Sein Trick.

Militär-Humoreske von Frhr. v. Schlicht.
in: „De Sumatra Post” vom 6.8.1903 („Zijn Truc”)
, in: „Rekrutenbriefe” und
in: „Die Frau Oberst


Frau Oberst von Roden und ihre Tochter Käthe saßen in dem Wohnzimmer und besprachen die Einladung für ein kleines Fest, das in den nächsten Tagen zu Ehren von Käthes zwanzigsten(1) Geburtstag gegeben werden sollte. Die Erlaubnis zu dieser Gesellschaft war dem Herrn Oberst abgeschmeichelt worden, er hatte sich nur zur Bedingung gemacht, daß er sich in keiner Weise um die Arrangements zu kümmern brauchte. „Macht, was ihr wollt, aber laßt mich in Frieden. Ich will den Gästen, wenn sie da sind, ein liebenswürdiger Wirt sein, aber vorher rühre ich für sie nicht einen Finger.”

Damit waren seine Damen denn auch einverstanden und hatten schon alles ohne ihn besprochen. Die Einladungen lagen fertig geschrieben vor ihnen, und da man sicher war, keine Absage zu erhalten, machte Käthe sich gleich daran, die Tischordnung zu bestimmen.

„Wen hast du dir denn als Tischherrn ausgesucht?” erkundigte sich die Mutter — — — sie kannte ihr einziges Kind durch und durch und wußte, daß dieses sein Herz schon lange an den Regiments­adjutanten, Leutnant von Wagner, verloren hatte. Trotzdem tat sie jetzt anscheinend sehr erstaunt, als Käthe so gleichgültig, wie es ihr nur möglich war, sagte: „Es geht wohl nicht gut anders, Mama, Leutnant von Wagner muß mich wohl führen?”

„Aber warum denn gerade der?”

Käthes Wangen färbten sich dunkelrot, und sie beugte sich so tief über den Tisch, daß ihr die dichten, blonden Locken ins Gesicht fielen, dann meinte sie endlich: „Ja, sieh einmal, Mama, Wagner ist, wenn auch nicht gerade nach den Jahren, so doch seiner Stellung nach von allen jungen Herren der Älteste. Da gehört es sich doch, daß er neben mir sitzt, und außerdem ist er doch der Vorzug vom Vater, und außerdem —”

„Und außerdem gibt es noch tausend andere Gründe,” neckte sie die Mutter, „aber den wahren nennst du mir natürlich nicht. Na, Käthe, du brauchst nicht verlegen zu werden,” fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, „ich weiß ja, wie es in dir aussieht, und von ganzem Herzen hoffe ich, daß Leutnant von Wagner deine Neigung erwidert, er ist ein prächtiger Mensch, und ich habe die feste Überzeugung, daß du mit ihm glücklich werden würdest.”

Käthe hatte ihren Platz verlassen und kniete zu den Füßen ihrer Mutter, in deren Schoß sie ihr Gesicht vergraben hatte, und liebkosend fuhr Frau von Roden durch das dichte Haar ihres Kindes. „Weine nicht, Käthe, die Stunde wird schon noch kommen, in der er sich dir erklärt, und ich muß sogar sagen: ich rechne es ihm hoch an, daß er nicht blindlings um dich wirbt, sondern erst dich und dann sich selbst genau prüft.”

„Infame Bummelei — — Friedrich — — Friedrich! — wo steckt der Lümmel?”

Draußen auf dem Korridor ertönten schwere Schritte, und die scheltende Stimme des Herrn Oberst, der eben nach Haus gekommen war.

„Frie—de—rich!”

Der Herr Oberst schrie es mit der ganzen Kraft seiner Lungen, aber kein Friedrich kam.

„Drei Tage Arrest!” donnerte der Herr Oberst, aber Friedrich, der in der Stadt für die gnädige Frau Besorgungen machte, war weit vom Schuß, und selbst wenn er diese Drohung gehört hätte, so hätte sie ihn nicht sonderlich erregt, er kannte seinen Herrn, bei dem war das Schelten nur äußerlich, und er nahm die im Zorn verhängten Strafen stets wieder zurück.

