Zwei interessante Textvarianten !

Die neue Sekretärin.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Deutsche Zeitung Bohemia” vom 8.1.1922 und
in: „Die Lore”


Ich sah mich ganz plötzlich gezwungen, mir eine neue Sekretärin suchen zu müssen, und auf meine Annonce hin meldete sich als erste ein junges, etwa neunzehn Jahre altes Mädel, das ich auch wohl dann engagiert hätte, wenn es eine blutige Anfängerin gewesen wäre, denn Fräulein Röschen Langer war nicht nur jung, sie war auch bildhübsch und sie sprach ihren Badenser Dialekt mit einem ganz reizenden Tonfall. Besonders allerliebst klang es, wenn sie das „doch”, das sie jedesmal statt des Ja gebrauchte, aussprach. Das hörte sich so entzückend an, zumal sie mich dabei mit ihren kugelrunden schwarzen Kirschenaugen so freundlich ansah, daß ich es gar nicht oft genug hören konnte, und daß ich im Laufe der nächsten Tage und Wochen alle möglichen Fragen an sie stellte, nur um aus ihrem hübschen Munde mit den blendend weißen Zähnen das Wort „doch” zu vernehmen. Aber wie es so geht, bald konnte ich gerade das Wort „doch” nicht mehr hören, ja es fing an, mich nervös zu machen.

So versuchte ich, es Fräulein Röschen dadurch abzugewöhnen, daß ich ihr „doch” jedesmal mit einem „ja” korrigierte. Aber ich erreichte dadurch weiter nichts, als daß sie ihrerseits mein „ja” mit einem neuen „doch” bestätigte und daß sie mir mein „ja” immer mit ihrem „doch” verbesserte. Das machte mich nun erst recht nervös, aber ich brachte es bei dem besten Willen nicht fertig, grob oder auch nur unfreundlich zu werden, dafür war das Röschen viel zu hübsch, und auch sonst in ihrem Wesen viel zu nett. Aber ihr irgendwie zeigen, wie es um mich und um meine Nerven stand, mußte ich um meiner selbst willen. So fing ich damit an, mir jedesmal, wenn sie ihr „doch” sagte, ein Büschel Haare aus dem Kopf zu reißen und den mit mehr oder weniger Gepolter gegen die Tür zu werfen, bis ich eines Morgens erwachte und keine Haare mehr hatte.

Da sah ich es ein, nun blieb nur noch eins: ich mußte Fräulein Röschen erklären, warum und wodurch ich mondscheinkahl geworden war. Das tat ich denn auch, aber als ich kaum damit begonnen hatte, fing sie so herzzerbrechend an zu weinen, wie ich noch nie einen Menschen hatte weinen sehen.

Und ich kann und kann keinen Menschen, am allerwenigsten ein hübsches junges Mädchen weinen sehen. So wollte ich denn gleich nach Möglichkeit ihre Tränen trocknen, aber wie? Sollte ich, um sie wieder zu beruhigen, das, was ich eben gesagt, zurücknehmen? Nein, das konnte und durfte ich nicht. Deshalb ergriff ich ihre Hände, streichelte sie zärtlich und beinahe liebevoll und sprach so freundlich wie nur möglich auf sie ein: ihre Tränen wären ein Unsinn, für die läge gar keine Veranlassung vor, sie sei nicht nur die Perle, sondern die perlste aller Sekretärinnen und die hübscheste sei sie auch. Aber trotzdem, ganz vollkommen sei kein Mensch. Ob sie sich das Wort „doch” nicht abgewöhnen und dafür fortan nur, aber auch nur „ja” sagen könne. Und ich fuhr fort: „Ich schätze Sie nicht nur als meine Sekretärin, sondern auch als Mensch. Ich habe Sie sehr, sehr gern um mich, ich entbehre Sie, ja Sie fehlen mir geradezu, wenn Sie nach getaner Arbeit fortgegangen sind, und ich freue mich jedesmal, wenn Sie wieder zu mir kommen und wenn ich draußen auf dem Korridor Ihre Schritte höre. Da werden Sie es mir doch nicht antun, daß ich mir schon wieder eine neue Sekretärin suchen muß.” Und wie ich es leider erst zu spät einsah, schloß ich bei dem Versuch, endlich meinen Willen bei ihr durchzusetzen, mit den etwas unüberlegten, aber natürlich nur scherzhaft gemeinten Worten: „Aber Fräulein Röschen, sagen Sie doch endlich „ja” und wenn Sie es gesagt haben, dann können wir meinetwegen fortan zusammenbleiben, bis der Tod uns eines Tages scheidet.”

