Das Stachelschwein.

Humoreske von Freiherrn v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 191 vom 13. Juli 1896 und
in: „Türke und Stachelschwein”


Um geliebte Todte zu klagen und zu weinen, ist unmännlich — ihrer aber in Wehmuth und Liebe zu gedenken, ist nicht nur erlaubt, sondern, wenn man kein Botokude, durch Natur und Veranlagung geboten. Ein solcher lieber Todte, dessen Jeder, der jemals den bunten Rock trug oder ihn gar noch trägt, mit einer halben Thräne in jedem Augapfel und betrübten Herzens gedenkt, ist das alte Exerzierreglement. Hier ist nicht der Platz, zu untersuchen, inwiefern es sich überlebt hatte — genug, es starb; le roi est mort, vive le roi! — ein neues trat an seine Stelle, das gewiß viel besser ist als sein Vorgänger — aber etwas ging mit dem alten Reglement zu Grunde, um mit dem neuen nicht in derselben Art wieder aufzuerstehen — das ist zum großen Theil das, was man mit dem Worte „Schneid” bezeichnet.

Ich erinnere nur daran, wenn früher, zu den Zeiten des hochseligen Kaisers Wilhelm, die Wachtparade aufzog. Von Weitem, von der Friedrichstraße her, war die Musik zu hören, ein freudiges Gemurmel ging durch die Tausende, die täglich des Anblicks ihres geliebten Kaisers harrten: „Sie kommen, sie kommen.” Immer näher erklang die Musik, immer stiller wurde die Menge — dann das scharfe, helle Kommando: „Faßt das Gewehr an! — Augen rechts!”

Durch das Hurrah, mit welchem man den an das Fenster tretenden Kaiser begrüßte, drang der „Krach”, mit dem die Garden das Gewehr in die rechte Schulter setzten. Man hörte es „bummsen” und unwillkürlich faßte der Zuschauer nach seiner rechten Schulter, als spüre auch er dort die blauen Flecke, die der Griff hervorgerufen hatte. „Schneid” saß drinnen, mächtig viel „Schneid”. Wo ist der schöne Griff geblieben? — schön auch schon deshalb, weil man mit ihm faule Soldaten so schön „zwiebeln” konnte. Selbst der strammste pommersche Bauernjunge wurde klein wie ein neugeborenes Kind, wenn er eine halbe Stunde Parademarsch mit „Gewehr auf” geübt hatte.

So Vieles ging für immer verloren, gar Manches änderte Form und Gestalt und zu diesen letzteren gehört das Stachelschwein. Welcher Soldat der guten alten Zeit erinnert sich nicht noch mit Freuden des dreigliedrigen Bataillonskarree? Das Seitengewehr wurde aufgepflanzt, die Gewehre an die Hüften genommen, die Bajonette drohten und starrten nach allen vier Himmelgegenden — man stand da wie ein Stachelschwein, das die Borsten sträubt, um den Feind abzuwehren, und dieser Aehnlichkeit verdankte das Bataillonskarree seinen Namen. Es gab keine Formation, die so schwierig war wie diese — es ist viel einfacher, ein Reichstagsgebäude aufzubauen, als in früheren Jahren ein Bataillonskarree; da durfte es keine Lücken und Löcher geben — jeder Mann hatte seinen bestimmten Platz, ebenso die Unteroffiziere und die Spielleute, und wenn mal ein Mann fehlte, dann ging die Sache eben nicht.

Bei dem neuen Reglement(1) verwandelte sich das Bataillonskarree in das unendlich viel einfachere Kompagniekarree — der Mann(2) aber blieb, und wie fast jede Kompagnie ihren Hund oder ihre Katze hat, so hat auch jede Kompagnie ihr Stachelschwein.

Reglements können durch Befehle geändert werden, nicht aber ebenso die Menschen, die mit dem Reglement zu thun habe; so am es, daß in dem Uebergangsstadium, namentlich in den höheren Chargen, gar Mancher ging, der sich an das Neue nicht mehr gewöhnen konnte.

