Scheußlich.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Aus der Schule geplaudert”


Ich liege, während ich dies schreibe, ohnmächtig zu meinen eigenen Füßen. Wie das kommt? Ich habe einen Wohnungswechsel vornehmen müssen, in meinem früheren Zimmer war es kühl und still — hier herrscht eine wahre Tropentemperatur, und von der Straße schallt wüster Lärm herauf. Ich wollte dem entfliehen und mit einer Droschke erster Güte im Tiergarten spazieren fahren, ich stellte mich auf die Straße und pfiff mir die Seele aus dem Leib, aber weder in Europa, Asien, Afrika, Amerika noch Australien war eine Droschke zu entdecken. Da stieg ich die sechstausend Stufen zu meiner Mansardenwohnung wieder empor und wollte arbeiten; aber als ich anfing, gab es auf einmal eine Dröhnung, und als ich mich verwundert umsah, lag ich, oder richtiger gesagt, liege ich noch ohnmächtig zu meinen eigenen Füßen. Und das hat seinen Grund in den oben angeführten Gründen — es geht mir einfach scheußlich.

Zum Teil mag dies auch seinen Grund darin haben, daß ich früher einmal — aurea aetas erat sagt der Chinese, wenn er lateinisch kann — Soldat war.

Und den Soldaten geht es eigentlich immer scheußlich.

Es regnet in Strömen, und auf den Korridoren stehen die Leute und üben „Einzelgriffe”. Das ist weder amüsant noch geistreich, aber was hilft's, es muß gemacht werden. Am langweiligsten ist die Sache natürlich für den Herrn Leutnant, denn der hat gar nichts zu tun, er steht nur dabei und paßt auf. Worauf, weiß er eigentlich selber nicht, das schadet auch nichts, die Hauptsache ist, daß die Vorgesetzten es wissen, die ihn dahin gestellt haben — ach richtig, nun fällt es ihm plötzlich ein, er soll aufpassen, daß die Leute bei dem Griff „das Gewehr über” den Kammerknopf nicht höher als bis zum obersten Rockknopf schieben. Das ist ungemein wichtig, denn wenn das Gewehr höher hinaufgeschoben wird, fällt es hintenüber, dann ist der Griff falsch und muß nochmal gemacht werden.

Aber wenn der Griff richtig gemacht wird, muß er auch nochmal gemacht werden.

Nochmal gemacht wird er unter allen Umständen, und darum ist es nach Meinung des Herrn Leutnants höherer Unsinn, daß er hier herumsteht und vor Langeweile Fliegen fängt.

Der Herr Leutnant sieht in jeder Stunde sechzigmal zum Fenster hinaus, ob der Regen nicht bald nachläßt, denn der Aufenthalt auf dem schmalen Korridor wird mit der Zeit höchst ungemütlich; es herrscht dort eine Luft, eine Luft, die wahrhaftig grausig ist, und das ist für den Herrn Leutnant um so unangenehmer, als er einen mordsmäßigen Brummschädel hat. Das kommt vom Sekt.

Endlich hört der Regen auf, und die Sonne macht einen schwachen Versuch zu scheinen.

Der Kasernenhof ist weiter nichts als eine große Pfi-Pfa-Pfütze, trotzdem befiehlt der Herr Leutnant: „Die Glieder herunterrücken — Einzelmarsch. Suchen die Unteroffiziere sich einen möglichst trockenen Platz aus.”

Das ist nun leichter gesagt als getan; ebensogut könnte verlangt werden, auf dem Großen Ozean einen trockenen Platz zu suchen.

Die Unteroffiziere rücken mit ihren Gliedern, nicht mit ihren eigenen, die haben sie im Dienst natürlich, bis sie tot sind, immer bei sich, sondern mit ihren „Zuggliedern” auf den Kasernenhof, beschauen sich das Feld ihrer Tätigkeit und sagen dann einfach: „Hier ist es trocken.”

„Einzelmarsch mit sieben Schritt Abstand — der Flügelmann antreten.”

