Der Ordensritter.

Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 26.3.1898


— — — „Ja, ja,” sagte der alte Major a. D. Kramsta und schlug dröhnend mit der Faust auf den Tisch, „was wahr ist, das ist wahr, das kann kein Mench wegleugnen, und wenn er sich auch noch so große Mühe giebt. Nu also, meine Herren, — die Vorgesetzten! Es ist sonderbar, man kann 20 Jahr mit einem Kameraden verkehren und ihn immer sehr nett finden. Aber lassen Sie denselben Kameraden nur einmal 24 Stunden Ihr Vorgesetzter sein, dann entdecken Sie sofort die unglaublichsten Eigenschaften an ihm, dann ist er in Ihren Augen verrückt und hat zum mindesten einen Vogel.

Ob es einen Vorgesetzten giebt, der keinen Vogel hat? Ich glaube es nicht, ich habe mir 25 Jahre hindurch den Kasernenstaub um die Nase wehen lassen, und habe viele, viele Vorgesetzte gehabt, obgleich es damals mit dem Abschiednehmen noch nicht so schnell ging, wie heut zu Tage, wo man sich schon wenige Jahre nach seinem Dienstantritt nach einem guten Civilschneider umsehen muß und beständig mit einem Fuß im Cylinder steht. Aber einen Vogel hatten die Vorgesetzten damals auch schon, der eine verließ sich auf den Hosensitz, der andere auf die Stiefelabsätze, der dritte erblickte das Heil der Armee und die Rettung des Vaterlandes einzig und allein in dem Bindensitz, kurz und gut, jeder hatte sein Steckenpferd und das ritt er in allen Gangarten der hohen Schule, bis er selber zu Tode geritten war.

Ja, ja, es waren komische Käuze, die Herren Vorgesetzten, aber der Sonderbarste von ihnen allen war doch der Ordensritter. Gott hab ihn selig, auch er ist nun schon lange in das bessere Jenseits hinübergegangen und bei seinem Leichenbegängnis hat man ihm vier große Kissen voller Orden voraufgetragen, die er sich in seinem langen Leben zusammen „verdient” hatte. Es war nun einmal sein Vogel: er konnte an der Brust keines Menschen einen Orden erblicken, ohne daß nicht sofort in ihm der Wunsch wach wurde: „Den Orden willst Du auch haben,” und er war krank und blaß und elend, bis sein Ehrgeiz befriedigt war. Wie er sein Ziel erreichte? Nun, er war von altadeligem Namen und höheren und höchsten Ortes sehr gut akkreditiert, er war der vollendete Weltmann, der es wie nur einer verstand, an geeigneter Stelle und bei geeigneter Gelegenheit seine werte Persönlichkeit in empfehlende Erinnerung zu bringen. Wenn eine Fürstlichkeit oder sonst eine hohe Persönlichkeit, die Orden zu vergeben hatte, in unsere Garnison kam — und das geschah nicht selten — so wußte der Ordensritter, wie der Herr Major von Zanten bald allgemein hieß, es stets so einzurichten, daß er zu dem schweren und verantwortlichen Dienst des Ordonnanzoffiziers kommandiert wurde. Seine ganze Thätigkeit bestand darin, sich bei der Ankunft des hohen Herrn auf dem Bahnhofe zu melden, mit ihm zusammen das Frühstück einzunehmen und bei seiner Abreise den Piepmatz für die treu geleisteten Dienste in Empfang zu nehmen und auf der tapferen Heldenbrust zu befestigen. Galt es ein Kommando oder sonst etwas derartiges, sofort war es der Ordensritter, der sich dazu meldete und es ging das Gerücht, er habe sich die Rettungsmedaille am Bande dadurch verdient, daß er seinen Burschen durch eine größere Geldsumme bewogen habe, während einer Bootsfahrt mit dem Kahne umzuwerfen. Wie der deus ex machina erschien denn auch der Ordensritter und zog seinen treuen Knappen mit „eigener Lebensgefahr” aus den brausenden Fluten und 4 Wochen später las die staunende Welt, daß der Ordensritter zur Abwechslung wieder einmal einen Orden bekommen hätte.

