Rekruten-Besichtigung.

Von Freiherrn v. Schlicht.
in: „Das kleine Journal” Nr. 37 vom 7.Feb. 1898 und
in: Excellenz kommt


Mein Schneider hat mir heute Morgen die Laune verdorben; der Mann schrieb mir, ich möchte ihm „Kasse” senden, da er größere Zahlungen zu leisten habe. Du lieber Gott, ich muß auch täglich größere Zahlungen leisten und mir giebt auch kein Mensch Geld, laß den Tailleur sehen, wie er glücklich wird! Um ihm eine kleine Freude zu machen, bat ich ihn, den bestellten Frackanzug so theuer wie möglich zu machen. ich bin überzeugt, daß er meinen Wunsch erfüllt.

Die Laune zum Arbeiten, die sonst allerdings auch nie vorhanden ist, war aber verflogen; um wenigstens etwas zu thun, unternahm ich einen Spaziergang und setzte mir trotz des trömenden Regens meinen besten Cylinder auf, ich wollte der Welt damit beweisen, des es trotz des schneiderlichen Briefes bei mir noch nicht wie bei armen Leuten ist.

Auf meiner Wanderung begegnete mir ein früherer Regimentskamerad, d. h. ich war „früher”, er ist noch.

„Mann,” redete ich den Jüngling an, „Mann, wie sehen Sie aus? Woher kommen Sie und was ist mit Ihnen geschehen?”

Er sah sich um, ob auch kein Lauscher in der Nähe sei, und flüsterte mir dann ins Ohr: „Ich bin eben auf dem Kasernenhof ganz mächtig angepfiffen worden.”

Ich versicherte ihn meiner Theilnahme. „Aber warum denn?”

„Ach, nichts Besonderes, Sie wissen ja, die Vorgesetzten sind in dieser Zeit ja Alle nervös — nächstens ist ja Rekruten­besichtigung. Nun muß ich aber weiter, ich habe zu thun.”

Er ging und ich ging, vom Kasernenhof, an dem mich mein Weg vorbeiführte, erscholl lautes Rufen und Schreien.

Kurz vor der Besichtigung wird jene Methode angewendet, die der Thierbändiger „die wilde Dressur” nennt.

Der Hauptmann pfeift seine Lieutenants an, die Lieutenants werden ihren Unteroffizieren grob und diese brüllen mit der ganzen Kraft ihrer Stimme die Rekruten an, versprechen ihnen jede Stunde vierundzwanzigmal, ihnen sämmtliche Backenzähne einzuschlagen, daß sie ihnen sektionsweise zur Nase hinauskommen, und schweigen dann endlich verzweifelt, weil kein Wort des Tadels nach ihrer Ueberzeugung deutlich genug und keine der Strafen, die sie androhen, grausam genug ist. Man hält nicht Alles, was man verspricht, das gilt auch beim Militär.

Die Stimmung wird von Tag zu Tag schlechter, das merkt man so recht bei dem Parademarsch, der jeden Vormittag nach den Klängen der Regimentsmusik geübt wird. Am Anfang marschirten sie bei dem Herrn Major vorbei und ernteten je nachdem ein „Bravo” oder „Schämt Euch”; jetzt kommen sie garnicht mehr bis an den Herrn Major heran. Schon während des „Anmarsches” stürzt er ihnen entgegen: „Was, das nennt Ihr Parademarsch? Das soll ein Herausbringen der Beine sein? Wozu habt Ihr denn Eure Knochen? Zurück!”

Und das Glied stiebt auseinander wie ein Liebespaar, das bei heimlichen und darum doppelt süßen Küssen gestört wird — der eine Theil geht zur Rechten, der andere zur Linken und Alle machen ein möglichst harmloses Gesicht.

Das „Zurück” wiederholt sich noch einige Dutzend Male. Hat der Herr Major („Herr Matschor” sagen die Leute) keine Lust mehr zum Sprechen, so winkt er nur mit dem Finger — das heißt dasselbe und hat dieselbe Wirkung.

Ist der Tag der Besichtigung endlich da, so sind sämmtliche Vorgesetzten heiser, die Unteroffiziere vermögen selbst nach dem Genuß eines Kubikliters warmer Milch und Selterwasser nicht das hohe C zu singen; die Regimentsmusik bedauert, kein Pneumatic–Reifen zu sein, um aufgepumpt werden zu können, denn ihre Puste ist bei dem vielen Parademarsch–Blasen zum Teufel gegangen, nur ein Mann ist noch ganz felddienstfähig — die große Trommel.

