Offizier-Reitstunde.

Humoristische Plauderei vom Freiherrn v. Schlicht.
in: „Das Kleine Journal” Nr. 317 vom 16.Nov. 1896 und
in: „Aus der Schule geplaudert”


Es giebt zweierlei Reitstunden — solche, in denen man reitet, und solche, in denen man nicht reitet. Die Offizier-Reitstunden der Infanterie gehören zu der letzteren Spezies. Der Grund ist sehr einfach: es wird in den Stunden nicht geritten, weil die Reiter anstatt auf den Pferden immer im Sande sitzen.

Wenn der Winter naht, geht ein geheimnißvolles Flüstern und Rauschen nicht nur durch die Natur, sondern auch durch die Herren Lieutenants und Hauptleute der Infanterie, und geheimnißvoll wird die Frage erörtert: Wer wird in diesem Jahr wohl zur Reitstunde kommandirt?

Wer sich davon drücken kann, thut es nicht mehr wie gerne, und wer das Unheil herannahen sieht, versucht Mögliches und Unmögliches, es von sich abzuwenden.

Denn ein sogenannter „Genuß” ist die Reitstunde nicht.

In der Reitbahn stehen die von irgend einem Kavallerie–Regiment gestellten Pferde mit ihren „Pflegern”. Der Kavallerie–Offizier, der dazu verdammt ist, den Unterricht zu geben, vertheilt in der ersten Stunde die Gäule auf die einzelnen Herren je nach Größe und Körpergewicht. Sobald man einen Schinder zugetheilt bekommen hat, ist die erste an den Pferdepfleger gerichtete Frage:

„Wie geht der Gaul?”

„Wie ein Lamm, Herr Lieutenant, er ist man ein büschen was hart im Maul und werfen thut er auch mächtig, aber sonst ist er ein frommes Thier.”

Die Aussichten sind verlockend.

„Darf ich die Herren bitten, Platz zu nehmen?”

Der Lehrer spricht's. der Unterricht beginnt.

Man hebt den linken Fuß, um ihn in den Bügel zu stellen — aber richtig, daß man das auch vergessen konnte, Bügel giebt es ja nicht, die giebt es erst nach Wochen und Monaten, wenn man so sicher ist, daß man nicht mehr herunterfällt.

Ach, Manchem schlägt diese Stunde nie!

„Darf ich die Herren bitten, sich etwas zu beeilen?”

Die Pferdepfleger sind bis auf eine „Bahn-du jour” hinausgeschickt — vergebens sieht man sich nach einer Leiter, einem Tritt um, man wünscht, der Gaul wäre ein Kameel, das sich niederlegt, um seine Last zu empfangen, und das sich erhebt, wenn es beladen ist.

Ach, warum reitet man nicht auf Kameelen!

„Meine Herren, ich muß aber wirklich sehr bitten!”

Man nimmt die Trensenzügel in die Linke, faßt mit beiden Händen an den Sattel und macht „Schlußsprung auf der Stelle — springt”

Man springt umher wie ein verrücktgewordener Laubfrosch, aber in den Sattel springt man doch nicht.

Die Bahn-Ordonnanz muß schließlich Einen nach dem Anderen hochheben, und wenn die Herren ihr Plätze eingenommen haben, ist die erste Viertelstunde herum.

Die nächste Viertelstunde vergeht mit einer eingehenden Instruktion über Sitz und Zügelhaltung und dann komt das Kommando: „Eskadron zu Einem rechts brecht ab — marsch!”

Die Herren der Infanterie sind stolz darauf, jetzt schon als „Eskadron” angeredet zu werden, sie reiten an und sind sich ihrer Würde wohl bewußt.

Man reitet einige Male im Schr itt durch die Bahn, Einer immer hübsch hinter dem Anderen, wie ein Mädchenpensionat, das spazieren geführt wird, und dann kommt das Kommando: „Eskadron — Tr–rab!”

Auf einem Gaul, der mächtig wirft, deutschen Trab ohne Bügel reiten zu müssen, kommt gleich hinter dem Zahnausreißen.

Bei jedem Schritt fliegt man mit dem Kopf gegen die Decke der Reitbahn, und wenn man dann wieder in den Sattel hineinfällt, beißt man sich entweder ein Stück von der Zunge ab oder man bekommt eine Gehirnerschütterung.

Manchmal auch beides zugleich.

Nach einer Viertelstunde ist man so durchgeschüttelt, daß der Magen im Gehirn sitzt und das Gehirn im Magen. Und der erste Gedanke, den der Bauch faßt, ist der: „Wie lange hältst Du dies noch aus?”

