Überlistet.

Von Freiherrn von Schlicht
in: „Moderne Kunst” Jhrgg. 1903[???], Seite 22 und
in: Der höfliche Meldereiter.


Egon, Graf von und zu Wildberg, der jüngste Oberleutnant im Husarenregiment Peter Ferdinand, befand sich in einer Stimmung, die man bei den militärischen Chargen vom Wachtmeister abwärts mit dem Ausdruck „hundsmiserabel” bezeichnet. Und der edle Conte, wie seine Kameraden ihn gewöhnlich nannten, hatte auch alle Ursache, sich nicht in der rosigsten Laune zu befinden. Vor einer halben Stunde hatte der Herr Oberst ihn zu sich auf das Regiments­bureau gerufen und ihm mitgeteilt, es wären in der letzten Zeit seitens der Gläubiger so viele Klagen über ihn bei dem Regiment eingelaufen, daß es so nicht weiter ginge, entweder müsse er sich innerhalb von vier Wochen arrangieren oder —

Über dieses „oder” hatte der Herr Oberst sich nicht weiter ausgelassen, er hatte sich damit begnügt, die Achseln zu zucken, um dann mit einem „Ich danke sehr” seinen Untergebenen zu entlassen.

„Kurz und schmerzlos,” dachte der junge Offizier, während er nun mit erregten Schritten in seiner ebenso elegant wie behaglich eingerichteten Jung­gesellen­wohnung sporenklirrend auf- und abschritt. „Was ich zu tun habe, ist mir nun klar, leider aber vergaß der Herr Oberst, mir auch mitzuteilen, wie ich das Kunststück fertigbringen soll, mich in vier Wochen zu rangieren. Das ist noch viel schwieriger als es aussieht, ich sehe überhaupt keine Menschen­möglichkeit, das entsetzlich zerstörte Gleichgewicht meiner Finanzen wieder herzustellen.”

Er warf sich in einen der bequemen Fauteuils, zündete eine Zigarre an, kreuzte die Beine übereinander und machte es sich bequem, um in Ruhe nachdenken zu können. Wie war er nur so in die Patsche geraten? Er hatte nach seiner Ansicht auch nicht leichtsinniger gelebt, als die anderen Kameraden, er hatte weder für den Sport noch für das Jeu mehr Geld ausgegeben als sie — das ganze Unglück mußte daher rühren, daß die anderen ihre monatliche Zulage regelmäßig erhielten, während er seit dem Tode seiner Eltern von der Laune eines entfernten Verwandten abhängig war, der es zwar übernommen hatte, für ihn zu sorgen, der ihm aber keine bestimmte Summe gab, sondern ihn je nach Laune und augenblicklicher Stimmung bald sehr knapp hielt, bald sehr reichlich beschenkte. In den mageren Zeiten hatte er borgen müssen und in den fetten Zeiten hatte er nie die ganze Schuld, sondern immer nur einen Teil abbezahlt.

„So etwas läppert sich ganz niederträchtig zusammen,” knurrte Graf Egon ingrimmig vor sich hin, „aber daß ich mir jetzt den Kopf darüber zerbreche, wie das Unglück kam, ist ja ganz zwecklos, nun heißt es, einen Ausweg finden.” — Wer konnte helfen? Die Geldverleiher? Daß gerade diese ihn verklagt hatten, war klar, sein Kredit war erschöpft. Der Onkel? Egon wußte, daß die Welt eher stehen bleiben würde, als daß der alte Sonderling auch nur einen Nickel für die Schulden seines jungen Verwandten geben würde.

„Die zehn Pfennig für den Brief kann ich mir sparen,” dachte der junge Leutnant, „aber helfen muß mir jemand, denn ich habe nicht die leiseste Neigung, meinen Beruf, den ich liebe, aufzugeben. Und was soll ich als Leutnant a. D. machen?”

„Es hilft dir nichts, Egon,” sprach er endlich vor sich hin, „du mußt heiraten. Du tust mir selbst leid, alter Junge, und ich möchte wohl, ich könnte dir das traurige Los, deine goldene Freiheit zu opfern, ersparen. Aber es geht nicht anders. Sieh' mal, anderen Leuten ist auch kein anderer Ausweg geblieben, sie haben die Zähne mutig aufeinander gebissen, sich in das Unvermeidliche gefügt und sind dann hinterher auch noch nicht gleich gestorben. Wen heiraten wir aber nun?”