Bei dem lauten Schelten fuhren die Damen erschrocken auseinander: „Um Gotteswillen, laß den Vater nicht sehen, daß du geweint hast, verrat dich nicht, was mag es nur wieder gegeben haben?”

Gleich darauf öffnete sich die Thür und der Herr Oberst trat ein: eine große stattliche Figur, mit einem gütigen Gesicht und hellen, freundlichen Augen. Aber heute blickte er zornig in die Welt und seine Stimme klang dumpf und grollend, als er, ohne die Seinen zu begrüßen, nun sagte: „Ist ja einmal wieder eine nette Lotterwirtschaft hier im Haus, natürlich hast du den Friedrich wieder fortgeschickt; na, jetzt schicke ich ihn aber fort, den Wagner an der Spitze, den zuerst, und den ganz bestimmt. Es herrscht eine Bummelei im Regiment, die über jeden Spaß geht; aber sie sollen mich kennen lernen, der Wagner an der Spitze, der zuerst, und zwar gründlich!”

Mutter und Tochter tauschten einen schnellen Blick, und Käthe, die eben erst ihre Tränen getrocknet hatte, konnte es nicht verhindern, daß ihre Augen von neuem naß wurden.

„Was hast du denn zu heulen?” fuhr der Vater sie an. Käthe wußte nicht gleich eine Antwort, so sagte denn die Mutter: „das arme Kind hat schon den ganzen Vormittag entsetzliche Zahnschmerzen.”

„Dann soll sie sich den Zahn ausziehen lassen, damit ist der Fall erledigt. Man muß jedem Übel gleich energisch zu Leibe gehen. Früher dachte ich auch anders, aber seit heute Morgen habe ich meine Absicht(2) geändert. Bisher glaubte ich, es ginge auch mit Güte und Nachsicht, aber ich habe eingesehen, es geht doch nicht. Es muß ganz anders werden — — ganz anders!”

Mit großen, erregten Schritten ging der Herr Oberst im Zimmer auf und ab und ballte förmlich die Fäuste.

„Du bist ja heute in einer wahrhaft göttlichen Stimmung, was hat es denn nur gegeben?”

Der Herr Oberst blieb vor seiner Frau stehen und sah sie mit rollenden Augen an. „Was es gegeben hat? Zu schildern und zu glauben ist es überhaupt nicht. So lange die Armee besteht, ist so was überhaupt noch nicht dagewesen, noch nie, niemals, und im Interesse der Armee hoffe ich auch, daß so etwas nie wieder vorkommen wird, sonst können wir uns ruhig begraben lassen. Jawohl, begraben lassen” — — wiederholte er nochmals erregt, als seine Frau ein etwas ungläubiges Gesicht machte — — „denn Disziplin und Subordination machen es nicht, Ordnung muß herrschen, Ordnung!”

Er zog das Wort so in die Länge, daß er fast jeden Buchstaben einzeln aussprach, dann nahm er seine Wanderung wieder auf.

„Wenn du deine schlechte Laune an uns ausläßt, dürfen wir wohl wenigstens erfahren, was denn so Ungeheuerliches passiert ist. Inwiefern ist denn alle O—r—d—n—u—n—g, wie du dich ausdrückst, über den Haufen geworfen?”

Er blieb von neuem vor seiner Frau stehen: „Wenn deine Neugierde dir denn absolut keine Ruhe läßt, so sollst du es erfahre; aber ich sage dir im voraus, es ist so ungehuerlich, daß du es nicht glauben wirst.” Er holte noch einmal tief Atem, dann sagte er: „Wagner hat es drei Tage lang vergessen, den Abreißkalender abzureißen.”

