Die Perle.

Humoreske von Graf Günther Rosenhagen.
In: „Marburger Zeitung” vom 4.11.1894,
in „Hamburger Fremdenblatt vom 10.Okt. 1895,
in: „Deutsches Heim” 19.Jahrgg., Nr. 21, S. 332-333,
(Sonntagsbeilage zur „Berliner Zeitung”) vom 24.2.1895,
in: „Bukowinaer Rundschau” vom 13.5.1897,
auch in: Humoresken.
und in: Humoresken und Erinnerungen.


„Gesucht per sofort ein Mädchen. Nur solche, die perfect kochen und gute Zeugnisse aufzuweisen vermögen, werden aufgefordert, sich in den Nachmittagsstunden zwischen fünf und sieben Uhr zu melden.”

So inserirten wir in sämmtlichen, in unserer Stadt erscheinenden Blättern. Meine Frau hatte sich zuerst an eine Vermietherin wenden wollen; aber die traurigen Erfahrungen, die wir das letzte Mal mit einer derartigen Dame gemacht hatten, bewogen sie doch endlich, von dem gewöhnlichen Wege abzuweichen.

Also wir inserirten, und kaum hatte am nächsten Nachmittag die Uhr auf meinem Schreibtisch, die noch dazu vierzehn und eine halbe Minute vorgeht, fünf geschlagen, als sich das erste Mädchen melden ließ. Dieser ersten folgten in einem Zeitraum von 20 Minuten fünfunddreißig andere, und entsetzt ergriff ich Hut und Stock, um dem Hause zu enteilen. Mochte meine Frau sehen, wie sie mit den in- und durcheinander sprechenden Jungfrauen fertig würde.

Als ich am Abend heimkehrte, eilte mir meine Frau freudestrahlend entgegen: „Denk' Dir nur, ich habe bereits ein Mädchen gemiethet. Morgen schon hält sie ihren Einzug(1); ich glaube, dieses Mal wirklich einen guten Griff gethan zu haben. Lies nur(2) dieses Zeugniß.”

Ich ergriff den Zettel, den sie mir reichte:

„Nur mit schwerem Herzen trenne ich mich von meinem Mädchen Meta Ruckel. Drei Jahre ist sie bei mir im Dienst gewesen und hat sich stets zu meiner vollsten Zufriedenheit geführt(3). Sie ist ohne Uebertreibung thatsächlich eine Perle. Wenn ich sie gehen lasse, so geschieht es, weil ich in den nächsten Tagen von hier(4) fortziehe und das Mädchen nicht zwingen will und kann, mich nach einer anderen Stadt zu begleiten.”

„Diese Einleitung bereitet mich auf Vieles vor,” entgegnete ich, „darf ich fragen, wieviel Lohn Du mit ihr verabredest hast?”

Etwas verlegen sah meine Frau vor sich hin und spielte mit den Fingern auf dem Tisch(5): „Daß ihr Männer auch(6) alle so furchtbar prosaisch seid und immer nur an das Geld denkt! Etwas mehr Lohn mußte ich ihr natürlich geben, mit den 50 Thalern, die der andere Küchendragoner erhielt, wäre sie selbstverständlich nicht zufrieden gewesen.”

„Mach' es kurz,” bat ich, „wieviel erhält sie?”

„Nun, wenn Du es absolut(7) wissen willst — hundertzwanzig Thaler fest, sechzig Mark zu Weihnachten und ein Drittel der Trinkgelder.”

Leise pfiff ich durch meinen hohlen Zahn. „Aber liebes Kind, Das ist ja unerhört — bedenke doch, das Mädchen hat so gut wie Nichts zu thun. Wir sind drei Personen und haben eine Kinderfrau, einen Diener und dann noch das Mädchen —”

„Aber bedenke,” unterbrach mich meine kleine Frau, „sie ist doch eine Perle, und Perlen sind immer theuer.”

Von ganzem Herzen stimmte ich innerlich bei; ich hatte meiner Frau zu ihrem Geburtstag, der in den nächsten Tagen(8) war, ein Perlencollier gekauft, und der Hut war mir vom Kopf gefallen, als ich den Preis hörte. Wenn schon die todten Perlen so theuer waren, durfte ich mich nicht wundern, wenn die lebenden auch angemessen bezahlt sein wollten.

Am nächsten Tage hielt Meta ihren Einzug. Meine Erwartungen waren auf das Höchste gespannt, aber ich kann wohl sagen, daß sie noch übertroffen wurden. Sie war mittelgroß, schlank und zierlich gebaut, hatte ein hübsches Gesicht, gute Manieren, war leise und gewandt, kurz und gut, ich konnte nicht umhin, meiner Frau meine Anerkennung über die Acquisition, die sie gemacht, auszusprechen.

