Eine Sylvester-Wette.

Humoreske von Freiherrn von Schlicht (Schleswig).
in: „Trierische Landeszeitung” vom 30.12.1898,
in: „Kieler Zeitung” vom 31.12.1898,
in: „Leipziger Tageblatt” vom 1.1.1899,
in; „Hamburger Anzeiger” vom 1.1.1899,
in: „Sonntagsblatt”, Jhrgg. 1900, Nr. 52,
Beilage zur „Güstrower Zeitung” vom 30.12.1900,
in: „König Eduards Testament” und
in: „Der Mann mit den vier Frauen”


Anne Kerkau, die einundzwanzigjährige Tochter des Rechtsanwalts Kerkau, saß in ihrem traulich und mit anheimelnder Eleganz eingerichteten Wohnzimmer und las den Brief durch, den sie soeben an ihre Pensionsfreundin in der Residenz geschrieben hatte.

„Ach ja, Claire, nun ist wieder ein Jahr zu Ende, (Stoßseufzer einer einundzwanzigjährigen alten Jungfer), es ist sechs Uhr Abends und in zwei Stunden kommen unsere Gäste. Wie alljährlich am Sylvester–Abend, haben wir auch heute das ganze Haus voll Besuch. Vater liebt es, in lustiger Gesellschaft ins neue Jahr hinüberzugehen und lustig wird es heute Abend schon werden, denn Fritz von Waldow, der junge Assessor kommt auch. Wie es vorauszusehen war, hat er seine Wette natürlich glänzend verloren. Erinnerst Du Dich noch dessen, was ich Dir damals schrieb?

Fritz Waldow führte mich am vorigen Sylvester–Abend zu Tisch, — übrigens habe ich ihn mir auch heute als Tischherrn ausgewählt — und im Laufe des Gespräches sagte ich auf eine Bemerkung seinerseits: „Nein, nein, Sie irren sich, Herr Assessor, ich werde niemals heirathen.”

Einen Augenblick sah er mich verwundert an, dann fragte er; „Und darf ich wissen, worauf Ihre Cassandra–Prophezeiung basirt?” — „Ich habe so die Empfindung,” sagte ich, „Näheres kann ich nicht angeben, aber ich fühle es.” — „Ihre Gefühle sind mir heilig,” meinte er darauf, „aber ich für meine Person sehe absolut nicht ein, warum Sie nicht heirathen wollen? Sie sind jung, sehr hübsch (er sagte wirklich „sehr hübsch”, Claire!) und Ihr Herr Vater ist reich, Sie sind klug, Sie fahren Rad, sogar mit Ihrem Bruder Tandem, Sie können malen, wie ich aus Ihrem eigenen Munde weiß, mit großer Virtuosität Schlittschuhe laufen, Sie tanzen einen prachtvollen Walzer, Sie verstehen vom Kochen, wie Sie selbst sagen, absolut nichts — Sie besitzen also alle Eigenschaften, die ein Mann heutzutage von einer Frau verlangen kann, warum wollen Sie da nicht heirathen, — ist ja Unsinn!”

(Weißt Du, als er so sprach, hatte er schon ziemlich viel Bowle getrunken, obgleich er sonst sehr solide und mäßig ist, und so nahm ich ihm seine Worte nicht übel.)

„Ist ja Unsinn, gnädiges Fräulein,” behauptete er nochmals, „wollen wir wetten, daß Sie heut übers Jahr verlobt sind?” — Nur um diesem Gespräch ein Ende zu machen, schlug ich ein. — „Gut,” sagte er, „abgemacht, und wer verliert, bezahlt.” — „Das ist meistens so,” erwiderte ich scherzend. — „Sie haben Recht, wie immer,” pflichtete er mir bei, „also wer verliert, bezahlt — das Was bleibt dem Ermessen des Verlierers überlassen.”