Seine Frau lachte laut auf und selbst Käthe vergaß allen Kummer. „Mann, nimm es mir nicht übel,” bat Frau von Roden endlich, — „wie du über eine solche Bagatelle überhaupt ein einziges Wort verlieren kannst, verstehe ich nicht.”

„Weil du überhaupt nichts verstehst, wenigstens nichts von militärischen Dingen,” fuhr er sie mit dunkelrotem Kopf an. „Hast du eine Ahnung, was es heißt, wenn auf einem Bureau, im Gegensatz zu der ganzen übrigen Welt, drei Tage lang der ,Achtzehnte' ist? Hat du eine Ahnung was das bedeutet? — Nein, du hast keine Ahnung, nicht die leiseste, denn sonst würdest du nicht lachen, sondern weinen!”

„Das kommt davon, wenn man sich zu sehr auf andere verläßt, warum reißt du denn den Kalender nicht selbst ab?”

Der Herr Oberst glaubte nicht richtig verstanden zu haben und sah seine Frau fassungslos an. „Was soll ich?” fragte er schließlich, — — „ich soll selbst — — du weißt nicht, was du redest, dazu bin ich nicht da, ich kann mich nicht um jede Kleinigkeit kümmern, ich habe Wichtiogeres zu tun, wozu habe ich denn meinen Adjutanten?”

„Doch auch nicht nur, damit er dir den Kalender abreißt.”

„Aber doch deshalb mit — — und er hat's verbummelt.”

Die Frau Oberst versuchte, ihren Gatten zu beruhigen. „Aber ist denn das Unglück wirklich so groß?”

„Es ist überhaupt gar nicht wieder gut zu machen. Hast du jemals etwas von dem .Terminkalender' gehört? Ja? Dann weißt du, daß in demselben genau verzeichnet ist, wann die einzelnen Meldungen, Eingabe-Berichte usw. fällig sind. Und nun denke dir die Konfusion, die dadurch entstanden ist, daß wir drei Tage dasselbe Datum hatten! Einige wichtige Sachen, die am 10. und 20. fällig waren, liegen noch unerledigt im Bureau. Am 19. sollte ich auf Befehl der Division meinen Offizieren die ehrengerichtlichen Bestimmungen vorlesen lassen, ich habe das nun erst heute, am 21., getan. Wenn ich melde, daß ich den Befehl erst heute ausführte, gibt's ein Unglück, und wenn ich melde, daß ich es am 19. tat, so ist das eine falsche dienstliche Meldung, die mir Hals und Kragen kosten kann. Exzellenz wird Rechenschaft fordern und Aufklärung verlangen, wie eine solche unglaubliche Bummelei überhaupt nur denkbar ist. Und was soll ich dann sagen? Nichts. Ich kann überhaupt nichts sagen, ich kann überhaupt nur meinen Kopf hinhalten und sagen: bitte Exzellenz, bedienen Sie sich.”

Frau von Roden war zu lange beim Militär, um nicht einzusehen, daß die Sache doch nicht ganz so harmlos war, wie sie zuerst geglaubt hatte, trotzdem sagte sie jetzt: „Du siehst entschieden zu schwarz. Exzellenz ist ein sehr liebenswürdiger Herr, und vor allen Dingen ist er gerecht. Wenn du ihm erklärst, wie die Sache zusammenhängt, wird er lachen, und damit die Angelegenheit für erledigt erklären. Dir passiert nichts, und dem armen Wagner hoffentlich auch nichts.”