Und die Rekruten selbst? Die sind vor Angst mehr todt als lebendig.

In geöffneten Gliedern stehen sie im Exerzierschuppen. Sie haben ihre beste Garnitur an, seit Stunden sind sie schon angezogen., aber „fertig” sind sie deshalb doch noch nicht.

„Herr Lieutenant, wollen Sie bitte noch einmal den Helmsitz nahsehen?”

Der Hauptmann, der vor lauter Erregung nicht weiß, wo er hin soll, spricht's und der Lieutenant gehorcht, wenn auch knurrend und murrend, es ist nun wenigstens schon das siebente Mal, daß er den Helmsitz nachsieht.

Gott schütz, es ist 'ne Thränenwelt.

Die Mannschaften, die den stolzen Namen „die alten Leute” führen, obgleich Keiner älter ist als dreiundzwanzig Jahre, sind fortwährend beschäftigt, den Anzug der Rekruten in Ordnung zu bringen. Hier wird eine Falte fortgestrichen, hier ein Seitengewehr gerade geschoben, und dort wird einem Rekruten mit einer Stiefelbürste der Schnurrbart in die Höhe gebürstet, als wäre er „Bruder Ungar”.

Jedr sieht liebe hübsche als häßliche Menschen, auch die Vorgesetzten,

Vor jedem Glied steht der Unteroffizier, der es ausgebildet hat, hinter dem letzten Glied die Exerzier–Gefreiten — Alle, der Lieutenant und der Hauptmann an der Spitze, sprechen auf die Rekruten ein: „Nur feste, Jungens, keine schlappen Griffe, ordentlich die Köpfe in die Höh, und daß Ihr mir stille steht, sonst holt Euch vom Fleck weg der Teufel.”

Da ertönt von der Thür, in der die Zuschauer stehen, ein lautes „Achtung”, das heißt: er kommt, er naht mit Schrecken.

Der Hauptmann verliert beinahe das europäische Gleichgewicht. „Bitte, Herr Lieutenant, auf Ihren Platz, schneller, schneller.”

Der Rekrutenoffizier läuft so schnell er kann, stellt sich vor den rechten Flügel des ersten Gliedes und nun:

„Stillgestanden — Augen rechts.”

Der Herr Oberst ist in das Exerzierhaus getreten, der Hauptmann eilt auf ihn zu: „Melde ganz gehorsamst, achtzig Rekruten laut Rapport zur Stelle.”

Feierliche Stille und in demselben Augenblick ein lautes „Hetschi, hetschi, hetschi.”

Einer der Rekruten hat genießt.

Tadelnd sieht der Herr Oberst sich die Rekruten an:

„Hetschi” und von der Kraft des Niesens getrieben , macht der Rekrut eine tiefe Verbeugung.

Ihm wäre besser, er wäre ohne Nase geboren.

„Herr Hauptmann, der Mann steht nicht still.”

Der Hauptmann ist außer sich: „Ich habe gerade auf das Stillstehen noch besonders aufmerksam gemacht.”

„So scheinen Ihre Leute Ihre Befehle nicht auszuführen.”

Bumms, da hat er den Salat.

„Aber, Herr Hauptmann, wie konnten Sie auch nur?”

Der Herr Oberst begiebt sich auf den rechten Flügel, prüft die Richtung und das Stillstehen.

Mit funkelnden, drohenden Augen sehen die Unteroffiziere ihre Leute an: „Kerls, daß Ihr mir stille steht.”

„Das Stillstehen könnte beser sein,” ruft der Herr Oberst, „das gefällt mir nicht, absolut nicht.”

Schon will der Herr Oberst von dannen gehen, da — nein, es ist nicht zu glauben — ein Rekrut hat in der rechten Maus einen Krampf bekommen, er kämpft dagegen an mit aller Energie, er beißt sich auf die Lippen, aber der Krampf vergeht nicht. Für einen Augenblick lüftet er die rechte Hand, um das Blut in Zirkulation zu bringen, von dem Gewehrriemen, nur für eine Sekunde, aber es ist zu lange: langsam, mit stetig wachsender Geschwindigkeit neigt sich das Infanteriegewehr, Modell 88, vorne über und fällt zur Erde.

