Eine Pfingstfahrt.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Alarm”


Der Herr Ober — nicht Oberbrahmane, ach nein, nur Oberleutnant — kommt in sehr, sehr schlechter Laune vom Dienst zurück. Krachend wirft er die Etagenthür hinter sich ins Schloß, und ein schauderhaftes Schelten und Poltern beginnt, als der Bursche, der sonst doch gar nichts auf der weiten Welt zu thun hat, nicht gleich da ist, um ihm Mantel, Säbel und Mütze abzunehmen.

Ach ja, so'n Oberleutnant hat es nicht leicht auf der Welt, der tägliche Obolus muß sauer verdient werden.

Der Herr Ober ist sehr, sehr schlechter Laune, aber die Wolken verschwinden von seiner Stirn, als er das Frühstückszimmer betritt, in dem die Gattin seiner harrt.

Mit einem Freudenschrei fliegt sie ihm um den Hals: „Endlich, endlich bist du da. Um elf Uhr wolltest du zum Frühstück kommen und jetzt ist es schon nach zwölf, wo warst du nur so lange?”

„Im Dienst,” knurrte(1) er, „wo sonst? Meine Schuld ist es wahrhaftig nicht, daß der Häuptling beim Exerzieren nie ein Ende finden kann, sondern immer von vorne wieder anfängt. Meine Schuld ist es nicht, — ging es nach mir, so brauchte er gar nicht erst anzufangen. Nun aber ,an die Gewehre'. Ich habe einen Appetit, den man bei den Leuten vom Feldwebel abwärts ,Heißhunger' nennt.”

Die Eheleute setzen sich zu Tisch, und mit Freude und Glückseligkeit gleiten die Blicke des Hausherrn über die schlanke, graziöse Gestalt seiner jungen Frau.

„Aber Kleine, du hast ja gewaltig Toilette gemacht,” spricht er, sich den dritten Hennessy einschenkend, „dieses wirklich äußerst chike grauseidene Kostüm mit dem Perlenbesatz kenne ich ja noch gar nicht.”

„Gefällt es dir?” fragt sie stolz und glücklich, „bezahlt ist es auch schon.”

„So bewundere ich dich doppelt,” lobt er, „aber, um mit dem Dichter zu reden: wie kommt mir dieser Glanz in meine Hütte? Was veranlaßt dich, jetzt schon en grande toilettte zu sein?”

Eine Augenblick schweigt sie, dann erhebt sie sich von ihrem Stuhl, stellt sich hinter ihren Gatten und schlingt zärtlich ihre Arme um seinen Hals: „Ich habe eine große, große Bitte auf dem Herzen.”

„Und die wäre?” fragte er.

Sie deutet hinaus auf den Garten, in dem die Blumen blühen und die Bäume im herrlichsten Maiengrün prangen. „Sieh nur, welch wundervolles Wetter, welch herrlicher Sonnenschein, und es ist gar nicht so übertrieben warm, nur fünfzehn Grad im Schatten und gar kein Wind und —”

„Und was sollen die vielen und” unterbricht er sie.

Sie küßt ihn zärtlich auf den Scheitel und auf die Stirn, schmiegt ihren Kopf dann an den seinen und sagt: „Arthur, sei nicht böse, ich weiß es sehr wohl, meine Bitte ist sehr, sehr unbescheiden, aber ich möchte so schrecklich gerne eine Pfingstfahrt mit dir machen. Nein, bitte unterbrich mich nicht,” fährt sie fort, als sie merkt, daß er Einwendungen machen will, „erst laß mich aussprechen. Morgen ist Pfingsten — jede Familie geht in den Wald oder macht eine Partie, warum sollen wir es nicht auch thun? Ich habe es mir so schön, so herrlich gedacht. Du ziehst dir jetzt Civil an, einen Wagen habe ich schon bestellt, und dann fahren wir los, irgend wohin, das Nötigste für eine Nacht nehmen wir mit, und dann feiern wir Pfingsten, wie es sich gehört. Heute abend machen wir einen langen Spaziergang in den Wald, kehren zur Schenke zurück, trinken in der Laube eine köstliche Maibowle und ziehen morgen früh, ehe der Hahn daran denkt zu krähen, wieder in den Wald, um frisches Grün zu pflücken, mit dem wir den Wagen zur Rückkehr schmücken können. Bitte, bitte thu' mir den Gefallen. Hier in der Stadt, auf der Etage kann man ja nicht Pfingsten feiern, da muß man hinausziehen in die Natur, in den Wald, wo die Bäume und die Blumen blühen und der Gesang der Vögel erschallt — seit Jahren habe ich mir solche Pfingstfahrt gewünscht, bitte, thu mir den Gefallen.”