„Was soll das Wort ,hoffentlich' bedeuten?” brauste der Oberst auf, „du willst den Adjutanten doch nicht etwa in Schutz nehmen? Für solche Bummelei gibt es gar keine Entschuldigung, ebenso gut, wie er vergißt, den Kalender abzureißen, kann eines Morgens er vergessen, sich anzuziehen und aufzustehen, oder zum Dienst zu kommen, oder was weiß ich. Solche Menschen kann ich nicht länger um mich dulden, ich habe ihm heute morgen auf eine Art und Weise den Standpunkt klar gemacht, daß ihm die Augen übergingen. Sobald ich mir darüber einig bin, wen ich als neuen Adjutanten nehme, wird er abgelöst und tritt in die Front zurück, und von dem Schreiben, das Exzellenz mir schickt, hängt es ab, ob ich ihn noch bestrafe oder nicht. Auf alle Fälle ist es mit dem fast freundschaftlichen Verhältnis, in dem ich bisher zu Wagner stand, ein für allemal vorbei, ich verkehre nur noch streng dienstlich mit ihm, denn man sieht ja, wohin es führt, wenn man die Zügel etwas locker läßt. Aber jetzt habe ich ihn an der Kandare, mein Haus betritt er fortan nur noch wieder, wenn der Dienst oder eine besonders wichtige Angelegenheit es erfordern, und deshalb wird er auch keine Gesellschaft mehr bei uns mitmachen. Hoffentlich habt ihr noch nicht daran gedacht, ihn zu Käthes Geburtstag einzuladen?”

Frau von Roden sah ein, daß jeder Widerspruch ihren Mann jetzt nur noch mehr reizen würde, so warf sie ihrer Tochter einen schnellen Blick zu und sagte: „Wir haben bis jetzt noch gar nicht über die kleine Gesellschaft gesprochen, und wenn du es nicht wünschst, laden wir Leutnant von Wagner selbstverständlich nicht ein.”

Käthe wurde ganz blaß — „Aber Mama,” wollte sie sagen, doch ein neuer Blick der Mutter ließ sie schweigen.

„Selbstverständlich wünsche ich das nicht,” brauste der Oberst auf, „im Gegenteil, ich verbiete es euch auf das Energischste,” und sporenklirrend schritt er hinaus.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, da war es mit Käthes Selbstbeherrschung vorbei, und weinend stürzte sie sich in die Arme der Mutter. „Was soll nun werden? Wenn Fritz, ich meine Leutnant von Wagner, nicht kommen darf, macht mir die ganze Gesellschaft keinen Spaß, da wollen wir auch die anderen Einladungen gar nicht erst abschicken.”

Aber auch dieses Mal beruhigte sie die Mutter: „Laß es nur gut sein, Kind, du kennst ja den Vater, er braust im Augenblick auf, aber sein Zorn verraucht ebenso schnell, wie er kommt.”

Aber dieses Mal hielt der Zorn des Herrn Oberst an, seine Befürchtungen waren eingetroffen, er hatte ein Schreiben von der Division bekommen, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Man warf ihm vor, seinen Adjutanten nicht genügend überwacht zu haben, und machte ihn selbst in erster Linie für die Bummelei auf seinem Burreau verantwortlich. Der Herr Oberst raste, am liebsten hätte er seinen Adjutanten gleich abgelöst; aber das ging nicht, denn der Offizier, den er sich als neuen Adjutanten ausgesucht hatte, war augenblicklich noch auf Kommando, und vier Wochen mußte er es noch mit dem alten aushalten.

Der Herr Oberst wurde die schlechte Laune gar nicht mehr los, im Bureau, auf dem Kasernenhof, und wo er sich auch nur immer sehen ließ, schalt er, niemand konnte ihm etwas recht machen, und zu Hause war auch nichts mit ihm anzufangen.

So kam Käthes Geburtstag heran. Die Einladungen waren abgeschickt worden, aber das Schreiben an Leutnant von Wagner hatte Frau von Roden in der stillen Hoffnung zurückbehalten, es noch nachträglich absenden zu können, wenn die Laune ihres Gatten sich gebessert hätte, aber der Brief lag immer noch im Schreibtisch. Alle hatten zugesagt, alle freuten sich auf den Abend, nur Käthe nicht, der es am liebsten gewesen wäre, wenn das Fest überhaupt nicht stattfand. Und noch eins kam hinzu, die Freude des Tages zu trüben. Als der Vater am Mittag nach Hause kam, hatte er sich gleich in sein Zimmer begeben und sich gar nicht gezeigt. Erst später erfuhren seine Damen, was vorlag. In der weiteren Folge, daß man dreimal den ,Achtzehnten' geschrieben hatte, war auch eine an das Generalkommando fällige Eingabe zu spät abgesandt worden, und auch von dieser Behörde war ein Schreiben eingelaufen, das um schleunige Aufklärung bat, wie so etwas möglich sei. Zwischen dem Herrn Oberst und dem Adjutanten war es zu einem mehr als heftigen Auftritt gekommen, und damit die letzte Hoffnung geschwunden, daß Wagner vielleicht doch noch irgendwie eingeladen werden könne.

