Udo Bodo

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Simplicissimus”, VIII.Jahrgg. Nr. 48, S. 379 u. 382, 23.2.1904,
in: „Bataviaasch nieuwsblad” vom 7.4.1904,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 11.6.1904 und
in: „Die Kommandeuse”


Udo Bodo, Graf von Gleichwitz besaß unzählige Ahnen. Ein Gleichwitz hatte schon unter Kaiser Rotbart gedient und verdankte seinen Namen, wie man erzählte, dem Umstande, daß er gleich nach der Thronbesteigung des Kaisers Rotbart einen Witz gemacht hatte. Udo Bodo war somit urältester Feudaladel und gehörte zu den vornehmsten Familien des Landes. Udo Bodo war reich an Ahnen, aber arm am Golde und noch ärmer an Geist; manche behaupteten sogar, er hätte noch weniger Verstand als Dukaten, und da er nie einen Pfennig besaß, kann man sich leicht ausrechnen, wie viel da für den Verstand übrig blieb. Aber Udo Bodo freute sich dessen, was er besaß, und zerbrach sich über das, was ihm fehlte, nicht den Kopf. Ueber seine Torheit dachte er überhaupt garnicht nach, einmal, weil er garnicht denken konnte, dann aber auch, weil er viel zu dumm war, um sich für dumm zu halten. Das irritierte ihn weiter nicht, und das Geld erst recht nicht. Das würde eines Tages schon anders werden, er hatte irgendwo einen blödsinnig reichen und riesig feudalen Erbonkel wohnen, eine wirkliche Durchlaucht, der hatte das Unglück gehabt, seine beiden Kinder durch den Tod zu verlieren, und wenn Udo Bodo auch nicht alles erbte, so würde er doch immerhin etwas bekommen.

Und etwas war doch immerhin mehr als garnichts. Udo Bodo erinnerte sich noch ganz genau des Tages, an dem er diese geistreiche Aeußerung zum erstenmal im Kasino zum besten gab, seine Worte hatten gewaltiges Furore gemacht, und während man ihn früher für einen Idioten gehalten hatte, hielt man ihn in Zukunft infolge des Lichtblickes nur noch für total blödsinnig.

Udo Bodo lebte lustig in den Tag hinein, dank seiner unzähligen Ahnen spielte er eine große Rolle in der Gesellschaft, er amüsierte sich nach besten Kräften und hatte eine zarte Liaison mit einem bildhübschen jungen Mädchen, das früher Trapezkünstlerin in einem Variététheater gewesen war, dann aber ihren Beruf hatte aufgeben müssen, weil sie eines Tages auf den Kopf gefallen war. Erst als dies bekannt wurde, begriff man, daß sie sich in Udo Bodo hatte verlieben können.

Eines Abends ging Udo Bodo, wie er das jeden Abend zu tun pflegte, ziemlich angesäuselt zu Bett, und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er nicht nur einen furchtbaren Kater, sondern auch ein Telegramm, und dies brachte ihm die fröhliche Botschaft, daß sein Onkel gestorben sei, und daß er selbst alleiniger Erbe, Besitzer vieler Millionen und außerdem Erbgraf und Durchlaucht sei.

Von diesem Tage an ging mit Udo Bodo eine große Veränderung vor: er wurde noch dümmer.

Früher hatte er nicht gedacht, weil er es nicht konnte, jetzt tat er es nicht, weil er als Durchlaucht das Denken für unter seiner Würde hielt. Das einzige, was er dachte, war: Es geht auch so.

Und es ging sogar ausgezeichnet.

Früher war Udo Bodo der Schrecken des Regiments gewesen, aber von dem Tage an, wo er Erbgraf und Durchlaucht geworden war, war er der Stolz seines Truppenteils. Man behandelte ihn mit der denkbar größten Auszeichnung, um ihn nicht zu verlieren und um in ihm nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, sich etwa zur Garde oder zur Gardekavallerie versetzen zu lassen. Einen so vornehmen Offizier, der einen so großen Glorienschein auf das ganze Regiment warf, mußte man behalten. Man ging mit ihm um wie mit einem rohen Ei, und alles was er tat und sagte, war angeblich vortrefflich und geistreich, obgleich es ein Blödsinn der höchsten Potenz war.

