Die Reserve-Übung

Militär-Humoreske von Frhr. v. Schlicht.
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 12.9.1903,
in; „Der deutsche Correspondent” vom 27.9.1903,
in: „Rekrutenbriefe” und
in: „Die Frau Oberst


Seit achtundvierzig Stunden war der Rechtsanwalt Dr. Köhler als Reserve-Offizier zu einer achtwöchentlichen Übung eingezogen worden, und er strahlte vor Glückseligkeit, einmal, weil es ihm wirklich Spaß machte, wieder einmal im bunten Rock einherzustolzieren, dann aber auch aus noch einem anderen Grunde. Dr. Köhler war nun schon seit mehr als zwei Jahren verheiratet, er lebte in der denkbar glücklichsten Ehe, gewiß, er hatte seine Frau noch genau so lieb, wie an dem Tag, an dem er sie heimgeführt hatte, aber trotzdem war nach seiner Meinung nicht alles so, wie es sein sollte. Der Doktor konstatierte jeden Tag mit Freuden, daß seine kleine Frau bis über die Ohren in ihn verliebt war, aber sie bewies ihm fast etwas zu viel Liebe, sie wollte es nicht begreifen, daß die Zeit der Flitterwochen endlich einmal ein Ende haben müsse, sie wollte ihn auch jetzt noch ganz für sich allein besitzen. Es wollte ihr absolut nicht einleuchten, daß er auch einmal wieder in seinen Skat- oder Kegelklub müsse, und was hatte er nötig, ins Wirtshaus zu gehen, um ein Glas Bier zu trinken — — schmeckte es ihm nicht viel schöner, wenn sie ihm das Glas kredenzte, und saß er in seinem behaglich eingerichteten Zimmer nicht tausendmal bequemer, als in einer verräucherten Gaststube?

Der Doktor hatte es schon lange aufgegeben, seine Gattin davon zu überzeugen, daß sie zwar, wie die Frauen stets, in derTheorie vollständig recht habe, daß sie sich in der Praxis aber ganz gewaltig auf dem Holzwege befände. Mit Worten war da nichts zu machen. Seine Frau bereitete ihm zwar keine Szene, wenn er des Abends einmal ausging, aber er merkte ihr dann doch stets ihre Verstimmung an, so daß er noch oft im letzten Augenblick eine getroffene Verabredung aufgab. Und namentlich in dieser Hinsicht sollte eine Reserve-Übung eine Änderung herbeiführen, gerade deshalb freute er sich, eingezogen zu sein. Es war bei ihm beschlossene Tatsache, daß er jeden Abend außer dem Hause zubringen würde. Gottlob war seine Frau so unmilitärisch wie nur möglich, er konnte ihr Dienst, Ronde, Liebesmahl, kameradschaftliche Vereinigung, militärische Spaziergänge, Nachtfeld­dienstübung und was es sonst noch immer gab, vorreden. Und das zu tun, war sein ernster Wille, er wollte sie an das Alleinsein gewöhnen, damit sie ihn auch nach der Übung seine Wege gehen ließ.

Und der Doktor hielt, was er sich vorgenommen hatte. Er war keinen Abend zu Haus, und für seine Bummelreisen gab es zwei Worte, gegen die seine Frau machtlos war: „Dienst” und „Kameradschaft”, die nahmen ihn stets derartig in Anspruch, daß die kleine Frau oft ihren armen Mann bedauerte und für ihn die Zeit herbeisehnte, an der die Übung ihr Ende hätte.

Eines Mittags kam der Herr Doktor sehr vergnügt nach Hause, er hatte sich für den Abend mit zwei guten Freunden zu einer großen Bummelreise in Zivil verabredet. Es war zwar verboten Zivil zu tragen, und der Oberst hatte auch die Herren Reserve-Offiziere ermahnt, so lange sie eingezogen wären, nur in Uniform auszugehen, aber die Stadt war ja groß, und sie würden schon nicht so dumm sein, sich abfassen zu lassen.

