Der schwarze Teufel.

Militärhumoreske von Freiherrn von Schlicht
in: „Hamburger Nachrichten”, belletristisch-literarische Beilage, vom 26.8. und 2.9.1900 und
in: „Vielliebchen”


„Auszug aus dem Militär-Wochenblatt: Durch Allerhöchste Kabinettsorder ist der Oberleutnant von Warnholz, bisher im Ulanenregiment Nr. 26, in das Dragonerregiment Prinz Moritz versetzt worden.”

Das war die große Neuigkeit, die das täglich einmal erscheinende Tageblatt seinen dreitausend Abonnenten unter „Lokales” besonders fettgedruckt mitteilte und die in den beteiligten und unbeteiligten Kreisen so lebhaft diskutiert wurde, als handle es sich um die Entdeckung eines neuen, steuerfreien Weltteils oder um die Flüssigmachung der Elektrizität oder sonst um eine die ganze Welt erschütternde Tatsache.

Die kleine Stadt, die ganz auf ihre Garnison angewiesen war, las die Nachricht immer und immer wieder, und die Persönlichkeit des neuen Leutnants wurde dadurch um so interessanter, daß niemand auch nur das Geringste über ihn wußte — selbst unter den Dragonern befand sich kein einziger, der früher mit ihm, sei es auf der Kriegsschule oder auf der Reitschule, irgendwie in Berührung gekommen war. Er war allen ein ganz Fremder, und so wurden die kühnsten Behauptungen und Vermutungen aufgestellt und ausgesprochen, der eine hielt ihn für sehr reich, denn bei den Dragonern ständen nur reiche Herren; der andere hielt ihn für sehr arm, denn die Ulanen wären viel teurer als die Dragoner, sicher war er bei seinem alten Regiment zusammengebrochen und sollte hier nun seine Finanzen wieder in Ordnung bringen. Der dritte hielt ihn für groß, der vierte für klein, der fünfte für klug, der sechste für dumm, der siebente für blond, der achte für dunkel — jeder vertrat seine Ansicht auf das energischste und wurde grob, wenn ein anderer, der doch ebensowenig Bescheid wußte wie er selbst, ihm widersprach.

Aber nicht nur die ehrsame Bürger der Stadt unterhielten sich über den neuen Offizier an ihrem Stammtisch, auch in den Familien wurde bei dem Abendtee nichts anderes gesprochen, und manche Mutter sah prüfend und forschend auf ihre Tochter, als wolle sie ergründen, ob ihr Liebling wohl den Beifall des neuen Leutnants finden und ihn zu einem Heiratsantrag begeistern würde. Ja, die Frau Steuerrat, die in der glücklichen Lage war, über fünf heiratsfähige Töchter zu verfügen, ordnete ihrer Ältesten sogar eigenhändig die Stirnlocken, gleichsam als könne der Herr Oberleutnant jeden Augenblick eintreten und zu ihr sprechen: „Gnädige Frau, gestatten Sie mir, Sie um die Hand Ihrer Ältesten zu bitten.”

Das allermeiste Interesse aber erweckte die Zeitungsnotiz in dem „Kanzleihof”, so hieß das große Mädchenpensionat, das unter der strengen Aufsicht von Fräulein Wellhoff, genannt Tante Julchen, stand. Vor vielen Jahren war in dem Gebäude die Stadtkanzlei untergebracht gewesen, von dem großen Hof, der das Haus umschloß, hatte das Haus den Namen bekommen und auch später beibehalten, als anstatt des Kanzleivorstehers Tante Julchen das Zepter in der alten Gemeinde schwang.

Tante Julchen hatte nicht geheiratet, weil sie von jeher ihr größtes Glück in der Erziehung der heranwachsenden Jugend gesehen hatte — so sagte sie wenigstens, wenn sie gefragt wurde. In Wirklichkeit lag die Sache ein gnaz klein wenig anders: es hatte sie keiner gewollt. Auf die Männer war Tante Julchen, eine spindeldünne alte Jungfer von fünfzig Jahren, sehr schlecht zu sprechen, nur die Väter, die ihre Töchter ihr zu Erziehung anvertrauten, fanden Gnade vor ihren Augen.

Gegen das Militär hatte sie ein vollständige Wut mit und ohne Grund, denn wenn die Dragoner mit klingendem Spiel bei dem Kanzleihof vorbeiritten und ungeniert in die Schulstuben hineinblickten, war es mit der Aufmerksamkeit vorbei, und die eindringlichsten Ermahnungen: „Ich bitte Sie, in den Atlas und nicht zum Fenster hinauszusehen, wenn Sie nicht wollen, daß ich Ihnen eine schlechte Note wegen Unachtsamkeit gebe,” hatten nicht den leisesten Erfolg.

Tante Julchen hatte alles getan, was in ihren Kräften stand, um die Dragoner ihrem Kanzleihof fern zu halten, sie hatte den Herrn Oberst zuerst schriftlich, dann mündlich gebeten, bei dem Marsch durch die Stadt eine andere Straße zu wählen, ja, sie hatte sich sogar mit einem Gesuch an das Generalkommando gewendet, aber überall war sie abschlägig beschieden worden.

Tante Julchen fügte sich endlich.

„Gegen den Militarismus im preußíschen Staate ist nicht anzukämpfen,” sprach sie seufzend und gab jeden weiteren Kampf auf.