Die Gäste erschienen und mit dem Glockenschlag halb acht ging man zu Tisch, denn es sollte hinterher noch getanzt werden, und je eher dieser Teil des Programms an die Reihe kam, um so lieber war es allen.

Aber kaum hatte man Platz genommen, da trat Friedrich in das Zimmer und meldete dem Hausherrn: „Herr Leutnant von Wagner bittet den Herrn Oberst in einer dienstlichen Angelegenheit sofort sprechen zu dürfen.”

Alle hatten die Worte gehört, aber keinen überraschten sie so, als Käthe. Sie erschrak, denn sie fürchtete, daß es von neuem zu einem heftigen Auftritt kommen würde; aber ihr Herz schlug doch höher in dem Bewußtsein, daß der Geliebte sich in ihrer Nähe befände.

Der Herr Oberst wandte sich gegen seine Gäste, sprach einige Worte der Entschuldigung und stand gleich darauf in seinem Arbeitszimmer seinem Adjutanten gegenüber, den er mit einer kurzen Verbeugung begrüßte. „Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Herr Leutnant.”

„Zu Befehl, Herr Oberst,” klang es sehr ruhig, aber auch sehr bestimmt zurück. „Ich bitte den Herr Oberst ganz gehorsamst um acht Tage Urlaub, und gleichzeitig bitte ich ganz gehorsamst, mich zum Abschied eingeben zu wollen.”

Der Kommandeur glaubte nicht richtig verstanden zu haben. er ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte seinen Besucher fassungslos an. „Was wollen Sie?” fragte er endlich, „Sie wollen Ihren Abschied?”

„Zu Befehl, Herr Oberst,” lautete die ruhige Antgegnung. „Die letzten Tage haben mir gezeigt, daß ich mir das Vertrauen des Herrn Oberst dauernd verscherzt habe, und ich sehe keine Möglichkeit, es mir wieder zu gewinnen. Unter diesen Umständen möchte ich nicht länger im Regiment bleiben, ebenso wenig möchte ich mich aber zu einem andern Truppenteil versetzen lassen. Ich würde dort mit einer schlechten Konduite ankommen, und selbst wenn dies nicht der Fall ist, habe ich keine Lust, für die wenigen Jahre, die ich vielleicht nur noch den bunten Rock trage, die Garnison zu wechseln. Wie der Herr Oberst wissen, soll ich später das Gut meines Onkels übernehmen, ich habe telegraphisch bei ihm angefragt, ob ich schon jetzt zu ihm kommen kann, er erwartet mich, und ich möchte je eher, je lieber, zu ihm reisen.”

Der Herr Oberst bekam einen maßlosen Schrecken. Leutnant von Wagner hatte allerdings immer davon gesprochen, später das Gut zu übernehmen; aber daß er diesen Entschluß jetzt schon auszuführen beabsichtigte, das wollte ihm absolut nicht in den Sinn, und das durfte auch nie und nimmer geschehen. Ging Wagner jetzt wirklich, so konnte er selbst sich von dem Vorwurf nicht freisprechen, den jungen Leutnant durch seine Strenge zu diesem Schritt getrieben zu haben; aber das wollte er nicht, das konnte er weder vor sich, noch vor den höheren Vorgesetzten verantworten. So sagte er denn jetzt: „Herr Leutnant, so schnell, wie Sie sich das denken, geht das nicht. Urlaub kann ich Ihnen, bevor Ihr Nachfolger eingetroffen ist, nicht bewilligen, und selbst wenn ich es könnte, ich tät' es nicht. Sicher haben Sie sich Ihren Entschluß nicht reiflich überlegt. In der Übereilung aber darf man einen solchen Schritt nicht tun.”