„Und denk' Dir mal,” flüsterte meine Frau mir zu, „was mir am meisten an ihr gefällt — sie hat keinen Bräutigam.”

Ungläubig sah ich sie an. „Das kann ich mir nicht denken, so hold, so schön, so reinlich und dann keinen Bräutigam. Das glaub' ein Anderer.”

„Aber wahr ist es doch,” bestätigte meine Frau, „ich habe sie gestern gleich danach gefragt. Als Antwort rümpfte sie die Nase und sagte schnippisch, mit so etwas hielte sie sich nicht auf.”

„Nun, uns kann es nur Recht sein,” bemerkte ich, „nun wollen wir uns aber alle an die Arbeit begeben(9), und die Perle mag ihre glänzenden Eigenschaften beweisen.”

Die nächsten Tage gingen dahin wie im Traum, Meta war wirklich vorzüglich; man hörte, sah und merkte überhaupt Nichts von ihr; stets war Alles fix und fertig, und doch sahen wir nie, daß sie irgend Etwas that. Als meine Frau eines Morgens zu ihr sagte: „Heute müssen wir wohl das Tischzeug waschen,” bemerkte sie gekränkt: „Aber, gnädige Frau, Das ist schon Alles besorgt; ich bin um zwei Uhr(10) aufgestanden, die Wäsche trocknet schon im Garten.”

Sprachlos stürzte meine Frau zu mir in das Zimmer: „Denk' Dir nur — sie hat schon gewaschen — was meinst Du — sollen wir ihr nicht ihren(11) Lohn erhöhen?”

Aber ich lehnte diesen Vorschlag ab, obgleich auch ich mit Meta sehr zufrieden war, denn sie kochte meisterhaft. Noch nie hatte ich so gute Saucen, so gute Braten gegessen, und stets stand die Suppe mit dem Glockenschlag auf dem Tisch. Sie war wirklich eine Perle; von allen Seiten wurden wir um den Schatz beneidet, und ein mit der Feder bewanderter Freund, der eines Mittags von Metas Rehbraten nicht genug hatte bekommen können, feierte mich in einem längeren Epos als „Perlenbesitzer”.

So waren mehrere Wochen vergangen, ohne daß wir auch nur den geringsten Fehler an ihr bemerkt hätten. Da rief ich sie eines Abends zu mir in das Zimmer: „Hören Sie mal, Meta, es ist ja beinahe unheimlich, daß Sie nie ausgehen. Haben Sie denn nicht irgend Jemanden(12), den Sie hier besuchen können? Ewig arbeiten muß der Mensch auch nicht, eine Zerstreuung und(13) ein kleines Vergnügen ist zum Leben unbedingt nothwendig.”

Sie hörte mir aufmerksam zu: „Ja, ja, der Herr haben wohl Recht, ich habe nur nicht darum bitten mögen, da ich erst so kurze Zeit hier bin. Allerdings, was mein Verlobter ist, der schrieb mir schon manchmal, ob ich mich nicht einmal freimachen könnte.”

„Was!” rief ich, innerlich erfreut, daß meine Menschenkenntniß mich nicht getäuscht hatte. „Sie haben einen Bräutigam? Warum haben Sie Das nicht gleich gesagt, sondern meine Frau zuerst belogen?”

Mit Verachtung und Stolz blickte sie mich an. „Ich lüge nie, und wenn ich sage, daß ich keinen Bräutigam habe, dann habe ich auch keinen. Wo werde ich so dumm sein und mich mit so was abgeben. Aber mit einem Verlobten ist Das ganz etwas Anderes; so Einer hat wirklich reelle Absichten — Das ist nicht so'n unsicherer Kram wie mit 'nem Bräutigam.”

Dieser Unterschied zwischen einem Verlobten und einem Bräutigam war mir bis zur Stunde neu, aber ich hütete mich, Dies offen zuzugeben, denn ich bin der Ansicht, daß man nie und nimmer eingestehen darf, daß man den Dienstboten an Können und Wissen nicht ebenbürtig ist.

So beeilte ich mich denn nur, die Wolken von Metas Stirn zu verscheuchen. „Wenn Sie heute Abend ausgehen wollen, um Ihren Verlobten zu treffen, so habe ich nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Wir sind doch auf einem Ball und werden schwerlich vor zwei oder drei Uhr heimkehren. So lange können auch Sie meinetwegen fortbleiben; es ist Ihnen doch lange genug?”

Sie machte einen zierlichen Knix, sagte: „Danke schön” und verschwand.

Eine Stunde später machte meine Frau Toilette für die Gesellschaft, und auch bei dieser Gelegenheit bewies Meta, daß sie wirklich eine Perle war. Sie konnte frisiren, bei dem Anziehen helfen, wußte von selbst, wo noch(14) eine Nadel nöthig war, bewies vielen Geschmack bei dem Feststecken der Blumen und unterstützte meine Frau bei der Auswahl des Schmuckes.

