Der Oberst und sein Adjutant.

Von Freiherrn von Schlicht.
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 20.9.1902 und
in: Der höfliche Meldereiter.


Der Kommandeur des Infanterieregiments Peter Heinrich, der Oberst von Kaldenbach, war ein sehr tüchtiger Offizier, aber bei seinen vielen Vorzügen hatte er auch einen großen Fehler, unter dem seine Offiziere im allgemeinen und sein Adjutant im besonderen zu leiden hatten. Er war zuweilen von einem entsetzlichen Jähzorn, und dann war es unmöglich, ihm irgend etwas recht zu machen. Selbst ein Leutnant läßt sich nicht alles gefallen, und so hatte der Herr Oberst denn das Kunststück fertig gebracht, in den drei Jahren, die er jetzt an der Spitze des Regiments stand, drei Adjutanten aufzubrauchen. Augenblicklich hatte er den vierten: dieser, der Oberleutnant von Bernburg, war ein sehr tüchtiger Beamter, aber dennoch war der Oberst sehr unzufrieden mit ihm, und wie so vieles auf der Welt, hatte auch dieses seinen tieferen Grund. Als der Oberst seinen dritten Adjutanten ablösen ließ, hatten die Brigade, die Division und das Generalkommando diesen Schritt zwar gebilligt, aber sie hatten zugleich der festen Erwartung Ausdruck gegeben, daß der Oberst mit dem vierten Adjutanten in glücklicher Ehe leben und sich nicht wieder scheiden lassen würde. Das hieß mit anderen Worten: mit diesem Adjutanten, den du dir ja ebenso wie seine Vorgänger selbst ausgesucht hast, mußt du regieren — wenn der geht, gehst du auch!

Und das ärgerte den Oberst, denn er gehörte zu jenen Naturen, die sich mit allen vertragen, nur nicht mit denen, die sie immer um sich haben müssen. Nach einmonatiger Ehe hatte er auf seinen Adjutanten eine vollständige Wut, die noch dadurch gesteigert wurde, daß seine Familie den Oberleutnant beständig in Schutz nahm. Die Frau Oberst hielt es, ebenso wie manche andere Mutter auch, für ihre Pflicht, ihre Tochter so schnell und so glücklich wie möglich zu verheiraten, und da Olga, die Tochter des Regiments, ein hübsches, schlankes, schwarzäugiges Mädchen von zwanzig Jahren, der Ehe im allgemeinen und einer Ehe mit dem Adjutanten im besonderen gar nicht abgeneigt zu sein schien, so war es bei der Mutter sehr bald eine beschlossene Tatsache, daß die beiden zusammen glücklich werden sollten, zumal sie sicher war, daß der Adjutant ihr Kind wiederliebte.

Leider aber merkte der Oberst die Sache und wurde nach berühmten Muster verstimmt, und zwar gründlich. Daß seine Tochter sich verloben und verheiraten sollte, wollte ihm absolut nicht in den Sinn, denn er vertrat die Ansicht, daß man auch ohne Ehe glücklich sein könne. Und wenn sie schon heiraten sollte, dann den Adjutanten ganz gewiß nicht, obgleich er an dem Oberleutnant weiter nichts auszusetzen hatte, als daß dieser eben sein Adjutant war.

Das Verhältnis zwischen den beiden wurde von Tag zu Tag schlechter, und als das Regiment zum Manöver ausrückte, hatte der Streit seinen Höhepunkt erreicht; die beiden verkehrten nur noch dienstlich miteinander. Und der Adjutant suchte dies dadurch auf das deutlichste zum Ausdruck zu bringen, daß er, wenn irgend möglich, nie etwas anderes als „Zu Befehl!” sagte. Schweigend ritten sie im Gelände nebeneinander, und selbst die Versuche des Etatsmäßigen und des Ordonnanz­offiziers, Frieden zu stiften, scheiterten auf das glänzendste.