Wohl noch eine Viertelstunde sprach der Oberst auf seinen Adjutanten ein, bis dieser schließlich versprach, sich die Sache noch einmal zu überlegen.

„Na, endlich zeigt sich bei Ihnen doch wieder ein Schimmer von Vernunft,” sprach der Kommandeur schließlich, „morgen sprechen wir weiter darüber, für heute wollen wir die Geschichte ruhen lassen. Jetzt kommen Sie mit mir zu meinen Damen, die Käthe hat heute ihren Geburtstag; wir haben ein paar Gäste, aber für Sie ist noch ein Platz frei, nein, Widerspruch gilt nicht, kommen Sie nur.”

Gleich darauf saß er an Käthes Seite.

„Denk dir nur,” flüsterte der Oberst seiner Frau zu, „er trägt sich mit Abschiedsgedanken, sei nur recht freundlich mit ihm.”

Er selbst ging seiner Frau mit dem besten Beispiel voran, und als sich die Gäste endlich trennten, versprach Leutnant von Wagner seinem Kommandeur hoch und heilig, in den nächsten acht Tagen nicht wieder auf sein Abschiedsgesuch zurückzukommen.

Nach acht Tagen aber war ein Fest im Offizierskasino, und bei dieser Gelegenheit verlobte sich der Adjutant mit der blonden Käthe.

Dem Herrn Oberst war die Sache zuerst gar nicht recht, denn er hätte sein Kind am liebsten noch auf viele, viele Jahre ganz allein für sich behalten, aber schließlich gab er doch seine Einwilligung, denn er sagte sich: „Nun wird Wagner definitiv alle Abschiedsgedanken aufgeben,” und darin behielt er recht, der dachte vorläufig gar nicht mehr daran, das Gut seines Onkels zu übernehmen.

Der Verlobung folgte die offizielle Verlobungsbowle, und als bei dieser Gelegenheit der Kommandeur mit seinem zukünftigen Schwiegersohn auf „Du und Du” getrunken hatte, fragte der erstere: „Nun sag' mir einmal, wie bist du eigentlich damals auf die wahnsinnige Idee gekommen, mir mit deinem Abschiedsgesuch ins Haus zu fallen?”

Der junge Offizier machte ein verschnitztes Gesicht: „Jetzt kann ich es ja gestehen, ich dachte gar nicht daran, zu gehen; ich kenne dich ja, das ganze war nur ein Trick, um im letzten Augenblick doch noch zu Käthes Geburtstag eingeladen zu werden.”

„Sieh einer einmal den Schlingel,” schalt der Oberst, „und wenn ich nun auf deinen Trick nicht hereingefallen wäre?”

Da lachte der Offizier laut auf: „Du mußtest darauf hereinfallen, denn nach den bestehenden Bestimmungen, die ich trotz meiner Vergeßlichkeit besser zu kennen scheine als du, bist du verpflichtet, jeden Offizier, der seinen Abschied erbittet, auf die Folgen seines Schrittes aufmerksam zu machen, und du mußtest versuchen, meinen Entschluß zu ändern.”

„So'n Schlingel,” schalt der Oberst noch einmal, aber aus seinem Schelten klang doch deutlich die Zufriedenheit heraus, daß die unglücklichen Geschichte mit dem Abreißkalender schließlich solche glückliche Wendung genommen hatte.


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Die Frau Oberst” heißt es hier: „zwanzigstem” (Zurück)

(2) In der Fassung von „Die Frau Oberst” heißt es hier: „Ansicht” (Zurück)


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