Sergeant Haase.

Heitere Soldaten-Geschichte von Freiherr von Schlicht,
in: „Mährisch-Schlesische Presse” vom 24.10.1900,
in: „Indiana Tribüne” vom 22.7.1903 (ohne Nennung des Autors) und
in: „Militaria”


Er war das Muster eines alten preußischen Unteroffiziers, groß, über die längsten Leute seiner Compagnie um Haupteslänge hervorragend, stramm im Dienst wie nur einer, rücksichtslos gegen sich selbst; die Worte Ermüdung, Überanstrengung kannte er nicht einmal dem Namen nach. Und wie er gegen seine eigene Person war, so war er auch gegen seine Untergebenen, er spornte ihre Kräfte bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit an, er verlangte von ihnen alles, aber belobte auch diejenigen, die seine allerdings schwer zu erreichende Zufriedenheit erlangten, indem er sie als Muster für die übrigen hinstellte und ihnen, soweit es sein konnte, eine Erleichterung zu teil werden ließ.

Gnade Gott aber demjenigen, der den Zorn des Gestrengen auf sich geladen hatte. Wie ein brüllender Löwe stürzte er auf den Sünder los und donnerte von seiner unerreichbaren Höhe mit einem nicht endenwollenden Wortschwall auf ihn herab. Nie vergriff er sich an einem seiner Leute, noch viel weniger überhäufte er sie jemals mit Schimpfworten, aber er appellierte an ihr Ehrgefühl, das ihm auch fast immer zu erwecken gelang. Ich hatte Sergeant Haase auf meiner Compagnie, und in einem Jahre war er mir bei der Ausbildung der Rekruten zugewiesen. Es war eine Freude zu sehen, wie er sein Glied exerzierte, wie er in kurzer Zeit aus den Krümmsten die Geradesten machte und wie er die Kerls drillte. Da er wirklich Hervorragendes leistete, hütete ich mich, ihm in seinen Dienst hineinzusprechen, um ihm nicht die Freude an seinem selbständigen Schaffen und Handeln zu nehmen.

Eines Nachmittags aber, als wir des schlechten Wettters wegen im Schuppen exerzierten, konnte ich nicht umhin, ihn zu tadeln: „Haase, sehen Sie sich mal den dritten Kerl vom linken Flügel an, das geht nicht, daß einer aus Ihrer Abteilung so bummelt.”

Ich sah, wie seine großen Augen sich noch weiter öffneten, wie sein Gesicht zuckte und seine Finger sich ballten. Ich ging fort, aber nur wenige Schritte, dann wandte ich mich wieder um. Mit einem Schrei, wie ich ihn nie vorher aus einer menschlichen Brust gehört hatte, war er auf den von mir Bezeichneten losgesprungen: „Schämst du dich gar nicht, so faul zu sein? Weißt du wohl, daß deine Bummelei schon höheren Ortes aufgefallen ist? Da sagte eben der Herr Lieutenant zu mir: ,Haase, sehen Sie sich mal den Bengel an, seine Schlappheit riecht zum Himmel.' Glauben Sie, daß mir, Seiner Majestät treuestem Sergeanten, so etwas zu hören angenehm ist? Was?” Die Augen waren fast aus ihrer Höhlung getreten, und der Rekrut war aus Entsetzen über das wutentstellte Gesicht bis an die äußerste Mauer zurückgewichen. „Wollen Sie sich bessern, ja oder nein?”

Der Arme gelobte alles, und nie habe ich jemals wieder einen besseren, pfliochtgetreueren Soldaten gesehen als der „höheren Ortes” Aufgefallene es in Zukunft war.

Aber noch in einer anderen Hinsicht war Sergeant Haase groß. Alles kann man unsern Leuten mit Leichtigkeit beibringen und alles lernen sie spielend, nur das Einfachste fällt ihnen am schwersten und das ist das Sprechen. Unser Kommandeur liebte es namentlich bei der Vorstellung der Rekruten, während er die Front herunterging, vor dem einen oder dem andern stehen zu bleiben, ihn nach seinem Namen, seinem Beruf, seiner Heimat zu fragen und sich, wenn alles „klappte”, an der „natürlichen” Frische und Lebhaftigkeit zu erfreuen. Diese „Natürlichkeit” war selbstverständlich während langer Wochen genau einstudiert, und es war die Aufgabe der Unteroffiziere, ihre Leute auch in dieser Hinsicht zu erziehen. Geradezu virtuos in diesem Punkte war Sergeant Haase. Wie oft habe ich während des manchmal recht langweiligen Nachmittagsdienstes diesem Unterricht mit dem größten Vergnügen gelauscht. Da standen z. B. die vier Rekrutenglieder mit dem üblichen Abstand hintereinander, vor dem vordersten stand in seiner ganzen Größe Sergeant Haase, als ältester der Unteroffiziere gleichzeitig mich vertretend, und sah zu, wie die Griffe „gekloppt” wurden, hier lobend, dort tadelnd, hier einen Griff selbst vornehmend, dort einen Gefreiten etwas erklären lassend. Plötzlich rief er „Achtung”. Alles erstarrte und schaute den Gestrengen an, ohne sich zu rühren und ohne zu mucksen. „Sagen Sie mal” — seine Augen schweiften musternd die Reihen entlang — „sagen Sie mal, der linke Flügelmann vom zweiten Glied, wie heißen Sie doch noch?”

„Fischer, Herr Sergeant.”

„Der linke Flügelmann vom zweiten Glied,Sie haben mich wohl nicht verstanden, Sie sollen mir Ihren Namen nennen?”

„Fischer, Herr Sergeant.”

Der Kerl schrie, daß die Fensterscheiben klirrten.