„Nein, gnädige Frau, diese Perlenschnur dürfen Sie nicht anlegen; sie ist für den Ball viel zu schade; denken gnädige Frau nur mal, wenn die Kette sich beim Tanzen löst, auf den Boden fällt und zertreten wird?”

„Entsetzlich,” stöhnte meine Frau, „ich würde sofort sterben.”

„Nun, nun,” tröstete Meta wohlmeinend, „so schlimm würde es wohl nicht gleich werden. Aber hier, diese goldene Kette — einfach und geschmackvoll, die müssen die gnädige Frau umlegen.”

Als wir bald darauf im Wagen saßen und dem Hause unseres Gastgebers zufuhren, schmiegte sich meine kleine Frau an mich: „Weißt Du — warum ich Dich schon immer(15) bitten wollte — kannst Du nicht Metas Lohn erhöhen — morgen ist ihr Geburtstag — thue es morgen. Sie unterstützt ihre armen Eltern — sie hat es wirklich um uns verdient.”

Ich versprach, mein Möglichstes zu thun, wenn ich morgen gebackene Seezunge und Trüffeln zu Tisch bekäme, und meine Frau wiederum versprach, auch ihr Möglichstes zu thun und alles Geld, das sich etwa noch in ihrer Wirthschaftskasse vorfinden sollte, zusammenzukratzen.

„Ob Meta schon zu Hause ist?” fragte meine Frau, als wir in später Stunde heimkehrten; „sie könnte mir so schön bei dem Auskleiden helfen.”

Aber die Perle war noch nicht da, sie genoß, wie es schien, die Freiheit in vollen Zügen, und von Herzen gönnten wir ihr die Erholung.

Aber auch am nächsten Morgen und am nächsten Mittag war Meta immer noch nicht zurück. Vergebens suchten wir nach einer Lösung dieses Räthsels — sollte die Perle derartig ihre Fassung verloren haben, daß sie darüber so ihre Pflicht vergaß? Kreidebleich stürzte da plötzlich meine Frau zu mir in das Zimmer: „Denk Dir — meine Perlen sind verschwunden — sie sind nirgends zu finden — ich wage den Verdacht nicht auszusprechen — denn sie ist doch selbst eine Perle.”

„Gleich und gleich gesellt sich gern,” entgegnete ich, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt; „nun will ich aber gleich zur Polizei gehen.” Meine Bemühungen waren erfolglos, und ich erfuhr nur, daß das Zeugniß, das meiner Frau vorgelegen hatte, gefälscht war. Die Perle und mit ihr die Perlenkette waren und blieben verschwunden; letztere habe ich mit schwerem Gelde am(16) letzten Weihnachten erneuert — aber eine Perle wieder in das Haus zu nehmen, bewegt mich keine Macht auf Erden.


Fußnoten:

(1) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „Ich habe bereits ein Mädchen gemietet. Morgen hält sie bereits ihren Einzug.”
Im „Hamburger Fremdenblatt” heißt es: „Ich habe bereits ein Mädchen gemietet. Morgen schon hält sie ihren Einzug.”
Im „Deutschen Heim” heißt es: „Ich habe bereits ein Mädchen gemietet. Morgen hält sie bereits ihren Einzug.”
In „Humoresken” heißt es: „Ich habe schon ein Mädchen gemietet. Morgen hält sie bereits ihren Einzug.”
(zurück)

(2) In der „Marburger Zeitung” fehlt das Wort: „nur”. (zurück)

(3) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „aufgeführt”. (zurück)

(4) In der „Marburger Zeitung” fehlen die Worte: „von hier”. (zurück)

(5) In der „Marburger Zeitung” stehen hier zusätzlich die Worte. „und sagte”. (zurück)

(6) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „Daß Ihr Männer doch alle”. (zurück)

(7) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „wenn Du es wirklich wissen willst”. (zurück)

(8) Schlichts erste Ehefrau Eva Fanny Bernhardine geb. Türk war am 8.Okt 1869 geboren. Diese Humoreske erschien am 4.Nov. 1894. (zurück)

(9) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „an die Arbeit machen”. (zurück)

(10) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „um zwei Uhr schon”. (zurück)

(11) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „den Lohn”. (zurück)

(12) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „Haben Sie denn Niemanden”. (zurück)

(13) In der „Marburger Zeitung” fehlen die Worte „eine Zerstreuung und”. (zurück)

(14) In der „Marburger Zeitung” fehlt das Wort „noch”. (zurück)

(15) In dem „Hamburger Fremdenblatt” fehlt das Wort „immer”. (zurück)

(16) In der „Marburger Zeitung” heißt es: „zu letzten Weihnachten”. (zurück)


zurück zur

Schlicht-Seite