Sie tröstete sich damit, daß es den Offizieren endlich langweilig werden würde, sich immer dieselben Mädchengesichter anzusehen, und daß es den jungen Damen auf die Dauer doch auch keinen Spaß machen könnte, immer dieselben zu bewundern.

Nun aber kam ein neuer Offizier, ein neues Gesicht.

Im ersten Augenblick dachte Tante Julchen daran, sich telegraphisch an Seine Majestät den Kaiser zu wenden, die Versetzung wieder rückgängig zu machen, aber sie sagte sich nach einiger Überlegung, daß dies doch wohl nicht gut ginge. Ihr zweiter Gedanke war, die Neuigkeit ihren jungen Damen so lange wie nur irgend möglich zu verheimlichen, aber auch dies erwies sich nicht als ausführbar, denn Gustel von Dietz, die heute in der Küche die Woche hatte, war von der Köchin, die die Zeitung stets als erste las, bereits über die große Neuigkeit unterichtet worden. Na, und wenn es erst eine Pensionärin wußte, wußten es nach fünf Minuten alle übrigen.

Gustel von Dietz war Tante Julchens Schmerzenskind, sie paßte eigentlich gar nicht in den Kanzleihof hinein, sie war zu alt, neunzehn Jahre, und vor allen Dingen war sie zu hübsch und zu elegant, sie war von großer, schlanker Figur. Ihr scharfgeschnittenes, kluges, feines Gesicht mit den rosigen Wangen, dem zarten Teint, der fast klassisch schönen Nase und den großen, schwarzen Augen wurden[sic! D.Hrsgb.] von langen, dichten, blonden Haaren umgeben, die sie wunderbar zu frisieren verstand. Gustels Frisur war neu und eigenartig, auf jeden Fall wich sie von dem glatten Madonnenscheitel, den die kleine Stadt als für junge Mädchen allein schicklich anerkannte, bedeutend ab, und Gustels Haare, die gebrannt, gelockt und auf dem Hinterkopf in einen dichten, kunstvollen Knoten zusammengebunden waren, vermochten einige strenge Mütter geradezu in Ekstase zu bringen. Nach deren Ansicht war es unbegreiflich, daß Tante Julchen so etwas duldete. Auch sonst gab es an Gustel allerlei auszusetzen: sie rauchte Zigaretten, sie sollte gar schon einmal heimlich verlobt gewesen sein, und sie hatte einen Bruder, der aktiver Offizier war. Sie hatte dadurch Fühlung mit der Armee, die für ein junges Mädchen durchaus nicht angebracht war, und wieder wunderte man sich, daß Tante Julchen so etwas duldete.

In mancher Hinsicht stimmte Tante Julchen aber mehreren Damen bei: Gustel paßte nicht so recht in ihr Institut, aber das Mädchen hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, in ihrem Pensionat ihre französischen und englischen Kenntnisse zu vervollkommnen, und dagegen konnte Tante Julchen doch nichts einwenden, zumal Gustel auch im Haushalt sehr lernbegierig war (allerdings nur dann, wenn es ihr gerade Spaß machte) und weil Gustel last not least freiwillig ein Pensionsgeld zahlte, das so anständig war, daß Tante Julchen, wenn sie es in Empfang nahm, stets an sich halten mußte, um Gustel nicht die Hand zu küsen.

Gustel besaß für die Armee ein ausgesprochenes Interesse. Bevor ihr Vater sich ein Rittergut kaufte, hatte er den bunten Rock getragen, ebenso ihre Vettern und sie selbst wäre auch sehr gerne Leutnant geworden — wenigstens sagte sie es zuweilen, um andere zu ärgern. Ihr Interesse an dem Heer bekundete sie auch dadurch, daß sie sich jedes Jahr zu Weihnachten die neueste Rang- und die letzte Anciennitätsliste schenken ließ, und sie vermochte daher, als zu Tante Julchens Entsetzen der neue Offizier bei dem Abendbrot besprochen wurde, die genaueste Auskunft über ihn zu erteilen. Er ist am 19. Mai 87 in die Armee eingetreten, am 12. Februar charakterisierter Portepeefähnrich und am 15. Juli wirklicher Fähnrich geworden. Offizier ist er seit dem 16. Februar 89(1); Oberleutnant ist er seit dem 20. September 98, an Orden besitzt er die Rettungsmedaille und dann ein paar Frühstücksorden, er muß einmal bei einem Fürsten während eines Manövers Ordonnanzoffizier oder so etwas ähnliches gewesen sein.

Zwar war es sehr schwer, wenn nicht fast unmöglich, sich aus diesen trockenen Zahlen und Angaben ein Bild des Herrn von Warnholz zu machen, aber sie taten es dennoch und jede dachte ihn sich so, wie sie sich ihr Ideal dachte. Nur Gustel hielt sich nicht damit auf, sich irgendwelche Vorstellungen von einer unbekannten Größe zu machen, „wer weiß, vielleicht ist er schon verheiratet und für uns alle unrettbar verloren,” sagte sie lachend zu den Freundinnen.

Allgemeines Entsetzen folgte diesen Worten — auf den von Gustel geäußerten Gedanken war noch niemand gekommen.

