Streikende Lieutenants.

Humoristische Plauderei von Freiherr v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 190 vom 12. Juli 1897 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


Lieber Leser, weißt Du nicht eine passende Einleitung für diese Plauderei? Ich denke vergebens darüber nach, denn eine Geschichte ohne Einleitung ist nach meiner Meinung wie ein Diner ohne Suppe. Ach, und ich esse so gerne einen Teller Bouillon, wenn ich eine schöne, liebenswürdige Tischdame habe, der Sekt in den Kelchen perlt und fröhliches Geplauder darüber hinwegtäuscht, daß die Suppe total versalzen ist. Das schadet nichts, wenn das Herz der Köchin nur gut ist — ach, nun sitze ich wirklich fest und weiß weder ein noch aus, und darum glaube ich, daß es nun wirklich Zeit wird, anzufangen.

Ich weiß nicht, in welchem Blatt ich kürzlich die Nachricht las, daß sämmtliche Premier–Lieutenants der Armee entschlossen seien, ihren Abschied einzureichen. Ich traute meinen Augen kaum.

Jedes Ding auf Erden hat eine Ursache, und so fragte ich denn mich und meinen Unterthanen­verstand: Waruzm streiken denn auf einmal die Premier–Lieutenants? Und die Antwort, die ich von dritter Seite erfuhr, lautete: Weil sie mit der Gehaltserhöhung, die nun im Reichstag endlich durchgegangen ist, nicht einverstanden sind; sie wollen das Geld nicht.

Hätte ich noch nie in meinem Leben Schläge bekommen, so hätte ich, als ich dies hörte, sicherlich einen Schlag bekommen.

„Sie wollen das Geld nicht.” Hat schon jemals Jemand so etwas gehört?

„Aber warum denn nicht?”

„Sie fürchten, daß sie Verschwender werden und daß man sie unter Kuratel stellt.”

Das leuchtete mir ein und ich stimmte ihnen bei. Früher diente man zehn Jahre als Sekonde­lieutenant, und hatte man sich endlich den Stern errungen, so erhielt man eine Gehaltserhöhung von fünfzehn Mark monatlich, das war fünf Silbermorgen, nicht für den Morgen, sondern für den ganzen Tag.

Und nun? Jetzt ist man acht Jahr Sekonde, und avancirt man um einen Grad, so ergebt das ein monatliches Plus von ungefähr fünfzig Mark, sage und schreibe in Zahlen 50 Mark.

Das ist eine Menge Geld, mir der so'n junger Premier von dreißig Jahren nicht umzugehen weiß. Die erste Frage ist natürlich, wie wird man das Geld wieder los? Auf die hohen Kanten seines Kragens kann er nichts legen, er muß es also ausgeben. Aber wofür? Ist er Sportsman, so kann er sich ja für die fünfzig Mark einen zusammengebrochenen Renngaul kaufen, liebt er den Wein, so kann er sich mit der Flasche Pommery anfreunden, und ist er ein Romeo, so kann er seiner Julia ja das Schönste, was es auf der Welt giebt, kaufen und es ihr zu ihren kleinen Füßen niederlegen — aber das Alles macht Sorgen und Arbeit, erfordert Ueberlegung und Nachdenken; aber noch mehr — früher hatte der Herr Premier ebenso wie der Herr Sekonde niemals Geld, und nun soll er plötzlich ein reicher Mann sein. Das ist ja Umsturz der Verhältnisse — nein, das will er nicht, denn er ist konservativ, und hat er früher gedarbt, so will er jetzt nicht plötzlich ein Millionär sein; also fort mit dem Geld!

Und um dies zu erreichen, wollten die Herren Premiers streiken; ich sage, sie wollten, denn zu meiner Beruhigung las ich heute Mittag, als ich den Mokka schlürfte, um mich für dieses Feuilleton zu stärken, daß das Gerücht nicht wahr sei.

Ich dachte es mir gleich, denn streikende Lieutenants giebt es nicht — nein, die giebt es nicht.

Der Herr Premier kommt früh Morgens von einem Diner nach Hause; er hat sich herrlich amüsirt, das Essen war tadellos, solchen Wein, wie er ihn bei Tisch getrunken, giebt es nach seiner Meinung in Europa nicht wieder und eine Dame hat er geführt, eine Dame — einfach zu süß. Er ist verliebt und trunken, letzteres natürlich nur vor Freude — so wirft er den Helm, Waffenrock und was der Lieutenant sonst noch anhat, in die Ecke und denkt: „Lass' den Burschen zusehen, wo er den Kram morgen findet.”