Natürlich hat Waldow verloren, es ist die alte Geschichte: wir lieben die nicht, die uns lieben, und umgekehrt. Hoffentlich hat Fritz — ich meine Herrn von Waldow — die unglückliche Wette vergessen, es wäre mir schrecklich, wenn er das Gespräch wieder darauf brächte, und noch schrecklicher wäre es mir, wenn er mir ein Geschenk mitbrächte. Erstens macht Waldow mir immer viel zu kostbare Geschenke — ich schrieb Dir ja von dem wundervollen Blumen–Arrangement, das er mir zum Geburtstag sandte — und zweitens ist es für ein junges Mädchen doch nicht angenehm, unter diesen Umständen ein Geschenk zu bekommen, das sieht gleichsam wie eine Entschädigung, wie ein schwacher Trost dafür aus, daß sie sich nicht verlobt hat. . . . Ich habe eigentlich etwas Angst vor heute Abend, aber ich hoffe, daß Herr von Waldow zu wohlerzogen ist, um mich in Verlegenheit zu setzen. — —

So, Claire, nun aber ist es genug für heute, ich muß der Mutter noch helfen. Ich habe es übernommen, die Blumen auf der Tafel zu arrangiren. Morgen schreibe ich Dir, wie Alles war. Für heute umarme und küsse ich Dich in alter Freundschaft als Deine Dich innig liebende — — —”

„Aber Anna, wo bleibst Du denn nur?” rief in diesem Augenblick die Mutter, eine hohe, schlanke, vornehme Erscheinung, und trat in das Zimmer ihrer Tochter. „Es ist schon sechs Uhr vorüber, in knapp zwei Stunden kommen unsere Gäste, ich weiß nicht, wie wir fertig werden sollen.”

„Sei nicht böse, Mutter,” bat Anna, „ich will nur noch rasch diesen Brief adressiren, dann komme ich, wir haben noch so viel Zeit, Du brauchst Dich nicht zu beunruhigen.”

Und mit dem Glockenschlag acht Uhr war Alles zum Empfang der Gäste bereit.

Als Erster erschien Herr von Waldow, von dem Hausherrn, einem jovialen, heiteren Herrn in der Mitte der Fünfzig, herzlich begrüßt. Ritterlich küßte Waldow den Damen die Hand, dann aber sah er sich erschrocken um:

„Was? Ich bin der Erste, das ist ja entsetzlich für Sie und für mich, gnädige Frau. Der erste Gast, er mag kommen, wann er will, und er mag sein, wer er ist, bleibt immer der Verlegenheitsgast, er mag noch so spät kommen. . . . . Gestatten Sie mir, daß ich mich wieder empfehle. Sobald das Haus voll ist, erscheine ich von Neuem, um dann dafür desto länger zu bleiben.”

Lachend hielt der Hausherr ihn zurück: „Nein, nein — wir lassen Sie nicht wieder fort — Herr Gott, da blakt ja eine Lampe, Kinder, das riecht ja scheußlich, dreht sie mal sofort niedriger, ich habe mir eben die Hände gewaschen und möchte keine Petroleumfinger bekommen —”

In demselben Augenblick erschien der Bruder des Hausherrn, kurzweg Onkel Peter genannt, mit seiner Frau. Onkel Peter hatte infolge einer Nasenoperation den Geruch vollständig verloren, sprach aber dafür desto lauter und suchte den Mangel an Geruchssinn dadurch auszugleichen, daß er, sobald er in ein Zimmer trat, irgend etwas zu riechen vorgab. So zog er auch jetzt die Nasenflügel kraus.

„Ich weiß nicht, Kinder, bilde ich mir das ein oder riecht es hier wirklich nach, nach — na, wonach denn gleich?”

„Nach Pfirsich, Peter,” sagte ruhig der Hausherr, „es giebt nämlich Pfirsichbowle heute Abend.”

„Richtig, richtig,” schrie Onkel Peter, „auf Pfirsich habe ich den Geruch auch taxirt.”

Immer mehr Gäste kamen, man verteilte sich in mehrere Stuben, bis der Diener meldete, daß servirt sei.

„Darf ich bitten, zu Tische zu engagiren,” rief der Hausherr, und die Herren näherten sich ihren Damen.

Waldow stand neben Anna: „Das kommt davon, gnädiges Fräulein, wenn man als erster Gast erscheint: als ich kam, war draußen die Tischliste noch nicht ausgelegt, können Sie mir vielleicht sagen, wen ich führe?”

