Der überlistete Oberst.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Die Fürstengondel”


Es war im ganzen Regiment ein offenes Geheimnis, daß der Oberst von Bergen und der Oberstleutnant von Scholten sich gegenseitig nicht riechen konnten, obgleich die beiden im Kreise der Kameraden die Gefühle der Antipathie, die sie gegeneinander hegten, natürlich nach Möglichkeit zu verbergen suchten. Aber das änderte nichts an der Tatsache, daß sie sich gegenseitig nicht leiden mochten, obgleich jeder von ihnen neidlos und bereitwillig anerkannte, was der andere als Soldat leistete. Aber als Menschen mochten sie sich gegenseitig nicht und die beiden Damen mochten sich erst recht nicht. Das Warum hätten sie wohl selbst nicht angeben können, sie gaben sich auch erst recht gar nicht die Mühe, das zu ergründen. Warum auch? Das hätte ja doch nichts an der Tatsache der gegenseitigen Antipathie geändert.

Aber wenn die Eltern sich gegenseitig schon nicht leiden konnten, so war das bei deren Kindern anscheinend erst recht der Fall. Ella von Bergen, die zwanzigjährige, schlanke, bildhübsche Tochter des Kommandeurs, in die sämtliche Offiziere des Regiments unsterblich verliebt waren, fand den Leutnant von Scholten, der schon seit vielen Jahren dem Truppenteil angehörte, in das sein Vater erst vor drei Jahren hineinversetzt worden war, einfach widerlich. Und wenn Leutnant von Scholten von der schönen Ellen sprach, ließ er auch nicht viel Gutes an ihr.

Aber so redeten die beiden nur dann voneinander, wenn sie mit den Eltern allein waren. In Gegenwart Dritter äußerten sie sich natürlich sehr viel freundlicher. Und nun erst, wenn sie zusammen waren, da konnte es zuweilen den Anschein erwecken, als wären sie die besten Freunde von der Welt. Das war ja auch ganz natürlich, in der Gesellschaft konnten sie sich doch nicht gegenseitig schlecht machen, das verbaten doch schon die guten Sitten, gegen die sie nicht verstoßen durften.

In Wirklichkeit aber hatte das alles einen ganz anderen Grund; seit länger als einem halben Jahre waren die beiden nun schon heimlich miteinander verlobt. Zuerst waren sie sich gegenseitig wirklich nicht sympathisch gewesen, schon deshalb nicht, weil die Eltern sich nicht vertrugen. Bis sie dann beide eines Tages auf einem Diner zusammensaßen und die Zeit dazu benutzten, sich darüber klar zu werden, warum sie sich eigentlich nicht gefielen. Da hatte jeder an dem anderen nur gute Eigenschaften entdeckt, bald war die Liebe über sie gekommen und wenig später hatten sie sich verlobt.

Was daraus werden sollte, wußten nach ihrer Meinung nicht einmal die unsterblichen Götter, denn daß der Oberst sich mit Händen und Füßen gegen den Schwiegersohn wehren und daß die Frau Oberstleutnant niemals diese Schwiegertochter voller Liebe an ihre Brust ziehen würde, darüber waren sich beide klar.

Ellen war oft ganz verzagt, mit desto größerer Zuversicht blickte aber ihr Verlobter trotz alledem in die Zukunft, vorläufig war die für ihn allerdings auch noch ganz dunkel, aber irgendwie mußte und würde schon alles werden. So hatte er noch gestern voll Vertrauen und voller Hoffnung zu Ellen gesprochen, aber heute war selbst er ganz geknickt, denn in gegebener Veranlassung hatte der Herr Oberst am Mittag seinen Offizieren mitgeteilt, er wünsche es nicht, daß junge Leutnants sich schon verlobten — wenn einer Oberleutnant sei, dann wäre das etwas anderes, dann hätte er nichts dagegen einzuwenden, aber für junge Offiziere, die sich verlobten, hätte er in seinem Regiment keinen Platz, die müßten sich dann einen anderen Truppenteil aussuchen.

Ganz geknickt kam Scholten nach Hause und als erstes nahm er die Anciennitätsliste zur Hand, um seine Vorderleute zu zählen. Er wußte die Zahl aus dem Kopf, aber es waren noch siebenhundertvierundsechzig — drei Jahre konnte es noch dauern, ehe er Oberleutnant wurde. Sollte er noch ao lange warten, bis er Ellen öffentlich als seine Braut erklären konnte, vorausgesetzt, daß es ihm überhaupt jemals gelang, den Widerstand der beiden Eltern zu beseitigen?