Fünf Minuten später liegt er auf seinem Lager; schon will er mit der Streichholzschachtel das Licht ausdrücken, als er einen auf seinem Nachttisch liegenden Zettel entdeckt.

„Na, was ist denn das?” denkt er, „ist die Anna doch hier gewesen, obgleich ich ihr schrieb, ich wäre heute Abend nicht für sie zu Hause?”

Er ergeift den Zettel und liest: „Morgen früh von sieben bis achteinhalb Uhr Detail–Exerzieren, Nachmittags kein Dienst.”

„Na!” brummt er, „anderthalb Stunden den ganzen Tag ist ja nun gerade nicht viel, aber lieber wäre es mir doch, ich hätte gar keinen.”

Mit etwas verkatertem und mißvergnügtem Gesicht steht er wenige Stunden später auf dem Kasernenhof und läßt auf Befehl des Hauptmanns, der sich mit dem Feldwebel unterhält, die Leute im Einzelmarsch mit sieben Schritt Abstand an sich vorbeimarschieren.

Das kommt gleich hinter dem Flöhefangen, aber was hilft's?

„Na, lange dauert der Rummel heute ja nicht,” denkt er, „eine und eine halbe Stunde, dann ist der Zauber ja vorbei. Dann aber lege ich mich sofort zu Bett, schlafe, daß Europa zittert — vorher aber laß ich mich telephonisch mit einem Faß Pilsener verbinden, denn ich habe einen Durst, einen Durst, daß ich die fünf Weltmeere mit einem Zug austrinken könnte.”

Und bei dem Gedanken, in abseharer Zeit etwas zu trinken zu bekoemmen, wird er so froh und glücklich, daß er plötzlich sogar Interesse am Dienst hat.

Und dieses rege Interesse bekundet er dadurch, daß er einem Soldaten, der, einer verbogenen Mondsichel ähnlich, mit der Flinte auf der Schulter einhermarschiert, zuruft: „Meier, Sie krummes Oelgemälde, drücken Sie den linken Knochen durch!”

Nun hat er für heute genug gesprochen — jetzt hat er nur noch für eins Interesse: daß der Dienst vorbei, daß die Uhr halb neun ist.

Endlich zeigt die Uhr die erwünschte Stunde.

Er sieht sich nach dem Hauptmann um: der unterhält sich immer noch mit seiner ihm zur Linken angetrauten Gattin.

Der Herr Premier wirft ihm einen fragenden Blick zu, der wohl bemerkt, aber gar nicht beachtet wird.

Der Herr Premier wartet.

Er wartet noch immer.

Die Uhr ist zehn Minuten vor neun.

Da faßt der Herr Lieutenant einen männlichen Entschluß, denn er hat einen Durst — er könnte das Bassin seiner Petroleumlampe leer trinken, wenn er sie nur hier hätte.

Vorschriftsmäßig faßt er mit der linken Hand den Säbel, macht ein möglichst liebenswürdiges Gesicht und nähert sich dem Vorgesetzten:

„Gestatten der Herr Hauptmann, daß ich gehorsamst melde — es ist bereits ein halb neun Uhr.”

„So spät schon,” erwidert der Herr Hauptmann, „ach bitte, lassen Sie die Leute noch einen Augenblick zielen.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.”

Er giebt den Befehl an die Unteroffiziere weiter und „baut” sich mit seinen Leuten zum Zielen auf.

Der Herr Premier geht hinter der Front auf und ab; er ist wüthend, rasend — er könnte die Welt zermalmen, wenn er es nur könnte.

Die Kerls zielen, die Unteroffiziere fluchen, der Herr Premier brütet Rache und der Hauptmann spricht mit seinem Feldwebel.

Eine Minute verrinnt nach der anderen, nun ist es einhalb zehn Uhr.

Länger kann der Herr Lieutenant nicht an sich halten — wieder faßt er vorschriftsmäßig seinen Säbel, macht ein möglichst liebenswürdiges Gesicht und nähert sich dem Vorgesetzten.

Der aber ist von der Bildfläche verschwunden — der Herr Lieutenant merkt das erst, als er auf dem Platz, auf dem er steht, dem Häuptling nicht mehr gegenübersteht.

„Nanu?” fragt er verwundert.

„Der Herr Hauptmann ist mit dem Feldwebel aufs Kompagniebureau gegangen,” meldet ein Unteroffizier.

