Das stille Haus.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Bozner Nachrichten” vom 13.6.1895,
in: „Humoresken und
in: „Humoresken und Erinnerungen”


Mit allen Anzeichen der höchsten Wut und der tiefinnersten Erregung stürmte der Major a.D. Kratzer in seinem Wohnzimmer auf und ab, während seine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, am Fenster saß und das Gebaren ihres Gatten gar nicht zu bemerken schien.

„Es freut mich, lieber Theodor,” nahm sie endlich das Gespräch wieder auf, „daß wir einmal wieder einig sind.”

„Den Teufel sind wir einig!” brauste er auf, aber obgleich das Donnern seiner Stimme die Goldfische im Aquarium erschreckt Kehrt machen ließ, tat sie, als ob sie seine Worte gar nicht gehört hätte.

„Wie gesagt, es freut mich, lieber Theodor,” fuhr sie unbeirrt fort, „daß du mir auch dieses Mal recht gibst. Zwar kann ich mir ja vorstellen, daß dir allerlei Unbequemlichkeiten daraus erwachsen, aber bedenke auch, für mich ist ein Umzug —”

„Sprich das Wort in meiner Gegenwart nicht aus , ich denke gar nicht daran, diese Wohnung zu verlassen, die nicht den geringsten Fehler hat, in der ich mich drei Jahre glücklich gefühlt habe, und die dir nun plötzlich aus irgendeinem Grunde, wahrscheinlich, weil sie zu dicht an meinem Stammlokal liegt, nicht mehr gefällt.”

Aber auch dieser Ausbruch seines Zornes ging völlig spurlos an ihr vorüber, und ohne den Zwischensatz ihres Gatten zu beachten, vollendete sie ihren Satz: „nicht ohne viele Mühe und Arbeit.”

Er blieb vor ihr stehen, und, die Hände in die Tiefen seiner Jackettaschen vergrabend, brüllte er mehr, als er rief: „Weib, willst du mich rasend machen?”

Aber Frau Eulalia war heute wirklich taub, sie sah ihren Mann nicht einmal an und fuhr nicht einmal bei seinem Wutausbruch zusammen. Einen Augenblick starrte ihr Gatte sie noch an, dann stürzte er zur Tür hinaus, und laut jubelte sie: „Ich habe gesoegt!”

Sie kannte ihren Gatten ganz genau, in bald fünfundzwanzigjähriger Ehe hatte sie ihn wie ihr eigenes Ich erkannt, sie wußte: nun stürmte er in den Kreis seiner Freunde, die bei dem Frühschoppen versammelt waren. Ihnen würde er sein Leid klagen und fleißig trinken; aber je mehr er trank, desto nachgiebiger und weicher wurde sein Herz wieder. Und so geschah es.

„Eulalia, muß es denn wirklich sein?” fragte der Major mit schmeichelnder Stimme, als er zwei Stunden später heinkehrte, „muß es denn sein?”

„Gewiß,” bestätigte sie, „die jetzige Wohnung ist dem heutigen Komfort nicht mehr entsprechend, kein Gas, mangelhafte Wasserleitung, nur eine Mädchenstube —”

Resigniert unterbrach er sie: „Also schön! Wir ziehen um, natürlich wieder parterre?”

„Aber Theodor, wo denkst du hin, glaubst du, ich wollte in der neuen Wohnung nochmals das Gelaufe und Gerenne von sämtlichen Bettlern, Hausierern, Fisch- und Gemüsefrauen an meiner Haustür haben? Nein, parterre auf keinen Fall!”

„Also erste Etage?”

„Auch das nicht, lieber Theodor, bedenke, bei den modernen, dünngebauten Häusern hat man in der ersten Etage nicht nur den Lärm über sich, sondern auch unter sich, und die eine Treppe schützt uns nicht vor dem Besuch aller Handeltreibenden.”

„Also du meinst,” fragte er etwas kleinlaut, „zweite, dritte oder vierte Etage, obgleich ich, offen gestanden, für das Treppensteigen keine große Passion habe, mir ist alles, was an ,Alpines' erinnert, in den Tod zuwider.”

Sie winkte beruhigend mit der Hand. „Sorge dich nicht unnötig,” entgegnete sie, „so hoch gehen meine Wünsche nicht.”

