Das Pferd.

Skizze aus dem Militärleben.
Von Freiherrn v. Schlicht.
in: „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt” vom 14.5. 1900,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 17.5.1900,
in: „St. Petersburger Zeitung” vom 19.5.(1.6.) 1900,
in: „Der Deutsche Correspondent” vom 17.6.1900,
in: „Exzellenz lassen bitten” und
in: „Seine Hoheit”


Es ist bekannt, inter omnes constat, sagt der Lateiner, daß das Pferd (lateinisch equus, einzige Gattung der Paarhufer) sich bei den militärischen Vorgesetzten einer nur geringen oder absolut gar keiner Beliebtheit erfreut.

Für alte Excellenzen und höhere Stabsoffiziere ist das Pferd ein weit wilderes Thier als leo, der Löwe oder Miss Leona, die Löwin. Sie hassen den Gaul und wenn sie allein darüber zu entscheiden hätten, thäten sie ihn in die Wurst, bevor der Schinder mit seinen Mucken sie in den Wurstkessel bringt.

Aber jeder höhere Vorgesetzte hat sich selbst zum Leide, Anderen zur Freude „noch höhere” und wenn diese gerade auch nicht klüger sind, so haben sie auf jeden Fall ein höheres Gehalt und infolge dessen immer Recht. Und die höheren Vorgesetzten halten das Pferd für unentbehrlich und je älter und wackeliger eine Excellenz ist, desto besser und leidenschaftlicher reitet sie — wenigstens behauptet sie dies und nur ganz junge Leutnants wagen nicht, an den Worten einer Excellenz zu zweifeln.

Die Vorgesetzten hassen das Pferd, aber auch die Untergebenen lieben es nicht.

Die Kompagnie steht auf dem Kasernenhof zum Abmarsch bereit. Es soll eine Felddienst­übung stattfinden. Natürlich hat der Hauptmann ein Gelände hierfür ausgesucht, das weit, ganz weit weg ist. Die ältesten Soldatenbeine können sich nicht entsinnen, jemals in dieser gottverlassenen Gegend gewesen zu sein und ein Blick auf die General­stabs­karte lehrt, daß der ausgesuchte Fleck Erde in keiner Weise den Anforderungen entspricht, die man an ein gutes Gelände für eine Felddienst­übung stellt.

Die Gegend hat nur einen einzigen, allerdings sehr großen Vorzug: sie liegt so weit abseits, daß der Häuptling sicher sein kann, nicht den Besuch eines höheren Vorgesetzten zu erhalten, der unter dem Vorwande erscheint, sich nur auf einem Spazierritt zu befinden, der aber schon nach kaum zehn Minuten die Leute „madig” macht, weil sie nichts leisten und der nach weiteren zehn Minuten den Hauptmann bis zur Bewußtlosigkeit herunterkanzelt, weil dieser von der Anlage und der Durchführung einer Uebung nicht den Schimmer einer Spur von Idee hat.

Der Soldat unterscheidet eine Deckung gegen Sicht und eine gegen Schuß. Schön ist es, wenn Beides in einer Position zusammenkommt und der Hauptmann hat eine solche gute Stellung gefunden. Da, wohin er wandern will, wird ihn kein Vorgesetzter sehen und ihre Flüche und Standreden werden ihn nicht treffen.

Der Häuptling ist mit dem Ort, den er für sich aussuchte, sehr zufrieden, wie es überhaupt nur wenige Vorgesetzte gibt, die an dem, was sie selbst anordnen, etwas auszusetzen haben. Aber die Zufriedenheit der Höheren bildet leider Gottes nicht immer zugleich auch das Glück der Untergebenen und so steht die Kompagnie denn auf dem Kasernenhof und flucht, während sie auf ihren Hauptmann wartet, ganz niederträchtig.

Ein geistreicher Franzose hat einmal gesagt: „Wenn wir wüßten, wie unsere Dienstboten über uns denken, wir hätten nicht den Muth, ihnen den Befehl zu geben, eine Thür zu schließen.”

Ob die Vorgesetzten den Muth hätten, vor der Front zu erscheinen, wenn sie wüßten, wie ihre Untergebenen über sie denken?

Wie es kommt, weiß ich nicht, aber jeder Hauptmann, Major, Oberst und General bildet sich fest und steif ein, bei seinen Unterthanen beliebt zu sein.

Sagte eben Jemand etwas? Wagte Einer gar zu lachen? —

Die Kompagnie flucht immer noch, natürlich leise, leise, stiller Weise, denn die Herren Offiziere stehen vor der Front und wenn diese euch(1) selbst versuchen, durch die Verwünschungen, die sie ausstoßen, das Blaue vom Himmel herunter zu holen, so dürfen sie doch nicht hören, daß Andere schelten und wenn sie es hörten, wären sie gezwungen, sehr energisch gegen den Sünder vorzugehen.