Udo Bodo hatte sich eine sehr elegante Wohnung genommen und gab dort sehr nette kleine Herrendiners, bei denen mächtig gejeut wurde, und da er selbst immer verlor, so waren diese Abende bei den Kameraden äußerst beliebt. Er hatte seine kleine Freundin entlassen, sie war ihm nicht mehr gebildet genug, und als Abschiedsgeschenk hatte er ihr ein neues Trapez geschenkt: Seinetwegen konnte sie wieder in den Lüften schweben.

Udo Bodo lebte glücklich und in Frieden, auch in dienstlicher Hinsicht; ja, damit er ja keine Dummheiten anstellte, setzte man ihm so wenig Dienst wie nur möglich an.

Da geschah es eines Tages, daß Udo Bodos Hauptmann plötzlich schwer erkrankte. Weil es absolut nicht anders ging, wurde Udo Bodo mit der Führung der Kompagnie beauftragt. Als der Hauptmann auf seinem Krankenlager davon hörte, bekam er vor Schrecken einen Starrkrampf und verfiel in Agonie, und auch alle andern dachten: O Gott, wie soll das enden!

Der einzige, der garnichts dachte, war Udo Bodo selbst. Als der den ehrenvollen Auftrag erhielt, wandte er sich an seinen Feldwebel:

„Was macht man denn da?”

Das war doch nicht so mit einem Worte zu beantworten, so sagte er denn:

„Vor allen Dingen müssen wir den Dienst für morgen festsetzen.”

„Sehr schön.”

Die Hoffnung des Feldwebels, daß Udo Bodo selbst den Dienst bestimmen würde, erfüllte sich nicht.

„Vielleicht könnten wir eine Felddienstübung machen, soviel ich weiß, hatte der Herr Hauptmann sie für morgen geplant.”

Udo Bodo nickte mit dem Kopfe:

„Schön, meinetwegen, also Felddienst. Wo?”

„Wo Euer Durchlaucht befehlen.”

Udo Bodo hatte keine Ahnung, und so sagte er denn gnädig:

„Bestimmen Sie, mir ist alles gleich.”

„Soviel ich weiß, wollte der Herr Hauptmann nach dem großen Exerzierplatz reiten und von dort aus das Dorf Lurup angreifen.”

Udo Bodo überlegte einen Augenblick.

„Lurup, Lurup? Ach, ich weiß schon, das ist das schreckliche Dorf, in dem es immer so furchtbar nach Pferdeäpfeln riecht und das so scheußlich weit entfernt ist. — Na, ist ja egal, ersten habe ich einen Schnupfen und zweitens reite ich ja.”

„Und wann befehlen Durchlaucht den Abmarsch?”

„Ganz egal. Bestimmen Sie, aber nicht so früh.”

„Vielleicht um fünf Uhr?”

„Zu spät, Feldwebel, zu spät! Dann kommen wir ja erst in der Nacht zurück.”

„Ich meinte natürlich morgens um fünf Uhr.”

Udo Bodo machte ein geistreiches Gesicht:

„Gibt es das überhaupt? Pardon, ich war eben in Gedanken. Morgens um fünf Uhr, scheußlich früh, da muß man schon um drei Uhr aufstehen, wenn man sich vorher noch die Hände waschen will. Na, aber meinetwegen.”

„Vielleicht könnte der Herr Leutnant Schrimm die Kompagnie hinausführen und Durchlaucht kämen dann nachgeritten. Wenn wir das Rendezvous um sieben Uhr festsetzen, brauchen Durchlaucht erst um sechs Uhr fortzureiten.”

„Sehr schön, Feldwebel, also da sind wir uns einig.”

„Zu Befehl, Durchlaucht, dann kann ich wohl den Dienst melden?”

„Melden Sie.”