Einen Augenblick dachte Anna nach, dann sagte sie: „Ich weiß es wirklich nicht, Herr von Waldow, ich weiß nur, daß jede Dame einen Herrn hat, wer also nicht anderweitig engagirt wird, ist für Sie bestimmt.”

In langer Reihe zogen die Paare an ihnen vorüber, ängstlich suchte Waldow mit den Augen umher, ob irgendwo eine Dame ohne Herrn wäre, bis er sich endlich mit Anna allein im Zimmer befand.

„Ja, Herr von Waldow,” sagte Anna neckend, „wenn alle anderen Damen engagirt sind, bin ich wohl diejenige welche.”

Mit freudestrahlenden Blicken sah er sie an: „Sie sind wirklich meine Tischdame? Gehofft habe ich es ja den ganzen Tag, aber immer fürchtete ich, Sie würden sich einen anderen Herrn wählen. Na, nun kann die Bowle Ihres Herrn Vaters aber ihr Wunder erleben, Sie wissen ja, ein deutscher Mann trinkt immer, besonders aber, wenn er glücklich ist, und ich bin heute Abend unheimlich glücklich.”

Sie waren in das Eßzimmer getreten, in dem die anderen Paare schon Platz genommen hatten.

„Haben Sie die Tafel wieder so schön geschmückt?”fragte Waldow, als auch sie sich gesetzt hatten, „ich mache Ihnen mein Compliment, sogar meine Lieblingsblume, die La–France–Rose steht hier vor mir, darf ich Ihnen für diese Aufmerksamkeit danken?”

Sie erröthete, als sie sagte: „Keine Ursache, Herr von Waldow, ein reiner Zufall.”

„Wirklich?” fragte er, sie scharf ansehend, und sie athmete erleichtert auf, als in diesem Augenblick ihr Vater an das Glas schlug: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Vettern, Basen, Brüder, Neffen, Nichten und Cousinen! Sie Alle wissen, daß es ein alter Brauch ist, das erste Glas, das man bei Tische trinkt, mit stiller, stummer Verbeugung gegen einander zu leeren. Alte Bräuche sind zu heilig, als daß man sie nicht einmal über den Haufen werfen sollte, und darum schlage ich Folgendes vor: wenn ich „drei” sage, sagt Jeder irgend ein beliebiges Wort und dann erst trinkt er sein Glas aus, — also los — eins, zwei und —”

„Du, die Pfirsichbowle sieht ja ganz gelb aus, und was sind denn das für sonderbare Scheiben, die da herumschwimmen?” schrie in diesem Augenblick Onkel Peter über den Tisch und löffelte aus seinem Glas, aus dem er heimlich getrunken hatte, ein Stück Ananas hervor.

Schallendes Gelächter folgte diesen Worten, und Onkel Peter, der merkte, daß man ihm vorhin einen Bären aufgebunden hatte, bequemte sich schließlich, mitzulachen.

„Das Wort „drei” ist nun überflüssig,” fuhr der Hausherr fort, „denn wir alle zusammen hätten nicht größeren Unsinn reden können als der liebe Onkel Peter es gethan hat. Nun kommt meiner Rede zweiter Theil: nach altem Brauch, an dem wir ausnahmsweise festhalten wollen, muß hier im Hause bei Beginn der Tafel der Mann bestimmt werden, der um fünf Minuten vor zwölf Uhr die Rede auf das alte und das neue Jahr halten soll. Das Einzige, was von dem Toast verlangt wird, ist, daß es lauter Unsinn ist — der Toast braucht gar keinen Sinn zu haben und kann von den unglaublichsten Dingen handeln. Vorgeschrieben sind nur die beiden Worte zum Schluß: Prosit Neujahr! Als Festredner schlage ich den Herrn von Waldow vor, — wer mit mir einverstanden ist, trinke sein Glas aus, wer nicht mit mir einverstanden ist, trinke es zweimal aus. Also gut, abgemacht, Waldow, Sie reden. Sie haben drei Stunden Z eit, sich zu präpariren — Gnade Ihnen aber Gott, wenn Sie Ihre Sache nicht gut machen, ich widersetze mich dann Ihrer Anstellung beim Amtsgericht.”