Wenige Tage später erschien Herr von Warnholz in der neuen Garnison, und wenn er auch in den Augen aller jungen Mädchen und vieler Mütter den großen Vorzug hatte, ledig zu sein, so fand er dennoch vor niemand Gnade: er war keine Schönheit, einige fanden ihn häßlich, einige sogar „mordshäßlich”. Er war nicht vierundzwanzig Stunden in der Stadt, da hatte er schon den Beinamen „der schwarze Teufel”(2), und die Bezeichnung war nicht so ganz unzutreffend.

Er war von mittelgroßer, schlanker, aber dabei doch muskulöser Figur. Sein schmales, spitzes Gesicht hatte einen ganz dunklen Teint, und der Ausdruck seines Antlitzes, das ein kurzer, tiefschwarzer, spitz zugehender Vollbart umrahmte, war finster und verschlossen. Die schwarzen Augen hatten etwas Kaltes, Durchdringendes und Forschendes — man wich unwillkürlich ihrem Blick aus. In seinem ganzen Auftreten hatte er etwas Festes, Bestimmtes, Energisches — man sah es ihm an, daß er eine eiserne Energie besaß und seinen Willen unter allen Umständen durchsetzte. Er flößte jedem, der ihn zum erstenmal sah, Angst und Schrecken ein. Man bedauerte seine armen Untergebenen, und schon nach weiteren vierundzwanzig Stunden wußten alle Herrschaften durch ihre Dienstmädchen, die es wieder von ihrem Bräutigam hatten, daß der schwarze Teufel im Dienst maßlos streng sei. — Die ältesten, tüchtigsten und gröbsten Unteroffiziere sollten eingestanden haben, im Vergleich mit ihrem neuen Leutnant die reinen Waisenknaben zu sein. Für das schöne Geschlecht schien er wenig oder gar kein Verständnis zu besitzen — wenigstens waren die schönsten jungen Damen der Stadt an ihm vorbeigegangen, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden.

Um so größer war das Erstaunen, als es eines Tages an der verschlossenen Pforte des Kanzleihofes klingelte und Herr von Warnholz erschien, um Fräulein von Dietz seine Aufwartung zu machen.

Daß ein Leutnant erschien, um ein junges Mädchen zu besuchen, war noch nicht dagewesen, solange das Pensionat bestand, und das Mädchen lief davon, um sich zu erkundigen, welche Antwort sie dem Herrn zu geben habe. Sie eilte schreckensbleich zu Tante Julchen, und diese fühlte sich, als sie vernommen hatte, wer draußen vor dem Tore stand, fast einer Ohnmacht nahe. Daß die Offiziere in ihre Fenster sehen, konnte sie nicht verhindern, wohl aber daß sie die Schwelle ihres Hauses überschreiten. Die Kühnheit der Herren ging doch zu weit. „Sagen Sie dem Herrn, wir empfingen keine Besuche,” befahl sie dem Mädchen, und schon wollte dieses davoneilen, als Gustel erschien. Sie hatte am Morgen einen Brief von ihrem Bruder empfangen, in dem dieser ihr mitteilte, daß er mit Warnholz zusammen auf der Kriegsschule gewesen und kürzlich mit ihm in Berlin zusammengetroffen sei. „Ich habe ihm Grüße an dich aufgetragen,” schloß der Schreiber, „wenn er sie dir in dein Kloster bringt, nimm ihn an und laß dich durch sein Äußeres nicht abschrecken, er ist ein guter Mensch.”

Nun war er da, und Gustel dachte nicht daran, ihn unverrichteter Sache wieder fortgehen zu lassen, denn die Freunde ihres Bruders, den sie sehr liebte, waren auch ihre Freunde.

„Fräulein Wellhoff,” sagte Gustel sehr bestimmt, „der Besuch gilt mir, nicht Ihnen,” und zu dem Mädchen gewendet, setzte sie hinzu: „Führen Sie den Herrn Leutnant in den Empfangssalon.”

Tante Julchen war sprachlos über diese Keckheit, aber sie hatte nicht den Mut, einen Gegenbefehl an das Mädchen zu geben, sie wußte, wenn Gustel sie Fräulein Wellhoff und nicht wie sonst Tante Julchen nannte, hatte sie zu gehorchen.

Wenige Minuten später saßen der schwarze Teufel und Gustel sich im Salon gegenüber.

„Die Offiziere scheinen in diesen heiligen Hallen die bestgehaßten Menschen zu sein, gnädiges Fräulein,” sagte er im Laufe des Gesprächs, „nach dem Blick zu urteilen, mit dem die Donna Urarka mich hier in dieses Allerheiligste führte, wünscht man mich zum Teufel.”

„So ganz unrecht haben Sie nicht,” erwiderte sie lustig, „ich selbst aber danke Ihnen, daß Sie persönlich gekommen sind, um mir die Grüße von Friedrich zu bringen — er hat mir viel Gutes und Liebes über Sie geschrieben.”

„Und Sie stimmen ihm hoffentlich in seinem Urteil über mich bei?” fragte er neckend, „natürlich nur so weit, als unsere Bekanntschaft, die ja wohl schon zwei Minuten alt ist, Ihnen hierzu Gelegenheit gegeben hat. Oder doch noch nicht? Schade, sehr schade.”

„Sie werden den Schmerz überwinden,” sagte sie etwas ärgerlich. Sie fand die Art, in der er seine Worte sprach, nicht ganz passend.

