Steckenpferde.

Humoristische Plauderei von Freiherr v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 357 vom 28.Dez. 1896 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


— Dieser Gedankenstrich bedeutet eine Stunde meines Lebens, während der ich am Sonntagmorgen bei einer herrlichen Henry Clay über die Vergänglichkeit alles Irdischen im Allgemeinen und über den Anfang dieser Plauderei im Besonderen nachdachte.

„Thun Sie mir die einzige Liebe und denken Sie nicht,” sagt der Korporal zu seinem Rekruten, wenn dieser eine Dummheit mit den Worten „Ich dachte” zu entschuldigen sucht.

Die größten Thaten und Erfindungen verdanken ihre Genesis meistens einem Zufall — bei langem Nachdenken ist selten etwas Gescheidtes herausgekommen, bei mir am heutigen schönen Sonntag Vormittag ein Gedankenstrich. Viel ist das ja zwar nun gerade nicht, aber doch immer noch mehr als gar nichts.

Und ich hatte mir vorgenommen, ein recht gutes Feuilleton — ein Weihnachts–Feuilleton zu schreiben, in dem es duftete nach Tannen und gebrannten Mandeln, Pfefferkuchen und Marzipan. Man sollte bei dem Lesen dieser Zeilen den brennenden Tannenbaum mit den vergoldeten und versilberten Aepfeln und Nüssen, den bunten Netzen und dem Zuckerwerk sehen. Ich wollte so poetisch sein, daß alle Familienväter glauben sollten, sie hätten alle Geschenke, mit denen sie die Ihrigen erfreut, gleich bezahlt — was wollte ich nicht Alles — aber schon Fritz Reuter sagt: „Min Söhn, nimm Di nix vör, denn geiht Di nix fehl.”

So will ich denn aufhören, von dem Weihnachtsfest zu sprechen — eine Weihnachtsgabe aber will ich mir herausgreifen, noch dazu eine, die in keinem Hause fehlt, in dem es Kinder giebt — das Steckenpferd. Es bildet das Entzücken aller Kinder, den Schrecken der Eltern — mit dem langen Holzstiel wird mit tödtlicher Sicherheit in den ersten vierundzwanzig Minuten ein vierundzwanzigfaches Unglück angerichtet — etweder wird(1) eine brennende Lampe damit umgestoßen oder das Rad am Ende des Stiels reißt ein Loch in den Teppich oder die Schüssel mit den Weihnachtskarpfen wird vom Tisch getoßen — ein Unglück passirt sicher.

In Julius Stettenheim's „Tausend Ein- und Zweizeiler”, denen ich so manche genußreiche Stunde verdanke, las ich das Wort: „Von allen Pferden sind die Steckenpferde die theuersten.”

Ich bitte den berühmten Humoristen um Verzeihung, wenn ich ihm nicht ganz beistimme: bei's Civil mag er Recht haben, aber bei's Militär hat er nicht Recht, denn die militärischen Steckenpferde kosten gar nichts. So kommt es auch, daß selbst die unberittenen Lieutenants ihr Steckenpferd reiten und daß die Vorgesetzten, auch wenn sie nur eine Ration beziehen, stets zwei Pferde reiten. Reiten? Nein, das ist nicht ganz richtig ausgedrückt, reiten thun sie nur das Steckenpferd — das andere, das vierbeinige, das wirkliche Pferd, lassen sie von dem Burschen bewegen, und wenn der Dienst es erfordert, setzen sie sich auch selbst einmal darauf — aber zwischen „reiten” und „daraufsitzen” ist ein verzweifelter — beinahe hätte ich gesagt: ein verfluchter Unterschied.

Geritten wird nur das Steckenpferd, das aber in allen Gangarten der hohen Schule.

„Ich melde mich ganz gehorsamst durch Regimentsbefehl vom gestrigen Tage zu der Kompagnie des Herrn Hauptmanns versetzt.”

Der Häuptling blickt auf den Lieutenant, der in strammer Haltung, den Säbel vorschriftsmäßig zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger der linken Hand haltend, die Rechte am Helm, vor ihm steht, und legt dann dankend die Hand an die Mütze.