„Ja!” jubelte sie da auf und ehe ich wußte, wie mir geschah, lag das hübsche Röschen, das meine Rede entweder versehentlich oder absichtlich ins falsche Halsloch bekommen hatte, an meiner Brust, schlang ihre Arme um meinen Hals und rief mir glückstrahlend zu: „Ja, ja, für immer „ja” und nie wieder „doch”. Ich habe Sie ja schon solange über alles lieb und nun, wo ich es eben aus Ihrem Munde hörte, wie lieb Sie auch mich haben, nun darf ich auch ja sagen, denn in meiner Heimat haben die Frau Mutter und der Herr Pfarrer mich gelehrt, daß ein anständiges braves Mädel nur einmal in seinem Leben zu einem Herrn „ja” sagen darf, nur dann, wenn er es bei sich behalten will, bis der Tod sie beide trennt.”

Dann bot sie mir ihre Lippen zum Kuß. Aber so rot, so frisch und verführerisch die auch waren, ich widerstand der Versuchung, so schwer es mir auch wurde, ich küßte nicht, sondern klärte das hübsche Röschen lediglich über den Irrtum auf, in dem es sich befand.

Fünf Minuten später war ich wieder allein, allein für immer. Das hübsche Röschen war gegangen und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar Tränenbäche, die wie Wasserlachen auf dem Fußboden standen.

Da holte ich mir ein Scheuertuch und wischte das hübsche Röschen, nein ihre Tränen, auf. Dann aber sauste ich in einem Auto erneut zu der Annoncenexpedition und gab ein Inserat auf, dessen Ueberschrift dreifach dick und fett gedruckt und ebenso oft dick und fett unterstrichen dieses Mal lautete: Gesucht Privatsekretär.

Und darunter zur Vorsicht nicht minder dick und fett gedruckt: keine Privatsekretärin.

Sekretärin gesucht.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Badische Presse” vom 7.1.1922 und
in: „Stralsundische Zeitung”, Sonntagsbeilage vom 8.1.1922 und
in: „Reichenberger Zeitung” vom 12.1.1922


Ich sah mich ganz plötzlich gezwungen, mir eine neue Sekretärin suchen zu müssen und gab deshalb ein Inserat auf, das dick und fett gedruckt die Ueberschrift trug: Privatsekretärin gesucht.

Die Zeitung rief und viele, viel kamen, um sich vorzustellen; junge und alte, hübsche und häßliche, einige, die etwas konnten, und viele, die fast gar nichts konnten. So hatte ich schon beinahe jede Hoffnung aufgegeben, eine neue, wirklich tüchtige Sekretärin zu finden. Da kam im letzten Augenblick noch ein junges, etwa neunzehn Jahre altes Mädel, und als ich das zur Probe etwas nach Diktat auf der Maschine schreiben ließ, da schrieb sie nicht nur sehr gewandt, sondern auch vollständig fehlerfrei. Ja, dieses Mädel war wirklich auf der Maschine perfekt, aber ich glaube, ich hätte es auch engagiert, wenn es eine Anfängerin gewesen wäre, denn Fräulein Röschen Langer war nicht nur jung, sie war auch bildhübsch und sie sprach ihren Badener [in „Stralsund”: Badenser! D.Hrsgb.] Dialekt mit einem ganz reizenden Tonfall. Besonders allerliebst klang es, wenn sie das „doch”, das sie jedesmal statt des Ja gebrauchte, aussprach. Das hörte sich so entzückend an, zumal sie mich dabei mit ihren kugelrunden schwarzen Kirschenaugen so freundlich ansah, daß ich es gar nicht oft genug hören konnte, und daß ich im Laufe der nächsten Tage und Wochen alle möglichen Fragen an sie stellte, nur um aus ihrem hübschen Munde mit den blendend weißen Zähnen das Wort „doch” zu vernehmen.

Aber wie das leider so ist, die Liebe vergeht, das Unkraut besteht. An alles kann der Mensch sich gewöhnen, nur an das ewige Einerlei nicht. Und was wir heute lieben, können wir unter Umständen schon nach wenigen Wochen nicht mehr ertragen.