Der Herr Premier ruft sich einen tüchtigen Gefreiten heran: „Gehen Sie auf das Feldwebelbureau, suchen Sie den Herrn Hauptmann und vor allen Dingen finden Sie ihn, sonst geht es Ihnen dreckig, mein Sohn.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Ich ließe dem Herrn Hauptmann melden, die Uhr sei bereits ein halb zehn Uhr, ich ließe fragen, ob ich die Leute forttreten lassen könnte.”

„Zu Befehl, Herr Lieutenant.”

„Was sollen Sie dem Herrn Hauptmann melden?”

„Der Herr Lieutenant ließen melden, es sei bereits ein halb zehn Uhr, und der Herr Lieutenant ließen fragen, ob der Herr Lieutenant nicht könnten aufhören lassen.”

„Gut — Abmarsch.”

Der Herr Gefreite läuft davon, was die Stiefelsohlen halten wollen, denn er hat auch keinen Spaß mehr; wie sein Lieutenant sich nach einem Glas Pilsener, so sehnt er sich nach seinem Stück Speck, das oben im Spind seiner harrt.

Als der Herr Gefreite nach zehn Minuten zurückkommt, geht er ganz bedeutend langsamer.

Das ist immer eine Sache, die tief blicken läßt.

„Nun?”

Leben oder Sterben hängt von der Antwort ab, denn länger kann er den Durst nicht ungestillt lassen — dann fällt er einfach um, das fühlt er.

„Nun?”

Ungeduldig kommt die Frage von seinen Lippen.

„Der Herr Hauptmann lassen dem Herrn Lieutenant sagen, der Herr Lieutenant möchten noch einen Augenblick Einzelgriffe machen lassen, der Herr Hauptmann wollten die Kompagnie noch sprechen, der Herr Hauptmann kämen sofort runter.”

„Wo ist der Herr Hauptmann denn?”

„Auf Kammer, Herr Lieutenant.”

Na, das ist gerade was Schönes — denn wenn ein Häuptling mit seinem Capitain d'armes auf der Kammer herumkriecht, hat er nur Interese für fünfte Hosen und vierte Röcke, etwas Anderes giebt es dann für ihn nicht auf der Welt — höchstens noch Motten, na, und wenn er eine Motte gefunden hat, dann hat er nicht einmal mehr für die fünften Hosen Interesse.

Als der Herr Lieutenant die Geschichte hört, macht er ein sehr erfreutes Gesicht, wie sich ein Jeder denken kann, der überhaupt denken kann.

Der Herr Premier will einen Selbstmord begehen — da er sich aber so schnell nicht über die Todesart einig werden kann, läßt er die Kerls Griffe kloppen.

Die Zeiger der Uhr gehen immer weiter, immer weiter, und plötzlich schlägt es elf Uhr.

Und bis halb neun Uhr sollte der Dienst nur dauern.

Der einzige Dienst, der länger dauern darf, als festgesetzt, ist der Minnedienst; sagt die Bertha: „Ach, Aujust, ick habe aber man blos fünf Minuten Zeit!” und sie bleibt nachher fünf Stunden, so ist das sehr schön, wenn auch die Bertha schön ist.

Sonst aber ist es scheußlich, wenn der Dienst nicht pünktlich aufhört.

Fünf Minuten wartet der Herr Lieutenant noch; in seinem Innern kocht es, er ist wüthend, rasend, er könnte seinen Häuptling kaltblütig lächelnd ermorden, er ballt die Fäuste, er rennt auf und ab wie ein wildes Thier, er knirscht mit den Zähnen und endlich nimmt er allen Muth zusammen, den er in der Westentasche bei sich trägt, und ruft den Leuten zu: „Achtung — tretet — weg.”

Eine Sekunde später ist keine Kommißhose mehr auf dem Kasernenhof zu erblicken.

So, nun mag der Hauptmann kommen.

Und er kommt und sieht sich verwundert um.

Der Herr Premier eilt ihm entgegen. „Ich habe mir erlaubt, die Leute wegtreten zu lassen; es ist jetzt elf Uhr — ich glaubte, der Herr Hauptmann würden nicht mehr kommen.”

„So, so,” sagt der Häuptling, „nun, es ist mir ganz recht, daß Sie eine kleine Pause gemacht haben, dann sind die Leute nachher frischer; ich wollte noch etwas durchnehmen, bitte, wollen Sie die Güte haben und veranlassen, daß die Kompagnie wieder heraustritt.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.”

Der Herr Lieutenant geht ins Kompagnierevier, um das Weitere zu veranlassen. Da begegnet ihm ein Kamerad.