Ein Sitzbad im feurigen Ofen oder auf glühendem Kohlenbecken, wie zur Zeit der Folter, muß eine Erholungsreise gewesen sein im Vergleich zu den Schmerzen, die man auf dem Kommißsattel empfindet.

Ein Kommißsattel ist in des Wortes verwegenster Bedeutung „nicht von Pappe”.

Da hört man Fittige rauschen — man glaubt, es sei die Taube mit der Oelflasche, um die schmerzenden Glieder einzureiben — aber nein, es ist der Herr premier, der sich von seinem Gaul getrennt hat und mit einer gewaltigen Dröhnung zur Erde niederfällt.

Die Welt zittert in ihren Fugen.

Die Nase tief im Sand vergraben, liegt der Herr Premier auf dem Bauch, alle Vier von sich gestreckt und „Staunen ergreift Alle bei dem Anblick”

Der Reitlehrer ist der Einzige, der ganz ruhig bleibt.

„Darf ich Sie bitten, wieder Platz zu nehmen?” fragt er mit der gemüthlichsten Stimme von der Welt.

Langsam sammelt der Herr Premier seine Knochen wieder zusammen und besteigt das Schlachtroß wieder.

Aber in die Abtheilung ist eine gewisse Unruhe gekommen: man fühlt sich noch unsicherer als schon vorher und die Gäule denken: warum sollen wir unsere Reiter nicht auch einmal absetzen?

Und dem Gedanken lassen sie die That folgen.

Gott sei Dank wird die Unordnung dadurch so groß, daß der Lehrer „Eskadron Schritt!” kommandiren muß.

Aber kein Glück währet ewiglich.

„Meine Herren, wir wollen jetzt einen kurzen Galopp machen, ich werde die Stange einlegen lassen. Sobald Sie der Stange sich bis auf zehn Schritt genähert haben, bitte ich „Hüften fest” zu nehmen.”

Und nun geht's los,
Ja, ganz famos.

Der kurze Galopp artet in wenigen Minuten zu einer tollen Jagd aus — die Gäule sind im Maul so unempfindlich, daß man ihnen ruhig brennendes Oel hineingießen könnte, ohne daß sie es merkten, von „Zurückhalten” ist keine Rede.

„Hüften fest, meine Herren — aber so bleiben Sie doch oben — ich bitte, den Stabsoffizier-Zügel loszulassen und „Hüften fest” — aber so behalten Sie doch Platz, was suchen Sie denn Alle auf der Erde — ja aber, meine Herren, Ordnung, Ordnung — Eskadron — Schritt.”

Nur ein Einziger sitzt noch oben und der auch nur deshalb, weil er mit beiden Armen den Hals der treuen Stute umschlungen hat.

„Meine Herren, das wollen wir noch 'mal machen.”

Beim zweiten Mal ist es genau ebenso wie beim ersten Mal und zur Beruhigung der Gemüther folgt dem Galopp ein langer Trab.

Jungfrau von Orleans, erbarme Dich!

Endlich, endlich sieht der Reitlehrer nach der Uhr: „Ich danke sehr, meine Herren, auf Wiedersehen morgen.”

Man läßt sich vom Pferd heruntergleiten und will fortgehen, aber ach, die Beine, die Beine, die sind so steif, so steif, daß man sich erst in die Sonne stellen muß, damit sie aufthauen.

Et alors le lendemain!   Oh, oh, oh.

Vergebens versucht man, wenn der Bursche weckt, aufzustehen, man kann sich nicht aufrichten, alle Glieder sind zerschlagen und zerschunden, geschwollen und angelaufen — und dabei hat man eine Felddienstübung zu machen.

Die Leiden, die der arme Lieutenant während des Marsches empfindet, sind schlimmer als die Leiden dessen, der den Messias von Klopstock liest.

Als halbe Leiche kehrt er endlich heim, aber nicht, um sich auszuruhen, sondern um sich von Neuem auf das Pferd zu setzen.

„Meine Herren, das schadet nichts, wenn Ihnen die Knochen auch etwas wehe thun, beißen Sie nur die Zähne aufeinander.”

Sie beißen die Zähne aufeinander, sie denken, während der Gaul trabt, an alle möglichen Beispiele von Heldenmuth und Tapferkeit: an Mucius Scävola und den berühmten Pagen des Königs Alexander, sie denken an die Leiden, die Nansen auf seiner Nordpol-Expedition ausgestanden hat, sie denken, ach, woran denken sie nicht — aber trotzdem liegt ihnen bei jedem Trabstoß das Wort auf der Zunge: „Ich kann nicht mehr.”