So kam der erste Biwakstag heran, und auf diesen hatte sich der Regiments­adjutant schon lange gefreut, weil er sich fest vorgenommen hatte, bei dieser Gelegenheit einmal mit seinem Herrn Oberst ein sehr ernstes Wort zu sprechen. In Gottes freier Natur bei schönem Sternenhimmel, angesichts eines großen Bowlentopfes kann man gar manches, was man auf dem Herzen hat, ungestraft sagen, besonders wenn man es versteht, eine leichte Trunkenheit zu heucheln. Von der Redefreiheit und der markierten Trunkenheit gedachte der Adjutant den ausgiebigsten Gebrauch zu machen, nicht, weil er sich über seinen Vorgesetzten ärgerte, denn das hatte er sich schon lange abgewöhnt, sondern weil er nicht wollte, daß beständig von den anderen Offizieren über die unglückliche Ehe, in der er mit seinem Brotherrn lebte, faule Witze gerissen würden. Allerdings war der Tag, eine Versöhnung herbeizuführen, so schlecht wie nur möglich gewählt. Am frühen Morgen hatte der Oberst seinen Adjutanten angeschrien, daß alle, die nicht kontraktlich zum Bleiben verpflichtet waren, mit einem Schrei des Entsetzens davonflohen. Und als der Oberst in das Biwak kam, fand er von seiner Gattin einen Brief vor, der mit den Worten schloß: „. . . hoffentlich bist Du immer recht freundlich und liebevoll mit dem Adjutanten, denn wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist Olga sehr, sehr verliebt in ihn, und Dein Kind glücklich zu machen, muß doch Deine erste, vornehmste Lebensaufgabe sein.”

„Quatsch,” sagte er ganz laut, als er diese Worte las.

„Wie bemerkten der Herr Oberst sehr richtig?” fragte der Etatsmäßige, der in der heißen Suppe rührte und eine an ihn gerichtete Bemerkung des Vorgesetzten überhört zu haben glaubte.

„Reden Sie nicht, sondern essen Sie, Herr Oberstleutnant,” lautete die scharfe Entgegnung, und gehorsam schob sich der Etatsmäßige einen Löffel der kochend heißen Suppe in den Mund.

Die schlechte Laune des Herrn Oberst wuchs von Stunde zu Stunde, und als der Abend hereinbrach, hatten der Etatsmäßige und der Ordonnanz­offizier sich von einem Bataillonsstab einladen lassen — — mochte der Oberst mit seinem Adjutanten allein den Punsch trinken.

Als gemeldet wurde, daß das Abendessen fertig sei, kroch der Oberst aus dem Zelt heraus, in dem er eine Stunde auf dem Stroh gelegen hatte, und blickte mit Erstaunen auf den gewaltigen Blechkessel, in dem eine ungeheure Quantität herrlich duftenden Glühweins siedete und zischte.

„Wer soll denn das alles trinken?” fragte der Oberst mißbilligend.

„Ich,” gab der Adjutant mit lakonischer Kürze zur Antwort, und gleichsam zur Bestätigung seiner Worte ließ er sich gleich zwei Gläser einschenken, die er mit unheimlicher Schnelligkeit leerte.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah der Oberst dem Treiben seines Adjutanten zu: „Sie haben schon heute mittag ganz brav getrunken, Herr Leutnant, wenn Sie so weiter machen, werden Sie sich betrinken, Herr Leutnant!”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Der Oberst machte große, starre Augen, so etwas von Frechheit war ihm denn doch noch nicht vorgekommen. „Das verbitte ich mir, Herr Leutnant,” brauste er auf, „ich habe Sie nicht zu meinem Adjutanten gemacht, um zuzusehen, wie Sie sich hier betrinken!”

„Zu Befehl, Herr Oberst,” klang es zurück, und da der Sprecher sein Glas gerade leergetrunken hatte, benutzte er die Gelegenheit, es wieder zu füllen.

„Wenn Sie Ihren Vorsatz, wie es scheint, wirklich ausführen wollen, bestrafe ich Sie wegen Trunkenheit im Dienst mit sieben Tagen Stubenarrest — merken Sie sich das, Herr Leutnant!”

„Zu Befehl, Herr Oberst,” klang es gelassen zurück, und von neuem führte der Adjutant das Glas an die Lippen.

Da der Kommandeur nicht mehr aß, zündete der Adjutant sich eine Zigarre an und sah träumerisch den Rauchwolken nach, und während er rauchte, trank er, und während er selbst trank, winkte er mit den Augen dem Burschen, auch dem Herrn Oberst zu trinken zu geben, aber er sprach kein Wort.