Das ist Pech für die Familie.

Alle sind starr, nur der Herr Oberst sagt ein verächtliches „Pah” — die kürzesten Kritiken sind oft die schlimmsten.

Dieser kurzen Kritik schließt sich eine längere über die erste Aufstellung an, die nur aus einem Satz besteht: „Die Aufstellung hat mir in keiner Weise gefallen.”

Jetzt kommen die einzelnen Griffe.

Der Flügelmann hat die tadelnden Worte des Herrn Oberst vernommen, auf ihn sind nun Aller Augen gerichtet, er wird seine Sache schon gut machen, er will schon zeigen, wie man Griffe „kloppt”.

Der Herr Oberst tritt heran.

„Das Gewehr über.”

Der Flügelmann führt den Griff halb aus — da bleibt er mit seinem Rockärmel an dem Kammerknopf des Gewehres hängen — das ist ein Unglück, das Jedem passiren kann, das aber nicht passiren darf.

Der Herr Oberst wendet sich ohne etwas zu sagen zum zweiten Mann, der ist in seinem Civilleben „Herkules” und macht die schwierigsten Sachen, er spielt mit tausend Pfund Kugeln. Für ihn ist es eine große Kleinigkeit, das Gewehr auf die Schulter zu bekommen; er zählt in Gedanken eins, zwei und — drei. Und bei „drei” schiebt er die Flinte mit solcher Gewalt auf seine Schulter, daß es kracht.

Und als er fertig ist, da glaubt er seine Sache gut gemacht zu haben.

Die Vorgesetzten sind auf der Welt, damit sie von dem, was sie wissen, den Untergebenen etwas abgeben und so sagt der Herr Oberst: „Der Mann hat vom Greifen keine Ahnung.”

Jetzt kommt der dritte, er ist zartb und schwächlich, aber sein Kopf ist helle und in diesem Schädel steht augenblicklich zu lesen: „Dein Nebenmann hat kein Lob geerntet, weil sein Griff zu plump war, er soll leicht und elegant sein, jetzt paßt auf, jetzt kommt's, ich habe Grazie, ich habe Chick,” und elegant wirft er sich die Flinte auf die Schulter.

„Altes Weib,” knurrt der Herr Oberst.

Nach Nummer drei kommt Nummer vier,
Ein Rennrad ist kein Säugethier.

Nummer vier hat ein Zahngeschwür, theilnehmend betrachtet der Herr Oberst, ohne daß er darüber spricht, den Ausläufer des uralisch-baltischen Höhenzuges — da sieht er plötzlich, wie das Zahngeschwür auf der linken Backe verschwindet und auf der rechten côté-Seite wieder in jugendlicher Schönheit neu ersteht.

Der Herr Oberst ist ein Menschenkenner — so läßt er sich dann von Nummer vier gar keinen Griff vormachen, sondern sagt nur:

„Drei Tage Mittel–Arrest.”

Die hat der Schlingel auch verdient, denn er hat ein Stück Kautaback im Mund.

Der fünfte Mann führt endlich den Griff zur Zufriedenheit des Vorgesetzten aus.

„So ist der Griff gut, so will ich ihn haben, so und nicht anders. Machen Sie den Griff noch einmal.”

Der Rekrut, der bisher immer als der Schrecken aller Schrecken in der Korporalschaft hingestellt wurde und jetzt plötzlich der große Mann ist, wird durch das Lob so verwirrt, daß der zweite Griff total mißglückt.

Und bei dem dritten Mal geht es absolut nicht besser als beim zweiten.

Wieder ein verächtliches „Pah” von Seiten des Herrn Oberst und zum Ueberfluß noch die Bemerkung: „Gar keine Sicherheit, absolut keine Sicherheit.”

Nach dem Fünften kommt, wenn er nicht inzwischen gestorben ist, der Sechste, dem der Siebente erröthend folgt, während der Achte, auch wenn er nicht Heinrich heißt, sich freut der Vordermann des Neunten zu sein. Der Zehnte, der in gewaltiger Furcht lebt, daß das Rekruten–Glied wegen der schlechten Leistungen auf Befehl des Herrn Oberst heute Mittag auf dem Kasernenhof dezimirt wird und daß dann gerade ihm das Henkerbeil an den Kopf fliegt, steht neben Nummer Elf, der sich nicht darüber einig ist, ob er sich mit oder ohne „i” schreibt, die Ansicht der Gelehrten sind(1) darüber verschieden — Alle sind sich aber darüber klar, daß zwölf ein Dutzend ausmacht. Der Dreizehnte ist seines Unglückes Schmied und der Vierzehnte ist der Vorletzte, sintemalen und alldieweil das erste Glied fünfzehn Mann stark ist.