Und wie er um die Gunst seiner Vorgesetzten buhlte und dabei natürlich gegen seine Untergebenen die personifizierte Niederträchtigkeit war, so bewarb er sich auch um die Gunst des schönen Geschlechts, auch von ihm wollte er vor allen anderen ausgezeichnet und gefeiert werden. Dabei war er verhaßt wie nur einer, aber man fürchtete, ihn zum Feinde zu haben und so blieb er stets, was er was: der preisgekrönte schöne Mann. Sie hätten ihn einmal auf einer Gesellschaft sehen sollen: um die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen, kam er bei einem Diner regelmäßig eine Viertelstunde zu spät und bei einem Ball erst dann, wenn die Paare sich schon im bunten Durcheinander drehten. Dann lehnte er sich gegen eine Säule und musterte durch sein Monocle, das er angeblich wegen seiner Kurzsichtigkeit trug.Tanzen that er nie, aber wenn der Kotillon herannahte, verließ er seinen Beobachtungsposten und stellte sich mehr in den Vordergrund. Sie kennen alle die schöne Tour, wenn die Damen dem großen Kissen die Orden und Schleifen entnehmen, und ihre Tänzer damit beglücken. Dies war für den Ordensritter der geeignetste Moment. Wenn eine junge Dame sich einen Orden genommen hatte und sich damit zu ihrem Auserwählten begeben wollte, wußte er es mit großer Geschicklichkeit stets so einzurichten, daß er ihr, natürlich „zufällig”, in den Weg trat. Dann ließ er sein Monocle fallen und sah das junge Mädchen mit seinen großen schwarzen Augen so durchbohrend an, daß dieses nicht den Mut fand, an ihm vorüber zu schreiten, sondern ihm die ursprünglich für einen anderen bestimmte Auszeichnung an die Brust heftete. So ging er auch hier stets als der am meisten dekorierte hervor; daß wir anderen ihn infolge dessen nicht gerade sehr liebten, brauche ich wohl nicht erst zu sagen.

Aber der Tag brach an, der uns von ihm befreien sollte. Es war großer Ball im Hause des Bürgermeisters, die halbe Stadt und die ganze Gutsnachbarschaft war eingeladen. Als letzter der geladenen Gäste erschien wie stets der Ordensritter. Vor kurzem hatte er, um sich auch einmal als Schriftsteller zu versuchen, ein kleines Buch herausgegeben: „Praktische Winke für die Heranziehung und Ausbildung guter Pferde- und Menschenburschen” und war dafür von einem kleinen Duodezfürstchen mit der Medaille für Kunst und Wissenschaft belohnt worden. Je kleiner der Staat, desto größer sind bekanntlich die Ehrenzeichen, die er vergiebt und die neue Münze, die zum mindesten die Größe eines doppelten Fünfmarkstückes hatte, erregte daher ein gewisses Aufsehen. Der glückliche Besitzer dieses Prunkstückes befand sich denn natürlich in der denkbar besten Laune, sein Ehrgeiz war einmal wieder auf 24 Stunden befriedigt, in der Freude seines Herzens vergaß er sogar die strenge Zurückhaltung, die er sich sonst aufzuerlegen pflegte, er tanzte wie toll und die Folge davon war, daß er bei dem Kotillon natürlich mit Orden und Schleifen überhäuft wurde. Es geschah das Unglaubliche, daß er in einer Anwandlung von jugendlichem Uebermut einen sonst streng verpönten Galopp arrangierte und bald, allen anderen weit voraus, mit seiner Tänzerin durch den großen Saal dahinstürmte.

Erst spät am Abend trennten wir uns mit dem Gefühl, den Ordensritter von einer ganz neuen Seite kennen gelernt zu haben. Vielleicht war er im Grunde seines Herzens doch ein netter, lieber Kerl und mancher von uns nahm sich vor, ihm in Zukunft gesellschaftlich etwas näher zu treten. Aber das dicke Ende, wie man so zu sagen pflegt, kommt noch.

Am nächsten Morgen durchschwirrte ein unheimliches Gerücht die Stadt, der Ordensritter hatte bei dem Tanzen einen Orden verloren. Wohin man kam, überall wurde man mit der Frage empfangen: „Haben Sie schon gehört, Herr von Zanten hat einen Orden verloren?”