So konnte ich bald das Wort „doch” nicht mehr hören. Ich fing an, nervös zu werden, ohne allerdings gleich zu wissen, woher das käme. Ich schob es zuerst auf meine viele Arbeit, auf mein starkes Rauchen und auf alle möglichen Dinge, bis ich dann doch hinter den wahren Grund kam.

Da versuchte ich, Fräulein Röschen das „doch” dadurch abzugewöhnen, daß ich es ihr jedesmal mit einem „ja” korrigierte. Aber ich erreichte dadurch weiter nichts, als daß sie ihrerseits nun wieder mein „ja” mit einem neuen „doch” bestätigte, und daß sie mir mein „ja” immer mit ihrem „doch” korrigierte.

Das machte mich nun erst recht nervös, aber ich brachte es bei dem besten Willen nicht fertig, grob oder auch nur unfreundlich zu werden, dafür war das Röschen viel zu hübsch, und auch sonst in ihrem Wesen viel zu nett.

Aber ihr irgendwie zeigen, wie es um mich und um meine Nerven stand, mußte ich um meiner selbst willen. So fing ich damit an, mir jedesmal, wenn sie ihr „doch” sagte, einen Büschel Haare aus dem Kopf zu reißen und den mit mehr oder weniger Gepolter gegen die Tür zu werfen. Aber dadurch erreichte ich weiter nichts, als daß sie mir eines Morgens, und von da ab täglich, erklärte:

„Das ist ja schrecklich, daß Ihnen die Haare so ausgehen, dagegen würde ich an Ihrer Stelle unbedingt etwas Ernstliches tun. Doch!”

Und es half auch nichts, daß dann regelmäßig als Antwort meinerseits ein neuer Haarbüschel laut krachend gegen die Tür flog.

Bis ich eines Morgens erwachte und keine Haare mehr hatte.

Da sah ich es ein, mit dem Haarausreißen war es vorbei, und nun blieb nur noch eins, ich mußte Fräulein Röschen erklären, warum und wodurch ich mondscheinkahl geworden war. Das tat ich denn auch; aber als ich kaum damit angefangen hatte, ihr klar zu machen daß ich ihr „doch” bei dem besten Willen nicht mehr mit anhören könne und daß sie sich das unbedingt abgewöhnen müsse, fing sie an, so herzbrechend zu weinen, wie ich noch nie einen Menschen hatte weinen hören.

Und ich kann und kann keinen Menschen, am allerwenigsten ein hübsches junges Mädchen weinen sehen. So wollte ich denn gleich nach Möglichkeit ihre Tränen trocknen, aber wie? Da glaubte ich in meinen Ohren ganz deutlich zu hören, was vor vielen, vielen ein lieber Regimentskamerad einmal bei Tisch im Kasino sagte: „Kinder, wenn ein süßes, kleines Mädel weint, gibt es nur ein Mittel, um es wieder heiter zu stimmen. Man muß ihm einen Schokoladenkuß geben. Darunter verstehe ich einen Kuß, den man dem Mädel dadurch besonders schmackhaft macht, daß man ihm entweder vor oder nach dem Kuß eine Tafel Schokolade schenkt. Ich persönlich gebe [in „Stralsund”: aber gebe! D.Hrsgb.] die Tafel Schokolade immer erst hinterher, denn sonst bekommt das kleine Mädel wohl ihre Schokolade, aber unsereins sehr häufig hinterher nicht den Kuß.”

Ob ich den guten Rat jetzt einmal befolgte? Aber das stieß auf Schwierigkeiten. Erstens hatte ich keine Schokolade im Hause, sondern nur viele Küsse, und dann war Fräulein Röschen doch meine Angestellte. Ich war ihr hoher Chef, ihr Brotherr und durfte als solcher höchstens Kußgedanken haben, die aber nie und nimmer äußern und ausführen.

Wohl aber glaubte ich es vor Gott und vor etwaigen Gesetzes­paragraphen verantworten zu können, daß ich nun ihre Hand ergriff, die zärtlich und liebevoll streichelte und so freundlich wie nur möglich auf sie einsprach: ihre Tränen wären Unsinn [in „Stralsund”: ein Unsinn! D.Hrsgb.], für die gar keine Veranlassung vorläge , sie selbst sei nicht nur die Perle, sondern die perlste aller Sekretärinnen, und die hübscheste sei sie auch, (da fing sie bereits an zu lächeln) sie wisse doch auch, wieviel ich von ihr hielte und wie unentbehrlich sie mir bereits geworden wäre. Aber trotzdem, ganz vollkommen sei ja kein Mensch und einen kleinen Schönheitsfehler habe jeder, auch sie (da sah ich, wie ihre Blicke den Spiegel suchten), und dieser ihr Schönheitsfehler sei eben das Wort „doch”, (da hörten ihre Augen auf, den Spiegel zu suchen) und ob sie sich das nicht abgewöhnen könne, schon damit mir meine Haare vielleicht doch wieder wüchsen. Deshalb bäte ich sie, sich das Wort „doch” von dieser Minute an für immer abzugewöhnen und dafür fortan nur, aber nur noch ja zu sagen.