Als ich mein Jahr als Einjähriger diente, war das neue Reglement eben eingeführt worden: wir selbst hatten ja nur die Annehmlichkeiten davon, unsere Vorgesetzten aber verwünschten das Buch nach allen Richtungen der Windrose. Ganz besonders galt dies von unserem Major v. Schnarrwitz; er war ein begeisterter Anhänger des alten Reglements und ein Soldat wie er sein soll. Er hatte die Feldzüge gegen Oesterreich und Frankreich mit Auszeichnung mitgemacht und mit Stolz und Freude erzählte er davon, wie die Truppen geschlossen mit tambour battant gegen den Feind herangerückt wären. Nun gab es nur noch Schützenlinien — Schützen waren die Hauptsache, Schützen, die einst unter dem Großen Kurfürsten in so geringem Ansehen standen, daß sie an keiner Parade theilnehmen durften. Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen.

Was den Major v. Schnarrwitz aber um seinen ganzen Witz brachte, so daß wenigstens für uns Einjährige nur ein beständiges Schnarren übrig blieb, war, daß das alte Stachelschwein ausgestorben war. Er weinte ihm mehr als eine Thräne nach, es war sein Lieblingsthier gewesen, er hatte es gehegt und gepflegt, gewartet und geschützt, sein Stachelschwein war berühmt gewesen im ganzen Armeekorps wie bei anderen Offizieren seltene Hunde und besonders schöne Pferde. Sein Bataillonskarree hatte immer gestimmt — da war auch nicht das kleinste Loch gewesen, durch das man hätte hindurchsehen können, nicht einmal mit den schärfsten Blicken war es zu durchdringen gewesen, geschweige denn, daß der Feind dies mit seinen Lanzen und Säbeln vermocht hätte — im Felde hatte er allerdings nie Gelegenheit gehabt, den Gegener in dieser Formation abzuwehren, aber im Frieden, auf dem Exerzierplatz, waren alle Angriffe der durch einige mit weißen Flaggen „bewaffneten” Infanteristen markirten Kavallerie elendiglich an seinem Stachelschwein zu Grunde gegangen.

Und nun war es todt; ein Kind, ein kleines, zartes, holdes Kindchen, das Kompagniekarree, hatte es sterbend hinterlassen, wer konnte es ihm verdenken, daß er nun seine ganze Liebe dem zarten Kinde übertrug — bedurfte es doch der Pflege — daß er nur für dieses Kind Interesse hegte?

Sobald die Kompagnien draußen im Gelände zu exerzieren begannen, war der Major die ganze Zeit als Zuschauer auf dem Exerzierplatz, und sobald er an eine Kompagnie herangeritten kam und der Hauptmann ihm gemeldet hatte, war seine erste Frage stets: „Haben Sie heute schon die Karreeformation üben lassen?” und er war glücklich wie ein kleines Kind, wenn er ein „Nein!” zur Antwort erhielt. Seine Freude aber kannte keine Grenzen, wenn das Verhalten des Häuptlings ihm Gelegenheit bot, selbst einzugreifen und selbst das Kommando zu übernehmen.

„Formiert das Karree. Karree fertig.”

„Nochmal zurück — die Sache muß viel flinker gehen.”

„Formiert das Karree — Karree fertig.”

„Was ist das hier wieder für ein Loch — da kann ja die ganze französische Kavallerie geschlossen hindurchreiten — ganz fest zusammengeballt muß das Karree dastehen — sehen Sie, so, Herr Hauptmann,” und mit jugendlicher Elastizität sprang er vom Pferde und schob jeden einzelnen Mann dahin, wohin er ihn haben wollte.

War er bei der einen Kompagnie fertig, so eilte er zur zweiten und zur dritten und von dort zur vierten, um dann wieder bei der ersten anzufangen, um sich davon zu überzeugen, ob die Kerls die Sache nun endlich begriffen hätten.

„Kerls, wenn Ihr dies nicht mal begreift, wie wäre dann früher das Bataillonskarree in Eure Schädel hineingegangen.”