„Aber Kind, ich verstehe dich nicht,” sagte er verwundert, „nicht parterre und nicht Etage? Willst du etwa mit mir in den Keller ziehen und ein Milchgeschäft eröffnen? Zwar sagte mir mein Vize neulich, man könne mit der Milch ganz gut verdienen, besonders wenn die Polizei einem nicht zu scharf auf die Finger sähe, aber es ist immer doch keine ganz standesgemäße Beschäftigung.”

„Aber Theodor, du bist manchmal wirklich zu sonderbar!” entgegnete sie, „um aber deiner Ungewißheit ein Ende zu machen, will ich dir schon heute verraten, daß ich ein reizendes kleines Haus gemietet habe, mitten im Garten gelegen und von hohen Bäumen umgeben.. Es ist so still und friedlich, wie man es sich nur wünschen kann; paß auf, nichts wird unsere Ruhe stören, kein Streit mit den Hausbewohnern und den Nachbarn wird dir deine Laune verderben; wie die Engel im Paradiese werden wir in dem stillen Hause leben.”

„Aber hast du denn neulich abends im Theater geschlafen, als wir das Lustspiel ,Zwei glückliche Tage'(1) sahen?” fragte er entsetzt.

„Lieber Theodor,” gab sie etwas spitz zurük, „ich schlafe nie. Übrigens ist es doch etwas ganz anderes, ob ich ein Haus kaufe oder miete. Denke einmal darüber nach, vielleicht wird es dir mit der Zeit klar werden.”

Sie wandte sich ab und ließ ihn mit seinen Gedanken allein. Also er hatte schon wieder einmal nachgeben müssen, aber er kannte seine Frau zu gut, jeder Widerspruch ihr gegenüber war nutzlos; was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, führte sie aus, denn sie war eine ebenso kluge wie energische Frau, unter deren Pantoffel er sich ganz wohl und glücklich fühlte. Nur zuweilen, wenn er zurückdachte an die Zeit, da er als Rittmeister die Eskadron kommandierte und die hundertfünfundzwanzig Husaren auf seinen bloßen Wink hin parierten, wallte das Blut heiß in ihm auf, und er machte einen Versuch, sich Achtung, Respekt und Gehorsam zu verschaffen, obgleich er im voraus wußte, daß es ihm „vorbeigelingen” würde. Er wußte es ganz genau, aber das Widersprechen konnte er nun einmal nicht lassen, das hatte er noch vom Militär her an sich, da hatte er auch immer widersprochen, wenn seine Vorgesetzten ihm etwas sagten, allerdings nur innerlich! Aber wie immer, ergab er sich auch heute mit Geduld und Fassung in sein Schicksal, und da die Sache nun doch einmal beschlossen war, machte er sich sofort, obgleich es bis zum Umzug noch vierzehn Tage Zeit war, an das Packen, indem er an seinen Zigarrenschrank trat, die in den verschiedenen kleinen Kisten enthaltenen Reste in eine Kiste zusammentat und dann per Postkarte aus Anlaß der bevorstehenden Mietsveränderung sich ein Mille neuer Zigarren bestellte. Ein Vergnügen wollte er doch wenigstens auch von dem Umzug haben.


Seit acht Tagen wohnte der Herr Major nun schon mit seiner Gattin in dem neuen Haus. Am Nachmittag war der letzte Handwerker mit einer unverschämten Bemerkung über das ihm zu gering dünkende Trinkgeld von dannen gegangen, und zum erstenmal saß das Ehepaar in dem schönen Eßzimmer an dem hübsch gedeckten Teetisch und gab sich voll und ganz der Freude über die neue Wohnung hin. Die Tür, die von dem Eßzimmer nach dem Garten führte, war geöffnet, und der Duft der blühenden Lindenbäume erfüllte das Gemach. Kein Laut, kein Geräusch war zu hören, kein Wagengerassel zu vernehmen, und das Klingeln der Pferdebahnen drang nicht bis zu dem Haus.