Voller Liebe und voller Güte hatte ich zu ihr gesprochen und das hatte sie so ergriffen, daß ihr die Tränen nun abermals aus ihren hübschen Augen stürzten. Aber trotzdem, jetzt handelte es sich nicht mehr darum, die von neuem zu trocknen, sondern es ging einzig und allein noch um das Wort „ja” aus ihrem Munde.

Doch das kam nicht so schnell, wie ich es erhoffte und erwartete. Aber sie sollte und sie mußte es sagen. So ergriff ich von neuem ihre Hände und streichelte und liebkoste sie, während ich abermals auf sie einsprach: „Können Sie sich das „doch” denn wirklich nicht abgewöhnen, Fräulein Röschen? Oder wollen und dürfen Sie es aus irgendeinem Grunde nicht? Das kann ich nicht glauben, denn Sie werden es doch auch nicht wollen, daß wir uns trennen. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, wieviel mir daran liegt, daß Sie bei mir bleiben. Ich schätze Sie nicht nur als meine Sekretärin, sondern auch als Mensch. Ich habe Sie sehr, sehr gern um mich, ich entbehre Sie, ja Sie fehlen mir geradezu, wenn Sie nach getaner Arbeit fortgegangen sind, und ich freue mich jedesmal, wenn Sie wieder zu mir kommen und wenn ich draußen auf dem Korridor Ihre Schritte höre. Da werden Sie es mir doch nicht antun, daß ich mir schon wieder eine neue Sekretärin suchen muß.” Und wie ich es leider erst zu spät einsah, schloß ich bei dem Versuch, endlich meinen Willen bei ihr durchzusetzen, mit den etwas unüberlegten, aber natürlich nur scherzhaft gemeinten Worten: „Also Fräulein Röschen, sagen Sie doch endlich ja und wenn Sie es gesagt haben, dann können wir meinetwegen fortan zusammenbleiben, bis der Tod uns eines Tages scheidet.”

„Ja!” jubelte sie da auf und ehe ich wußte, wie mir geschah, lag das hübsche Röschen, das meine Rede entweder versehentlich oder absichtlich ins falsche Halsloch bekommen hatte, an meiner Brust, schlang ihre Arme um meinen Hals und rief mir glückstrahlend zu: „Ja, ja, für immer ja und nie wieder doch. Ich habe Sie ja schon solange über alles lieb, und nun, wo ich es eben aus Ihrem Munde hörte, wie lieb Sie auch mich haben, nun darf ich auch ja sagen, denn in meiner Heimat haben die Frau Mutter und der Herr Pfarrer mich gelehrt, daß ein anständiges braves Mädel nur einmal in seinem Leben zu einem Herrn ja sagen darf, nur dann, wenn er es bei sich behalten will, bis der Tod sie beide trennt.”

Dann bot sie mir ihre Lippen zum Kuß, — aber so rot, so frisch und verführerisch die auch waren, ich widerstand der Versuchung, so schwer es mir auch wurde. Ich küßte nicht, sondern klärte das hübsche Röschen lediglich über den Irrtum auf, in dem es sich befand.

Fünf Minuten später war ich wieder allein, allein für immer. Das hübsche Röschen war gegangen und nichts war von ihr zurückgeblieben, als ein paar Tränenbäche, die wie Wasserlachen auf dem Fußboden standen.

Da holte ich mir ein Scheuertuch und wischte das hübsche Röschen, nein ihre Tränen, auf. Dann aber sauste ich in einem Auto erneut zu der Annoncenexpedition und gab ein Inserat auf, dessen Ueberschrift dreifach dick und fett gedruckt und ebenso oft dick und fett unterstrichen dieses Mal lautete: Gesucht Privatsekretär.

Und darunter zur Vorsicht nicht minder dick und fett gedruckt: keine Privatsekretärin.


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