„Zürnen Sie mir nicht,” bat er. „Ihr Herr Bruder, der seine Schwester zärtlich liebt und sehr, sehr stolz auf sie ist, hat mir so viel Liebes von Ihnen erzählt, daß ich mich wirklich darauf freute, Sie kennen zu lernen — ich möchte nicht, daß Sie Ihrem Herrn frère heute mittag schrieben: der schwarze Teufel ist ja ein schrecklicher Mensch.”

Sie sah ihn bei seinen letzten Worten etwas erschrocken an. „Woher wissen Sie denn, daß — daß —”

„Daß ich der schwarze Teufel bin?” half er ihr, als sie stockte. „Aber gnädiges Fräulein, den Namen habe ich schon solange ich diene, und ich werde ihn beibehalten, bis man mich verabschiedet.”

„Daran sind Sie doch aber selbst schuld,” erwiderte sie. Zu spät merkte sie, daß sie etwas Unpassendes gesagt, und eine leichte Verlegenheit nahm sie gefangen. „Verzeihen Sie,” bat sie, „ich hatte nicht die Absicht, Ihnen durch meine Worte irgendwelchen Tadel auszusprechen.”

„Bitte, bitte, gnädiges Fräulein,” entgegnete er. „Offenherzigkeit ist in meinen Augen stets nur ein Vorzug, aber ich verdanke meinen Namen mehr meinem Äußeren als meinen sonstigen Charakter­eigenschaften.” Und dann fuhr er, auf ein anderes Thema übergehend, fort: „Ihr Herr Bruder sagte mir, daß Sie noch ein ganzes Jahr hier bleiben und dann nach Frankreich und England reisen wollen, um sich als Sprachlehrerin auszubilden. Ist das wirklich wahr?”

„Natürlich,” erwiderte sie ganz ernsthaft; „warum zweifeln Sie daran?”

„Weil Sie nach meiner Meinung für den Beruf viel zu jung, zu hübsch und zu elegant sind,” gab er zur Antwort.

„Schönsten Dank für das Kompliment,” erwiderte sie lustig, „aber sind denn die Lehrerinnen kontraktlich verpflichtet, alt, häßlich und altmodisch in ihren Kleidern zu sein?”

„Ich glaube ja,” entgegnete er, „wenigstens ist mir noch keine Beauté als Lehrerin begegnet — ich denke, auch Sie besinnen sich noch eines Besseren, Sie haben es ja Gott sein Dank nicht nötig, Geld zu verdienen.”

Sie seufzte schwer auf. „Das Taschengeld langt nie; aber Sie haben recht, vielleicht besinne ich mich trotzdem noch. Mein Bruder wird es Ihnen wohl schon gesagt haben, ich bin ein ganz wunderbares Ding, zusammengesetzt aus lauter Launen und verrückten Einfällen. Je mehr mir jemand widerspricht, desto mehr halte ich an meinem Vorhaben fest und tue schließlich, was ich mir vornahm, aus lauter Trotz, nur um nicht nachgeben zu müssen. Ich lasse mir keine Vorschriften machen, von keinem Menschen; ich tue genau das, was ich will.”

Er wandte keinen Blick von ihr, während sie lebhaft sprechend ihm gegenüber saß; ihre Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre feurigen Augen leuchteten noch lebhafter als sonst. Das einfache, aber doch sehr elegante blaue Klied stand ihr ausgezeichnet, und sie bot ein Bild jugendlicher Anmut.

„Ihr Bruder hat nicht zu viel gesagt, wenn er behauptete, sein Schwesterlein würde mir gut gefallen,” dachte Warnholz, da klopfte es an die Tür und das Dienstmädchen erschien: „ich soll um Verzeihung bitten, wenn ich hereinkome und nicht stören, hat das Fräulein Wellhoff gesagt, aber es ist man, das Fräulein läßt fragen, wann die Suppe aufgetragen werden kann?”

Beide lachten belustigt auf, dann sagte Warnholz: „Melden Sie Ihrer Herrin, ich verstände diesen zarten Wink und verschwände.”

„Na, das ist man schön,” meinte die Küchenfee. Sie wartete, bis er sich von Gustel verabschiedet hatte, und geleitete ihn trotz seines Widerspruchs die Treppe hinunter.

„Haben Sie auch etwas vergessen, Herr Leutnant?” fragte sie ihn unterwegs.

Verwundert sah er sie an. „Wie kommen Sie darauf?”

„Na, ich meine nur,” gab sie zur Antwort, „denn selbst, wenn Sie etwas vergessen hätten, hereingelassen werden Sie nicht wieder, hat Fräulein Wellhoff gesagt.”

Lachend ging er von dannen und er hörte, wie die große Tür hinte rihm abgeschlossen wurde.

Fast ein Vierteljahr weilte Herr von Warnholz nun schon in der kleinen Garnison, und man war schon lange über ihn zur Tagesordnung übergegangen. Das Interesse, das man an ihm genommen, bevor man ihn kannte, war sehr schnell nach seiner Ankunft erloschen, er bot zu wenig Gesprächsstoff. Man sah und hörte so gut wie gar nichts von ihm. Er hatte seine offiziellen Antrittsbesuche gemacht, aber die Saison hatte noch nicht begonnen, und da er in den meisten Familien nicht angenommen worden war, kannten ihn fast alle nur dem Äußeren nach. Man wußte nur, daß er bei den Kameraden sehr beliebt und bei den Vorgesetzten sehr gut angeschrieben war — er sollte ein hervorragender Reiter sein, und selbst die Laien bewunderten ihn, wenn er auf seinem tiefschwarzen Rappen durch die Straßen der Stadt ritt. Man sah es dem feurigen Tier an, daß es nur widerwillig seinem Reiter gehorchte, aber doch nicht den Mut hatte, sich gegen den Willen seines Herrn aufzulehnen.