Sie wollen es jede Sekunde sagen, aber sie sagen es doch nicht, denn sie sind preußische Offiziere und für den preußischen Offizier giebt es das Wort „Ich kann nicht mehr” nur in Gedanken. Er thut seine Pflicht und was von ihm verlangt wird, bis zum letzten Athemzug — bis er wirklich nicht mehr kann.

Aber leicht gemacht wird es ihnen in der Reitstunde nicht; schließlich wird von ihnen ja nichts Anderes verlangt als wie(1) von jedem Rekruten der Kavallerie, aber es ist ein Unterschied, ob man neunzehn Jahre zählt oder deren dreißig spazieren trägt, ob man wie die Bauernjungen jeden tag auf der Rosinante sitzt oder nicht. Mancher Lieutenant, der zur Reitstunde kommandirt wird, hat seit vielen Jahren auf keinem Pferd gesessen, und so konnte ein Kavallerie–Offizier zu Beginn des Reitunterrichts ruhig zu seinen Schülern sagen: „Meine Herren, die Thiere, die Sie da vor sich sehen, sind Pferde — wir werden uns jetzt etwas eingehender mit denselben zu beschäftigen haben.”

Ach, wie wird über die Reitstunden gescholten und doch sind sie unbedingt nöthig, denn nichts macht einen traurigeren Eindruck, als wenn ein Infanterie–Offizier nicht reiten kann.

Das gehört zum Thema der „persönlichen Haltung vor der Front” — ein Thema, so unerschöpflich, daß es weder Tinte, Feder, noch Papier genug giebt, um es zu ergründen.

Nur so viel sei gesagt: wenn der Vorgesetzte vor der Front, sei es zu Fuß oder zu Pferde, ein Ritter Toggenburg von der traurigen Gestalt ist, dann sind die Mannschaften, die Untergebenen, es erst recht.

Bei Besichtigungen wird darauf geachtet, wie die Herren Lieutenants marschiren, wie die anderen Offiziere reiten. Das wissen diejenigen, die inspizirt werden, sehr genau und sie versuchen in möglichst guter Haltung vorbeizukommen.

Das ist aber gar nicht so leicht, wie es aussieht — besonders nicht für die Berittenen — ja, ginge es nur nach ihrem Willen — aber ein Gaul hat manchmal auch seinen eigenen Schädel, der Gedanken birgt, die denen seines Reiters direkt entgegenlaufen.

Das ist peinlich, aber läßt sich nicht immer ändern — vorzubeugen sucht man dieser Uneinigkeit dadurch, daß man nur solche Rosinanten erwirbt, die gut zugeritten sind und deren Alter dafür bürgt, daß sie keine jugendlichen Streiche mehr machen.

Für manchen berittenen Offizier ist das Pferd ein weit gefährlicheres Thier als der Löwe, und nicht so ganz ohne Grund: es kann ihn um Stellung, Ruf und Gehalt bringen, und das ist zuweilen unangenehmer, als in der Wüste Sahara von einem hungrigen Leu vertilgt zu werden. Dann hat die liebe Seele wenigstens Ruh', aber wenn man den Abschied bekommt, was dann? — — —

Sehen wir uns einmal eine Parade an.

Die Bataillone eines jeden Regiments stehen in Tiefkolonne hintereinander, d. h. die vier Kompagnien eines Bataillons in Linie mit vier Schritt Abstand.

Vor der Tête des Regiments steht das Musikkorps, dahinter hält der Herr Oberst, neben ihm der Regiments–Adjutant — in einiger Entfernung hinter diesen hält der Herr Major mit seinem Adjutanten — wiederum hinter diesen der Häuptling der ersten Kompagnie.

Und nun kommt das Kommando: „Parademarsch in Kompagniefront — die erste Kompagnie antreten.”

Der Häuptling der Ersten flüstert seinen Leuten noch rasch zu: „Kerls, daß Ihr mir aber die Beine rausbringt!” und dann kommandirt er:

„Bataillon — marsch!”

Auf dieses Wort „marsch” passirt allerlei.

Der Regiments–Tambour senkt den erhobenen Tamborstock, die Tamboure fangen mit dem Schlagen des Armeemarsches an, sowohl das Trommloer- und Pfeiferkorps als auch die zweiundvierzig Mann der Regimentsmusik und die hundertund zwanzig Kerls der ersten Kompagnie erheben gleichzeitig das linke Bein, während der Herr Oberst mit seinem Adjutanten, der Herr Etatsmäßige, der neben dem Herrn Oberst reitet, der Herr Major mit seinem Adjutanten und der Häuptling ohne seinen Adjutanten ihre Gäule mit den Unterschenkeln vordrücken und sie so in Bewegung setzen.