Er schloß die Augen und ließ die lange Reihe seiner weiblichen Bekannten, von denen er zu wissen glaubte, daß sie sich für ihn interessieren, an sich vorüberziehen: da war die Tochter des jüdischen Bankiers, die es ihm deutlich zu verstehen gegeben hatte, daß ihr Vater nicht „nein” sagen würde, selbst dann nicht, wenn er die Grafenkrone für seine Tochter mit einer baren Million bezahlen müsse; da war der Rentier, der „drüben”, man wußte nicht recht wie, sich ein kolossales Vermögen verdient hatte und nun für seine Tochter einen adeligen Offizier suchte, um dadurch eine Stellung in der Gesellschaft zu finden; da war auch die schöne Komtesse Lydia, die Cousine seines Kameraden von Berkow, die von ihrer verstorbenen Tante mehr als zwei Millionen geerbt hatte — nein, die nicht,” dachte er, „die ist zu gut, zu lieb und zu vornehm in ihrer Gesinnung, als daß ich sie gleichzeitig mit den anderen nenne, aber wer ist sonst noch da?”

Eine lange Reihe zog noch an ihm vorüber — viel Jugend, viel Schönheit, viel Geld, aber beinahe angeekelt sprang er schließlich in die Höhe und faßte sich mit der Rechten nach der Halsbinde, als sei sie ihm mit einemmal zu eng geworden. Er stellte sich vor den großen Spiegel und besah sein Bild: er war eine jugendfrische, elegante Erscheinung, der Typus eines Reiteroffiziers, mittelgroß, schlank, dabei sehnig und muskulös. Sein frisches, männlich schönes Gesicht hatte einen offenen, freien Ausdruck, ein dichter schwarzer Schnurrbar zierte die Lippen, dunkel leuchteten die etwas wilden schwarzen Augen.

„Willst du dich verkaufen um schnödes Geld?” schalt er sein Spiegelbild. „Ein Windhund warst du oft, schlecht warst du nie, nun tu mir den einzigen Gefallen und betrag dich so, daß ich auch in Zukunft dich nocn ansehen kann, ohne erröten zu müssen.”

Ein kurzes Klopfen an der Zimmertür ließ ihn sich umwenden. „Herein” rief er und gleich darauf reichte er seinem Freunde Berkow die Hand.

„Du bist's, alter Junge,” sagte er erfreut, „hab Dank, daß du dich sehen läßt, ich befand mich gerade wie König Philipp in einer Stimmung, in der ich nach einem Menschen jammerte, denke dir, was mir passiert ist. Aber erst setze dich, hier nimm eine Zigarre und laß dir die Freude an dem guten Kraut dadurch nicht trüben, daß sie noch nicht bezahlt ist. Und nun laß dir erzählen.”

Aber der Gast, eine für einen Husaren fast zu große, etwas starke Erscheinung, wehrte ab: „Den Stuhl nehme ich, die Zigarre auch, aber die Erzählung will ich nicht haben. Glaubst du denn wirklich, ich wüßte nicht, was der Oberst dir gesagt hat? Die Spatzen pfeifen es ja vom Dach; wie es bekannt geworden ist, weiß ich natürlich nicht.”

„So stehen also die Aktien,” schalt Graf Egon ingrimmig, „das wird meine Aufgabe, mich zu rangieren, ja ungemein erleichtern, doch tu mir den Gefallen und laß uns von etwas anderem sprechen. Ich habe schon so viel über mich und mein Geschick nachgedacht, daß mein Kopf mir zu zerspringen droht. Sag, was führt dich zu mir? Wenn ich dir irgendwie helfen kann — du weißt, augenblicklich habe ich zwar selbst sehr wenig, aber für den einzigen Freund habe ich trotzdem immer noch ein paar Scheine.”

Der andere versuchte vergebens, eine gewisse Verlegenheit zu verbergen, dann sagte er endlich: „Du hast recht, und ich bin ja zu dir gekommen, um dir mein Herz auszuschütten — ich habe mir soeben einen Korb geholt.”

Graf Egon sah den Freund groß an: „Du?” fragte er schließlich gedehnt, „du? Einen Korb? Ist es indiskret, wenn ich dich frage, wer dir den Korb gab?”

„Keineswegs, meine Cousine.”

„Die schöne Komtesse Lydia?”

Der andere blickte verwundert auf: „Welche sonst, ich habe nur die eine.”