Der Flügelmann tritt an — leise, leise, ganz bedächtig; er hat über die Trockenheit des Platzes andere Ansichten als sein Vorgesetzter.

„Kerl, schonen Sie Ihre Knochen nicht so unverschämt — höher die Beine — hö-ö-ö-ö-her.”

Aber den Flügelmann rührt das nicht, er marschiert, als wenn er auf Eiern ginge.

„Ach, du willst nicht, mein Junge,” ruft der Unteroffizier. „Du spielst hier den Dickfelligen — gespielt wird nicht beim Militär, das merk' dir — ich will dich schon kriegen.”

Er sieht sich um und entdeckt eine riesige Pfütze.

„So, mein Junge, nun komm' hier mal her. Langsamer Schritt nach Zählen. Kommando eins.”

Der Mann stellt seinen linken Fuß zurück und hebt den Absatz.

„Kommando — zwei.”

Der Mann streckt das bisher gekrümmte linke Bein.

„Kommando — drei.”

Der Unteroffizier hat sich das so schön gedacht — auf „drei” soll der Flügelmann mit seinem linken Fuß gerade in die Pfütze hineinhauen, aber der Flügelmann ist auch hier anderer Ansicht, er macht einen Riesenschritt und schreitet über die Pfütze hinweg.

Das ärgert den Unteroffizier ganz niederträchtig.

Er läßt den Mann zurücktreten, mißt nochmals die Entfernung mit den Augen und baut den Flügelmann nochmals auf.

„Kommando — drei.”

Aber der Kerl tritt wieder nicht hinein, auch nicht beim dritten und vierten Mal.

„Nun wollen wir das nochmal zusammen machen, mein Sohn,” spricht der Unteroffizier und faßt seinen Sohn am linken Hosenbein. „Also nochmal: Kommando — eins — zwei — und drei.”

Und mit aller Kraft, die er in seinem linken Bein hat, schlägt der Flügelmann seinen drei Meter langen und zwei Meter breiten Kommißstiefel mitten hinein in die Pfütze.

Nun fliegt der Dreck — unglücklicherweise aber dem Unteroffizier, der zu spät das Hosenbein seines Sohnes losließ, mitten ins Gesicht.

Nun ist der Dreck da.

Wie ein Wilder springt der Unteroffizier dem Mann ins Genick und gibt ihm ein paar Ohrfeigen mit der kalten la mein, daß ihm Hören und Sehen vergeht. „Na warte, mein Junge, so'n niederträchtiger Kanarienvogel bist du, das will ich dir gedenken.”

„Ich dir auch,” denkt der Flügelmann, dem die Hühneraugen übergehen.

Und am nächsten Morgen setzt er sich seinen châpeau-steif, auch Helm genannt, auf den Kopf, geht zu seinem Hauptmann und beschwert sich.

Zuerst geht es nun dem Unteroffizier scheußlich, der angeblasen wird, daß er auf dem Kasernenhof von einem Tor zum anderen fliegt, indes alle Befehle des Hauptmanns, stillzustehen, vergebens sind.

Dann geht es dem Herrn Leutnant scheußlich: „Herr Leutnant, wie ist so etwas möglich, wie kann das vorkommen, wenn Sie die Aufsicht bei dem Dienst haben, Sie scheinen den Dienst weder richtig zu leiten, noch zu beaufsichtigen.”

Dann meldet der Hauptmann den Vorfall dem Herrn Major, und nun geht es dem Herrn Hauptmann scheußlich: „Ach, so sieht es in Ihrer Kompagnie aus, Herr Hauptmann — das ist mir ja sehr interessant, zu erfahren — wie ist so etwas in Ihrer Kompagnie möglich? Sie scheinen den Dienst bei Ihren Leuten weder richtig zu leiten, noch zu beaufsichtigen.”

Dann erfährt der Herr Oberst von der Sache, und nun geht es dem Herrn Major scheußlich: „So etwas ist also in Ihrem Bataillon möglich, Herr Major? Da muß ich mich denn doch sehr wundern. Sie scheinen mir auf Ihre Herren Hauptleute denn doch nicht den richtigen Einfluß auszuüben und den Dienst bei den Ihnen unterstellten vier Kompagnien weder in der richtigen Weise zu beaufsichtigen, noch zu leiten.”