Er zermarterte sich das Gehirn, wie er sein Ziel erreichen könne, und mit einem Male hatte er es gefunden. In der Freude seines Herzens rief er ganz laut „Hurra”, aber dann bekam er es doch mit der Angst. Was er da zu tun beschlossen hatte, war mehr als kühn. Den Hals konnte es ihm zwar nicht kosten, aber das Spiel war sehr gewagt. Dann überwand er aber doch alle Bedenken, Schön–Ellen winkte als Lohn, da durfte er vor keiner Gefahr zurückschrecken.

Am nächsten Nachmittag ließ er sich auf dem Regimentsbureau bei dem Herrn Oberst melden. Der blickte nicht allzu gnädig auf, als er in seiner Arbeit gestört wurde, und daß gerade Scholten derjenige, welcher, war, verbesserte seine Stimmung auch nicht.

„Sie wünschen, Herr Leutnant?” kam es kurz und bündig über die Vorgesetztenlippen.

Nun war der große Augenblick da, der Leutnant glaubte ganz deutlich zu fühlen, wie ihm sein Herz eine Sekunde still stand, dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen: „Ich bitte den Herrn Oberst ganz gehorsamst um Erlaubnis, meine Verlobung veröffentlichen zu dürfen.”

Dem Kommandeur fiel die Feder aus der Hand und ganz fassungslos sah er den jungen Offizier an. „Was wollen Sie? Sich verloben? Haben Sie denn nicht gehört, was ich Ihnen allen gestern mittag erklärte?”

„Zu Befehl, Herr Oberst, aber die Mahnung kam für mich zu spät, denn da war ich bereits seit einem Vierteljahr verlobt.”

Der Kommandeur zuckte die Achsel darüber. „Das tut mir leid für Sie, aber ich kann meine gestern geäußerte Ansicht heute nicht schon wieder ändern. Wenn Sie darauf bestehen, Ihre Verlobung zu veröffentlichen, kann ich das natürlich nicht verbieten, aber ich müßte Sie dann gleichzeitig zur Versetzung eingeben, denn in meinem Regiment dulde ich keine verlobten Leutnants.”

Also wirklich eine Versetzung. Scholten fühlte, wie er bei den Worten blaß wurde, aber nun gab es kein Zurück mehr. So antwortete er denn: „Was der Herr Oberst mir da erklären, habe ich mir natürlich auch schon selbst gesagt. So bitte ich denn um meine Versetzung unter der Bedingung, daß ich noch heute meine Verlobung publizieren darf.”

„Wenn gegen die gesellschaftliche Stellung der jungen Dame nichts einzuwenden ist —”

„Nicht das geringste, Herr Oberst.”

„Und ist Vermögen da?”

„Danach habe ich nicht gefragt, Herr Oberst, ich heirate lediglich aus Liebe. Die Kaution kann und wird mein Vater stellen.”

„Und ist denn der mit Ihrem Vorhaben einverstanden?”

„Der weiß vorläufig ebensowenig davon wie mein zukünftiger Schwiegervater.”

„Sie wissen beide noch nichts?” Der Oberst sah seinen Leutnant ganz verständnislos an, dann meinte er: „Ja, sagen Sie mal, wie denken Sie sich das denn eigentlich? Die beiden haben doch bei Ihrer Jugend auch noch ein Wort mitzureden.”

Scholten hatte diese Frage vorausgesehen und das Gespräch absichtlich so geführt, daß sie erfolgen mußte. So war er denn um die Antwort nicht verlegen, sondern sagte jetzt mit fester Stimme: „Gewiß, Herr Oberst, aber für meinen Vater stehe ich ein, der sagt ja, wenn der Herr Oberst nichts gegen meine Verlobung einzuwenden haben, und daß mein zukünftiger Schwiegervater ja sagt, wenn der Herr Oberst ja sagen, dafür lege ich meine beiden Hände ins Feuer.”

Der Kommandeur hörte diese Antwort mit sichtbarem Vergnügen. Daß selbst der Oberstleutnant, trotz aller Feindschaft, sich fügen würde, wenn er selbst ja sagte, erfüllte ihn mit stolzer Genugtuung, und daß der Schwiegervater, den er wahrscheinlich noch nicht einmal persönlich kannte, soviel Wert auf sein Ja legte, zeigte ihm ja deutlich, wie es ihm gelungen war, sich hier in der Stadt eine machtvolle Position zu schaffen. So klang denn seine Stimme wesentlich freundlicher, als er nun erwiderte: „Wie gesagt, wenn Sie mit Ihrer Versetzung einverstanden sind, habe ich gegen die Veröffentlichung Ihrer Verlobung nichts einzuwenden, ja, ich würde mich sogar freuen, wenn mein Einverständnis Ihnen behilflich wäre, etwa noch bestehende Hindernisse zu beseitigen.”