Graf Egon ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor dem Freunde stehen und reichte ihm die Hand. „Ich habe dich um Verzeihung zu bitten,” sagte er, „es ist natürlich überflüssig, aber anständiger ist es auf alle Fälle. Ich gebe dir mein Wort darauf, daß ich keine Ahnung von den Gefühlen hatte, die du für deine schöne Cousine hegst, und so ist mir selbst vorhin für die Dauer einer halben Sekunde der Gedanke gekommen, sie zu heiraten, um mich durch ihr Vermögen zu retten. Der Plan war infam, denn eine Dame wie deine Cousine sollte selbst unseren geheimsten Gedanken bei derartigen Überlegungen fern bleiben. Wenn mir trotzdem ihr Bild im Geist erschien, so geschah es, weil sie mir von allen jungen Damen, die ich kenne, die am meisten sympathische ist.”

Mit wachsendem Erstaunen hatte der Freund zugehört: „Du — auch du interessierst dich für meine Cousine?” fragte er endlich. „Pardon, ich interessierte mich für sie,” gab der Kamerad zur Antwort, „seitdem ich weiß, daß du sie liebst, ist sie für mich nur noch die Braut meines Freundes, denn daß ihr euch trotz des erteilten Korbes doch noch verloben werdet, unterliegt für mich gar keinem Zweifel. Komtesse Lydia hat zu oft mit mir über dich gesprochen, als daß ich nicht ganz genau wüßte, wie sie dich beurteilt. Wenn sie trotzdem deinen Antrag ablehnt, so spielt da eine augenblickliche momentane Verstimmung mit, die ich natürlich nicht kenne. Vielleicht irgendein Mißverständnis, vielleicht Zwischen­trägereien sogenannter guter Freunde, auf jeden Fall aber, mein Sohn, beruhige dich, sie sagt doch noch ja.”

Der andere war aufgesprungen und ergriff die Hand seines Kameraden: „Glaubst du wirklich?” fragte er, „die Zuversicht, die aus deinen Worten spricht, läßt mich die Bitte aussprechen, die ich auf dem Herzen habe: Geh' du zu meiner Cousine, heute noch, sprich mit ihr, suche zu ergründen, was sie gegen mich hat und sei mein warmer Fürsprecher. Ihr kennt euch seit Jahren, sie weiß, wie eng befreundet wir mit einander sind, sie wird den Schritt nicht falsch auffassen.”

„Sicher nicht,” gab Graf Egon zur Antwort, „und selbst wenn sie es täte, dann würde ich zu ihr sagen: ,Gnädigste Komtesse, die Zeit, die mir hier in der Garnison noch zur Verfügung steht, ist knapp bemessen — lassen Sie mich wenigstens mit dem Bewußtsein, etwas zu dem Glücke meines Freundes beigetragen zu haben, von dem Schauplatz meiner bisherigen Tätigkeit abtreten.' Sie wird mir die letzte Bitte, die ich an sie richte, nicht abschlagen.” Und einem plötzlichen Gedanken nachgebend, sagte er: „Laß mich gleich hingehen, du bleibst hier und wartest meine Rückkehr ab, willst du?”

Berkow stimmte ihm bei und nachdem Graf Egon sich mit Hilfe seines Dieners schnell angekleidet hatte, machte er sich auf den Weg, um schon nach einer knappen Viertelstunde die Villa der Komtesse Lydia, die das Haus allein mit ihrer Gesellschafterin und der zahlreichen Dienerschaft bewohnte, zu erreichen.

Er gab dem Diener seine Karte und wurde darauf gleich in das Empfangszimmer geführt, in dem die Komtesse ihn begrüßte. Sie war eine große, schlanke Erscheinung, kaum fünfundzwanzig Jahre alt. Die elegante Robe, die ihre Gestalt umschloß, bewies den guten Geschmack ihrer Trägerin.

„Gnädigste Komtesse,” sagte er nach einer kleinen Verlegenheitspause, „ich komme in einer etwas heiklen Angelegenheit zu Ihnen — das merke ich jetzt erst so recht, wo ich Ihnen gegenübersitze und wo ich vergebens nach dem Anfang meiner mir unterwegs wohleinstudierten Rede suche. Berkow war vorhin bei mir.”

Ein ganz, ganz leises Lächeln huschte, von ihm unbemerkt, über ihre Lippen, dann sagte sie, doch wieder mit einiger Verlegenheit: „Hatte der Besuch meines Vetters bei Ihnen eine besondere Veranlassung?”

„Allerdings,” stimmte er ihr bei, „vielleicht war es von Berkow indiskret, aber Sie wissen ja, Gnädigste, daß wir sehr gute Freunde sind, und so erzählte er mir, daß Sie ihm heute morgen einen Korb gegeben haben, und er bat mich, zu Ihnen zu gehen, um noch einmal für ihn um Ihre Hand zu bitten. Ich bitte noch einmal um Verzeihung, daß ich mich in Ihre Herzens­angelegenheiten hineinmische, aber teuer ist mir der Freund, wie der Dichter sagt, Sie werden von Berkow wissen, wie es um mich steht, daß ich sehr bald von hier fortgehe, da möchte ich als letztes gerne eine gute Tat vollbringen.”