„Es ist mir lieb, daß gerade Sie zu meiner Kompagnie kommen,” spricht er endlich. „Sie sind, wie ich weiß, ein hervorragend guter Marschierer, ich habe mich oft über Sie bei dem Parademarsch gefreut. Auch ich lege, abgesehen natürlich vom Schießen, den allergrößten Werth auf einen hübschen, korrekten Marsch. Wenngleich das Reglement uns ja genau vorschreibt, wie der Marsch sein soll, so möchte ich Sie dennoch bitten, ganz besonderen Werth auf die Fußspitzen zu legen. Keine hohen Fußspitzen — sondern fest die Dinger zur Erde niedergedrückt, keine Nägel von der Fußsohle dürfen zu sehen sein; ich will nicht gerade sagen, daß das mein Steckenpferd ist — aber ich lege darauf doch einen sehr, sehr hohen Werth.”

Und doch ist dies sein Steckenpferd, und daß es das ist, das erfährt der Lieutenant schon am nächsten Morgen, als er exerzieren läßt. Der Häuptling steht mit seiner Gemahlin, dem Feldwebel, im eifrigen Gespräch und regiert. Anscheinend kümmert er sich abolut nicht um das Exerzieren — aber plötzlich springt er mit der Geschwindigkeit und Geschicklichkeit eines Clowns, der einen doppelten Saltomortale durch einen brennenden Reifen macht, durch die Luft und steht seinem Lieutenant gegenüber.

„Herr Lieutenant, das geht so nicht weiter, ich sehe Ihnen nun schon eine Viertelstunde und länger zu, wie Sie den Dienst abhalten — aber Sie legen mir nicht genug Werth darauf, daß die Fußspitzen herunterkommen; sehen Sie nur mal den Meier an &mdash, alle Sohlennägel zeigen zum Himmel; Herr Lieutenant, das muß ganz, ganz anders werden, ich hatte Sie doch gestern gebeten, den Fußspitzen Ihre besondere Sorgfalt zu schenken.”

Er zieht brummend von dannen und läßt seinen Lieutenant in der rosigsten Laune zurück. Seit einer Stunde ruft er nun schon beständig: „Fußspitzen herunter; Kerls, drückt mir die Fußspitzen herunter; die Unteroffiziere müssen mir mehr darauf halten, daß die Fußspitzen heruntergenommen werden.”

Er ist heiser wie eine Krähe, die sich beim Aufhängen der Wäsche in ihrem Garten erkältet hat, dadurch, daß sie mit nackten Füßen ins Wasser trat — was soll der arme Lieutenant mehr thun, als immer ermahnen und ermahnen, zeigen, wie der Fehler zu vermeiden ist, und wieder und wieder ermahnen!

Endlich entfernt sich der Häuptling, er kann die Bummelei nicht länger mit ansehen, und der Lieutenant ruft sich die Mutter der Kompagnie herbei.

„Hören Sie mal, Feldwebel, das ist ja, um ein Zebra in einen Tintenfisch zu verwandeln, das halte der Teufel aus; wissen Sie was: lassen Sie nach Beendigung des Dienstes die Stiefel einmal ins Wasser stecken und die Dinger vorne so lange nach unten biegen, bis ihre Verlängerung nach dem Mittelpunkt der Erde zeigt, dann wird Europa wohl Ruhe haben.”

Aber lächelnd schüttelt der im Dienste ergraute Feldwebel sein Haupt: „Ach, Herr Lieutenant, wenn das was nützte, dann wären wir fein heraus. Unsere Stiefel stehen immer im Wasser — natürlich darf der Herr Hauptmann das nicht wissen, aber genützt hat es in all den Jahren nicht. Ich glaube, selbst wenn die Stiefel gar keine Spitze mehr hätten, sondern nur aus dem Absatz und der Hacke beständen, 'runtergedrückt werden müßten sie doch. Nehmen Herr Lieutenant ein Wort nicht übel — Herr Lieutenant sprachen vorhin vom Zebra: ein Steckenpferd ist genau solch ein Thier wie ein Zebra — beide lassen sich nicht bändigen, eigentlich aber ist ein Steckenpferd ein noch viel boshafteres Thier; als ich neulich mal auf Urlaub in Berlin war, habe ich im Circus Busch vier gezähmte Zebras gesehen, aber ein gezähmtes Steckenpferd — das giebt es mein Lebtag nicht! Da lassen der Herr Lieutenant sich nun man keine grauen Haare nicht darüber wachsen — alle Herren Offiziere, die hier bei unserer Kompagnie standen, haben sich alle mächtig über das Steckenpferd des Herrn Hauptmann geärgert, aber das giebt sich.”