So geht es herauf — nun geht es wieder herunter — der Herr Oberst ist in diesem Falle das hohe C, höher geht es nicht mehr.

Soll ich die militärische Tonleiter auch von oben nach unten pfeifen? Ich hoffe, man erläßt sie mir, nur soviel sei gesagt, der Major bekommt riesig eins auf den Hut, der Hauptmann fängt als solcher an, mächtig zu wackeln, der Leutnant wird eingesperrt und der Unteroffizier erst recht. Der Musketier ist, obgleich er eine niederträchtige Kröte war, am allerbesten daran, der putzt sich den Schmutz von den Stiefeln und bürstet sich die Hosen rein, und damit ist für ihn die Sache erledigt.

Schuld an dem Ganzen hat der Schmutz, der auf dem Kasernenhof lag.

Oft geht es einem auch bei trockenem Wetter scheußlich.

Was kann man unseren Soldaten nicht alles beibringen, und was bringt man ihnen nicht alles bei. Solch Bleisoldat legt sich auf Kommando hin, und wenn er eben liegt, steht er sofort wieder auf, um sich gleich darauf wieder hinzulegen — er kniet nieder, geht, springt, läuft, hängt sich auf (allerdings nur am Querbaum, wenn er Klimmzüge macht), er steht Kopf, schießt, formiert das Karree, stößt seinen Kameraden auf Befehl das Fechtgewehr in die Rippen, daß die Erdachse knackt, er nimmt ungezählte Male, ohne die geringsten Spuren temporärer Geisteskrankheit zu zeigen, das Gewehr über und Gewehr ab, er futtert jeden Tag ein Kommißbrot von vier Pfund auf, und wenn er sie hat, deren auch zwei; er verschluckt jeden Mittag einen Eimer voll Kartoffeln und trinkt den Kaffee nicht wie andere Sterbliche aus Tassen , sondern aus dem Eßnapf, er putzt sein Gewehr, und wenn es unbedingt sein muß, hin und wieder auch einmal die Zähne, er meldet sich krank, wenn er auch vor Gesundheit beinahe auseinandergeht, er klettert nachts aus dem Kasernenfenster und eilt zum Liebchen, das seiner harrt, und klettert durch ein offenes Fenster in ihr Gemach, um dort in aller Ruhe seinen Hunger stillen zu können; ein Bleisoldat tut alles was man von ihm verlangt, nur eins nicht: er spricht nicht.

Es ist, um sich aufzuhängen, vorausgesetzt, daß man auch sonst des Lebens müde ist und einen Laternenpfahl und ein Bandende in der Westentasche bei sich trägt.

Die Leute sprechen nicht; wenn sie „Ja” oder „Nein” gesagt haben, denken sie, Cicero, der große Schweiger, wäre im Vergleich mit ihnen ein ungeborener, taubstummer Waisenknabe, und keine Macht auf Erden ist imstande, mehr Worte aus ihnen hervorzubringen.

Und das ist sehr unangenehm, besonders für den Herrn Leutnant, der seine Leute dem Herrn General vorinstruieren soll.

Der Herr General ist ein sonderbarer Heiliger, er verlangt, daß die Leute reden sollen — nicht sprechen, nein, wirklich reden sollen die Kerls.

Ach, du lieber Gott!! Nach seiner Meinung ist das auch nicht zuviel verlangt, denn als er noch Leutnant war, da haben seine Leute es gekonnt.

Sämtliche Vorgesetzte müssen überhaupt das Muster eines Leutnants gewesen sein, wenn man ihren Worten glauben darf.

Aber man glaubt ihnen nicht — i, wo wird man denn.

Der Herr General wendet sich an den Offizier, der mit schlotternden Knien vor seiner Instruktionsabteilung steht.

„Bitte, Herr Leutnant, instruieren Sie über den letzten Krieg, aber bitte, recht eingehend.”