Nach dem, was die Jungens geleistet haben, müßte es eigentlich nicht „stark”, sondern „schlapp” heißen.

Als der Herr Oberst am linken Flügel angelangt ist, wirft er, bevor er scheidet, um zu dem zweiten Glied zu gehen, dem Korporal einen prüfenden Blick zu.

„Wie sind Sie sonst mit dem Unteroffizier zufrieden, Herr Hauptmann?”

Der Unteroffizier hört dies Wort „sonst” mit Grausen, aber sein Hauptmann wird schon für ihn eintreten, sein Gemüth beruhigt sich wieder.

Sein Häuptling ist aber das, was man im gewöhnlichen Leben einen „Angstmeier” nennt, er trägt nicht nur stets Manschetten, sondern er hat auch stets Manschetten — als der Muth erfunden wurde, war er noch nicht geboren; eine Thatsache, die ich zu seiner Entschuldigung hier anführen will.

Er hat nicht den Muth, seinen Untergebenen in Schutz zu nehmen, so sagt er denn: „Nicht besonders, Herr Oberst.”

Diese Antwort muß das Wohlgefallen des Kommandeurs erwecken, denn man freut sich stets, wenn man das zu hören bekommt, was man erwartet hat.

Der Herr Oberst voltigirt mit seiner Suite zum zweiten Glied und der erledigte Korporal des ersten steht vor seinen Leuten wie — nun denkt Jeder, ich sage: wie ein Haufen Unglück, aber daran denke ich gar nicht, ich weiß einen viel besseren Vergleich, ich sage — wie ein unglücklicher Haufen.

Armer Aal, ich meine natürlich armer Korporal — Dich trifft keine Schuld, vierzehn lange Wochen hindurch hast Du Deine Dir anvertrauten Kindlein jeden Tag sechs Stunden exerzirt und instruirt, Ihr seid Alle dabei blödsinnig geworden, Du und sie. — Ihr habt Euch Alle die redlichste Mühe gegeben zu erlernen, was das Reglement befiehlt: sie und Du. Sonst waret Ihr immer die Besten, heute mißglückte Alles, kein günstiger Stern muß heute Nacht über Eurem Strohsack geleuchtet haben, als Ihr in tiefstem Schlummer lagt und von den herrlichen Griffen träumtet, die Euch Lob und Anerkennung, Avancement und höheres Gehalt einbrächten.

„Schafskopf,” sagt da die Stimme des Herrn Oberst.

Neugierig wollen die Leute des ersten Gliedes sich umsehen, was es denn da hinten giebt, aber der Blick ihres Unteroffiziers, der aus seinen Träumereien und Grübeleien erwacht ist und sich mit dem Gedanken tröstet, daß es heute Mittag in der Küche sein Leibgericht „Gulasch” giebt, hält ihre Köpfe nach vorn; sie wagen nicht, sich umzusehen.

„Sie sind verrückt, mein Sohn, der Nächste.”

Aber auch der Nächste scheint bei der Erfindung des Pulvers im Allgemeinen und des rauchschwachen Pulvers im Besonderen nicht mitgeholfen zu haben — eine Thatsache, über die man eigentlich traurig sein muß, denn nach dem Gesichtsausdruck zu urtheilen, wäre bei seiner Mitwirkung das Pulver ganz sicher nicht erfunden worden und das wäre doch in mancher Weise ein Glück.

„Sagen Sie einmal, haben Sie überhaupt eine Ahnung, was rechts und links ist?”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

Der Rekrut ist seiner Sache ganz sicher, so schreit er denn sein „Zu Befehl” förmlich.

Aber der Herr Oberst ist mißtrauisch, als Vorgesetzter glaubt man nicht Alles, was die Untergebenen sagen.

„Wo ist denn rechts?” erkundigt er sich.

„Da, wo ich mein Gewehr stehen habe.”