Denn daß Jemand gegen einen Befehl und eine Anordnung eines Vorgesetzten ulkt und sich darüber Bemerkunegn erlaubt, das gibt es nicht. Das verhindern, dem Arrestlokal sei Dank, die Gesetze der Disciplin und der Subordination.

Der Hauptmann kommt immer noch nicht. Mit Rücksicht auf die weite Entfernung ist die Kompagnie schon drei Viertel auf sechs angetreten, jetzt ist es schon sechs Uhr, man müßte schon lange abmarschirt sein, aber der Häuptling komt nicht.

Auch darüber flucht die Kompagnie, denn dumm wie sie nach Ansicht der höheren Vorgesetzten ist, sagt sie sich: „Je später wir abrücken, desto später kommen wir wieder nach Haus.”

Der schöne Satz: „Je später ich anfange, desto eher höre ich auch wieder auf,” hat bei dem Miltair nur wenig Anhänger — er würde entschieden mehr Freunde haben, wenn Jeder thun und lassen könnte, was er wollte. Aber auch das gibt es leider nicht.

Die Kompagnie flucht immer noch. Sie sagt sich: Wenn wir uns hier doch eine Viertelstunde unnütz unsere krummen Knochen, wie die Herren Offiziere unsere Beine zu nennen belieben, in den Leib, der durch das Koppelschloß künstlich zusammengehalten wird, hineinstechen(2), hätten wir auch noch länger im Bett bleiben können, denn der Schlaf vor und nach Mitternacht ist der gesündeste.

Die Herren Leutnants berathschlagen, was sie machen sollen: ob sie hinschicken, den Vorgesetzten, der sicher die Zeit verschlafen hat, obgleich so etwas bei einem Vorgesetzten bekanntlich nie vorkommt, zu wecken, ob sie ohne ihn abmarschiren sollen, oder ob sie sich die Zeit bis zu seiner Ankunft damit vertreiben, daß sie die Kerls Griffe machen lassen.

Alle Vorschläge, die der Fedlwebel in dieser Hinsicht macht, werden von dem Oberleutnant, als dem Höchstkommandirenden in den Marken, Pardon nein „auf dem Kasernenhof” abgelehnt. Dem Herrn Ober ist dieses Zuspätkommen seines Hauptmanns ganz angenehm, er ist etwas müde, er hat gestern Abend angestrengt gearbeitet, sich geistig gebildet und den neuesten Engelhorn(3) auf einen Hieb durchgelesen. Nun ruht sein Geist sich aus von dieser anstrengenden Thätigkeit und je länger er sich erholen kann, destolieber ist es ihm.

Endlich, endlich erscheint der Hauptmann — aber zu Fuß.

Grenzenlose Freude befällt Alle und es fehlte nicht viel, so würde die Kompagnie unisono rufen: „Hurrah, die Felddienst­übung fällt aus.”

„Der Alte ist doch nicht so ganz wahnsinnig, wie ich geglaubt hätte,” flüstert der Herr Ober seinem jüngeren Kameraden zu, „ich nehme meine Behauptung, daß der Mann Flöhe im Gehirn hat, hiermit feierlichst zurück. Er hat sich die Sache heute Nacht beschlafen und ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß es Thorheit wäre, die Uebung zu machen und nach der entferntesten aller Gegenden zu laufen. Wir müssen ja doch wieder zurück, da hat es ja absolut gar keinen Zweck, daß wir erst dorthin laufen.”

„Wollen Sie nicht endlich stillstehen lassen, Herr Oberleutnant,” ruft grollend der Hauptmann über den Kasernenhof.

„Ne, ne(4),” denkt der Ober, „erst zu spät kommen und dann auch noch grob werden? Da hört sich denn doch aber wirklich das Exerzier–Reglement auf. Wenn es Dir aber Spaß macht, kann ich ja stillstehen lassen, mit irgend welchen Unkosten ist dies ja weiter nicht verbunden.”

„Stillgestanden!”

„Feldwebel, schreiben Sie den Meier auf,” ruft der Hauptmann, „dem Lümmel scheint das Zahngeschwür, das er gestern an der rechten Backe hatte, in den Verstand gerutscht zu sein. Der Mensch sieht nach links, wenn Stillgestanden kommandirt ist, nach links sieht der Kanarienvogel, wo er geradeaussehen soll.”

Der Herr Ober meldet und Herr Meier ärgert sich, daß er einmal wieder derjenige war, welcher. „Warum heiß ich aber auch Meier?” fragt er sich, „warum kann nicht ein Anderer den schönen Namen haben? Ein Meier ist alle Mal gemeiert, da ist nichts zu wollen.”