Wenn er also sprach, fiel der Häuptling beinahe vom Pferde vor Schrecken, denn mit tödtlicher Sicherheit kam jedesmal eine lange Rede über das Einst und Jetzt — jeder Redner will, wenn er geendet, als Antwort einen Beifallssturm seiner Zuhörer haben; beim Militär ist das anders und ihnen ist die größte Blamage, die einem Redner zu Theil werden kann, für seine Worte nur eisiges Schweigen zu ernten, völlig unbekannt — sie reden, noch mehr als andere Redner, nur zu ihrem Vergnügen, und da keine Glocke des Präsidenten sie mahnt, bei der Sache zu bleiben und die Zuhörer nicht zu ermüden, reden sie ewig und drei Tage. Hatte Major v. Schnarrwitz nun so die Kompagnie todtgeredet und sein geliebtes Stachelschwein zu Tode gehetzt, ritt er vergnügt von dannen, um am nächsten Morgen sich wieder pünktlich einzustellen. Ein Ende dieser Passionszeit war überhaupt nicht abzusehen.

Da fügte es der Himmel, daß ein Herr v. Stark zu einer achtwöchentlichen Uebung eingezogen wurde; er machte seine erste Hauptmannsübung, bekam als solcher die Führung einer Kompagnie, und zwar in dem Herrn Major v. Schnarrwitz unterstellten Bataillon. Es giebt nur wenig Reserve- und Landwehroffiziere, die wirklich etwas leisten — dazu ist das Gebiet, das sie beherrschen sollen, zu groß, die Zahl und die Zeit der Uebungen zu klein — zu diesen wenigen aber, die nicht nur berufen, sondern auch ausersehen sind, gehörte Herr v. Stark entschieden nicht, seine einzige Stärke bestand in seinem Namen.

Gleich am ersten Mittag, als der Hauptmann der Reserve sich meldete, hielt ihm der Major eine lange Vorlesung über das neue Reglement im Allgemeinen und über die Vorzüge des alten im Besonderen, „und ganz besonders, Herr Hauptmann, lege ich Ihnen das Stachelschwein an das Herz,” schloß der Redner, und da Herr v. Stark diesen Ausdruck in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, ihn auf jeden Fall aber wieder vergessen hatte, machte er ein furchtbar dummes Gesicht, sagte wie stets, wenn man absolut nichts weiß: „Zu Befehl!” und ging ins Kasino, wo gute Freunde ihm den Ausdruck erklärten.

In aller Frühe rückte Herr v. Stark am nächsten Morgen mit seiner Kompagnie ins Gelände, damit er wieder zu Haus wäre, bevor Herr v. Schnarrwitz, der sich am Abend vorher bei dem Antrittsessen der eingezogenen Reserveoffiziere ziemlich die Nase begossen hatte, aufgestanden wäre. Trotz seiner Thierliebhaberei hatte der Herr Major aber noch nie in seinem Leben einen Kater gehabt — so ritt er denn auch schon, als der Hauptmann mit seiner Heldenschaar angerückt kam, ungeduldig auf dem Exerzierplatz hin und her und war, wie er sich ausdrückte, gerade im Begriff gewesen, wieder nach Haus zu reiten, weil er geglaubt hatte, der Häuptling käme heute nicht mehr. Und dabei war es fünf Uhr Morgens.

Schrecklich ist es, wenn man Nachts nicht schlafen kann— wie sagt doch der Dichter:

„Jemanden erwarten, ihn nicht kommen sehen,
Sich ruhelos im Bette drehen,
Nach langem Dienst nicht vorwärts rücken,
Das sind drei Dinge zum ersticken.”

Wenn man aber Vorgesetzte hat, die Nachts nicht schlafen können, so ist das einfach, um die Leute zu erwürgen — das sollte Herr v. Stark an diesem Morgen auch erfahren.

Der gute Häuptling hatte einen mordsmäßigen Jammer: er befand sich in jener Stimmung, in der man dem Burschen, wenn er weckt, eine Million verspricht, wenn er Einen nur noch eine Minute im Bett läßt; in der man einen Nachdurst hat, daß man, ohne seinen Durst auch nur im Geringsten zu löschen, den indischen Ozean mit allen in diesen mündenden Flüssen leer trinkt; in der man es unbegreiflich findet, wie man eine Cigarre rauchen kann; in der man bei dem Gedanken an dem am Abend vorher zu reichlich genossenen Kloß und Förster einen Kloß im Halse verspürt und doch voller Ungeduld die Sekunden zählt, bis man das erste kalte Glas Sekt zischend in den Abgrund gießen kann.

Primaner wünschen, wenn sie sich in einem solchen oder ähnlichen Zustand befinden, stets, daß die Schule abbrennen möchte.