„Wirklich, Liebste,” begann der Major, „ich bin dir dankbar, daß du diesmal so fest auf deinem Willen bestanden hast. Es war ein kluger Gedanke von dir, hier zu mieten”

„Wie mich das freut, daß ich deinen Geschmack getroffen habe,” entgegnete sie, „warte nur ab, dir wird dies stille Haus von Tag zu Tag mehr gefallen. Du kannst dich hier ganz deinen Passionen hingeben, du kannst hier deine Blumen pflegen und deine Vögel hüten, soviel du willst, niemand wird dich darin stören, und wir werden hier in aller Ruhe nur füreinander leben, wie in den glücklichsten Jahren unserer Ehe, ich für dich und du für mich, nicht wahr, mein Theodor?”

Sie hatte ihm die Hand gereicht, die er zärtlich an seine Lippen führte. Da öffnete sich die Tür, und das Mädchen überreichte dem Hausherrn einen Brief; freudig ergriff er denselben: „Der erste Brief im neuen Haus, er wird uns Gutes bringen.”

Er öffnete das Kuvert und begann zu lesen, aber seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr, und mit einem Fluch warf er endlich das Schreiben auf den Tisch.

„Aber Theodor,” sagte seine Gattin in vorwurfsvollem Ton, „hier in unserem stillen Haus so zu fluchen!”

„Ach was,” unterbrach er sie, „da soll ein Heiliger seine Sanftmut behalten. Hier höre, was Tante Hanna, die wirklich mit jedem Tag verrückter zu werden scheint, schreibt:

„Lieber Theodor!

Zu meiner größten Freude ersah ich aus dem letzten Brief von Eulalia, daß Ihr umgezogen und Euch so ein hübsches, stilles, friedliches Häuschen gemietet habt. Lange schon war es mein Wunsch, Euch einmal zu besuchen, aber ich hätte diesen Vorsatz, den ich nun schon seit fünfundzwanzig Jahren hege, doch noch wieder aufgeschoben, wenn nicht mein alter Hausarzt energisch darauf bestände, daß ich einmal etwas auf Reisen ginge. Luftveränderung ist ja allen Menschen zuweilen ganz gut, und ich sitze nun bald zwanzig Jahre hier in dem alten, erbärmlichen Neste, in dem Droschken, Pferdebahnen und Gaslaternen unbekannte Größen sind. Ich möchte mich etwas erheitern und zerstreuen, so drei bis vier Wochen, und wüßte nicht, zu wem ich meine Schritte lieben hinwenden würde als zu Dir, der Du mir stets ein lieber und gehorsamer Neffe warst. Euch soll mein erster Besuch gelten, und ich hoffe, Ihr werdet Eure alte Tante, die morgen mittag um 4,37 Uhr mit dem Schnellzug eintrifft, freundlich aufnehmen.”

„Siehst du, das kommt von dem verwünschten Umziehen!” brauste der Major auf; „wären wir ruhig geblieben, wo wir waren, so wäre die alte Tante gar nicht auf den verruchten Gedanken gekommen, auf Reisen zu gehen. In aller Stille hätte sie bis an ihr Lebensende in Posemuckel weiter gelebt und uns bei ihrem Tode zu Erben eingesetzt. Ich hätte ihr einen Leichenstein gesetzt mit der Aufschrift: ,Selig sind die Toten', und alles wäre in bester Ordnung gewesen, aber so —”

„Du bist ungerecht wie immer,” unterbrach sie ihn, „bedenke, daß du selbst zu dem Umzuge deine Einwilligung gegeben hast.”

„I, was du sagst!” bemerkte er erstaunt, doch sie fuhr ruhig fort: „Aber darum handelt es sich augenblicklich ja gar nicht. Selbstverständlich müssen wir Tante Hanna — so unangenehm ihr Besuch ist — bei uns aufnehmen, und zwar mit aller Rücksicht und Freundlichkeit, die ihrem hohen Alter und ihrem großen Reichtum entspricht. Ich werde sofort mit Lene sprechen, natürlich müssen wir das Fremdenzimmer für Tante Hanna etwas bequemer einrichten, und auch sonst sind noch allerlei Anordnungen zu treffen, vielleicht ziehst du dich so lange auf dein Zimmer zurück.”

Es geschah, und bald darauf kündete ein ewiges Treppauf, Treppab den bevorstehenden Besuch an. „Mag der Himmel wissen, was es nur zu kramen und zu rumoren gibt!” stöhnte der Major, als über seinem sorgenschweren Haupte eine Kommode hin und her geschoben wurde, „weiß der Himmel, was es noch zu tun gibt, wo wir eben eingerichtet sind!”