„Na, da haben wir das Unglück,” sagte Waldow, „hoffentlich blamire ich mich nicht zu toll. Wissen Sie übrigens, gnädiges Fräulein, daß wir heute genau auf demselben Platz sitzen wie vor einem Jahr?”

„Wissen Sie wohl, daß Sie heute vor einem Jahr sehr unartig waren? Ich habe es mir lange überlegt, ob ich Sie heute als Tischherrn nehmen sollte. Ich that es nur, um Ihnen Gelegenheit zu geben, Ihr vorjähriges Vergehen wieder gut zu machen — bitte, sprechen wir nicht mehr von dem Abend. Unterhalten wir uns lieber über das alte Jahr, das nun, um mich poetisch auszudrücken, dem Grabe entgegenwankt. Sind Sie zufrieden mit dem, was es Ihnen gebracht hat?”

„Ich verdiente ja von dem tarpejischen Felsen in ein leeres Bierfaß gestürzt zu werden, und dort zu verschmachten, wenn ich mich beklagen wollte. Ich habe mit Glanz und Gloria mein Assessorexamen bestanden, bin in der Lotterie dreimal mit dem Einsatz herausgekommen, habe als ersten Preis für eine eingesandte Räthsellösung ein Glüh­stoff­plätteisen bekommen, Ich habe auch in diesem Jahre glücklich der Versuchung widerstanden, das Radfahren zu lernen, und habe mir dadurch unendlich viel Aerger über geplatzte Pneumatikreifen und andere Schäden erspart, wie sollte ich da nicht zufrieden sein? Aber das Jahr ist ja noch nicht zu Ende, und ich hoffe, daß mir noch, ehe es ganz vorüber ist, das zu Theil wird, was ich so lange in meinen Wünschen getragen habe.”

Sie fühlte seine Blicke auf sich ruhen, verlegen schlug sie die Augen nieder und wußte nichts zu entgegnen.

„Und was brachte Ihnen das verflossene Jahr?” fragte er ganz ruhig und unbefangen, als bemerkte er ihre Verwirrung gar nicht, die ihn doch innerlich frohlocken ließ.

„Nichts von Bedeutung,” gab sie zurück, „selbst Glücksfälle der Art, wie sie Ihnen zu Theil wurden, gingen an mir vorüber und im Gegensatz zu Ihnen erwarte ich auch nicht, daß die letzten Stunden dieses Jahres mir noch etwas bringen.”

„Vielleicht doch,” entgegnete er, „haben Sie unsere Wette vom vorigen Jahr denn ganz vergessen? Ich habe sie verloren, wer verliert, muß bezahlen — das Geschenk für Sie trage ich bei mir, mit dem Glockenschlag zwölf Uhr händige ich es Ihnen ein, was es ist, kann ich noch nicht sagen, aber darf ich bitten, daß Sie meine Gabe nicht zurückweisen werden?”

„Ach, und ich hatte bestimmt gehofft, daß Sie unsere vorjährige thörichte Unterhaltung vergessen hätten! Nun aber versprechen Sie mir, daß Sie nie wieder darauf zurückkommen wollen.”

„Wie Sie befehlen,” gab er zur Antwort und sprach mit ihr über gleichgiltige Sachen, und mit Interesse lauschte sie seinem frischen Humor und seiner heiteren Lebensauffassung.

Lange schon waren die Speisen abgetragen, die Lichter auf den Tisch gestellt, die Cigarren angezündet, und die allgemeine Unterhaltung lebhaft und animirt geworden. Der Hausherr verstand sich auf das Ansetzen von Bowlen. „Lieber etwas mehr trinken,” sagte er in diesem Augenblick, „dafür aber desto bessere Sachen. Glaubt mir, Kinder, wer viel und gut trinkt, wird lustig, wer wenig und schlecht trinkt, wird verstimmt, und wer viel und schlecht trinkt, begeht leicht eine Dummheit, die ihn mit dem Strafgesetzbuch in Conflict bringt, davon könnte ich als Jurist Allerlei erzählen. Habe ich Recht, Waldow?”