So blieb es denn dabei, am nächsten Morgen fünf Uhr rückte die Kompagnie ab und eine Stunde später schwang sich Udo Bodo in den Sattel und ritt dem Rendezvous­platze entgegen. Als er dort ankam, wartete bereits die Kompagnie auf ihn und mit der Kompagnie wartete der Herr Oberst. Wenn Udo Bodo überhaupt imstande gewesen wäre zu denken, so hätte er in diesem Falle sicherlich gedacht: Nanu! was will denn der hier?

Udo Bode meldete sich zur Stelle, und da nahm ihn der Herr Oberst beiseite:

„Ich habe gestern abend einen Brief vom Generalkommando erhalten, auf hohen Wunsch hin sollen Eure Durchlaucht als Erbgraf und Standesherr bei einem Avancement außer der Tour befördert und zum Hauptmann ernannt werden. Euere Durchlaucht werden natürlich im Regiment bleiben, wir würden es auch schmerzlich bedauern, Euere Durchlaucht zu verlieren.”

Udo Bodo nickte zustimmend mit dem Kopfe:

„Das kann ich mir denken.”

Diese Antwort war genau so geistreich, wie der Herr Oberst erwartet hatte, und so wunderte er sich auch nicht weiter darüber, sondern sagte nur:

„Ich bin von den vorgesetzten Behörden beauftragt, noch heute telegraphisch über die dienstliche Qualifikation Euerer Durchlaucht zu berichten. Wenngleich mein Urteil natürlich schon längere Zeit feststeht, so ist doch meine Pflicht, der heutigen Uebung beizuwohnen, bei der Euere Durchlaucht zum erstenmal selbständig die Kompagnie führen, und ich bitte Euere Durchlaucht, sich durch meine Anwesenheit durchaus nicht stören zu lassen. Bitte fangen Sie an.”

Und Bodo wandte sich an seinen Leutnant:

„Na, da wollen wir mal anfangen.”

Dieser gab das Kommando: An die Gewehre! — Die Kerls sprangen auf und nahmen Gewehr in die Hand. Udo Bodo nickte abermals mit dem Kopfe:

„Sehr schön. Denn man los.”

Der Leutnant machte ein ziemlich törichtes Gesicht. „Na, denn man los” — war sehr schön gesagt, aber er hatte noch gar keinen Auftrag, gar keine Instruktion, er mußte doch erst wissen, was hier draußen überhaupt gemacht werden sollte.

Das sagte er denn auch, und diesmal machte Udo ein ganz erstauntes Gesicht:

„Ja, hat Ihnen der Feldwebel denn nicht Bescheid gesagt?”

„Nein, Durchlaucht.”

„Sonderbar, der Mann machte doch noch gestern mittag einen ganz verständigen Eindruck, er schlug doch selbst vor, das Dorf Lurup anzugreifen.”

Auch das war ganz schön gesagt, aber man mußte doch wissen, ob Lurup besetzt sei, was die eigene Abteilung vorstellte und außerdem noch so manches andere. So fragte denn der Herr Leutnant:

„Wollen Euer Durchlaucht nicht so freundlich sein, eine Idee für das heutige Gefecht auszugeben?”

Udo Bodo machte ein ganz erstauntes Gesicht:

„Was soll ich ausgeben? Eine Idee? Was ist denn das?”

Er versank in tiefes Grübeln, aber es kam nicht viel Gescheites dabei heraus:

„Ach so,” meinte er endlich, „Sie wollen das Nähere über die Gefechtslage wissen. Also die Sache ist die —”

Aber weiter kam er nicht. Wieder versank er in tiefes Grübeln und dann meinte er:

„Wir wollen folgendes annehmen —”

Aber weiter kam er auch diesmal nicht.

Der Herr Oberst machte ein ganz eigentümliches Gesicht, allzu toll durfte sich die Durchlaucht nicht blamieren, denn sonst konnte er sein Avancement nicht befürworten; so sagte er denn:

„Je einfacher die Idee ist, Durchlaucht, um so besser ist es für das Verständnis der Leute.”