Der Hauptmann ruft die Offiziere zu sich heran: „Bitte, meine Herren, übernehmen Sie die großen Glieder und sehen Sie die Stellung unter den verschiedenen Gewehrlagen nach, aber bitte recht genau.”

Dieses „aber bitte recht genau” sagt der Hauptmann immer, wenn seine Leutnants etwas thun sollen, deshalb machen diese Worte auch nicht den leisesten Eindruck und die Herren denken: „Wir nehmen die Sache gerade so, wie wir wollen.”

Aber sie sind heute sehr genau, denn sie wollen sich dafür dankbar erzeigen, daß die Uebung, die ihnen den Schlaf raubte, ausfällt, und auch die Leute geben sich in ihrer Herzensfreude, nicht bis über das Ende der Welt hinausmarschieren zu müssen, die „denkbar größte Mühe”, sie halten die Hände und die Gewehre fast noch richtiger, als im Reglement befohlen ist.

Aber das schadet nichts, korrigirt muß werden, denn sonst denkt der Hauptmann: „Meine Leutnants sind faul und machen zur Abwechslung einmal wieder die Augen nicht auf.”

Auf den Gedanken, daß die Leute etwas richtig machen, kommt er gar nicht. Als er Dreijährig–Freiwilliger war und mit Aussicht auf Beförderung diente, hat auch er Alles falsch gemacht, und nun sollen seine Kerls, die doch gewiß ganz sicher noch dümmer sind als er es war, Alles richtig machen? Das gibt es nicht, das wissen seine Leutnants ´ganz genau und deshalb korrigiren sie, auch wo gar nichts zu verbessern ist: „Kolben nach der Brust, höher die linke Klaue, tiefer mit der rechten Pfote, auswärts die rechte Müllschippe, einwärts die rechte Flosse.”

Der Häuptling hört diese Worte mit Freuden und die Leute denken sich bei diesen Ermahnungen nichts. Sie wissen, der Leutnant sagt es nur, weil er es sagen muß, weil er dafür bezahlt wird; ihm persönlich ist es ganz gleichgiltig, wie der Kerl die Knarre trägt. Am liebsten wäre ihm, der Mann trüge gar keine, dann hätte er nicht nöthig, während seiner fünfzehn Jahre dauernden „schönen Leutnantszeit” täglich die Gewehrlage zu korrigiren. Schon Cäsar sagte: „Quo nihil stupidius cogitari possit” und der Sextaner übersetzt dies: „Es gibt auf Erden keine Beschäftigung, die auch nur annähernd so stumpfsinnig ist.” Aber trotzdem sind heute Alle lustig, fröhlich und guter Dinge: die Felddienst­übung fällt aus, Hurrah!

Aber was ist? Welche Veränderung geht mit einem Mal mit den Leuten, mit der ganzen Kompagnie vor? Selbst die Stiefel erbleichen, obgleich sie noch gar nicht mit dem Staub in Berührung kamen, selbst die Gewehre zittern und die à la Haby(5) in die Höhe gebürsteten Leutnants–Schnurrbart–Heere(6) sprechen noch einmal: „Es ist erreicht” und senken sich dann wehmüthig zur Erde. Ein leises Flüstern und Seufzen geht durch die Kolonne: scharfe Ohren verstehen die Worte: Also doch! Was hat es genützt, daß man das Beste hoffte, daß man sich die größte Mühe gab? Welchen Nutzen hat es gehabt, daß die Leute schließlich die Gewehre absichtlich schlecht hielten, um ihren Leutnants Gelegenheit zu geben, recht viel zu tadeln und sich dadurch die allergrößte Anerkennung Seitens des Hauptmanns zu verdienen? — Welchen Erfolg hat es gehabt, daß die Mannschaften absichtlich krumm und schief standen, damit der junge Fähnrich, der von dem Herrn Ober ausgebildet wird, vor Entzücken und Stolz über seinen Scharfblick beinahe aus der Uniform herauskroch? Was hat das alles genützt? Nichts, reinweg gar nichts, der Liebe Mühen war umsonst, denn, fürsorglich geführt, von dem Burschen, erscheint das Pferd auf dem Kasernenhof.

Erbarmen! Dem Gaul sind die Beine bandagirt, aber allen Kerls und den Herren Kerls schlottern bei dem Anblick des Streitrosses die unbandagirten Kniee und Gelenke.

Nun hilft ihnen kein Gott, kein Mensch hat mit ihnen Erbarmen, nun müssen sie dahin, wohin der Häuptling ihnen voranreitet, nun geht es immer hinter der Rückseite des Gaules her, immer weiter, immer weiter und der Himmel war so heiter.