Der Eintritt des Schreibers machte dem Gespräch ein Ende. Scholten war entlassen und schnellen Schrittes eilte er nach Hause, um Ellen brieflich den Verlauf seiner Unterredung mit dem Kommandeur mitzuteilen.

Als der Oberst dann mittags vom Dienst nach Hause kam, flog ihm Ellen glückstrahlend an den Hals: „Ach, du bester aller Väter, ich wußte es ja, daß Du nichts gegen unsere Verlobung einzuwenden hättest. Nicht wahr, Edgar ist ein zu himmlischer Mensch, und dafür, daß Du Dich mit seinem Vater nicht stehst, kann er doch nichts.”

Wie es kam, wußte der Obest selbst nicht, aber plötzlich saß er auf einem Stuhl und starrte seine Tochter ganz verständnislos an.

„Aber Papa, so verstelle Dich doch nicht so,” schalt Ellen. „Du hast es ja Edgar ausdrücklich erlaubt, sich öffentlich zu verloben.”

Erst ganz allmählich begriff der Oberst, in welche Falle ihn der Offizier gelockt hatte und so brauste er denn jetzt auf: „Gewiß habe ich ihm die Verlobung erlaubt — aber doch nicht mit Dir.”

„Mit wem denn sonst?” fragte Ellen ihn anscheinend ganz verwundert, „hast Du ihn denn gar nicht danach gefragt, wer seine Braut ist?”

Der Kommandeur saß ganz geknickt da, zu spät fiel ihm das jetzt erst ein; danach zu fragen hatte er total vergessen.

„Aber Papa, wie konntest Du nur,” schalt Ellen, dann aber lachte sie fröhlich auf: „Nun hilft Dir doch alles nichts mehr, Du hast nun einmal ja gesagt und dabei bleibt es.”

„So? Da werde ich Dir aber doch das Gegenteil beweisen,” fuhr der Oberst auf, dann klingelte er nach dem Burschen und gab ihm den Befehl, sofort den Leutnant von Scholten zu ihm zu bitten.

Nach einer kleinen halben Stunde war der zur Stelle und als er den Korridor betrat, eilte ihm Ellen, trotzdem sie auf ihr Zimmer geschickt worden war, entgegen und Hand in Hand mit ihm betrat sie die Stube ihres Vaters: „So, Papa, hier sind wir! Schelte uns nur aus, aber heiraten tun wir uns doch, was, Edgar?” und zärtlich schmiegte sie sich an ihn.

Der Oberst ging mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, er wollte seinem Leutnant so grob werden, wie er nur irgend konnte, und er konnte grob werden, dafür war er bekannt. Aber dieses Mal gelang es ihm doch nicht, seine Tochter sah ihn so bittend an und ihren Mund umspielte ein so glückliches Lächeln. — Der Oberst nahm seine ganze Energie zusammen, er wollte fluchen, aber statt dessen blieb er plötzlich vor dem Offizier stehen und sagte nur: „Aber in ein anderes Regiment lasse ich Sie doch versetzen, das sollen Sie wenigstens davon haben. Und das sage ich Ihnen, auf die Garnison, die ich Ihnen aussuche, können Sie sich freuen, da scheint nicht mal am Sonntag­nachmittag die Sonne.”

Da fiel sein Blick von neuem auf seine Tochter und mitten im Satz hielt er inne. Wenn er seine Drohung wahr machte, bestrafte er ja auch sein Kind, vor allen Dingen aber auch sich selbst, denn er litt doch am meisten darunter, wenn er Ellen fortschickte.

Er sah ein, es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Worte, die er gestern zu seinen Offizieren gesprochen hatte, morgen wieder zurückzunehmen und das ärgerte ihn am allermeisten. Aber schuld hatte er daran, wie Ellen ihm in langer Rede haarscharf bewies, einzig und allein. Warum war er so voreilig gewesen? Bevor er eine so wichtige Verordnung erließ, war es seine Pflicht, wenn auch nicht gerade mit allen jungen Damen der Stadt, so doch wenigstens mit seiner eigenen Tochter darüber Rücksprache zu nehmen.

Und wenn auch etwas zögernd und widerwillig, so mußte sich der Herr Oberst doch eingestehen: „Recht hat sie.”


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