„Schafskopf,” sagt der Herr Oberst und der Tadel ist wie jeder Tadel der Vorgesetzten gerecht. Das will ich euch(2) beweisen: hat der Soldat „Gewehr ab” so steht es an seiner rechten Seite, hat er es „präsentirt”, so steht es vor der Mitte des Leibes und wenn er sich nicht im Dienst befindet, hat er die Flinte in der Gewehrstütze stehen. Die Antwort des Rekruten war also zum Mindesten ungenau.

Der Herr Oberst geht weiter und läßt sich von den nächsten Leuten allerhand schöne Dinge vormachen.

„Liegt Ihr Gewehr richtig?” fragt er einen Mann, der das Gewehr über genommen hat.

Diese Frage ist nun von einem Oberst viel leichter gestellt, als von einem Rekruten beantwortet! wie das Gewehr liegen soll, weiß er ganz genau, aber ob es auch so liegt — wer kann das sagen? Einen Spiegel, in dem er sein Konterfei betrachten könnte, hat er nicht — er „schwult”(3) heimlich nach der Flinte hin, kann aber nichts sehen — da wiederholt der Kommandeur die Frage: „Nun, Antwort, liegt Ihr Gewehr richtig?”

Der Rekrut denkt — es giebt auch „denkende” Rekruten — also er denkt: „Wenn des Gewehr richtig läge, würde man mich nicht fragen, folglich —”

Und stolz spricht er: „Nein, Herr Oberst.”

Das war nicht schlau von Dir, Octavio, das wird Dir gleich klar werden.

Alles hat seinen Grund auf Erden.

„Warum liegt das Gewehr nicht richtig?”

Der Rekrut schweigt und sieht sich hilfesuchend im Kreise um, er hofft, daß sein Hauptmann, sein Lieutenant oder sein Unteroffizier ihm einen kleinen Wink geben werdn — aber die rühren sich nicht.

Der Angstschweiß tritt dem Jüngling auf die Stirn, die von dem Helm erster Garnitur beschattet wird.

Ach, und er darf nicht schwitzen, der Kammerunteroffizier hat es ihnen strenge verboten, damit die Helme nicht beschädigt werden.

Und er schwitzt doch, sogar gewaltig.

„Nun, wissen Sie es oder wissen Sie es nicht?”

„Nein, Herr Oberst.”

„Die Leute scheinen mir doch nicht genügend ausgebildet zu sein, sie antworten, ohne zu überlegen, was sie sagen, das gefällt mir nicht.”

Und schweigend legt der Hauptmann die Hand an den Helm, ihm gefällt die Sache auch nicht.

Der Häuptling denkt: o wäre die Besichtigung doch erst vorbei, und der Rekrut, vor dem der Herr Oberst steht, denkt: o wäre dieser doch erst vorüber!

Aber der Herr Oberst bleibt stehen.

„Mein Sohn, Ihr Gewehr liegt ganz richtig — warum liegt es falsch?”

Das ist doch ein Unsinn, was richtig ist, ist doch nicht falsch und umgekehrt.

Irgend etwas aber muß er antworten und er sagt: „Ich glaubte —”

Aber weiter kommt er nicht, der Herr Oberst unterbricht ihn: „Ich glaubte — das ist ja das, was ich vorhin schon sagte, es fehlt die Genauigkeit, die Gründlichkeit, die Leute wissen nicht, worauf es ankommt — keine Sicherheit, meine Herren, und das ist die Hauptsache.”

Als der Herr Oberst schweigt, glaubt der Rekrut seinen Satz vollenden zu müssen und während noch Alles tief ergriffen von der oberstlichen Rede dasteht, sagt er in seinem breitesten Dialekt:

„Der Kam—mer—knopf—”

Aber weiter kommt er nicht — Alle winken ihm zu schweigen und unwillig sieht ihn der Herr Oberst an: „Mein Sohn, Du scheinst mir in der That sehr dämlich zu sein, ist der Mann immer so dumm, Herr Hauptmann?”