Am nächsten Nachmittag hielt Tante Hanna ihren Einzug, und als sie das Haus betrat, wußte sie gar nicht, was sie vor Bewunderung alles sagen sollte. „Aber Kinder, so was gibt's ja auf der ganzen, weiten Welt nicht wieder, das ist ja herrlich, himmlisch und dabei so still und friedlich. Ach, hier werde ich mich wohlfühlen, gar keine Umstände werde ich euch machen, ganz beschaulich werde ich meine Tage verleben, ach, hier möchte ich sterben!”

„Das verhüte der Himmel!” stöhnte der alte Major. Aber die gute Tante, nicht ahnend, weshalb er so gottserbärmlich stöhnte, bot ihm gerührt die Wange zum Kuß, weil er ihr, obgleich sie doch die Erbtante wäre, den Tod noch nicht wünsche.

Tante Hanna hielt Wort, sie wollte gar keine Umstände machen. Alles besorgte sie selbst, sie machte sich selbst ihr Bett und räumte selbst ihr Zimmer auf. Nur eins durfte man nicht von ihr verlangen, daß sie von ihren gewöhnlichen Mahlzeiten abwich. Morgens um sechs Uhr trank sie regelmäßig ihren Kaffee, worüber das Dienstmädchen, das nie vor einhalb sieben Uhr aufzustehen pflegte, außer sich geriet. Um zehn Uhr, eine Stunde, nachdem der Hausherr seinen Tee getrunken hatte, aß sie zweites Frühstück, und um zwei Uhr, wenn der Major seit einer halben Stunde mit dem Gabelfrühstück fertig war, Mittag. Um fünf Uhr, eine Stunde vor der Dinerzeit, trank sie zum zweitenmal Kaffee, und abends um acht Uhr, wenn das Dienstmädchen eben mit Aufwaschen fertig war, mußte ihr der Tee serviert werden. Sonst beanspruchte sie für sich gar nichts, nur daß die beiden Ehegatten sie auf ihren Spaziergängen begleiteten, ihr die Sehenswürdigkeiten etwas zeigten und abends ihr etwas vorlasen. Aber trotz dieser Bescheidenheit war in dem stillen Hause, seitdem Tante Hanna dort eingekehrt war, der Teufel los. Das Mädchen kündigte jeden Tag dreimal, der Major war um seine Ruhe und Beschaulichkeit gebracht, und die Hausfrau konnte infolge der vielen verschiedenen Mahlzeiten Einnahmen und Ausgaben nicht mehr in Einklang bringen und bekam deshalb von ihrem Gatten, der siegreich die Kasse behauptet hatte und in Geldsachen sehr empfindlich war, manch böses Wort zu hören.

Und was das schlimmste war: Tante Hanna dachte gar nicht daran, wieder abzureisen, sie fühlte sich so wohl und glücklich, daß sie am liebsten immer hier geblieben wäre, wenn sie nicht selbst ihr eigenes kleines Haus besessen hätte. Sie war so zufrieden und heiter, daß ihr nichts fehlte, nicht, gar nichts, nur würde sie sich sehr freuen, wenn Theodor ihr den Gefallen täte, Tante Hannas jüngste Nichte mit ihren beiden kleinen Kindern auf einige Tage zu sich einzuladen; „ sie wohnten so schön dicht bei,” und die gute Grete — so hieß die Nichte —, die es auch nicht leicht hatte im Leben, würde sich gewiß freuen, wenn sie mit ihren Jungens einige Tage hier in diesem stillen, ruhigen Haus wohnen dürfte.

„Liebster, seien Sie mäßig im Trinken und hüten Sie sich vor jeglicher Erregung, sonst bekommen Sie eines Tages den schönsten Schlaganfall,” hatte ihm vor Jahresfrist sein Karlsbader Arzt gesagt; und es hätte in diesem Augenblick nicht viel gefehlt, so wäre er vom Schlage getroffen zusammengebrochen. Mit der größten Anstrengung bezwang er sich, er durfte die gute Tante nicht erzürnen, die anscheinend über ein weit größeres Vermögen verfügte, als er je zu hoffen gewagt, und die unbegreiflicherweise ihr Testament immer noch nicht gemacht hatte. So gab er denn seine Zustimmung und ging in sein Schreibzimmer, um selbst die Einladung zu besorgen, auf die eine telegraphische Zusage erfolgte.