Einen Augenblick sieht er sie starr an, dann aber lacht er auf, so grell und gräßlich, daß sie erschrocken vor ihm zurückweicht: „Aber Arthur, was hast du nur, ich verstehe dich gar nicht, was soll das heißen?”

„Das soll heißen,” donnert er, „daß ich lebhaft bedaure, deinen Wunsch nicht erfüllen zu können. Du willst mit mir eine Pfingstfahrt machen? Ha, ha, der Kasus macht mich lachen — Pfingstfahrt? Danke. Davon habe ich heute mehr als genug.”

„So bist du heute schon ausgefahren?” fragt sie vorwurfsvoll, „wie unrecht war es von dir, mich nicht mitzunehmen.”

„Ich bin nicht gefahren,” giebt er zur Antwort, „aber man ist mit mir gefahren, und das nicht zu knapp, das kann ich dir nur sagen.”

„Das verstehe ich nicht,” erwidert sie.

„Wie so vieles nicht auf Erden,” giebt er zur Antwort.

„Sie sind sehr liebenswürdig, mein Herr.”

„Bitte sehr, keine Ursache, Madame.”

Dann aber, sich den vierten Hennessy hinter die Binde gießend, sagt er:

„Sei nicht böse, Kleine, du weißt, ich gönne dir jedes Vergnügen, aber die Pfingstfahrt heute gieb auf — ohne mich fahren kannst du doch nicht — und ich fahre nicht mit dir, auf keinen Fall.”

„Aber warum denn nur nich?” fragt sie verzweifelt.

Eine Weile herrscht Schweigen, dann sagt er: „Liebe Kleine, ich steh zwar im Kasino in dem Ruf, ein gewaltiger Pointenmörder zu sein, aber dennoch möchte ich dei eine kurze Geschichte erzählen. Darf ich?”

Und als sie ihm aufmunternd zunickt, trinkt er zunächst den fünften Hennessy und freut sich, daß die Gattin, ach die teure, in ihrer erwartungsvollen Erregung das ohne ein Wort des Tadels zuläßt, und dann beginnt er:

„Sieh mal, es gab einst in der Armee einen Offizier, der sah mir ganz verteufelt ähnlich, und merkwürdigerweise hieß er auch ebenso wie ich, nämlich Arthur.

Dieser Arthur hatte eines Tages eine Dummheit begangen, irgend eine Dummheit, die einen sagten, eine große, die anderen, eine kleine.

Wo ist der Mensch, der in seiner Todesstunde von sich sagen kann: Ich habe niemals eine Dummheit gemacht. Der Mensch ist nicht wert, gelebt zu haben.

Die Dummheit, die der Arthur gemacht hatte, unterschied sich von anderen Dummheiten dadurch, daß sie ans Tageslicht kam.

Zuerst steckte der Häuptling seine Nase darein.

Wäre der Hauptmann ein verständiger Mann gewesen, so hätte er den Leutnant ,angeheult', und alles wäre herrlich gewesen.

Aber leider Gottes war der Häuptling ein Streber, so einer, der sich um die Vorgesetzten herumwindet und herumschlängelt wie die Schlange um den berühmten Apfelbaum im Paradies, nach oben Zucker, nach unten Galle.

Der Häuptling und sein Leutnant liebten sich nicht, das kommt öfter vor, aber diese beiden haßten sich. und so sprach denn der Hauptmann: „Herr Leutnant, es thut mir sehr leid, ich kann die Sache nicht auf sich beruhen lassen, ich muß sie höheren Ortes zur Sprache bringen.”

Das war gelogen von A bis Z, denn erstens that es ihm nicht leid, zweitens konnte er die Sache sehr wohl auf sich beruhen lassen und mußte sie infolge dessen durchaus nicht höheren Ortes zur Sprache bringen.