„Na, mir soll's recht sein,” denkt der arme Lieutenant und in Zukunft läßt er das Steckenpferd des Häuptlings rasen und toben, vorne und hinten ausschlagen, so viel es will — treffen läßt er sich von den Hufen nicht mehr.

Wie der eine Häuptling das Steckenpferd der „Fußspitzen” reitet, reitet ein zweiter das der richtigen linken Handstellung, ein dritter das des an den Kragen herangenommenen Kinnes, ein vierter das der Fußstellung.

(2)Das sind die harmlosen Steckenpferde.

Es giebt aber auch bösartigere Thiere.

Da hat ein Häuptling das Steckenpferd, daß seine Lieutenants bei jedem Appell zugegen sein müssen. Horribile dictu, das heißt auf Deutsch: Gott sei dem Sünder gnädig.

„Ich weiß sehr wohl, meine Herren,” spricht der Hauptmann, „daß ich Ihnen dadurch Ihre ohnehin sehr knapp bemessene freie Zeit sehr beschneide, aber glauben Sie mir, Sie werden es mir später, wenn Sie einmal Hauptmann sind, sehr danken.”

„Und wenn ich nun nicht Hauptmann werde?” denken die Lieutenants und einer, der sich in den Mußestunden mit der Literatur beschäftigt, zitirt im Geiste Hamlet's Wort: „Es weht ein scharfer Wind, Horation.”

Die Lieutenants wären jetzt lieber frei als später dankbar — so ist es auf der ganzen Welt, die Jugend weiß das Gute, das ihr geboten wird, nicht zu schätzen.

Die Kompagnie ist mit den fünften Hosen zum Appell angetreten. Der Häuptling empfängt die Meldung, daß achtzig Mann und neunundneunzig Hosen zur Stelle sind, die hundertste ist beim Schneider und die anderen sind „abkommandirt”, natürlich mit den zu den Hosen gehörigen Leuten.

„Ich werde zunächst die Hosen nachsehen,” spricht der Häuptling, „dann bitte ich Sie, Herr Premier, nachzusehen, ob ich etwas übersehen habe, und dann,” zu dem Sekonde gewandt, „sind Sie vielleicht auch noch so liebenswürdig, die Hosen einmal nachzusehen. Sehen ist eine große Kunst, meine Herren, die will geübt sein.”(2a)

Der Hauptmann beschaut sich jede Hose von oben nach unten, von unten nach oben, von innen und von außen und von außen und von innen.

Lumpenappell ist nun 'mal sein Steckenpferd.

Nachdem er die königlichen fünfte zur Genüge beschaut und berochen — und die königliche fünfte Garnitur riecht gerade nicht wie Opoponax, aber doch so ähnlich — giebt er sie dem Herrn Premier in die Hände und dieser dann dem Herrn Sekonde.

Natürlich sehen die beiden Lieutenants nur, was der Herr Hauptmann auch schon gesehen hat — nur riechen sie vielleicht etwas mehr, wenn ihre Nase feiner ist.

Würden sie mehr sehen als ihr Häuptling, so würden sie belehrt werden, daß man sich nicht auf Kleinigkeiten verbeißen dürfe oder so ähnlich.

Nach einer Stunde ist die Lumpenparade beendet und der Herr Premier und der Herr Sekonde gehen nach Haus mit dem Bewußtsein, für ihren „Thali” rsp. für ihre „zwei Meter und bummsig” dem Staate einen großen Dienst geleistet und sehr viel gelernt zu haben.