In der Stadt gab es nur zwei Damen, die sich für den schwarzen Teufel, wie er immer noch genannt wurde, interessierten. Die eine war Tante Julchen, die andere Gustel von Dietz. Das Herz der ersteren hatte er dadurch erobert, daß er im Gegensatz zu seinen Kameraden nie in die Klassenzimmer hineinsah, wenn er bei dem Kanzleihof vorbeiritt. Das rechnete Tante Julchen ihm um so höher an, als es sonst in der kleinen schmalen Quergasse, in der sich nur Lagerräume und Lagerhäuser befanden, nichts zu sehen gab, ihr Haus war das einzige, das dauernd bewohnt wurde, und die Versuchung, dorthin einen Blick zu werfen, doch aus mehr als einem Grunde sehr groß.

Hätte Tante Julchen einen Orden für Enthaltsamkeit zu verleihen gehabt, so hätte sie ihn sicher dem schwarzen Teufel gegeben.

Gustel von Dietz und Herr von Warnholz hatten sich in der Zwischenzeit zu wiederholten Malen gesehen und gesprochen. Auf der Straße, auf den schönen Spaziergängen im Wald, auf dem breiten Promenadenweg, der sich an dem Fluß entlangzog, waren sie sich zuerst begegnet, und nie waren sie aneinander vorbeigegangen, ohne für kürzere oder längere Zeit miteinander zu plaudern. Nicht Tante Julchen allein fand das nicht ganz passend, aber Gustel war ja schon erwachsen und groß genug, um zu wissen, was sie tat, und schließlich wußte jeder, daß der schwarze Teufel ein intimer Freund ihres Bruders sei, das gab ihrem völlig harmlosen Verkehr selbst in den Augen des Kleinstädters ein etwas anderes Aussehen.

Auch heute trafen sie sich in der Hauptstraße, und mit Erstaunen sah sie, daß hinter ihm sein Bursche ging, der mit zahlreichen Paketen beladen war.

Sie erwiderte seinen Gruß und sprach ihn dann an: „Wollen Sie heute abend eine Gesellschaft geben, Herr von Warnholz? Ich sah Sie dort aus dem Kolonial­warengeschäft herauskommen, kaufen Sie für Ihre Gäste ein?”

Er winkte dem Burschen, vorauszugehen, und schritt dann an ihrer Seite weiter. „Pekkos zu geben, ist bekanntlich das unbestrittene Vorrecht der verheirateten Offiziere,” gab er zur Antwort, „mit dergleichen Dingen brauche ich mich also vorläufig noch nicht zu befassen. Aber Ihre Frage beweist mir, daß Sie das in der hiesigen Stadt erscheinende Blättchen nicht mit der genügenden Aufmerksamkeit lesen, sonst müßten Sie wissen, daß wir morgen auf drei Wochen in das Barackenlager rücken, um dort das Regiments- und Brigadeexerzieren abzuhalten.”

„Richtig, richtig,” sagte sie, und mit komischem Seufzer setzte sie hinzu: „Man merkt's, man wird von Tag zu Tag älter, und das Gedächtnis schwindet immer mehr.”

„Über Ihr Gedächtnis kann ich nicht urteilen,” gab er zur Antwort, „aber Ihr Äußeres straft Ihre Worte Lügen, wer so hübsch aussieht wie Sie, sollte selbst im Scherz nicht von älter werden sprechen.”

Bewundernd sah er sie an, sie trug ein grauseidenes Foulardkleid, das ihre schlanke Gestalt fest umspannte und ihre schlanken Formen zur vollen Geltung kommen ließ. Ein entzückender grauer Pariser Hut schmückte ihren Kopf, während die schlanken, schmalen Füße in koketten Lackstiefeletten saßen.

„Wissen Sie wohl, gnädiges Fräulein, daß Sie heute hübscher sind als je?” fragte er.

„Keine Komplimente,” bat sie, „Sie wissen, für derartige Dinge bin ich wenig empfänglich. Aber Sie wollten mir noch Auskunft darüber geben, was Sie veranlaßt, die halbe Stadt aufzukaufen?”

„Ganz so schlimm ist es nun noch nicht gewesen,” erwiderte er heiter, „aber wer ins Feld rückt, muß sich verproviantieren: Kaffee, Keks, Lichter, Streichhölzer, Apfelsinen, kondensierte Milch, Backpflaumen, um die mit tödlicher Sicherheit bei dem Kommandieren auftretende Heiserkeit zu beseitigen, mit Erlaubnis zu sagen, Insektenpulver für die nicht sehr beliebten Mitbewohner unserer Klause, Fliegenpapier und Maggi zum Würzen der von unseren Burschen bei den Abkochübungen fabrizierten Suppen. — Dies und so vieles andere sind die notwendigen Sachen, die ein moderner Krieger braucht, wenn er ins Gelände rückt.”

„Und wie sind die Vorfahren ohne alle diese Dinge ausgekommen?” fragte sie. „Die haben doch auch gelebt.”