„Versteht sich,” pflichtete dieser ihm bei, der gar nicht wußte, wovon die Rede war, sondern sich mit Anna unterhalten hatte.

Im Fluge gingen die Stunden dahin, aber je mehr der Zeiger sich der Zwölf näherte, desto unruhiger wurde Herr von Waldow.

„Haben Sie solche Angst vor Ihrer Rede?” neckte Anna. „Sie brauchen doch nur irgend etwas zu sagen. Sie können doch reden, Papa erzählte erst heute Mittag von Ihrem Rednertalent. Was haben Sie übrigens heute Morgen alles mit Papa verhandelt? Er sagte, er dürfe nicht darüber sprechen, aber es muß etwas sehr Lustiges gewesen sein, er war so vergnügt wie lange nicht und hat sogar Sect spendirt.”

„Und ich habe nicht einmal etwas abbekommen,” klagte Waldow. „So, mein gnädiges Fräulein, nun wird es aber Zeit, daß ich an das Glas schlage. Darf ich Ihnen hier mein kleines Geschenk einhändigen — bitte, wickeln Sie es aus, während ich spreche, zeigen Sie aber Niemandem, was es ist, und wenn Sie es nicht behalten wollen, worüber ich aber sehr traurig wäre, stellen Sie es mir auf meinen Platz.”

„Waldow. es wird Zeit,” rief der Hausherr, „es sind nur noch vier Minuten bis Mitternacht.”

„Verehrte Conkneipanten und Conkneipantinnen an der Ananas–Bowle des Hausherrn!” nahm Fritz von Waldow unter feierlicher Stille des Auditoriums nun das Wort. „Sie Alle kennen die schöne Genusregel: Was man nicht decliniren kann, das sieht man als ein Neutrum an. Unter diesen Umständen kann es Sie auch nicht wundern, daß wir morgen nicht Pfingsten feiern, vielmehr werden Sie mir Alle beistimmen, daß der Walfisch nur von ganz Ungebildeten für einen Vierfüßler gehalten werden kann, obgleich es doch als eine längst bewiesene Thatsache gilt, daß die Erde eine Kugel und nicht etwa ein Jammerthal ist.” Aengstlich sah er einen Augenblick auf Anna, die das Packet geöffnet hatte und deren Wangen sich dunkelroth färbten; da sie aber die Gabe doch auf ihrem Platz stehen ließ, fuhr er mit erhobener Stimme fort: „Sie Alle wissen, meine Herrschaften, daß das Leibgericht des seligen Alcibiades Beefsteak mit Champignons war, und da wird Sie die Mittheilung nicht überraschen, daß vier Augen mehr sehen als sechs, zumal wenn diese sechs blind sind. Nur noch eine Minute, dann ist auch dies alte Jahr zu Ende und es beginnt ein neues. Dieser Satz enthält eine tiefe Weisheit, ähnlich dem alten Auspruch: Wer Pech anfaßt, gießt Oel ins Feuer. Und somit gestatten Sie mir, daß ich nun meine Ausführungen zusammenfasse und meiner — Braut den Verlobungskuß gebe” — und ehe Anna es verhindern konnte, hatte er sie wirklich auf die Stirn geküßt — „die Uhr schlägt zwölf, meine Herrschaften, allerseits Prosit Neujahr!”

Ein lautes Halloh und Aufspringen von den Stühlen folgte diesen Worten, und über der Alle überraschenden Neuigkeit der Verlobung vergaß man fast, das „Prosit Neujahr!” mitzurufen.

Zärtlich hielt Waldow seine Braut umschlungen, und nachdem der erste Ansturm der Gratulanten glücklich abgeschlagen war, zog er sie in eine Ecke und berichtete: „Heute Morgen hab' ich bei Deinem Vater um Deine Hand angehalten — dann bin ich gleich zum Goldschmied gegangen und habe die Verlobungsringe gekauft, ich glaubte zu wissen, daß ich keinen Korb bekommen würde. Weißt Du aber auch, warum ich mich mit Dir verlobte?”

„Weil Du mich liebst?” fragte sie glücklich.

„Nein,”, entgegnete er lachend, „blos damit Du die Wette verlieren solltest!”


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© Karlheinz Everts