Wie es heimtückische und niederträchtige Gäule giebt, so giebt es auch niederträchtige Steckenpferde.

Ich kannte einen Oberst, dessen Steckenpferd es war, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen.

Natürlich war er dann schon, auch im Winter, Morgens um sieben Uhr in der Kaserne, und wenn der Herr Oberst schon um sechs aufsteht, kann doch der Herr Major nicht um neun Uhr aufstehen und der Häuptling kann dann doch nicht, wie er so gerne möchte, bis um zehn Uhr im Bett bleiben — so machte er denn jeden Morgen das ganze Offizierkorps mobil. Und wenn der Herr Oberst um sieben Uhr in der Kaserne erscheint, dann muß der Herr Major doch mindestnes fünf Minuten vor ihm da sein und der Herr Hauptmann wieder wenigstens fünf Minuten vor dem Herrn Major und der Lieutenant doch mindestens fünf Minuten vor seinem Häuptling.

So fing für den armen Lieutenant der Dienst im Winter, der um sieben Uhr begann, stets schon um drei Viertel sieben(3) an.

Das war erstens unangenehm und zweitens peinlich, aber es war nichts dagegen zu machen — niederträchtige Gäule kann man mit Strychnin vergiften, wenn man sie nicht in die Wurst thut, Steckenpferde aber leben ewiglich.

Es giebt Vorgesetzte, die statt auf ihren Gäulen, stets auf ihren Untergebenen herumreiten.

Das sind die allerschlimmsten Steckenpferde — „quo nihil pejus cogitari possit”, sagt der Römer und der lateinkundige Sextaner übersetzt es ohne Anstoß und sagt: „Das ist einfach 'ne Gemeinheit.”

Die Vorgesetzten sagen zu ihrer Entschuldigung, sie hätten keine Geruchsnerven — dafür kann man sie nicht verantwortlich machen und kann es ihnen im Grunde genommen auch nicht übelnehmen, wenn sie den einen oder den anderen ihrer Untergebenen „nicht riechen” können.

Manche Vorgesetzte reiten auch das unangenehme Steckenpferd, zu jedem Dienst Alles eintreten zu lassen, d. h. Alles, was zwei Beine hat, mögen sie auch noch so krumm sein, muß mit. Besonders unangenehm ist dies natürlich für die Lieutenants, die Mittags, wenn sie nach Haus kommen, dann eine schmutzige, kalte Stube vorfinden, weil der Bursche den Dienst hat mitmachen müssen.

(4) Irgendwo im deutschen Vaterland passirte bei solcher Gelegenheit einmal eine sehr niedliche Geschichte.

Ein etwas älterer Reserve-Lieutenant war zu einer achtwöchentlichen Uebung einberufen worden, und da diese in den heißen Sommer fiel, er des Laufens und Marschierens aber unkundig war, hatte er sich mit Genehmigung des Regiments–Kommandeurs beritten gemacht.

Dienstlich berittene Offiziere haben dienstfreie Burschen, da der gute Reserve–Lieutenant aber nicht dienstlich, sondern nur zu seiner Bequemlichkeit beritten war, hatte der Häuptling befohlen, daß der Bursche zu jedem Dienst eintreten sollte.

Als die Kompagnie eines schönen Morgens angetreten war, um zu einer Felddienstübung abzurücken, meldete der Reserve–Lieutenant, als ältester Offizier, dem Hauptmann.

„Ist Alles da, was da sein kann?” fragte dieser.

„Mein Bursche fehlt noch, Herr Hauptmann, er holt mein Pferd.”

Der Häuptling machte ein ärgerliches Gesicht — sagte aber nichts.

Zwei Tage später wiederholte sich die Szene.

Der Häuptling machte ein wüthendes Gesicht — sagte aber nichts.

Als sich aber, wieder zwei Tage später, dieselbe Szene wiederholte, konnte der Häuptling das, was er auf dem Herzen hatte, nicht mehr bei sich behalten.