„Zu Befehl, Herr General.”

Dann geht die Sache los.

„Mit welchem Feind war der Krieg 70/71?”

„Mit den Franzosen.”

„Welches war die erste Schlacht?”

„Die Schlacht von Weißenburg.”

„Welches war die zweite Schlacht?”

Da fährt der Herr General auf — dem Leutnant wäre es bedeutend lieber, wenn er davonführe. „Herr Leutnant, das nennen Sie eingehend instruieren? Da bin ich denn doch anderer Ansicht.”

Der Herr General wendet sich an einen Soldaten: „Mein Sohn, was wissen Sie von der Schlacht von Weißenburg? Erzählen Sie einmal.”

Jede Erzählung hat ein Ende, das bekanntlich in Schweigen besteht, und der Soldat fängt mit dem Ende der Erzählung an; er schweigt sich die Seele aus dem Leib.

Feierliche, erwartungsvolle Stille.

„Nun, etwas mehr werden Sie doch wohl wissen, mein Sohn?”

„Zu Befehl, Herr General.”

„Nun, so sprechen Sie frei von der Leber weg, denken Sie sich, Sie wären wieder zu Hause in Ihrer Heimat und sollten einem Freund etwas von der Schlacht erzählen, was würden Sie ihm dann sagen?”

Wieder feierliche Stille.

„Sie sind ein Schafskopf, mein Sohn.” Der General wendet sich an einen anderen Mann: „Was wissen Sie von der Schlacht?”

Und prompt erfolgt die Antwort: „Die Schlacht von Weißenburg war bei Weißenburg, Herr General.”

„Ist das alles, was Sie wissen?”

„Nein, Herr General.”

„Was wissen Sie denn sonst mehr?”

„Es war sehr heiß an dem Tage.”

Erstaunt sieht der Herr General sich um: „Herr Leutnant, wie kommen Sie dazu, Ihren Leuten so nebensächliche Dinge zu erzählen, woher wissen Sie außerdem, ob es an jenem Tage wirklich heiß gewesen ist?”

Der Herr Leutnant legte die Hand an die Mütze: „Verzeihen der Herr General, der Mann muß die Sache ins falsche Halsloch bekommen haben, ich meine natürlich, er hat mich falsch verstanden: ich habe den Leuten gesagt, es wäre eine sehr heiße Schlacht gewesen.”

„Schafskopf,” sagt der Herr General zum zweiten Male.

„Wo liegt denn Weißenburg?” fragt er den dritten den vierten, die Reihe hinunter.

Der Herr General wird wütend, „zum Donnerwetter, in welchem Land liegt Weißenburg denn, in Deutschland, Frankreich, Rußland oder China?”

„In China, Herr General.”

Schlug es nicht eben vom nahem Kirchturm dreizehn? Auf jeden Fall aber schlägt es jetzt ein.

„Herr,” donnert der General den Leutnant an, „Herr, mit solchen Leuten wagen Sie mir vor die Augen zu treten? Das nennen Sie ,Wissen'? Nur wer selber etwas weiß, kann seinen Untergebenen etwas beibringen, und Sie, Herr Leutnant, scheinen selbst blitzwenig zu wissen, denn sonst müßten Ihre Leute mehr von Ihnen gelernt haben. — Herr Oberst, ich bitte Sie doch dringend, Ihren Herren Gelegenheit zu geben, ihr Wissen zu bereichern.”

Der Herr Oberst legt kaltblütig die Hand an die Mütze und spricht sein „Zu Befehl” so ruhig und gelassen, als wenn er ein Scharfrichter wäre, dem der Richter einen Raubmörder mit den Worten übergibt: „Ach, richten Sie den Mann doch schnell mal ein bißchen hin!” und der dann zu dem Delinquenten sagt: „Darf ich bitten, dort freundlichst Platz zu nehmen?”