„Wir müssen nun wohl anfangen,” sagte der älteste Lieutenant zu dem verzweifelt auf seinem Pferde sitzenden Hauptmann, „der Herr Major hat schon ein paar Mal nach der Uhr gesehen, wie lange das Austreten dauert; je eher daran, desto eher davon.”

„Der Her sei mit mir,” sprach der Häuptling, „was machen wir denn nur?”

„Der Herr Hauptmann können ja zuerst en détail exerzieren lassen: Einzelmarsch, einzelne Griffe — vielleicht wird dem Herrn Major das so langweilig, daß er bald wieder fortreitet.”

Das war zwar unwahrscheinlich, aber es war doch immerhin möglich, und so wurde denn en détail exerziert.

Eine Viertelstunde — dann noch eine, dann noch eine halbe, weil es so gut ging, und schließlich noch eine halbe, weil es die letzte halbe Stunde nicht so gut ging wie in der ersten.

Der Major sah ruhig zu, er dachte: „Wie wird das wohl enden?” aber als es gar nicht endete, rief er mit seiner schnarrenden Stimme: „Herrrrr Hauptmann v. Stark, darrrf ich bitten?”

„Derr Herr Major befehlen?”

Der Gerufene versuchte, seinen Gaul in vorschriftsmäßige Galoppsprünge zu bringen, als ihm dies aber nicht gelang, ritt er in sausendem Schritt auf den Vorgesetzten los.

Die Unterredung, die die beiden Herren mit einander hatten, war nicht sehr lang — wohl aber das Gesicht, mit dem Herr v. Stark wieder zu seinem Fähnlein zurückgeritten kam.

Jeder, der den Homer gelesen hat, kennt die reizende Geschichte, wie ein Schüler von dem Lehrer aufgefordert wird, in der Lektüre weiter fortzufahren. Er springt auf, überzeugt sich durch einen schnellen Blick davon, daß der Pauker sich angelegentlich mit der Betrachtung seiner Fingernägel beschäftigt, und seinen Nachbarn zur Rechten und zur Linken einen Rippenstoß versetzend, variirt er den Vers:

του απαμειβομενος πσος εφη πολυμητις Οδυσσευς in
του απαμειβομενος segg mi tau πολυμητις Οδυσσευς

Der Hexameter blieb tadellos, der Lehrer merkte nichts, die Freunde sagten gewaltig zu: so war Allen geholfen.

An diese Geschichte, die übrigens, wie alle derartigen Geschichten „thatsächlich” wahr sein soll — man nennt fünfundzwanzig Gymnasien, auf denen sie passirt ist — mußte man unwillkürlich denken, als Herr v. Stark vom hohen Pferd herab, theils zu den Leuten, theils zu seinem ältesten Lieutenant, Herrn v. Kurzbach gewandt, rief:

„Die Abtheilungen Gewehr ab und rühren &mdash, ich soll die Kompagnie vorexerzieren, was mach' ich nur — Kompagnie in Linie antreten marsch, marsch.”

Die Herren Lieutenants machten ihre Sache so gut sie nur irgend konnten, und so stand die Kompagnie, als der Herr Major an den rechten Flügel eilt, um die Richtung zu mustern, ganz ausgezeichnet und der Major konnte nicht umhin, einige Worte des Lobes zu sagen.

Herr v. Stark war daran unschuldig wie Perikles an der Erfindung des Telephons, trotzdem richtete er sich stolz auf und machte ein Gesicht wie Turandot in dem Augenblick, da sie sich den Schleier vom Haupte nimmt und Kalaf zuruft: „Sieh' her und bleibe Deiner Sinne Meister!”

„Darf ich bitten, anzufangen, Herr Hauptmann?”

„Zu Befehl, Herr Major.”

„Erst die Griffe,” flüstert der Herr v. Kurzbach dem Hauptmann zu &mdash, ein dankerfüllter Blick belohnt ihn.

„Stillgestanden. Das Gewehr über — Gewehr ab. Das Gewehr über — Gewehr ab.” So geht das wohl fünfundzwanzig Mal nach der Reihe.

„Wollen Sie nun nicht einmal etwas Anderes machen, Herr Hauptmann?” ruft der Herr Major.

„Die Menschen sind nie zufrieden,” denkt der Häuptling im Stillen — laut sagt er „Zu Befehl!” und kommandirt „Rührt Euch.”