„Herr Lieutenant,” brauste er auf, „daß Sie bei den Uebungen reiten, kann ich Ihnen nicht verbieten — wohl aber, daß Ihr Bursche jeden Morgen zu spät zum Antreten kommt. Ihr Bursche tritt von jetzt ab gleichzeitig mit seiner Korporalschaft an — wie Sie Ihr Pferd herbekommen, ist Ihre Sache.”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.”

Am nächsten Morgen meldete der Lieutenant dem Hauptmann wieder die Kompagnie.

„Ist Alles da, was da sein kann?” fragte dieser.

„Zu Befehl.”

„Nun, da können wir ja abmarschieren. Wo haben Sie Ihr Pferd?”

„Das kommt gleich, Herr Hauptmann.”

Und in demselben Augenblick erschien auf dem Kasernenhof das treue Schlachtroß — geführt und geleitet von einem sehr jugendlichen, sehr hübschen und sehr chic angezogenen Dienstmädchen.

Tableau.

Zwischen dem Häuptling und seinem Lieutenant kam es auf dem Marsch zu einer sehr erregten Aussprache, aus der der Lieutenant aber als Sieger hervorging, denn sein Bursche war von diesem Moment an dienstfrei und das schöne Dienstmädchen wurde zum großen Leidwesen der ganzen Kompagnie nie wieder auf dem Kasernenhof gesehen.

Bösartig sind auch die Steckenpferde, die sich einbilden, keine zu sein.

Der neu ins Regiment versetzte Häuptling hat seine Lieutenants um sich versammelt und hält ihnen eine lange Rede, nach welchen Grundsätzen und Prinzipien er seine Unterthanen zu beglücken gedenke.

„Ueber einen Punkt, meine Herren, möchte ich Sie aber gleich von vornherein beruhigen: ich bin kein Steckenpferdreiter. Aus der Zeit, da ich noch selbst Lieutenant war, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schrecklich es ist, wenn der Hauptmann” — Hauptleute nennen sich selbst nie Häuptlinge — „ein Steckenpferd hat und das nun den ganzen Tag tummelt.”

„Ein verständiger Knabe,” denken die Lieutenants, als sie entlassen sind und dem Kasino zustreben, „der Mann hat verständige Ansichten, das lass' ich mir gefallen.”

Man soll den Tag aber nicht(5) vor dem Abend loben und den Vorgesetzten nicht, bevor er seinen Abschied eingereicht hat, man kann nie wissen, was sich da noch Alles entwickelt.

Am nächsten Morgen stehen die Lieutenants auf dem Kasernenhof und sehen sich hinter dem Rücken ihres Hauptmanns mit entsetzten Gesichtern an: Der Häuptling hat wahr gesprochen, er hat nicht ein einziges Steckenpferd, nein, er hat sie alle, alle, alle — alle, die es giebt, und ein paar neue hat er sich selbst angefertigt, einen ganzen Marstall voll.

„Sehen Sie einmal, meine Herren die Haltung der Nase, ich finde, darauf wird im Allgemeinen zu wenig Werth gelegt. Die Nase soll genau über der Knofreihe stehen — ich sage „sie soll”, aber, meine Herren, sie thut es fast nie. Zeigt die Nase aber nach rechts oder nach links, dann ist die ganze Kopfhaltung schief und darum bitte ich Sie, meine Herren, wenden Sie den Nasen der Leute Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zu.”

„Und dann, meine Herren, der Haarschnitt. Das Haar soll, der Vorschrift gemäß, so geschnitten und gekämmt sein, daß es an jedem Ohr eine Sechs bildet. Wir Offiziere sind ja alle keine Analphabeten, aber ich glaube, daß nur Wenige von uns aus den Haarbüscheln, die die Leute am Ohr haben, eine Sechs zu entziffern vermögen. Bitte, meine Herren, halten Sie darauf mit aller Strenge.”

So geht das eine ganze Stunde hindurch, auf Alles legt der Häuptling ein ganz besonderes Gewicht, auf Alles bittet er seine Offiziere ganz besonders zu achten.

Aber Steckenpferde? Nein, die hat er nicht.

Gott schütz'!