„Wirst du spät nach Haus kommen?” erkundigte sich seine Frau beim Abschied.

Er zuckte die Achseln.

„Wir wollen mit dem Dampfer einen kleinen Ausflug machen, deshalb gehe ich auch in Zivil, und wann ich zurückkomme, hängt natürlich ganz davon ab, wie lange die snderen sitzen bleiben. Aber spätestens um halb elf Uhr hoffe ich wieder hier zu sein.”

Es mußte aber doch wohl etwas später geworden sein, denn am nächsten Morgen kostete es dem Doktor die wahnsinnigsten Anstrengungen, aufzustehen, und als er Mittags von der großen Feldienst­übung zurückkam, befand er sich in einer grausamen Stimmung.

Die kleine Frau schloß auf einen Jammer, und teilnehmend fragte sie: „Hast du heute Nachmittag Dienst?”

„Nein,” knurrte er wütend.

„Um so besser, dann schlaf' jetzt ein paar Stunden, und heute gegen Abend machen wir einen ordentlichen Spaziergang, das wird dir gut tun.”

Er antwortete nichts, aber er leistete auch keinen Widerstand, als sie ihn jetzt zur Chaiselongue geleitete und ihn fürsorglich zudeckte. Leise verließ sie das Zimmer, aber als sie ihn nach einigen Stunden zum Spaziergang abholen wollte, verspürte er hierzu nicht die leiseste Neigung. „Ich weiß nicht, was mit mir ist,” klagte er, „mir ist gar nicht wohl, aber bitte, komm' mir nicht wieder mit deinem Jammer, das ist ja Unsinn. Ich glaube, mir liegt eine starke Erkältung in den Gliedern, und wenn ich mich morgen früh nicht besser fühle, melde ich mich krank.”

Und am nächsten Morgen meldete er sich wirklich krank. Besorgt wollte seine Frau gleich den Arzt holen lassen, aber er wehrte entschieden ab: „Das geht nicht, unter keinen Umständen. Als Soldat müßte ich mich von einem Stabsarzt behandeln lassen, das nähme der sonst auf den Tod übel, und ehe ich mein Leben einen Militärarzt anvertraue, sterbe ich lieber freiwillig.”

„Kann ich irgend etwas für dich tun?” fragte sie, „soll ich dir Haferschleim — —”

„Mach mich nicht seekrank,” fuhr er sie an, „ich brauche nur ein paar Tage Ruhe, dann ist alles wieder in Ordnung, in drei Tagen kann ich sicher wieder zum Dienst gehen.”

Spät am Mittag stand er auf, frühstückte mit aller Umständlichkeit und zündete sich dann seine Zigarre an.

„Aber Otto, du solltest doch nicht rauchen,” sagte seine Frau vorwurfsvoll, „wie willst du denn da wieder gesund werden!”

„Wird schon werden,” beruhigte er sie. „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß man als Kranker seine Lebensweise ändern soll, im Gegenteil, man soll ruhig so weiterleben wie sonst, dann wird man am schnellsten wieder gesund.”

Sie sah ihn verwundert an und nahm sich dann vor, nachher auf ihrem Spaziergang bei ihrem Hausarzt vorzugehen und den um seinen Besuch zu bitten; war der einmal da, würde Otto ihn sicher nicht abweisen. Gleich nach dem zweiten Frühstück machte sie sich auf den Weg, während ihr Gatte sich mit der Zeitung auf die Chaiselongue legte. Er vertiefte sich so in die Lektüre, daß er es gar nicht hörte, als sich plötzlich die Zimmertür öffnete und seine Frau eintrat; erst ein konvulsivisches Weinen und Schluchzen ließ ihn aufsehen.

„Aber Kind, was hast du nur?” Er war aufgesprungen und zu ihr getreten, aber sie stieß ihn zurück.

„Rühr mich nicht an, du Lügner, du Heuchler!”

O weh, sie weiß alles, dachte er, aber trotzdem richtete er sich in seiner ganzen Manneswürde auf: „Zunächst verbiete(1) ich mir auf das Entschiedenste solche Ausdrücke!”

