den Kabinettchef hinaus und ließ sich dafür den Minister des Hauses hereinschicken.

Der machte eine so tiefe Verbeugung, daß es eine Ewigkeit dauerte, bis er sich wieder emporgerichtet hatte. Aber als das doch endlich geschehen war, belohnte Hoheit ihn mit einem Händedruck. — —

Exzellenz war gerührt — wodurch hatte seine Hand diese Auszeichnung verdient —? Hätte Hoheit es verlangt, so hätte er sich die Hand abschlagen lassen, sie dem Vaterländischen Museum überwiesen, sie dort unter Glas und Rahmen legen und einen Zettel daran befestigen lassen: „Diese Hand wurde von Sr. Hoheit gedrückt.”

Das mußte die heranwachsende Jugend doch zu guten Patrioten erziehen, in ihr den Ehrgeiz erwecken, dieser abgeschlagenen Hand nachzueifern. — —

Hoheit aber dachte nicht daran, sich von der ihm so unentbehrlichen gewordenen Hand seines Ministers zu trennen. Wozu auch? Im Vaterländischen Museum gab es schon so viele alte Uniformen, Lehnstühle und andere Dinge, die von den verstorbenen Fürsten des Landes gebraucht worden waren, daß ein Mehr nur hätte schaden können.

Im Gegensatz zu Exzellenz war Hoheit auch nicht über die heranwachsende Jugend beunruhigt. Er selbst war ja konservativ bis in die Stiefelabsätze hinein. Wie sollte sein Volk da anders denken? Er wußte sich eins mit seinen Untertanen.

Hoheit gab Sr. Exzellenz das Schreiben, das er von dem Fürsten Ullrich erhalten hatte. Dann sagte er: „Und nun, Exzellenz, werden Sie die Güte haben, ein Vergnügungs­programm für die bevorstehende Ankunft des Fürsten Ullrich zu entwerfen, — unterbreiten Sie das erst mir zur Genehmigung und lassen Sie es dann dem Fürsten Ullrich vorlegen.”

Das geschah. Und Fürst Ullrich erklärte sich für den Fall, daß er doch noch kommen solle, was er aber für ganz ausgeschlossen halte, mit dem Programm einverstanden, nur möchte er statt Krebssuppe lieber Oxtail-Soup, und wenn die Galaoper um sieben anfangen könne anstatt um halb acht Uhr, so wäre ihm das sehr lieb, denn seine Rückreise müsse mit Rücksicht auf den anderen Verkehr um zehn Uhr zweiundzwanzig erfolgen, wohingegen seine Ankunft vormittags neun Uhr vierundfünfzig stattfände, immer vorausgesetzt, daß es ihm im letzten Augenblick doch noch möglich sein solle, zu kommen.

Und was Prinz Nicolaus ebenso bestimmt vorausgesehen hatte wie Fürst Ullrich, geschah. Fürst Ullrich hatte sich freimachen können. Er kam. Und pünktlich auf die Minute lief sein Sonderzug ein.

Prinz Nicolaus war nicht zum Empfang auf dem Bahnhof. In einem längeren Depeschenwechsel waren die beiden Herrscher sich darüber einig geworden, daß die Überraschung um so größer und um so freudiger wäre, wenn Fürst Ullrich gänzlich unerwartet zu Sr. Hoheit Prinz Nicolaus ins Zimmer treten würde. —

Und das geschah.

Prinz Nicolaus, das Geburtstagskind, hatte schon vom frühen Morgen an Gratulationen über sich ergehen lassen. Jetzt lag er auf einem Divan und ruhte aus. Der hohe Herr hatte es sich bequem gemacht, er hatte einen Uniformknopf halb geöffnet, — ach, das tat gut, sich einen Augenblick so gehen lassen zu können!

Es war schon zehn Uhr. Nach genauester Berechnung des Oberstallmeisters mußte der Wagen mit dem Fürsten Ullrich um zehn Uhr vier Minuten in den Schloßhof rollen, zehn Uhr sieben Minuten würden sich die beiden Herrscher in den Armen liegen — —

Jetzt nur noch eine Minute. Hoheit Prinz Nicolaus schloß die Augen: Fürst Ullrich mußte ihn schlafend vorfinden. Da merkte der ja am besten, daß er gar nicht erwartet worden war.

Und Prinz Nicolaus schlief anscheinend wirklich fest, als Fürst Ullrich eintrat. Der mußte seinen liebwerten Bruder, Freund und Vetter erst ganz gehörig rütteln und schütteln, ehe der die Augen aufschlug.

Dann aber sprang Prinz Nicolaus in die Höhe: „Ist es denn möglich? Hoheit, Sie hier? Nein, diese Überraschung! Wenn ich das geahnt hätte! Ich habe ja gar nicht gehofft, Sie doch begrüßen zu können! Nein, die Freude!”

Die beiden Fürsten fielen sich in die Arme und küßten sich, weil es nun 'mal so Brauch und Sitte ist, gegenseitig wiederholt auf die Wangen. — —

Am nächsten Tag brachten die Zeitungen einen ausführlichen Bericht über die Geburtstagsfeier:

„Von den außerordentlich freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen Sr. Hoheit dem Prinzen Nicolaus und Sr. Hoheit dem Fürsten Ullrich bestehen, gibt der gestrige völlig überraschende Besuch Sr. Hoheit des Fürsten Ulrich den denkbar besten Beweis. Niemand am Hofe hatte auch nur die leiseste Ahnung, daß Se. Hoheit eintreffen würde, und der Fürst hätte den Weg zum Schloß zu Fuß oder in einer Droschle zurücklegen müssen, wenn sich nicht gerade ganz zufälliger Weise eine vierspännige Hofequipage mit Spitzenreitern vor dem Bahnhof befunden hätte. Wie völlig überraschend der Besuch für Se. Hoheit den Prinzen Nicolaus war, geht daraus hervor, daß Se. Hoheit, als der hohe Besuch eintraf, sich gerade in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, um manche dringende Regierungs­angelegenheit zu erledigen, da Se. Hoheit sich selbst an seinem Geburtstage keine Zeit und keine Ruhe gönnt, wenn es sich um das Wohl seines Landes handelt. Bei seiner Abreise sprach Se. Hoheit Fürst Ullrich zu wiederholten Malen seine große Freude und Genugtuung darüber aus, daß ihm die geplante und beabsichtigte Überraschung so überaus glänzend gelungen sei.”

Und alle, die das lasen, glaubten es. Und ihre Liebe und Verehrung zu dem angestammten Herrscherhause wurde bei diesen menschlichen Zügen ihrer Fürsten immer größer und größer, und wuchs ins Unendliche. — — —


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© Karlheinz Everts