Und so trommelt, marschirt und reitet Alle vorläufig geradeaus.

Aber auch nur vorläufig.

Sobald die Tambours in die Nähe des die Parade Abnehmende gelangt sind, gehen sie in das sogenannte „Locken” über, worauf die Musik mit einem Marsch einfällt. Die Spielleute machen links um und stellen sich dem die Parade Abnehmenden gegenüber.

Der Herr Oberst senkt salutiend seinen Degen, ebenso wie der Herr Etatsmäßige, während der Regimentsadjutant die Rechte an den Helm legt.

Auf einen Wink Sr. Exzellenz sprengt der Herr Oberst an dessen linke Seite, der Herr Etatsmäßige reitet geradeaus, der Adjutant begiebt sich auf seinen vorschriftsmäßigen Platz neben der Musik.

Nicht jede Theilung geht so ruhig und friedlich vor sich wie diejenige Polens — diese Drei–Theilung ist unter Umständen mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Der Herr Oberst hat es am leichtesten, der giebt seinem Gaul die Sporen und galoppirt, wohin er soll. Unwillkürlich fallen die Pferde seiner Begleiter auch in Galopp, dem Adjutanten schadet das schließlich nichts, da er doch nach links abbiegen muß, aber der Gaul, der geradeaus bleiben soll, bockt und will nicht so, wie er soll.

Nun kommt der Herr Major mit seinem Adjutanten, der erstere soll geradeaus bleiben, während der letztere nach links abbiegen soll, und das Hauptmannspferd muß wieder geradeaus bleiben.

O armer Häuptling von der Ersten, wie ist das Leben manchmal schwer!

Mit Verwunderung sieht der Gaul, was da vorne los ist: der Eine reitet hierhin, der Andere dort hin — er wird unruhig, er fängt an zu tanzen, der Häuptling giebt ihm die Sporen, während er gleichzeitig mit der Linken die Zügel fest anzieht; der Gaul macht einen Galoppsprung zur Seite — der Häuptling entfernt sich dadurch von dem ihm befohlenen Platz, d. i. die Mitte der Kompagnie, und sein vorschriftsmäßiger Abstand wird ganz unvorschriftsmäßig; er drückt den Rappen mit Schenkel und Zügel wieder nach der rechten Stelle, aber der Gaul bockt und bleibt plötzlich stehen.

Und wenige Schritte hinter ihm naht seine Kompagnie im Parademarsch!

Beneidenswerthe Situation.

Der Häuptling giebt seinem Renner die Sporen, daß das Blut fließt — aber anstatt vorwärts zu gehen, macht der Schinder auf der Hinterhand kurz Kehrt und geht direkt in die Kompagnie hinein.

Natürlich ist der Parademarsch zum Teufel.

„Aber Herr Hauptmann!”

Die zweite Kompagnie kommt tadellos vorbei, der Häuptling reitet einen „Gefechtsesel”, den nichts aus seiner Ruhe und Besonnenheit zu bringen vermag.

Als sie dritte Kompagnie in die Nähe Sr. Exzellenz kommt, sieht das Häuptlingspferd dort seinen Stallgenossen, den Gaul des Kommandeurs. Er denkt: wo der ist, gehör' ich auch hin.

Alles Zureden seines Reiters, ihn vom Gegentheil zu überzeugen, ist vergeblich — so senkt er denn plötzlich die Ohren, und ehe der Häuptling sich dessen versieht, hält er neben Sr. Exzellenz, die ob dieses Besuches sehr wenig erfreut zu sein scheint.

Eine Kompagnie marschirt nach der anderen vorbei, aber jeder Häuptling dankt seinem Schöpfer, wenn er vorüber ist.

Was kann nicht Alles passiren — wie leicht verliert man nicht den gezogenen Säbel, wenn der Gaul steigt, und wie leicht verliert man nicht das europäische Gleichgewicht, wenn der Renner bei dem Schlag der großen Trommel einen Satz macht.

Und vor den Augen Sr. Exzellenz, vor der Front der Kompagnie herunterzufallen, so daß die Leute über die „Leiche” ihres Führers hinweggehen, ist mehr als niederträchtig.

Da wünscht man sich wirklich, von der Erde verschlungen zu werden.

Es giebt Stunden und Augenblicke im militärischen Leben, wo der Infanterist von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe wünscht, daß es keine Pferde gäbe, und doch wünscht jeder Infanterie–Offizier sich nichts sehnlicher, als aufs Pferd zu kommen. Um dies zu erreichen, muß man entweder Häuptling oder Adjutant werden.