„Kommen Sie mit ins Kasino?”

Bei dem Gedanken an das Kasino stöhnt der Herr Premier, daß es dem Anderen durch Mark und Bein geht.

„Was haben Sie denn nur?” fragt er theilnehmend.

„Mein Häuptling hat den Sonnenstich bekommen — vier geschlagene Stunden stehe ich nun schon auf dem Kasernenhof, aber das sage ich Ihnen, lange spiele ich nicht mehr mit, wenn nicht in fünf Minuten Schluß der Vorstellung ist, streike ich einfach.”

Dann geht er weiter, holt sich den Unteroffizier vom Dienst und läßt die Leute wieder heraustreten.

Wenig später steht die Kompagnie auf dem Kasernenhof.

Der Herr Hauptmann ergreift das Wort: „Ich möchte nur ganz schnell noch ein paar Sachen durchnehmen, die bei dem letzten Exerzieren nicht klappten — wenn Ihr Euch Mühe gebt, Leute, höre ich bald auf.

Bald ist ein dehnbarer Begriff — als ich Schüler war, prophezeite mir eine Wahrsagerin für die letzten fünf Groschen, die ich mir à conto meines geringen Kredits gepumpt hatte, ich würde bald Millionär sein, und ich bin es heute noch nicht, eine traurige Thatsache, die ich auf das lebhafteste beklage.

Auch der Herr Premier scheint der Ansicht zu sein, daß eine Ziehharmonika im Vergleich mit dem Worte „bald” ein ungeborner, todter und taubstummer Waisenknabe ist, denn er macht ein Gesicht, als hätte er eine Schüssel voll Gurkensalat gegessen, darauf sechs Kannen Pilsener Bier getrunken und dann, finis coronat opus, sechzig Schaumkuchen genossen.

Hat nicht einer der Leser zufällig etwas Opium bei sich? Mir wird schwach.

„Stillgestanden!”

Der Herr Premier hatte gedacht, er könnte sich die Sache als Herr von Ferne betrachten, aber da irrt er sich.

„Ich bitte einzutreten.”

Das geht dem Lieutenant denn doch über die Schnur des Hutes, den er nicht hat.

Was, erst statt anderthalb Stunden vier Stunden Dienst und nun, wo er denkt, daß es vorbei ist, auch noch eintreten, wo er immer auf das Wort „wegtreten” wartet? Das ist wirklich, um sich in die Dampfpfeife einer Lokomotive zu verwandeln.

Nun ist der schwere Augenblick gekommen: Sein oder Nichtsein? Strampeln oder Nichtstrampeln?

„Ich bitte einzutreten, Herr Lieutenant.”

Das klingt, um einen noch nie gebrauchten Vergleich anzuwenden, wie der Donner eines herannahenden Gewitters.

„Nun gerade nicht,” denkt der Lieutenant, und anstatt das Schwert zu ziehen, legt er die Hand an die Mütze und sagt: „Ich bitte, mich von dem Eintreten zu dispensiren, mir ist nicht ganz wohl.”

„Ich bitte einzutreten, Herr Lieutenant.”

Und ehe der Lieutenant weiß, wie es gekommen ist, steht der Herr Lieutenant mit gezogenem Schlachtschwert in der Front und auf das Kommano „Bataillon — marsch” wirft er seine Beine, daß er sich bei jedem Schritt über die Schulter hinweg mit der Stiefelspitze an den Rücken schlägt.

Der Streik ist beendet und lächelnd fragt der Hauptmann, als er endlich kurz vor ein Uhr Schluß macht: „Nun, Herr Lieutenant sind Sie nun wieder ganz wohl?”

Das ist nicht nett von dem Hauptmann, aber er fragt es und der Lieutenant antwortet: „Zu Befehl, Herr Hauptmann!”

Er ist so klein und weich, daß der Häuptling ihn sich um den kleinen Finger wickeln kann, um ihn bei passender Gelegenheit der Auserwählten seines Herzens als Ring zu überreichen.

Und die coeur–dame zieht ein schwarzes Sammetband durch den Ring, hängt ihn sich um den Hals, und wenn sie eines Tages bei der Morgentoilette genau hinsieht, merkt sie erst, daß sie nicht nur einen Lieutenant im Herzen, sondern auch einen auf dem Herzen trägt.

Noch von einem anderen streikenden Lieutenant möchte ich erzählen.

Der hatte einen Hauptmann, den er sehr gerne hatte, sie waren eng befreundet, beinahe gleichaltrig und duzten sich.