Er weiß sein Pferd dicht an die Kompagnie heranzubringen und hört da die Worte: „Wendungen. Chargiren mit Patronen.”

„Köstlich,” denkt der Häuptling und gleich darauf hatte er auch dies zur Befriedigung des höheren Vorgesetzten durchgenommen — beim Militär giebt es nur höhere, keine hohen Vorgesetzten, denn jeder höhere hat einen noch höheren über sich.

„Bitte, lassen Sie entladen, Herr Hauptmann, sich melden, wenn dies geschehn ist, und nehmen Sie dann mit der Kompagnie die Front nach der rechten Ecke des gelben Hauses mit dem rothen Dach, das hier durch die Baumgruppe hinduchschimmert.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

„Entladen — ich bitte die Herren Zugführer, in den Zügen die Gewehre nachzusehen und mir zu melden, wenn Alles entladen hat.”

Die drei Zugführer senken ihre Degen und kurz darauf meldet ein Jeder: „Der erste Zug hat entladen, der zweite Zug hat entladen, der dritte Zug hat entladen.”

„Ich danke sehr, meine Herren.”

Nun kam der schwierigere Theil der Aufgabe: die Front nach dem Hause einzunehmen.

Herr v. Stark sah sich ein paar Mal im Gelände um, betrachtete dann wieder die Kompagnie und schien sich gar nicht darüber klar werden zu können, wie er den ihm gewordenen Befehl ausführen sollte. Da gab ihm der Himmel einen Gedanken ein.

„Herr Lieutenant v. Kurzbach.”

„Herr Hauptmann!” und mit schnellen Schritten ging der Gerufene auf den Vorgesetzten los.

„Herr Lieutenant, warum haben Sie mir immer noch nicht gemeldet, ob Ihr Zug entladen hat,” sprach er mit lauter Stimme, damit der Major, der etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt hielt, ihn verstände. Dann aber die Entgegnung seines Lieutenants: „Verzeihen der Herr Hauptmann, ich habe bereits gemeldet,” nicht beachtend, sagte er ganz leise, so leise, daß nur Herr v. Kurzbach es verstand: „Liebster, sagen Sie mir um Gottes willen, wie bekomme ich nur die Front nach jenem unglücklichen Haus?”

Ein leises Lächeln flog über die Züge des Gefragten.

„Ich werde die Front dort hinnehmen und dann kommandiren der Herr Hauptmann einfach: Auf Lieutenant v. Kurzbach, richt' Euch, marsch, marsch.”

„Danke tausendmal,” lautete die leise Antwort, laut aber fügte der Hauptmann hinzu: „Dann habe ich Ihnen Unrecht gethan, Herr Lieutenant, ich hatte Ihre Meldung überhört. ich danke Ihnen sehr, Herr Lieutenant.”

Die befohlene Front wurde eingenommen und der Herr Major konnte wieder nicht umhin, einige anerkennende Worte auszusprechen.

„Bitte, lassen Sie Gewehr über nehmen und antreten. Ich werde Ihnen dann sagen, was ich zu sehen wünsche.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

Im Allgemeinen ist diese Art des Vorexerzieren viel niederträchtiger, als wenn man das zeigt, was man will, und das ist doch nur stets das, was man kann — da Herr v. Stark aber gar nichts konnte, so war ihm der Vorschlag des Herrn Major sehr willkommen. Er hielt sich zu Pferde stets in unmittelbarer Nähe seiner Offiziere und kommandirte laut nach, was diese ihm leise zuriefen. So war fast die ganze Kompagnieschule durchexerziert, der Herr Hauptmann hatte nur richtige Kommandos abgegeben und wenn Herr von Stark nach Ansicht des Bataillons­kommandeurs mit seinem Pferde zu sehr an der Truppe klebte und sich nicht weit genug von ihr entfernt hielt, um Alles übersehen zu können; so war das eben ein Fehler, den auch viele aktive Häuptlinge schwer oder nie ganz ablegen, und schließlich mußte man doch an diese mit Recht höhere Anforderungen stellen als an einen Herrn, der alle zwei oder drei Jahre vorübergehend für einige Wochen den bunten Rock trug. Der Herr Major war sehr, sehr zufrieden.