Der Herr Oberst ist ganz ruhig und gelassen, er regt sich wegen der Worte, die er hinterher seinem Leutnant zurufen wird, nicht im geringsten auf: aber dem Herrn Leutnant geht es verdammt scheußlich, der weiß ganz genau, was ihm bevorsteht, zunächst eine kleine Erholungsreise nach Helgoland, drei Tage Stubenarrest, dann ein gradatim wachsender Anpfiff, täglich Instruktionsstunden und, was das unangenehmste ist, schriftliche Ausarbeitung sämtlicher Instruktionsthemata. Das ist das allerschlimmste, denn Schreiben ist nicht jedermanns Sache, der Leutnant schreibt höchstens einmal einen Brief — und wenn er einen Brief schreiben muß, so ist das für ihn eine Arbeit, die ihn einen ganzen Nachmittag in Anspruch nimmt und es ihm unmöglich macht, sonst etwas zu unternehmen. Ach, Schreiben ist schwer.

Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen es dem Soldaten und dem Offiziersoldaten scheußlich gehen kann, daß es beinahe unheimlich ist.

Eine solche Gelegenheit ist auch das Armeeprüfungsschießen.

Der Hauptmann, der vielgeplagte Mann, soll jedem Dienstzweig seine ganz besondere Aufmerksamkeit schenken; leicht ist das ja nun gerade nicht, aber das schadet ja auch nicht, die Hauptsache ist, daß es verlangt wird. Wie der Häuptling dem Verlangen seiner Vorgesetzten nachkommt, wie er das macht, ist seine Sache.

Von allen Dienstzweigen ist das Schießen entschieden die Hauptsache. Das ist so klar wie eine totale Sonnenfinsternis. Ob der Kerl Griffe kloppen kann oder nicht, ist ganz gleichgültig, er muß für den Fall eines Krieges die teure Knarre nur auf die Schultern nehmen können und darf sie unterwegs nicht fortwerfen, mit dem Griffekloppen ist noch kein Feind besiegt worden, wohl aber mit dem Schießen, darauf kommt es an.

In jedem Jahre werden von oben herab für die ganze Armee die Bedingungen bestimmt, wie innerhalb von zehn Tagen geschossen weren muß: da schießt jeder Infanterist fünf Schuß auf derselben Entfernung gegen dieselbe Scheibe.

Diese zehn Tage, bis das Prüfungsschießen erledigt ist, gehören zu dem Furchtbarsten, was ein Hauptmann durchzumachen hat: er lebt während dieser Zeit nicht wie ein Sterblicher von Fleisch und Brot, sondern nur von der Aufregung, in der er sich befindet. Nachts versucht er, meist vergebens, zu schlafen: aber erst gegen Morgen verfällt er in einen unruhigen Schlummer. Plötzlich schlägt er im Schlaf wie wild um sich, und die treue Gattin, die mit ihm das Lager teilt, rückt, so weit sie kann, nach der Wand, um nicht getroffen zu werden.

„Was hast du denn nur?” fragt sie ängstlich.

„Ich schlag' dich Satan tot!” brüllt er.

Mit einem doppelten Saltomortale springt die Gattin aus den Kissen — dem Totgeschlagen­werden will sie entgehen.

„Ich dreh' dir Lümmel das Genick um!”

Nun merkt sie, daß nicht von ihr die Rede ist, und sie beruhigt sich wieder.

Liebevoll stößt sie ihn in die Rippen: „Artur, wach' auf — wach' auf — was hast du denn nur.”

Wild fährt er in die Höhe: „So'n Lump — alle fünfe vorbei, na warte.”

„Aber Artur, besinne dich doch.”

Er besinnt sich — was soll er in diesem Falle auch anderes tun?

„Ach so — richtig — ich träumte — ich habe dich wohl erschreckt — Gott sei Dank, es war nur ein Traum — mir träumte von dem Meier, dem Schlumpschützen, daß er alle fünf Schuß vorbeijagte.”

Bei dem Prüfungsschießen kommt es auf den Durchschnitt an, den eine Kompagnie mit der Ringzahl erzielt, und dieser Durchschnitt durchschneidet so oft den militärischen Lebensfaden eines Häuptlings.