Sie hatte ihm zugehört, während in ihrem zartgeschnittenen Gesicht eine plötzliche Röte mit einer jähen Blässe abwechselte und während sie ihre großen, rehbraunen Augen nicht von ihrem Gast abwandte. „Wissen Sie denn, ob es wirklich eine gute Tat ist, die Sie planen?” unterbrach sie ihn jetzt mit leiser Stimme, der man ihre Erregung anmerkte, „ich würde meinen Vetter heiraten, wenn ich ihn liebte — aber ich liebe ihn nicht.”

„Und warum nicht?” fragte er sie. „Er ist ein tadelloser Kavalier, ritterlich in seinem Wesen und in seiner Gesinnung, ein hübscher Mann, solide in seinem Lebenswandel, ein guter Offizier — wo finden Sie einen Freier, der ebenso viele gute Eigenschaften in sich vereinigt? Ich glaube nirgends.”

„Vielleicht doch,” entgegnete sie lächelnd, „und außerdem ist es mit der Liebe bekanntlich ein eigen Ding.”

Fast erschrocken sah er sie an: „Und soll ich daraus schließen, daß Sie, gnädigste Komtesse, einen anderen lieben?”

Sie nickte statt jeder Antwort nur mit dem Kopf und traurig blickte er vor sich hin. „Armer Berkow,” sagte er.

„Er wird sich trösten,” gab sie ruhig zur Antwort, „der Stamm der Asra, die da sterben, wenn sie lieben, ist ausgestorben.”

„Unglücklich sein wird er trotzdem,” erwiderte er und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: „Ist es zu indiskret oder darf ich dem Freunde den Namen desjenigen nennen, dem Sie Ihr Herz geschenkt haben?”

Für eine Minute kämpfte sie sichtbar mit sich selbst, dann sagte sie mit totenblassen Wangen: „Da Sie ja doch von hier fortgehen und ich Ihrer Diskretion sicher zu sein glaube, kann ich es Ihnen ja sagen. Der, den ich liebe, heißt Egon, Graf von und zu Wildberg.”

„Komtesse Lydia, ist das wahr?” Er war aufgesprungen und stand in der höchsten Erregung vor ihr.

„Komtesse Lydia,” wiederholte er, nachdem es ihm gelungen war, sich zu sammeln, „Komtesse Lydia, ist es wirklich wahr, was Sie mir sagen? Daß auch ich Sie liebe, glaubte ich schon lange zu wissen, — daß ich Sie wirklich liebe, weiß ich seit dieser Minute. Sagen Sie es noch einmal: Haben Sie mich wirklich lieb?”

Er näherte sich ihr, um ihre Hand zu ergreifen, aber gleich darauf trat er wieder zurück: „Nein, es darf nicht sein,” sagte er plötzlich, „wenn Berkow Sie, gnädigste Komtesse, schon für immer verlieren soll, so will ich wenigstens nicht der Räuber sein — ich würde mir dem Freunde gegenüber stets wie ein Dieb vorkommen.”

Mit glückselig strahlenden Augen sah sie ihn an: „Glauben Sie, daß ich auf die Antwort nicht vorbereitet war?” fragte sie, „bitte lesen Sie,” und heiter lächelnd reichte sie ihm ein verschlossenes Billett.

„Was bedeutet das?” fragte er erstaunt; dann öffnete er das Kuvert; nahm den Briefbogen heraus und las: „Herzlichsten Glückwunsch zur Verlobung, alter Junge. Lydia hat mir nie einen Korb gegeben und ich habe nie um sie angehalten. Daß Du Lydia liebst, wußten meine Cousine und ich schon lange, aber ebenso genau wußten wir, daß Du bei der Ehrenhaftigkeit Deiner Gesinnung in Deiner jetzigen Lage das entscheidende Wort nicht sprechen würdest. In Gemeinschaft mit Lydia, die Dich liebt und Dich zu verlieren fürchtet, ersann ich die Lüge, die Euch zusammenführte und Euch hoffentlich so glücklich macht, wie ich es Euch wünche. Berkow.”

„Nun?” fragte Lydia, als er zu Ende gelesen hatte, „sind alle Bedenken beseitigt? Oder wollen Sie mich auch jetzt noch nicht haben?”

Er hörte ihr helles, glückliches Lachen, das ihr die frohe Siegesgewißheit entlockte, und, laut aufjubelnd, schloß er sie in seine Arme.


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