Aber eine Lüge gebiert die andere.

„Thu', was du nicht lassen kannst,” dachte der Leutnant, „aber freue dich auf den Augenblick, wo ich dir was ans Zeug flicken kann.”

Der Häuptling steuert auf den Major los, der gerade über den Kasernenhof geht, und beide stehen gleich darauf im eifrigen Gespräch: der Herr Major ruhig und gelassen, der andere fauchend, heftig gestikulierend.

Bald darauf steuert der Herr Hauptmann auf den armen Arthur los: „Darf ich Sie bitten, mich zum Herrn Major zu begleiten?”

Der arme Arthur kommt sich vor wie ein Schüler, bei dem alle Ermahnungen des Lehrers sich als fruchtlos erwiesen haben und der von diesem zum Herrn Direktor geschleift wird.

„Bitte treten Sie etwas näher heran, Herr Leutnant,” beginnt der Herr Major, „der Herr Hauptmann erstattet mir da soeben Meldung über den Ihnen ja wohl bekannten Vorfall?”

„Zu Befehl, Herr Major.”

„Selbstverständlich kann auch ich die Sache nicht auf sich beruhen lassen, bevor ich sie aber weitergebe, möchte ich Ihnen doch meine Meinung darüber sagen.”

Und nun hagelt es — nicht leise und harmlos — sondern mächtig, gewaltig, in Körnern von der Größe eines Straßeneis..

Nur gut, daß der arme Arthur nicht hagelversichert ist — sollte die Gesellschaft den angerichteten Schaden bezahlen, sie würde unweigerlich „pleite” machen.

In diesem Augenblick kommt der Herr Oberst aus dem Kasino und verwundert betrachtet er die unheilige Dreiuneinigkeit.

Aber nicht lange soll der Herr Oberst im Unklaren bleiben. Der Herr Major schießt auf den Herrn Oberst los, und beide stehen gleich darauf im eifrigen Gespräch, der eine ruhig und gelassen, der andere fauchend, heftig gestikulierend.

Der Häuptling und der Herr Leutnant stehen inzwischen friedlich nebeneinander, der Dinge harrend, die da kommen sollen.

„Ach bitte, Herr Hauptmann, einen Augenblick.”

Der Herr Oberst spricht's, und der Häuptling setzt sich, obgleich er zu Fuß ist, in Galopp.

„Laß dir nur Zeit, mein Junge,” denkt der Leutnant, „so eilig wird es wohl nicht sein.”

Aber der Häuptling läuft weiter, bis er bei dem Vorgesetzten angekommen ist — nun ist er da — und nun stehen sie alle drei im eifrigen Gespräch.

Ganz allein für sich steht der Herr Leutnant und er kommt sich vor wie — na, wie denn nur — na, zum mindesten wie ein dummer Junge.

„Ach, bitte, Herr Leutnant, einen Augenblick.”

Der Herr Oberst spricht's, und der Leutnant setzt sich in Bewegung — nicht in Galopp — ach nein, er hat entsetzlich viel Zeit — so naht er „in sausendem Schritt”.

Er kommt immer noch zu früh.

Der Leutnant legt die Hand an die Mütze, und der Herr Oberst mustert seinen Untergebenen mit einem langen Blick von oben nach unten und dann mit einem noch längeren Blick von unten nach oben.

„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Leutnant?”

„Zu Befehl, Herr Oberst.”

„Haben Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung auszuführen?”

Ach ja, zu sagen wüßte er eine ganze Menge, aber schließlich — einschlagen thut es ja doch — also möglichst kurz und schmerzlos die Operation durchmachen.

So sagt er denn: „Nein, Herr Oberst.”

Feierliche Pause.

Der Herr Oberst holt tief Atem, ganz tief — aber der Herr Leutnant noch tiefer, denn er weiß, daß er gleich angegriffen wird, daß ihm die Luft ausgeht — da muß er „Vorschuß” nehmen.

Hatte der Leutnant vorhin, als der Herr Major mit ihm sprach, geglaubt, es hagelte, so hat er nun das Gefühl, als ob vom Himmel herab Kanonenkugeln auf sein Haupt herniederfielen, und zwar vollwichtige, sechspfündige.