Wäre es bei einer anderen Gelegenheit gewesen, so hätte man sich sicherlich darüber gefreut und seine mehr oder weniger schlechten Witze darüber gerissen, aber daß es gerade gestern abend passiert war, an dem der glückliche Besitzer nach Aussage der jungen Dame zum ersten Mal wirklich nett gewesen war, erregte thatsächlich Mitleid und Bedauern. Der verlorene Orden hielt die ganze Stadt in Aufregung und am größten war diese natürlich im Hause des Bürgermeisters. Schon am frühen Morgen war dort ein Eilbrief mit der Bitte abgegeben worden, die Dienstboten anzuweisen, bei dem Reinigen der Zimmer nach dem Orden auszuspähen.

Als ich am Nachmittag meinen pflichtschuldigen Besuch machte, um mich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen, stand das ganze Haus auf dem Kopfe. Alle Zimmer, in denen sich die Gesellschaft am Abend vorher bewegt hatte, waren vollständig leergeräumt, die Teppiche waren aufgenommen und hingen im Garten über den Leinen, die Meubles waren herausgestellt, die Stühle und Sophas wurden auf das Genaueste untersucht, der Staub, den man aufgefegt hatte, wurde zum fünfundzwanzigsten Male durch ein Sieb geschüttet, die schmutzigen Tischtücher und Servietten wurden zum zehntausendsten Male glatt gestrichen, und in jeder Zimmerecke kroch ein dienstbarer Geist auf allen Vieren herum.

Verzweifelt rang die Hausfrau die Hände: „Daß das Unglück aber auch gerade in meinem Hause passieren muß! Es ist zu unangenehm! Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, den Orden zu finden, aber bald giebt es keinen Platz und keinen Flecken mehr, den wir nicht durchsucht haben, sogar den Kohlenkasten haben wir umgekehrt, ich weiß wirklich nicht mehr, wo wir ihn noch suchen sollen.”

Vergebsn bemühte ich mich, sie zu trösten, ihr Schmerz und ihr Kummer bewegten mein Herz.

„Gnädige Frau, ich will Ihnen einen Vorschlag machen,” sprach ich endlich, „schreiben Sie an Herrn von Zanten einige Zeilen, lassen Sie sich eine genaue Beschreibung des Ordens geben und weisen Sie Ihren Diener an, die Antwort selbst wieder mit zu bringen. Wenn Sie gestatten, warte ich den Bescheid hier ab, wir werden dann bald wissen, welcher Orden es ist und können denselben uns dann leicht hier in einem Geschäft besorgen. Dann ist allen geholfen.”

Gesagt, gethan, wenige Minuten später ging der Diener mit dem Billet fort, um nach einer guten Viertelstunde mit der Antwort zurückzukehren.

Meine Herren, ich habe mich oft in meinem Leben geschämt, so einmal als junger Leutnant, als ich am letzten des Monats beim Bezahlen merkte, daß mein ganzes Vermögen nur noch aus fünf Pfennigen bestand und als ich unter dem Gelächter des Publikums den Pferdebahn-Wagen wieder verlassen mußte — aber so habe ich mich nie zuvor und nie wieder nachher geschämt, als in dem Augenblick, da die Dame des Hauses mir mit einem leichten, ironischen Lächeln den Brief zu lesen gab.

„Meine Gnädige,” so lautete die Antwort, „ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich Ihnen durch meine Zeilen von heute morgen Unbequemlichkeiten bereitet haben sollte. Der Orden, den ich verlor, ist für mich nur wertvoll wegen der Geberin, von der ich ihn empfing, an und für sich ist er wertlos, ein Kotillonorden, wie alle übrigen.”

Am nächsten Tage war die Sache publik, ich selbst that mein Möglichstes, um sie an die große Glocke zu bringen, und der Erfolg blieb nicht aus. Schon am selbigen Tage meldete sich der Ordensritter krank, er hatte sich bei dem Galopp, der an dem ganzen Unglück Schuld war, eine heftige Erkältung zugezogen. Der Oberstabsarzt untersuchte seine Lunge und hielt eine Luftveränderung für dringend notwendig. Wenige Wochen später wurde er nach dem Süden versetzt — er soll bei dem Umzug allein für Orden und Kotillonorden etwas über 100 Mark Ueberfracht bezahlt haben.”


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© Karlheinz Everts