„Adjutanten reiten wie der Wind,
Doch nur, wenn sie zu sehen sind.”

Manchmal aber —

Bei einer Besichtigung war es. Se. Exzellenz hatten die berühmte Gefechtsidee ausgegeben und sich einen Adjutanten als Ordonnanzoffizier kommandiren lassen. Stolz und kühn, seiner Würde sich wohl bewußt, hielt dieser neben dem Stabe und lauschte den weisen Worten, die dort gesprochen wurden.

Der Ruf Sr. Exzellenz machte seinem Studium ein Ende.

„Ew. Exzellenz befehlen?”

„Der Herr Oberst soll mit seinem Regiment halten und sich bitte sofort zu mir bemühen.”

„Zu Befehl, Ew. Exzellenz. Das Regiment soll halten, der Herr Oberst aber sich zu Ew. Exzellenz bemühen.”

„Bitte reiten Sie Carrière.”

„Zu Befehl, Ew. Exzellenz.”

Der Adjutant drückte seiner Stute beide Sporen in die Seite — und eine achtel Sekunde später lag er Sr. Exzellenz zu Füßen.

Verwundert blickte Se. Exzellenz auf die „gestürzte Größe”

„Sagen Sie, Herr Lieutenant,” fragte er mit beißender Ironie, „reiten Sie immer so schnell Carrière? Versuchen Sie es noch einmal, dieses Mal aber im Schritt, vielleicht kommen Sie dann schneller vorwärts.”

Wer kann für die Niederträchtigkeit bockbeiniger Gäule!

Denn die Gäule haben immer die Schuld — die Reiter nie. Es giebt keinen Reiter, der nicht im Grunde seines Herzens denkt: so gut wie ich macht es Keiner.

Aber die Vorgesetzten denken leider manchmal anders. Der Höflichkeit halber geben sie allerdings öffentlich dem Pferde die Schuld.

Bei einem Regiment passirte es einem Stabsoffizier, daß sein Gaul mit ihm in die große Trommel hineinging — wäre die Trommel größer, Roß und Reiter aber kleiner gewesen, so wären sie spurlos in derselben verschwunden.

Die große Trommel löste sich in tausend Bestandtheile auf — ohne große Trommel ist ein Parademarsch aber undenkbar: der Infanterist setzt den linken Fuß auf die Erde, wenn die große Trommel „Bum, Bum” sagt, wenn sie aber nicht „Bum, Bum” sagt, behält er den linken Fuß, das Zeichen abwartend, in der Luft, und wenn er den linken Fuß in der Luft hat, kann er nicht marschiren — so weit, auf einem Bein Parademarsch zu machen, hat es selbst unsere Infanterie noch nicht gebracht.

Mit dem Parademarsch war es vorbei und die Kritik, die der Herr Major für seine Leistung erhielt, (2) geradezu vernichtend.

Es wurde ihm in sehr ernsten Worten nahegelegt, sich nach einem ruhigeren Pferd umzusehen.

Es gab in Deutschlands Gauen nur ein Pferd, das ruhiger war als das seine — das Steckenpferd.

Das kaufte er denn auch, nachdem er den bunten Rock ausgezogen hatte, und täglich ritt er seinen Neffen und Nichten etwas darauf vor. Und sie fanden, daß Keiner so schön darauf reiten könnte wie er.

(3) Kinder urtheilen anders wie Vorgesetzte und Steckenpferde sind andere Pferde als lebendige Pferde. Als Soldat soll man nur lebendige Pferde reiten — ach, wenn die Vorgesetzten das doch thäten, die meisten aber reiten auch noch ein Steckenpferd — nicht in der Offizier–Reitstunde, wo man das Reiten lernt, und nicht im Gelände, wo man zeigen soll, was man in der Offizier–Reitstunde gelernt hat, aber sie reiten es doch vom frühen Morgen bis zum späten Abend.

Und mit Rücksicht darauf, daß nun bald Weihnachten ist, wo fast jeder Junge, wenn er dazu nicht zu dumm oder nicht schon zu klug ist, sich ein Steckenpferd wünscht, will ich diesen edlen Thieren gelegentlich ein eigenes Feuilleton(4) widmen.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung fehlt das Wort „wie”. (zurück)

(2) In der Buchfassung steht an dieser Stelle noch das Wort „war”. (zurück)

(3) In der Buchfassung fehlen die nächsten beiden Absätze. (zurück)

(4) über das Thema „Steckenpferd” hat Schlicht/Baudissin eine Plauderei im „Kleinen Journal” vom 28.Dez. 1896 veröffentlicht. (zurück)


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