Aber nicht nur die Vorgesetzten, sondern überhaupt jeder Offizier hat sein Steckenpferd, das sich aber erst zur vollen Blüthe entwickelt, wenn aus dem Untergebenen ein Vorgesetzter geworden ist.

Mit diesen „Subaltern-Steckenpferden” mich eingehender zu beschäftigen, halte ich unter meiner dichterischen Würde.

Von einem Steckenpferd aber möchte ich noch erzählen, das selten, sehr selten ist, ich habe es nur bei einem Herrn kennen gelernt.

Der Häuptling klagte darüber, daß seine Leute geistig nicht frisch genug wären — ihre Intelligenz zu wecken, machte er zu seinem Steckenpferd.

Die Idee war ja so übel nicht, aber die Ausführung ließ viel zu wünschen übrig.

Jeder, der einmal bei der Infanterie gedient hat, weiß, daß die Kompagnie zu zwei Gliedern der Größe nach antritt und dann in drei gleich starke Züge eingetheilt wird.

Meinem Häuptling, bei dem ich mein Jahr „abriß”, gefiel das nicht — er meinte, die Leute würden dann denkfaul, wenn sie sich jeden Tag mechanisch auf denselben Platz stellten.

Ich weiß es noch wie heute und doch sind es Jahrzehnte her.

Wir waren zum Exerzieren nach dem „kleinen Platz” gerückt und übten da das Schützengefecht. Die ganze Kompagnie war in- und durcheinander geworfen.

Der Häuptling wollte seine Kompagnie sammeln, aber anstatt zu kommandiren: „Sammeln!” rief er: „Zu zwei Gliedern antreten, und zwar: die Tischler auf den rechten Flügel — mit einem Schritt Zwischenraum, daneben die Schuster und Schneider — daneben die Schornsteinfeger — daneben die Maurer und Hausknechte — dann die Schlächter, Schmiede und Töpfer — und auf dem linken Flügel die Grünwaarenhändler.”

Ein mächtiges Halloh entstand und als Gott den Schaden, der Häuptling aber seine Kompagnie besah, bestand diese nur aus Schornsteinfegern.

Für diesen Tag gab der Häuptling das Rennen auf, aber so lange er noch den bunten Rock anhatte, dachte er, allerdings erfolglos, darüber nach, wie er die Intelligenz heben könnte.

„Bist Du noch nicht bald fertig,” ruft mir meine Frau zu, die mit meinem Jungen, während ich dies schreibe, in mener Stube spielt, „wir müssen ja zur Stadt und Weihnachts­besorgungen machen.”

„Was wünschst Du Dir denn, Junge,” frage ich meinen Sohn und Erben.

„Ein Eckenerd, Papa.”

„Was für ein Ding?” frage ich.

„Er meint ein Steckenpferd,” erklärt meine Frau.

Kraftlos breche ich zusammen — ich schreibe gegen die Steckenpferde und mein Junge wünscht sich ein Steckenpferd.

Da kann er lange warten — ich schenke ihm keins und ich bitte euch, die mir so freundlich gesinnten Leser des „Kleinen Journals”, ihm keins schenken zu wollen.(6)

Sein Steckenpferd wird sich schon mit der Zeit historisch entwickeln.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung fehlt das Wort „wird”. (zurück)

(2) In der Buchfassung — außer in der ersten Auflage von 1897 — fehlt der Text von Fußnote 2 bis zur Fußnote 2a. Das ist im Satzspiegel der Auflagen des Globus-Verlages genau eine Druckseite. (zurück)

(3) In der Buchfassung — außer in der ersten Auflage von 1897 — heißt es hier „sechs”. (zurück)

(4) An dieser Stelle steht in den Ausgaben des Globus-Verlages diejenige Textseite, die bei Fußnote 2 fehlt. (zurück)

(5) In der Buchfassung — außer in der ersten Auflage von 1897 — heißt es: „Man soll den Tag nie vor dem Abend loben”. (zurück)

(6) In der Buchfassung fehlt der Satzteil „und ich bitte euch, die mir so freundlich gesinnten Leser des „Kleinen Journals”, ihm keins schenken zu wollen”. (zurück)


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