„Ganz meine Ansicht,” stimmte Udo Bodo ihm bei.

„Also wenn Durchlaucht die Güte haben wollten.”

„Bitte einen Augenblick, Herr Oberst.”

„Bitte sehr, so eilt es ja nicht, Euere Durchlaucht müssen sich die Idee ja erst überlegen.”

„Ganz recht.”

Und Udo Bodo dachte weiter nach und endlich sagte er: „Also wie wäre es, wenn wir annähmen, daß — daß — daß —” Aber damit war wieder Schluß. Aber mit einemmal schien ihm ein Licht aufzugehen, er richtete sich im Sattel hoch auf und sagte mit lauter Stimme:

„Nun paßt mal auf, Leute!”

Die Kerls reckten sich in die Höhe, aber denselben Augenblick sank Udo Bodo von dem vorhergegangenen geistigen Erguß ermattet wieder in sich zusammen. Er mußte erst neuen Geist sammeln, er schien mit der Idee, die er gehabt hatte, nicht zufrieden zu sein, vielleicht hatte er überhaupt keine gehabt, und so sagte er jetzt:

„Wir können ja aber auch etwas anderes annehmen.”

„Ganz wie Sie wollen, Durchlaucht.”

„Es ist mir lieber, wir machen die Sache umgekehrt. Also paßt nochmal auf, Leute, die Idee ist folgende: Was man unter einer Idee versteht, wißt ihr ja alle, eine Idee ist das, was man hat, und ich habe die folgende Idee: Wir sind hier und der Feind ist in Lurup.”

Es herrschte tiefes Schweigen, Udo Bodo fühlte sich von neuem erschöpft, und der Herr Oberst wußte nicht, was er zu dieser Idee, die absolut keine war, sagen sollte.

„Na, denn man los,” wandte sich Udo Bodo abermals an seinen Leutnant, „also, wie gesagt, wir sind hier und der Feind ist wo anders. Was machen Sie?”

Der Leutnant blieb die Antwort schuldig, und das war das Klügste, was er angesichts dieser törichten Frage tun konnte. Und wie der Leutnant schwieg, so schwieg auch der Herr Oberst; hätte der gesprochen, dann hätte Udo Bodo Dinge zu hören bekommen, die der Herr Oberst, um die Disziplin und die Subordination aufrecht zu erhalten, vor versammelter Mannschaft nicht sagen konnte. So wandte er sein Pferd und ritt mit einem „Auf Wiedersehen” nach der Kaserne, um den gewünschten Bericht über die geistigen Fähigkeiten Seiner Durchlaucht an die Vorgesetzten abzusenden, und in diesem Bericht stand geschrieben: „Ich habe heute morgen einer Felddienstübung beigewohnt, die Seine Durchlaucht durchaus selbständig ohne jede fremde Hilfe leitete. Wenngleich es natürlich ist, daß Seine Durchlaucht noch nicht die nötige Uebung besitzt, die ihm erst eine längere Praxis bringen kann, so glaube ich dennoch, daß Seine Durchlaucht durchaus die für eine Durchlaucht nötigen Kenntnisse besitzt.” —

Selbstverständlich war das letztere ein Schreibfehler, aber das schadete nichts, der Herr Oberst bekam infolge des guten Qualifikations­berichtes, den er über Udo Bodo ausgestellt hatte, einen hohen Orden zum Halse heraus, und Udo Bodo selbst wurde unter gleichzeitiger Vorpatentierung zum Hauptmann und Kompagniechef ernannt. Im Grunde ihres Herzens wunderten sich eigentlich alle darüber, nur nicht Udo Bodo selbst, der hätte sich höchstens darüber gewundert, wenn er nicht Hauptmann geworden wäre. Und das mit vollem Recht; denn so dumm auch immer eine Durchlaucht ist, so dumm kann sie garnicht sein, daß ihr nicht auf Grund ihrer hohen Abstammung der Weg zu den höchsten Ehrenstellen im Heere offenstände.


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© Karlheinz Everts