Der Hauptmann klettert auf den Gaul (nur Romanhelden schwingen sich elegant in den Sattel), die Leute wissen, nun wird er grob, noch gröber als er es vorhin schon war, als er zu Fuß ankam.

Dem Vorgesetzten, der sich zu Fuß im Gelände bewegt, entgehen viele Bummeleien seiner Kinder, dem Berittenen entgeht nichts, wenigstens muß man dann schon sehr geschickt bummeln, um nicht abgefaßt zu werden. Wenn der Hauptmann reitet, ist es für die Leute nicht angebracht, den scharfen, kurzen, energischen Tritt dadurch herzustellen, daß sie bei jedem Schritt mit der rechten Hand kurz, scharf und energisch gegen die rechte Patrontasche schlagen. Da gilt es die eigenen Gebeine zu gebrauchen. Die Kragenschoner sind zwar beim Miltär erlaubt, aber die Knochenschoner fliegen in den Kasten.

Hoch zu Roß hält der Hauptmann vor der Front. Nun entblößt er sein Schlachtschwert.

„Barmherziger,” murmeln die Leutnantslippen noch einmal, dann ziehen auch sie die Plempe und treten ein.

Mit „Augen rechts” marschirt die Kompagnie an ihrem Hauptmann vorüber zum Kasernenthor heraus, hinaus in die Welt, in die weite unbekannte Gegend.

Man könnte ein altes schönes Wort dahin variiren, daß man sagt: „Ich komme und weiß nicht woher; ich gehe und weiß nicht wohin — kann man sich da noch wundern, daß ich so wüthend bin?”

Hianus in die Ferne — immer dem Pferde nach. Und draußen im Gelände da tummelt sich das Rößlein: läuft der Schimler(7), so müssen die Kerls und die Herren Kerls auch traben und Laufschritt oder einen Sturmlauf exekutiren.

Ach und der Gaul hat vier Beine, ein armer Bleisoldat aber nur zwei und die taugen auch nicht einmal immer was.

Nicht immer geht das Pferd die Gangart, die der Reiter haben will, manchmal fängt das Thier an, selbst den Galopp zu laufen — der Hauptmann macht keinen Versuch, seinen Bucephalus zu bändigen, er weiß doch, daß es ihm nicht gelingt. Er reist mit dem Schimler(7) in der Welt herum, aber bevor er abfährt, kommandirt er noch: „Laufschritt — marsch, marsch” und die ganze Kompagnie läuft mit ellenlang heraushängender Zunge hinter dem Klepper her, bis dieser endlich keine Luft mehr hat und stehen bleibt.

Dann bleibt auch die Kompagnie stehen. —

Nach vielen, vielen Stunden kommt der Hauptmann mit seinen Leuten von der Uebung zurück. Die Kerls sind todmüde, aber noch dürfen sie nicht forttreten, erst muß auch(8) einmal die Stellung unter den verschiedenen Gewehrlagen nachgesehen werden: es wäre doch immerhin möglich, daß die Kerls bei der Uebung nicht nur nichts gelernt, sondern sogar etwas verlernt hätten und das muß noch schnell wieder hineingebracht werden.

Nur das Pferd geht nach Haus.

Der Bursche erwartet auf dem Kasernenhof bereits den Gaul, hüllt ihn in warme Decken und zieht mit ihm nach dem Stall.

Jeder Soldat, der dem Schimler(7) unterwegs begegnet, sagt sich: „Aha, da kommt der Gaul vom Dienst zurück,” der Civilist denkt sich nichts dabei, wenn er ein militärisches Pferd sieht, denn er ahnt und weiß nichts von den Schrecken, die solcher Klepper hervorruft, er hält es nicht für möglich, daß eine ganze Kompagnie, hundert Mann, die mit einem Gewehr und mit einem Seitengewehr ausgerüstet sind, sich vor einem Thier fürchten und noch dazu vor einem Pferd.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es hier: „auch”. (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es hier: „hineinstehen”. (zurück)

(3) Satirisch, wie Schlicht ja immer schrieb, ist hier wohl „Engelhorn's Allgemeine Roman–Bibliothek” gemeint. In der Buchfassung heißte es demnach auch: „den neuesten Roman”. (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es hier: „Na, na”. (zurück)

(5) François Haby, 1.6.1861-24.4.1938, Hoffriseur Kaiser Wilhelms II. (de.wikipedia.org/wiki/François_Haby) (zurück)

(6) In der Buchfassung heißt es hier: „Haare”. (zurück)

(7) In der Buchfassung heißt es hier: „Schinder”. (zurück)

(8) In der Buchfassung heißt es hier: „noch”. (zurück)


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© Karlheinz Everts