Für eine Sekunde knickt er in die Kniee, aber auch nur für eine Sekunde, dann steht er wieder stolz und gerade.

Endlich ist der Herr Oberst fertig, aber es hat auch lange gedauert, man hätte bequem in der Zeit dem vierund­zwanzig­bändigen Brockhaus durchlesen können.

Der Herr Oberst legt die Hand an die Mütze, ebenso der Herr Major und der Herr Hauptmann.

Der Herr Leutnant nicht. Aber nur deshalb nicht, weil er schon seit einer Viertelstunde mit der Hand an der Mütze steht.

Der Herr Oberst entfernt sich, und die drei Hinterbliebenen sehen ihn mit sehr gemischten Gefühlen scheiden.

Nicht alle Hinterbliebenen sind immer traurig.

Als der Herr Oberst den Kasernenhof verlassen hat, ergreift der Herr Major das Wort:

„Der Herr Oberst hat sich Ihnen gegenüber so klar und deutlich ausgesprochen, Herr Leutnant, daß ich jedes weitere Wort für überflüssig halte.”

„Der Mann hat merkwürdig verständige Ansichten,” denkt der Leutnant, aber aus seinen Gedanken reißt ihn die Stimme des Vorgesetzten.

„Dennoch möchte ich mir noch einige Bemerkungen erlauben.”

„Danke, ich habe vollständig genug,” stöhnt der Leutnant im Innern, aber es hilft ihm nichts.

Es hagelt wieder, kalt und schneidend saust es ihm um die Ohren.

Auch diese Rede findet ein Ende.

Der Herr Major legt die Hand an die Mütze, ebenso der Herr Hauptmann — der arme Leutnant hält die Hand noch immer hoch — und bald darauf ist der Herr Major außer Sicht.

Nun sind nur noch zwei übrig — zwei bilden stets ein Paar, aber nicht immer ein „zärtlich liebendes”.

„Ach, Herr Leutnant, ich möchte Sie auch noch einen Augenblick sprechen,” beginnt der Häuptling, als sein Leutnant Miene macht, sich langsam rückwärts zu konzentrieren.

„Herr Leutnant, ich muß Ihnen sagen, daß mir die ganze Sache sehr, sehr unangenehm ist,” und nun fängt er an, die ganze Angelegenheit noch einmal breit zu treten.

Aber auch sein Wortschwall findet ein Ende und endlich legt auch er grüßend die Hand an die Mütze und verschwindet.

Der Herr Leutnant hält immer noch den rechten Arm an der Mütze — aus Angewohnheit, aus Hochachtung vor sich selbst? Wer weiß.

„Niemand mehr da?”

Verwundert blickt er sich im Kreis eum — er ist allein.

„Endlich allein,” flüstern seine Lippen.

Er schüttelt sich wie ein Pudel, den sein Herr durchgeprügelt hat, und setzt sich dann in Trab, um so schnell wie möglich dem Ort des Schreckens zu entfliehen, und ohne weitere Gefährdung erreicht er die heimatliche Schwelle, wo die Gattin seiner harrt.

Der Herr Ober schweigt und blickt vor sich hin.

„Nun, und weiter?” fragt seine Frau.

„Weiter?” stöhnt er, „noch weiter? Könnt ihr Frauen denn wirklich nie genug bekommen? Noch weiter? Jede Fahrt nimmt doch einmal ein Ende, auch die militärische, und die Versicherung, Kleine, gebe ich dir, ein Hochgenuß ist solche Fahrt nicht.”

„Aber warum machst du auch Dummheiten?” fragt schmollend seine Frau. „Denn, daß du selbst der Held deiner Erzählung bist, ist ja klar. Warum also, warum?”

„Warum?” wiederholte er seufzend, „warum willst du heute eine Ausfahrt machen?”

„Weil morgen Pfingsten und weil solch schönes Wetter ist.”

„Sieh, Kleine,” sagt er, „daran dachten die Vorgesetzten auch, und weil sie keinen anderen Wagen bekommen konnten, nahmen Sie mich!”


Fußnoten:

(1) Dieser Wechsel zwischen Präsenz und Imperfekt ist in dieser Erzählung mehrfach zu finden. Vielleicht eher ein Fehler des Setzers als des Autors. (zurück)


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© Karlheinz Everts