„Aber sie sind doch auch alle gestorben,” verteidigte er sich, „hätten auch sie alle jene Bequemlichkeiten des Lebens gehabt, weilten sie vielleicht noch unter uns.”

„Nun hören Sie aber auf,” bat sie, „und drei Wochen sagen Sie, daß Sie fortbleiben? Da wird es lange dauern, ehe wir uns wiedersehen — in vierzehn Tagen, wenn die Ferien beginnen, gehe ich auf sechs Wochen nach England zu einer Tante.”

Wider Willen blieb er stehen und sah sie fast erschrocken an, dann sagte er, während er wieder an ihrer Seite dahinschritt: „Wissen Sie wohl, daß ich das sehr unfreundlich von Ihnen finde, gnädiges Fräulein? Was wollen Sie in England? Plumpuddings und Beefsteaks können Sie auch hier essen, und Porter und Ale ist auch hier zu haben, in dieser Hinsicht befinden wir uns hier in der Weltstadt, obgleich dieser Ort sonst auf diese Bezeichnung noch weniger als gar keinen Anspruch machen kann. Ich habe kein Talent zum Kleinstädter in mir. Das Militärkabinett muß sehr schlecht bei Laune gewesen sein, als es auf den Gedanken kam, gerade mich hierher zu versetzen. Bisher habe ich nicht geklagt und nicht mit meinem Geschick gehadert, weil Sie hier waren, gnädiges Fräulein — verstehen Sie mich recht, ich sagte mir, wenn Fräulein von Dietz, die nicht die Spur einer Kleinstädterin besitzt, es hier aushält, wirst du hier auch nicht zugrunde gehen. Nun aber wollen Sie den wasserdichten Koffer packen und über den Kanal fahren. Sie sagen, Sie wollen wiederkommen, sogar in sechs Wochen, aber das kenne ich von meiner Schwster. Die Zeitangaben eines jungen Mädchens sind weniger zuverlässig als die einer Sternwarte — dort fällt der Ball auf die Sekunde, ein junges Mädchen aber hält nie die Zeit inne.”

Sie ärgerte sich über ihn. Woher nahm er Veranlassung, so zu ihr zu sprechen, so ihr Fortgehen zu beklagen? Es klang ein fast vertraulicher Ton aus seinen Worten, der ihr nicht gefiel. Sie war sich nicht bewußt, ihm je irgendwie entgegengekommen zu sein, ihn zu irgend welcher Vertraulichkeit ermutigt zu haben. Gehörte auch er zu jenen eitlen Männern, die jedes Wort, das man an sie richtet, gleich in ihrem Sinne deuten, die jeder Freundlichkeit gleich ein anderes Motiv unterlegen? Gewiß, sie mochte Herrn von Warnholz sehr gern, sie hatte ihm gegenüber nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie sich gern mit ihm unterhielt, aber das berechtigte ihn doch noch nicht, ihr gleichsam Vorschriften zu machen. So standen sie denn doch noch nicht miteinander, darüber wollte sie keinen Zweifel in ihm aufkommen lassen, und so klang ihre Stimme denn kühl und abweisend, wenn auch nicht gerade unfreundlich, als sie zu ihm sagte: „Selbst auf die Gefahr hin, daß aus den sechs Wochen sechs Monate werden sollten, müssen Sie sich aber doch in das Unvermeidliche fügen. Hier aber trennen sich unsere Wege — auf frohes Wiedersehen.”

Sie reichte ihm die Hand, die er lange in der seinen hielt. „Glückliche Reise und alles Gute, gnädiges Fräulein. Wie ist es, darf ich hoffen, Ihnen morgen noch einen Abschiedsgruß zuwinken zu können, wenn wir bei Ihrem Kanzleihof vorbeireiten?”

Qui vivra, verra,” erwiderte sie, „fest versprechen tue ich es nicht, nun aber noch einmal: auf Wiedersehen.”

Sie eilte davon, und während er an ein Ladenfenster trat, um die dort ausgelegten Sachen anscheinend zu bewundern, sah er ihr noch lange nach, bis ihre schlanke, elegante Erscheinung in einer Querstraße verschwand. „Ich Tor, der ich war, mir einzubilden, daß sie sich auch nur das geringste aus mir machte,” schalt er ingrimmig, „stärker hätte sie mich gar nicht abfallen lassen können. Qui vivra, verra,” wiederholte er ihre Worte. „Nun, morgen früh muß es sich ja entscheiden, ob sie auch das geringste für mich empfindet — steht sie morgen nicht am Fenster, dann gib nur alle Hoffnungen auf.”

Und schon von weitem spähten am nächsten Morgen seine Blicke nach ihr aus. In der rechten Packtasche, die an dem Sattel befestigt war, hatte er einen Nelkenstrauß, ihre Lieblingsblume, verborgen, den er ihr zuwerfen wollte, wenn er ihrer ansichtig wurde. Aber lange suchten seine Augen sie vergebens — alle Fenster waren dicht besetzt, der Unterricht hatte noch nicht begonnen, alle jungen Mädchen waren zu sehen — nur Gustel nicht. Zornig preßten sich seine Lippen aufeinander, und die Hand, die die Zügel hielt, ballte sich fester. Der Rappe wurde unruhig, er war nur mit ganz leichter Hand zu reiten, aber Warnholz nahm die Schenkel heran und zwang das Tier, ihm zu gehorchen. Da setzte die Musik mit einem flotten Marsch ein, und in demselben Augenblick sah er Gustel ganz allein an einem Seitenfenster stehen. Er griff in die Tasche, holte die Blumen hervor und warf sie ihr, sich in den Bügeln hochaufstellend, in einem weiten Bogen zu.