„Herr Hauptmann, dürfte ich Sie bitten, mir nun das Stachelschwein zu zeigen.”

„Zu Befehl, Herr Major.”

„Bataillon halt. Formirt das Karree, Karree fertig!” flüsterten die Zugführer schleunigst dem Herrn Hauptmann zu und dieser kommandirte so laut und stramm, wie er nur irgend konnte:

„Bataillon — halt!”

„Formirt das — Karree!”

„Karree — fertig!”

Der erste Zug machte Halt, der mittelste schwenkte mit einem Halbzug nach rechts, mit dem andern nach links, der dritte Zug lief etwas zurück und machte dann Kehrt, die Gewehre wurden fertig gemacht — das Stachelschwein stand da — nach vorn und hinten, rechts und links drohten die Flintenläufe, der Feind mochte kommen, die Truppe war bereit.

Kein Feind kam, wohl aber der Herr Major, der an seinem Lieblingsthier sehr viel auszusetzen hatte — dieser Mann stand zu weit nach rechts, dieser mußte mehr nach links, hier war eine Lücke, hier war ein Loch — schön war die Sache keineswegs. Der Herr Major redete und redete, und je mehr er redete, desto konfuser wurde der arme Herr Hauptmann.

Endlich hatte der Herr Major geendet — er hielt unmittelbar neben Herrn v. Stark.

„Bitte lassen Sie antreten, Herr Hauptmann.”

„Das Gewehr über — Bataillon marsch,” sagte jeder Zugführer im Stillen zu, laut konnten sie es nicht, weil der Major in unmittelbarer Nähe stand.

Aus das Kommando „Das Gewehr über” macht Jeder zunächst den Griff, um dann von selbst wieder durch eine Wendung die Front nach vorn zu nehmen — der hinterste Zug macht also Kehrt, die beiden Halbzüge des mittelsten Zuges rechts bezw. links um, so daß Alles die Nase wieder nach dem vordersten Zug bekommt, der stehen bleibt.

Die Sache ist mehr denn einfach, man muß sie nur verstehen — Herr v. Stark verstand sie nicht.

„Bitte, lassen Sie antreten, Herr Hauptmann!”

„Zu Befehl, Herr Major.”

Noch einmal spitzte der Herr Hauptmann die Ohren, ob nicht ein günstiger Wind ihm ein Kommando zutrieb, dann kommandirte er jenes Kommando, das man stets abgiebt, wenn die Truppe antreten soll — „Bataillon marsch!” Die linken Beine flogen in die Höh' und das Stachelschwein löste sich in seine einzelnen Bestandtheile auf — es marschierte nach allen Richtungen auseinander — ein Zug nach vorne, einer nach hinten, ein Halbzug nach rechts und der Andere nach links.

Als der Hauptmann sah, was er angerichtet, kommandirte er: „Bataillon — Halt!” und sah sich ängstlich nach dem Herrn Major um.

Der aber saß auf seinem Pferde — weit vorne übergebeugt und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen — weinte er oder verbarg er sein Antlitz, um den Untergang des von ihm so geliebten Stachelschweins nicht mit ansehen zu müssen? Sein Ideal sah er bersten und zergehen in ein Nichts, der Nimbus des Unzertrennlichen, Undurchdringlichen, der das Stachelschwein umgiebt, sank dahin — das stolze Gebäude fiel zusammen in ein Nichts — nur ein Trümmerhaufen bleib zurück.

Wortlos wandte er sein Pferd und ritt von dannen — am nächsten Morgen war er wieder pünktlich zum Exerzieren zur Stelle, aber er war in den letzten vierundzwanzig Stunden um Jahre gealtert, er beklagte den Verlust eines geliebten Todten.

Nie wieder hat er sich das Stachelschwein vorexerzieren lassen — ohne dies Thier aber konnte er nicht leben: so nahm er denn bald seinen Abschied und zog sich auf das von seinem Vater ererbte Gut zurück. Er wurde ein guter Landwirth und einen ganz besonders guten Ruf genoß seine Schweinezucht — böse Zungen behaupten allerdings, er hätte nichts gezüchtet als Stachelschweine.


Fußnoten:

(1) Das neue Exerzierreglement trat am 1. Sept. 1888 in Kraft. (zurück)

(2) In der Buchfassung: „der Name”. (zurück)


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