Vierundzwanzig Stunden später traf Grete mit den beiden Säuglingen ein, der älteste war zwei Jahre, der jüngste sechzehn Wochen.

Freudestrahlend eilte Grete in Eulalias Arme: „Nein, es ist zu nett von euch, daß ihr uns auf einige Zeit aufnehmen wollt; und denk' dir mal, ich habe eine Überraschung für euch, bitte, sag' deinem Mann noch nichts davon, mein Fritz will versuchen, ob er sich nicht auf einige Tage freimachen kann, dann wollen wir alle ein paar vergnügte, lustige Tage in deinem stillen Haus verleben.”

Und in dem stillen, friedlichen Haus begann nun ein Rufen nach Kindertüchern, warmem Wasser, Soxhletflaschen, Gummisaugern und Wickelbändern, daß dem Major, dessen Ehe kinderlos war, die Haare sich sträubten. In seinem Wohnzimmer stand der Kinderwagen, und im Garten, gerade vor seinem Fenster, flatterten im Winde allerlei Tücher zum Trocknen.

Aber merkwürdig, während er selbst beständig dicht vor dem angedrohten Schlaganfall war, fühlte sein Besuch sich so wohl und munter wie nur möglich, und Tante Hanna und Frau Grete fanden nicht genug Worte für sein schönes, stilles Haus.

Doch ein gütiger Himmel sorgt dafür, daß die Leiden der Menschen auch einmal ein Ende nehmen. Früher, als man gehofft, fuhr Tante Grete mit den Kindern wieder von dannen, und Tante Hanna packte eines Abends ihren Koffer, weil sie plötzlich unbezwingliche Sehnsucht nach ihren eigenen vier Wänden überfiel.

Drei Tage waren der Major und seine Gattin nun wieder allein, und die Ruhe und der Friede, die jetzt in dem Hause herrschten, legten sich auch auf ihre Seelen und Gemüter und ließen sie die vergangenen Tage heiteren Sinnes beschauen.

Und wieder saßen sie, wie an jenem ersten Abend, an dem Teetisch zusammen. Der Herbst war herangekommen, kalt wehte der Wind, aber drinnen in dem Zimmer strömte der Ofen eine behagliche Wärme aus und ließ das unfreundliche Wetter vergessen. Da öffnete sich die Tür, und das Mächen überreichte dem Hausherrn einen Brief. Neugierig öffnete dieser das Kuvert und fing an zu lesen, aber mehr und mehr verfinsterten sich seine Züge, und mit einem gräßlichen Fluch warf er das Schreiben endlich auf den Tisch.

„Aber Theodor,” sagte seine Gattin in vorwurfvollem Ton, „hier in unserem stillen Haus zu fluchen!”

Aber döhnend schlug er mit der Faust auf den Tisch: „Der Teufel hole dies stille Haus, das in wenigen Tagen die reine Mietskaserne sein wird. Soeben schreibt mir meine Cousine Bella, Tante Hanna hätte ihr so viel von unserem stillen Haus erzählt, daß sie vor Neugier brenne, es kennen zu lernen. Sie bittet, uns besuchen zu dürfen, und hofft um so mehr auf eine bejahende Antwort, da sie hier mit Tante Elsbeth, die mit ihren beiden Töchtern uns ebenfalls zu besuchen gedenkt, zusammenzutreffen hofft.

Das aber sage ich dir,” fuhr er mit erhobener Stimme fort, „morgen kündige ich das Haus und suche eine neue Wohnung, parterre oder Etage, mir soll's gleich sein. Jede Wohnung wird mir recht sein, aber Gnade Gott dem Makler, der zu mir sagen wird: „Ich habe etwas ganz Besonderes für Sie — ein stilles Haus!”


Fußnote:

(1) Das Lustspiel „Zwei glückliche Tage” von Franz v. Schönthan und Gustav Kadelburg wurde in der Spielzeit 1893/94 (1.9.1893 - 1.6.1894) im Thalia-Theater in Hamburg aufgeführt. (Zurück)


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