Je näher der Tag des Schießens herankommt, desto liebevoller und zärtlicher werden die Leute behandelt; Dienst gibt es fast gar nicht — die Leute werden gehegt und gepflegt wie ein Renngaul vor dem großen Derby. Goldene Berge weren ihnen versprochen. „Kinder, das sage ich euch, wenn wir morgen am besten im Regiment oder gar im Armeekorps schießen und dann das Schützenabzeichen bekommen, dann, ja dann sollt ihr es so gut haben, wie es noch nie ein preußischer Soldat auf Erden und im Himmel gehabt hat.”

Das sagt jeder Hauptmann zu seinen Leuten — alle wollen sie die Besten werden.

Bei dem Schießen hört jede Freundschaft auf. Da gönnt kein Hauptmann dem anderen einen Ring, und wenn auf einem Stand vorbeigeschossen wird, herrscht auf den Nebenständen eitel Jubel und Freude.

Alle wollen sie die Besten werden, und damit die Leute ganz ruhig bleiben, sind die Häuptlinge freigebig wie die Fürsten und spendieren ihren Leuten „Zielwaser” in ungeahnten Quantitäten.

Teuer kommt ihnen diese Verschwendung nicht, denn „Zielwasser” ist gewöhnliches, frisches, klares Pumpenwasser.

Alle wollen sie die Besten werden, und als das Schießen zu Ende ist und die Resultate miteinander verglichen werden, da ist ein Hauptmann der Schlechteste im Regiment.

Der Herr Oberst nimmt sich in wahrhaft väterlicher Weise des Unglücklichenan: „Herr Hauptmann, wie ist das nur möglich?”

Der Hauptmann zittert und fliegt vor Angst, und nicht ohne Grund, es geht ihm so scheußlich, daß es ihm gar nicht scheußlicher gehen kann.

„Herr Hauptmann, wie ist es nur möglich, daß gerade Sie der Schlechteste geworden sind?”

„Ich weiß es doch nicht,” stöhnt der Hauptmann in seinem Innern, „einer muß doch schließlich der Schlechteste werden, und daß ich nun gerade derjenige bin, welcher, ist Pech für die Familie, läßt sich nun aber nicht mehr ändern.”

Übrigens hätte der Herr Oberst zu jedem anderen Hauptmann genau ebenso gesprochen, das weiß der Herr Hauptmann ganz genau, und deshalb sagt er: „Herr Oberst, ich weiß nicht, an wem es liegt, zumal ich sonst immer sehr gut geschossen haben, ebensogut wie die anderen Kompagnien!”

„So, meinen Sie?” fragt der Herr Oberst, „wollen Sie die Beurteilung Ihrer Leistungen nicht lieber denjenigen überlassen, die dazu berufen sind?”

Das sitzt.

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Ich denke, mein sehr verehrter Herr Hauptmann, Sie hätten alle Ursache, nach dem Wohlwollen Ihrer Vorgesetzten zu trachten und nicht durch eitle Selbstüberhebung sich die Gunst Ihrer Vorgesetzten zu verscherzen.”

Armer Hauptmann.

Acht Tage später sind die Schießergebnisse des Armeekorps bekannt, und unser Hauptmann ist der Schlechteste im ganzen Korps.

Als der Häuptling das erfährt, kauft er sich einen großen Koffer.

Wieder acht Tage später sind die Schießergebnisse der ganzen Armee bekannt, und unser Hauptmann ist der Schlechteste in der ganzen Armee.

Als der Häuptling das erfährt, fängt er an einzupacken.

Und gerade als er damit fertig ist, in dem Augenblick, als er den Deckel zuklappt, erhält er die Nachricht von seiner Verabschiedung.

Mit einem genialen Sprung setzt er sich eben auf den Deckel seines haushohen Koffers und pfeift ein gar lustig Lied.

„Aber was machst du denn da?” fragte ein Freund, der, um ihn zu trösten, ins Zimmer tritt.

„Ich pfeife auf den ganzen Kram!”

Und das ist das klügste, was man tun kann, wenn es einem so scheußlich geht.


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