Wie es gekommen, vermochte er nachher niemand zu sagen — vielleicht, daß der Reiter dem eben so wie so schon unruhigen Tiere mit den Sporen zu nahe gekommen war, vielleicht, daß die Musik an dem jähen Seitensprung des Pferdes schuld war, vielleicht, daß das Werfen der Blumen den sehr scheuen Rappen erschreckte — mit einem Male gellte aus dem Munde der jungen Mädchen ein Schreckensschrei durch die Luft, das Pferd stieg kerzengerade in die Höhe und überschlug sich, seinen Reiter unter sich begrabend.

Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht von dem Unglücksfall im Regiment, die Musik verstummte, der Kommandeur mit seinem Adjutanten und der Assistenzarzt sprengten heran, mit affenartiger Geschwindigkeit und Gewandtheit saßen einige Dragoner auf Befehl eines Unteroffiziers ab, und wenig später trug man den Schwerverletzten in den Kanzleihof.

Als die schweren, sporenklirrenden Tritte der vielen Soldaten in den Gemächern ertönten, in denen sonst nur schlanke Mädchengestalten unhörbar einhergingen, als die Leute anstatt nach Eau de Cologne nach Stall und Pferden dufteten, als mit einem Male so viel Offiziere und Mannschaften in ihr Haus drangen und den jungen Leutnant, ohne erst lange um Erlaubnis zu bitten, auf die erste Chaiselongue legten, als alle jungen Mädchen neugierig und teilnehmend herbeieilten, als nach frischem Wasser und nach Tüchern gerufen wurde, und als endlich Gustel von Dietz erschien, um sich als Krankenpflegerin anzubieten, da sie zwei Samariterkurse durchgemacht habe — als alles dies eintrat, verlor Tante Julchen tatsächlich die Besinnung und sank ohnmächtig zusammen.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf der Chaiselongue, Leutnant von Warnholz aber lag in ihrem Zimmer in ihrem Bett.

Sie wollte zum zweitenmal in Ohnmacht fallen, aber Gustel hielt sie zurück. „Tante Julchen, fallen Sie nicht, es ging nicht anders, eine gründliche Untersuchung war nötig, die Ärzte baten selbst, ob wir ihnen nicht ein Bett für den Kranken geben konnten, bis er untersucht ist und die Besinnung wiedererlangt hat. Ich wies ihnen Ihr Zimmer an, Tante Julchen, ich hielt es für das passendste — teilen Sie nicht meine Ansicht? Der Kranke weiß ja nicht, wo er sich befindet, wunderbarerweise hat er nichts gebrochen, aber er scheint eine schwere Gehirnerschütterung davongetragen zu haben — nach Ansicht der Ärzte können Tage vergehen, ehe er wieder zum Bewußtsein kommt.”

„Und — und so lange soll er hier im Hause bleiben, in meinem Zimmer, in meinem —” Tante Julchen war entsetzt, sie wagte den Satz nicht auszusprechen.

Gustel warf ihr einen zürnenden Blick zu:

„Fräulein Wellhoff, Sie sollten zu verständig sein, um etwas Unpassendes darin zu finden, einen Schwerkranken, der vielleicht gar nicht mit dem Leben davonkommt, für einige Zeit bei sich aufzunehmen.”

In ihrer Angst stimmte Tante Julchen bei:

„Gewiß, gewiß, es ist ja Christenpflicht, aber, aber — bedneken Sie, Gustel, ich habe ein Mädchenpensionat, was werden die Eltern sagen, wenn sie erfahren, daß ich einen Leutnant beherberge? Ob es nicht meine Pflicht ist, es den Eltern anheimzustellen, unter diesen Umständen ihre Töchter mir fortzunehmen?”

Einen Augenblick sah Gustel ihre Pensiosmutter verwundert an, dann sagte sie: „Nehmen Sie es mir, der viel Jüngeren, nicht übel, aber der Schrecken ist Ihnen nicht nur in die Glieder, sondern auch in den Kopf gefahren. Sie wissen gar nicht, was Sie sagen. Nun aber will ich mich nach dem Kranken umsehen — will auch Ihr Zimmer in Ordnung bringen, damit seine Augen, wenn er sie zum erstenmal wieder aufschlägt, auf keine profanen Toilettengegenstände, als da sind: Lockenwickler, Brenneisen und so weiter, fallen.”

„Um Gottes willen,” flehte Tante Julchen, „nehmen Sie alles heraus, alles, auch meine ganze Garderobe, ich stürbe, wenn er sie sähe. Sie wissen, Gustel, ich bin nie mit Männern in Berührung gekommen. Meinen Vater habe ich in der frühesten Jugend verloren, Brüder und Vettern besaß ich nicht, ich bin nur unter Mädchen groß geworden, und jetzt, wo ich fünfzig Jahre alt bin, muß ich das erleben.”