Der Häuptling weiß es nicht und das ist sehr traurig, denn ein Hauptmann muß Alles wissen: wann der Mann zum letzten Mal Ricinusöl bekommen hat und wann es(4) zum letzten Mal „gebrannt” hat. Unter „brennen” versteht der homo militaris communis, alias „Muschko” genannt, nicht in Flammen stehen, sondern von der Liebe entflammt sein.(5)

Der Hauptmann weiß nicht, wie es um die geistige Beschaffenheit des Rekruten für gewöhnlich bestellt, und fragend sieht er seinen Lieutenant an. Dieser denkt, dumm sind sie ja Alle, der Eine ein Bischen mehr, der Andere ein Bischen weniger, an Klugheit ist noch keiner von ihnen gestorben, das wäre ja auch Schade um solch junges Leben, so nickt er denn mit dem Kopf und der Hauptmann sagt. „Zu Befehl, Herr Oberst.”

Und der Herr Oberst spricht: „Dann kann ich mich ja allerdings nicht darüber wundern, daß der Mann sich heute so wenig intelligent anstellt.”

Recht hat er.

Und die Besichtigung geht weiter fort — alles wird nur einzeln vorgemacht: Griffe, Wendungen, Marsch, kurz Alles, was dazu gehört, um aus einem Civilisten einen Soldaten zu machen.

Die gründlichste Einzelausbildung ist die Hauptsache, das versteht sich, denn der Herr Oberst sagt es ja — nach vier Wochen ist das Zugexerziren die Hauptsache, dann die Ausbildung in der Kompagnie, ja es geht weiter, um im Winter wieder mit der Einzelausbildung anzufangen.

Manche Weisheit ist gar tief,
Piefke lief die Stiefel schief.

Die Besichtigung nähert sich ihrem Ende — die Rekruten der nächsten Kompagnie sind schon auf den Fußspitzen in das Exerzirhaus gerückt, leise, ganz leise, damit sie den Zorn des Gewaltigen nicht vor der Zeit erregen.

Der Hauptmann der Ersten wird bei dem Anblick Derer, die da nach ihm kommen, ganz vergnügt,, obgleich er gar keine Ursache hat, mit dem Ausfall der Besichtigung zufrieden zu sein; er denkt, wer weiß, vielleicht sind die Anderen noch schlechter. Er hofft es wenigstens.

Nun kommt der letzte Rekrut — Alle freuen sich, auch der Herr Oberst, und in väterlich wohlwollendem Ton spricht er: „So, mein Sohn, nun zeige einmal, was Du kannst.”

Der Herr Oberst überlegt, was er sich von dem Manne vormachen lassen will, er hat Alles schon zum Ueberdruß gesehen und muß es bei elf anderen Kompagnien noch wieder sehen.

Der Rekrut aber glaubt, die Aufstellung des Repertoires wäre ihm allein überlassen und ehe der Herr Oberst und die anderen Offiziere dem Einhalt gebieten können, hat er das Gewehr in die Ecke gestellt , abgeschnallt, „Hüften fest” genommen und macht Freiübungen — das Einzige, was er tadellos kann.

„Die Kompagnie ist entlassen,” sagt der Herr Oberst.

„Abrücken,” ruft der Herr Hauptmann.

„Die Herren Offiziere,” bittet der Kommandeur.

„Meine Herren, meine Herren,” beginnt er, „ich habe in meinem Leben schon manche Rekruten–Besichtigung abgehalten, aber das muß ich Ihnen sagen, so eine wie die noch nie. Ihre Leute scheinen mir alle geistig nicht ganz normal zu sein, Herr Hauptmann, wie?”

Der Hauptmann schweigt, er kann doch nichts dafür, daß von A bis Z Alles mißlungen ist, daß der letzte Rekrut den Herrn Oberst falsch verstanden hat — er weiß ganz genau, was seine Leute leisten, genau so viel wie die Mannschaften der anderen Kompagnien, wenn nicht noch mehr.

Für Pech kann Keiner — aber ein Gutes hat das Unglück für den armen Hauptmann, wenn auch nur indirekt, doch. Der Herr Oberst befindet sich in der denkbar schlechtesten Laune, er wird bei den anderen Kompagnien wenig oder gar nichts loben und wer weiß, wenn die schlechte Laune des Herrn Oberst noch mehr zunimmt, wird die erste Kompagnie vielleicht doch noch die beste!


Fußnote:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „ist”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „auch”. (zurück)

(3) In der Buchfassung heißt es hier: „schult”, als Herausgeber halte ich „schielt” für besser. (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es hier: „er”. (zurück)

(5) In der Buchfassung heißt es hier: „sondern über Urlaub bleiben”. (zurück)


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