Mit flammenden Augen trat sie ihm gegenüber: „Verdienst du denn nicht solche Worte? Du spielst dich hier als den Kranken(2) auf, versetzt mich in Angst und Unruhe —”

„Aber liebes Kind, warum regst du dich denn auch auf?”

„Weil ich dich lieb habe — nein,” verbesserte sie sich, „weil ich dich lieb hatte — — jetzt hasse ich dich.” —

„Das wird sich schon wieder geben.”

„Nie, niemals,”

„Das kennt man — — in solchem Falle heißt niemals: in einer halben Stunde.”

„Da irrst du dich doch sehr, ich lasse mich von dir scheiden; kein Mensch kann mich zwingen, weiter an der Seite eines Mannes zu leben, der solche Geschichten macht. O bitte,” wehrte sie ihn ab, als er sie unterbrechen wollte, „ich weiß alles.”

„Von wem?” fragte er neugierig. Die Frage war mehr als dumm, das merkte er leider zu spät.

„Von Frau Direktor Mensing; ihr Mann sitzt auch.”

„I, der auch?” fragte der Doktor verwundert.„Das wußte ich ja noch gar nicht,”

„Der Direktor ist wenigstens offen und ehrlich gewesen und hat seiner Frau gleich die Wahrheit gesagt, und deshalb hat sie ihm auch verziehen — —”

„Verzeih' auch du,” bat er, „nimm dir ein Beispiel an dieser edlen Frau.”

„Niemals,” wiederholte sie, „ich habe meiner Mutter schon telegraphiert, sie kommt morgen früh.”

„Und wann reist sie wieder ab?”

„Wenn wir das Nötige besprochen haben und mit dem Packen fertig sind.”

„Also nie,” sagte er, „denn die Frau, die mit dem Packen jemals fertig wird, soll doch erst noch geboren werden. Aber nun sei mal verständig, Kind, was habe ich denn groß getan? Ich bin dem Verbot entgegen in Zivil ausgegangen, ich bin dem Oberst in die Arme gelaufen, und der Mann hat mich mit drei Tagen Stubenarrest bestraft. Die Strafe ist nicht entehrend, sie wird mir weder dienstlich noch außerdienstlich nachgetragen, ich bin und bleibe der ich war.”

Ganze zwei Stunden sprach er auf sie ein, endlich ließ sie sich rühren: „Gut, ich will dir verzeihen, aber nur unter der Bedingung: schwöre mir, daß du fortan nie mehr des Abends ohne mich ausgehen willst.”

„Aber Kind!” rief er entsetzt. Er krümmte sich wie ein Wurm, um diesem Schwur zu entgehen, aber sie blieb unerbittlich: „Schwöre!” Endlich, endlich gab er nach: „Ich will schwören, aber nur dann, wenn du mir schwörst, deiner Mutter abzutelegraphieren.”

„Das findet sich später, erst schwörst du.”

Und er schwor — blutenden Herzens.

Er holte Depeschenformulare herbei: „Nun telegraphiere deiner Mutter.”

Aber sie schüttelte nur die dichten Locken.

„Du hast es mir versprochen,” rief er erregt.

„Da irrst du dich, lieber Freund; ich habe es dir nicht versprochen und ich konnte es dir auch gar nicht versprechen.”

„Und warum nicht?”

Sie sah ihn schelmisch lächelnd an: „Weil ich meiner Mutter ja noch gar nicht telegraphiert habe.”

Ärgerlich biß er sich auf die Lippen, und zornig stampfte er mit dem Fuß auf die Erde. Die Reserve-Übung hatte für ihn in der einen Hinsicht ihren Zweck völlig verfehlt.


Fußnoten:

(1) In der Fassung von „Die Frau Oberst” heißt es hier: „verbitte”. (Zurück)

(2) In der Fassung von „Die Frau Oberst” heißt es hier: „als Kranken”. (Zurück)


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