„Ich begreife gar nicht, warum der Mensch nicht antwortet, hat einer von euch vielleicht etwas gehört?”

„Nein, Herr Sergeant.”

„Nun, das wollte ich mir auch ausgebeten haben, was die Vorgesetzten nicht hören, brauchen die Untergebenen erst recht nicht zu hören. Wollen Sie nun endlich so liebenswürdig sein, mir Ihren Namen zu nennen?”

„Fischer, Herr Sergeant.”

Der Kerl brüllte, daß er blau und rot im Gesicht wurde und daß mein Teckel den Schwanz einzog und sich davon machte.

„Siehst du, mein Junge, so gehört sich das. Weiter üben.”

Oder es war in der Instruktionsstunde. Haase war ein ausgezeichneter Instrukteur, und die Leute lauschten mit wahrer Begeisterung seinem mit vielen krieggeschichtlichen Beispielen durchwürzten Vortrag, und er verstand es durch den Hinweis auf die Thaten der Väter und Großväter den Stolz und die Vaterlandsliebe der jungen Krieger zu erwecken. Ich wohnte einmal einem seiner Vorträge bei und freute mich über die Beredsamkeit, mit der er von dem Ehren- und Haupschlachtentag des Regiments sprach: „Und da war es ein einfacher Landwehrmann, der das Wagnis unternahm. Auf offenem Felde belohnte ihn dafür der oberste Kriegsherr mit dem eisernen Kreuz. Heuer, wann ist Ihr Vater gestorben?”

Mit offenen Augen und Mund hatten alle seinen Worten gelauscht, und der Angerufene, über das Unerwartete der Frage erstaunt, schwieg.

„Ja, ja, so sind die jungen Leute, das ist nun das dankbare Gedächtnis, das ihr euren Vätern zu bewahren mir tausendmal versprochen habt. Nun weiß der Kerl nicht einmal, wann sein Vater gestorben ist. — Was? Sie waren durch meine Frage überrascht? Lieber Freund, das giebt es nicht beim Militär. Glauben Sie, daß bei der Vorstellung der Herr Oberst zu Ihnen sagt: ,Heuer, bekommen Sie keinen Schrecken, ich möchte gern wissen, wann Ihr Vater gestorben ist?' Was? Unsinn. Der kommt einfach zu Ihnen heran und fragt: , Mein Sohn, wann ist deine Großmuter gestorben?' Dann mußt du irgend etwas antworten, meinetwegen den 2. September 1870, ganz einerlei, ob sie schon vor vierzig Jahren gestorben ist, ob sie noch lebt oder überhaupt nie gelebt hat.”

Oder Haase kam des Abends nach Hause und sah einen Mann im Bett liegen, der nicht „vorschriftsmäßig” zugedeckt war. Sofort wurde er geweckt: „Sagen Sie mal, wann sind Sie doch noch konfirmiert?”

„Am 6. April 1886, Herr Sergeant.”

„Und dann decken Sie sich so schlecht zu?”

Das nannt Haase „die geistige Erweckung”. —

Der gefürchtete Tag war herangebrochen; aber mit ruhigem Herzen sahen wir der Vorstellung entgegen. Alles war tausendmal durchgemacht, die Leute auf jede nur mögliche Frage vorbereitet, es würde schon gehen.

Als ich den Schuppen betrat, hörte ich Haase sagen: „Wenn nun der Herr Oberst euch begrüßt: ,Guten Morgen, Leute,' dann schreit ihr so laut ihr könnt: ,Guten Morgen, Herr Oberst.' Wer am lautesten brüllt, erhält von mir einen Schnaps. Verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Sergeant.”

Der Regimentskommandeur erschien in der Thür und nahm die Meldungen entgegen. Aber einer der Rekruten mußte die Sache mit dem „Guten Morgen-Gruß” in das „falsche Halsloch” bekommen haben, genug, kaum ließ der Oberst sich sehen, als eine einsame Stimme rief: „Guten Morgen, Herr Oberst,” ein Ruf, in den sofort siebenundsechzig andere laute kräftige Stimmen mit einstimmten. Erstaunt sah der Oberst sich um und schritt dann die Front ab. Plötzlich blieb er vor einem Rekruten im Gliede des Sergeanten Haase stehen: „Wie heißen Sie?”

„Mey—er.”

Erschrocken taumelte der Herr Oberst bei diesem Schrei zurück.

Dann wandte er sich an den folgenen: „Was waren Sie vor Ihrem Diensteintritt?”

„Schu—ster.”

Der Mann, in dem Glauben, er müsse noch lauter sprechen, brüllte, daß er fast die Maulsperre bekam.

Über Haases Gesicht glitt ein triumphierendes Lächeln.

Endlich war die Aufstellung besichtigt, und wir versammelten uns um den Herrn Oberst, der die Kritik abhielt: „Meine Herren, im großen und ganzen war ich mit dem Anzuge und der Haltung der Leute zufrieden. Ganz und gar nicht hat mir das Benehmen der Rekruten gefallen. Die Leute sprechen, ohne daß sie angeredet oder gefragt sind, und wenn sie sprechen, dann sprechen sie nicht, sondern schreien wie die wilden Tiere. Das muß anders werden.”

Wie eine geknickte Lilie stand Haase vor seinen Leuten.

Wann wird, sprach er zu sich, der Untergebene geboren werden, dem es glückt, die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten zu erreichen? So ist es nun: Sprechen die Kerls, so sollen sie das Maul halten; halten sie das Maul, so sollen sie sprechen. Sprechen sie leise, so sollen sie laut sprechen, und sprechen sie laut, so sollen sie leise sprechen.


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