Und dieses Schweigen machte den Kommandeur mit der Zeit mehr als nervös, der heiße Punsch erhitzte sein Blut, es kribbelte und krabbelte in seinen Adern und ihm war, als wenn Tausende von Ameisen in und auf ihm spazieren liefen. Wohl eine halbe Stunde ging so dahin, da konnte der Oberst seinen Zorn nicht mehr zurückhalten.

„Herr Leutnant,” fuhr er endlich auf, „was denken Sie sich eigentlich bei Ihrem Benehmen? Was bezwecken Sie damit? Wollen Sie mich etwa ärgern?”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Der Oberst war aufgesprungen und stützte sich mit beiden Händen auf den vor ihm stehenden Tisch. Mit vernichtenden Blicken schaute er auf seinen Adjutanten. — — Der aber trank ganz ruhig seinen Becher leer und füllte ihn dann von neuem.

Der Oberst winkte den Burschen, die sich im Hintergrunde aufhielten, sich noch weiter zurückzuziehen, dann aber legte er los: „Herr Leutnant, wissen Sie überhaupt, was Sie soeben gesagt haben? Sie verdienen, daß ich Sie vor das Kriegsgericht stelle und erschießen lasse. Wenn schon einer von uns beiden den andern ärgert, dann bin ich derjenige, welcher — — — verstanden?”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Das klang so ruhig, so selbstverständlich, daß der Kommandeur für einige Sekunden ganz aus dem Konzept kam.

„Zweierlei gibt es nur,” fuhr der Oberst nach einer kleinen Pause fort, „entweder sind Sie krank oder betrunken.”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

„Dnn legen Sie sich gefälligst schlafen — morgen sprechen wir weiter miteinander.”

Gehorsam stand der Adjutant auf und begab sich in das Zelt.

Aber kaum lag er im Stroh, da fing er an zu phantasieren und solch irres Zeug zu reden, daß der Oberst seinen Etatsmäßigen und seinen Ordonnanz­offizier, als diese zurückkamen, freundlichst bat, sich in einem anderen Zelt ein Unterkommen zu suchen. Und das tat der Herr Oberst nicht ohne Grund: Die anderen brauchten es nicht zu hören, daß sein Adjutant seine Tochter Olga beständig um einen Kuß bat und zwischendurch so toll er konnte auf ihren Vater schalt. Nach und nach wurde der Schläfer ruhiger, aber von zeit zu Zeit erklang doch noch manchmal: „So'n Kerl, schöner Schwiegervater, ich breche ihm das Genick — küsse mich, Olga.”

Und mit sehr gemischten Gefühlen lauschte der Herr Oberst diesem Herzenserguß seines Adjutanten.

„Wir beide sprechen uns morgen — wir beide sprechen uns morgen,” murmelte er beständig vor sich hin.

Aber zur rechten Zeit fiel dem Kommandeur eins ein: wenn er mit seinem Adjutanten sprach, mußte er ihn bestrafen lassen, wenn er ihn bestrafen ließ, mußte er ihn ablösen lassen, dann kam der fünfte an die Reihe, und die hohen Vorgesetzten wollten, daß der vierte Regiments­adjutant auch der letzte sei.

So tat der Kommandeur das klügste, was er tun konnte: nämlich gar nichts. Er entschloß sich, nicht nur nichts gegen seinen Adjutanten, sondern alles für ihn zu tun, ja, er nahm sich sogar vor, sich einer etwaigen Verlobung nicht zu widersetzen; denn wenn er sein Ansehen retten wollte, mußte er alles tun, was in seinen Kräften stand, um auch nur den Anschein zu vermeiden, als habe er in dem Benehmen seines Adjutanten irgend etwas Tadelnswertes gefunden, und als habe er gar dessen im Schlaf gesprochene Worte gehört.

Bei Tagesanbruch saßen der Oberst und sein Adjutant zu Pferde, um in das Manövergelände zu reiten, und mit Erstaunen sahen alle, daß der Kommandeur sich ganz freundschaftlich mit seinem Begleiter unterhielt. Diesen plötzlichen Umschwung der Gesinnung begriff kein Mensch, am allerwenigsten aber der Adjutant! Der hatte sich gestern bei dem Versuch, eine leichte Trunkenheit zu markieren, die Nase derart begossen, daß er von nichts mehr eine Ahnung hatte.


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