Sie sank auf ihren Stuhl zurück, aber Gustel kümmerte sich nicht weiter um sie. Mit schnellen Schritten eilte sie in das Krankenzimmer, wo inzwischen der Oberstabsarzt, der nicht mit ausrückte, sondern als Chefarzt des Lazaretts zurückblieb, eingetroffen war. Auch er vertrat die Ansicht, daß jetzt ein Transport in das Lazarett wenn irgend möglich vermieden werden müßte, er blieb, bis ein Lazarettgehilfe kam, um bei dem Kranken zu verweilen, und entfernte sich, nachdem er noch genaue Instruktionen erteilt und befohlen hatte, ihn zu benachrichtigen, sobald seine Anwesenheit irgendwie nötig sei — vorläufig konnte er nicht helfen.

Drei Tage lang lag der Offizier ohne Besinnung, und fast die ganze Zeit hindurch blieb Gustel in dem Krankenzimmer, sie holte alles herbei, was der Lazarettgehilfe für die Kompressen und Umschläge brauchte, und machte sich nützlich, wo sie es nur immer konnte.

Stundenlang saß sie am Bett des Kranken und sah in sein bleiches Gesicht, und immer wieder sagte sie sich: „Ich bin schuld an seinem Sturz — hätte ich nicht bis zum letzten Augenblick gezögert, mich ihm zu zeigen, wäre ich wie die Freundinnen an eines der großen Fenster getreten, so hätte er mir die Blumen in die Hand drücken können, dann wäre das Unglück nicht geschehen.”

In den wenigen Minuten, in denen sie allein im Zimmer war, strich sie zärtlich mit ihrer Hand über das Haar des Kranken und streichelte seine Wangen, und immer wieder sprachen ihre Lippen: „Stirb nicht — werde gesund, stirb nicht.”

In ihrem Herzen war die Liebe erwacht in dem Augenblick, als sie ihn vom Pferde stürzen sah, als sie für sein Leben zitterte. Da war es ihr klar geworden, daß sie sich bisher selbst belogen hatte, daß sie doch viel mehr für ihn empfand als nur Freundschaft und freundliche Gesinnung. Sie hatte versucht, sich klarzumachen, was sie an ihm liebte; war es seine amüsante Art zu plaudern, war es der Ernst, der aus seiner Lebensuaffassung sprach, waren es seine Kenntnisse, die ihn mehr sein ließen, als man im allgemeinen unter einem Leutnant versteht? Sie wußte es nicht, sie wußte nur, daß sie ihn liebte.

Und endlich, endlich kam die Stunde, in der seine Jugend siegte über die Krankheit, in der das Leben sich von neuem in ihm regte, in der das Bewußtsein zurückzukehren anfing — er öffnete die Lider und schlug die Augen auf.

Gustel stand allein an seinem Lager und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie sah. Er versuchte ihr die Hand entgegenzustrecken und mit leiser Stimme fragte er: „Gustel, warst du schon in England?”

Lachend und weinend zugleich beugte sie sich über ihn: „Noch nicht, noch nicht, und wenn du es wirklich nicht willst, dann bleibe ich hier — soll ich bleiben?”

„Bleib,” bat er.

Sie beugte sich von neuem über ihn, und sie hörten nicht, wie sich leise die Tür öffnete und wie sie gleich darauf wieder geschlossen wurde.

Eine Minute später stürmte das Mädchen in den Eßsaal, in dem Tante Julchen mit ihren jungen Damen bei Tisch saß.

„Um Gottes willen, was gibt es?” fragte Tante Julchen — die letzten Tage waren nicht spurlos an ihr vorübergegangen, sie war nervös und abgespannt, „so sprich, was gibt's?”

Das Mädchen rang nach Atem: „Denken Sie sich nur, Fräulein Wellhoff, der schwarze Teufel —”

„Ist er tot?” kreischte Tante Julchen.

„Nein, er lebt, er ist lebendig und küßt unser Fräulein Gustel, und sie — sie küßt ihn wieder.”

„Entsetzlich.” Tante Julchen stöhnte auf in unnennbarem Weh. „Meine Damen, nehmen Sie sich alle daran ein warnendes Beispiel — entsetzlich, entsetzlich.”

Sie wollte hingehen und dem schrecklichen Treiben der beiden ein Ende bereiten, aber der Schrecken war ihr in die Füße gefahren, sie konnte sich nicht erheben.

Am Nachmittag wurde der Kranke in das Lazarett übergeführt, und am nächsten Tage verließ auch Gustel das Haus. Schweren, schweren Herzens sah Tante Julchen sie scheiden, nur ungern vermißte sie das liebe Geschöpf und die hohe Pension, aber es ging nicht anders — für wirkliche Bräute war im Kanzleihof kein Platz, und die Verlobung rückgängig zu machen, war Gustel nicht zu bewegen, obgleich das Mädchen sich sogar dreimal daraufhin köpfen lassen wollte, daß eine Ehe zwischen einem weißen Christenmenschen und einem schwarzen Teufel ein Unding sei.


Fußnote:

(1) Diese Daten stimmen mit den entsprechenden Daten aus Schlicht/Baudissins Lebenslauf überein, bis auf die Ernennung zum Oberleutnant durch AKO vom 12.Sept. 1896. Vermutlich wurde Schlicht diese Ernennung dann am 20.Sept. 1896 ausgehändigt. (zurück)

(2) Siehe dazu auch die Fußnote 33 in Schlichts Autobiographie, in der auch weitere Erzählungen erwähnt sind, in denen der „schwarze Teufel” auftritt. (zurück)


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© Karlheinz Everts