Eines schönen Morgens marschierte die Kompagnie zu einer Felddienstübung und der Premier ging neben seinem Hauptmann, der sein Rößlein ritt. Es war eine glühende Hitze, und als man die ersten zehn Kilometer im Magen hatte, verspürte der Herr Lieutenant bei der Lauferei einen ganz gewaltigen Durst.

„Weißt Du, Dicker,” wandte er sich an seinen Duzfreund, „wenn wir heute Mittag nach Hause kommen, könntest Du mich eigentlich auf eine Erdbeerbowle einladen.”

„Aber ich denke ja gar nicht daran,” entgegnete der Hauptmann, „wie soll ich wohl dazu kommen?”

„Du hast das höchste Gehalt.”

„Und Du bist ein reicher Kerl; weißt Du was — lad' Du mich auf die Bowle ein.”

„Ich? Das verbietet die Subordination — ein Untergebener wird nur von seinen Vorgesetzten eingeladen, aber er ladet sie nie ein.”

„Red' doch keinen Unsinn.”

„Sei nicht so geizig.”

„Willst Du nun die Bowle geben?” fragt der Hauptmann endlich.

„Denke ja gar nicht daran — ich streike.”

„Na, denn nicht.”

Und die ebenso humorvolle wie geistreiche Unterredung war hiermit beendet.

Das Exerzieren begann, es war heißer als heiß, und schon Schiller sagt, daß bei solchen Gelegenheiten von der Stirn rinnt der Schweiß.

Eine halbe Stunde hatte der Hauptmann en détail exerziert, da rief er seinen Premier zu sich heran:

„Hast Du Dir das nun überlegt, willst Du nun die Bowle geben?”

Ein mitleidiges Achselzucken war die Antwort.

Der Hauptmann zog den Säbel.

„Nanu?” fragt der Herr Premier.

„Ich bitte einzutreten.”

Dagegen giebt es keine Widerrede, nicht einmal unter Duzfreunden.

Von der Stirne heiß rannte der Schweiß, denn es war heiß.

Der Herr Premier schwitzte Blut.

Eine halbe Stunde war vorüber, da rief der Hauptmann wieder seinen Premier zu sich.

„Willst Du nun die Bowle geben?”

„Nein.”

„Dann bitte ich einzutreten.”

Und das Exerzieren ging weiter und alle halbe Stunde wiederholte sich dasselbe Spiel.

„Bowle?”

„Nein.”

„Bitte einzutreten.”

Als der Herr Premier drei Stunden im Sande herumgelaufen war, hatte er „die Nase voll”.

„Willst Du nun die Bowle geben?”

„Ja.”

„Ich bitte die Herren auszutreten — Kompagnie abrücken, nach Haus.”

Lächelnd schaute der Herr Hauptmann auf seinen dicken Premier, der zu Fuß neben ihm herkeuchte und sich aus den Nüstern von des Häuptlings Pferde Kühlung zublasen ließ.

„Sieh' mal, mein Sohn,” sprach da der Hauptmann zu dem um drei Tage jüngeren Kameraden, „einen guten Rath will ich Dir als Dein Vorgesetzter geben — Du mußt beim Militär nie streiken, niemals, dabei kommt für den Untergebenen nie etwas heraus, höchstens für den Vorgesetzten, wie in diesem Falle die Bowle.”

„Glaubst Du denn wirklich, daß ich die Bowle bezahle? Ich denke ja gar nicht daran.”

Und was sagte der Hauptmann? Der kommandirte einfach: „Kehrt marsch” — und zu dem Lieutenant gewandt, setzte er hinzu: „Dann fangen wir einfach noch mal von vorne an — dieses Mal lasse ich es mir aber von Dir schwören, daß Du berappen willst.”

Da fiel der dicke Premier uaf die Knie, erhob die Hände und flehte: „Hab' Erbarmen mit mir Armen; ich will bezahlen — freiwillig, ich schwöre!”

„Dann ist es ja gut,” meinte der Häuptling und vereint zogen sie der Erdbeerbowle entgegen.

Und Gleiches werde ich jetzt thun, denn ich bin zu einer Erdbeerbowle(1) eingeladen und gedenke nach gethaner Arbeit einen tiefen, tiefen Schluck zu thun.


Fußnote:

(1) Eine Erdbeerbowle paßt jahreszeitlich ja auch sehr gut zu dem Termin der Erstveröffentlichung dieser Plauderei in der Zeitung „Das Kleine Journal”.


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