Der nervöse Leutnant.

Militärhumoreske von Freiherr von Schlicht,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 28.3.1901 und
in: „Der nervöse Leutnant”


Der Oberleutnant von Bewitz war nun schon vierzehn Jahre Offizier und hatte noch immer keine Aussicht, in absehbarer Zeit Hauptmann zu werden. Dies lag teils an dem Avancement, das nach Ansicht der Beteiligten von Tag zu Tag trauriger wird, teils an Herrn von Bewitz selbst. Als er bei dem Militär eintrat, hatte er, wie so mancher andere, die ehrgeizigsten Pläne, „auch er dacht' dran zu nehmen, gar einen hohen Flug”. Wenn er auch nicht gerade Feldmarschall werden wollte, so war er doch nicht abgeneigt, wenigstens General zu werden — es gab nach seiner Ansicht so viele Excellenzen, die nicht klüger waren als er selbst, warum sollte er da nicht auch diese hohe Stufe erreichen? Bekanntlich sagte schon Sokrates einmal in gegebener Veranlassung: Erstens kommt es immer anders, zweitens als man denkt! Diese Wahrheit mußte Herr von Bewitz auch an sich erfahren. Er hatte zur Akademie gewollt, alle möglichen Kommandos hatten ihm vorgeschwebt, im Geiste sah er sich in der großen Bude, dem Generalstab, sitzen und dort Wunder der geistigen Thätigkeit verrichten — aber in Wirklichkeit wurde aus alledem nichts. Alle Versuche, irgend ein Examen zu bestehen, scheiterten auf das Glänzendste, er bekam kein Kommando, er blieb stets in der Front und machte die zwar auch sehr ehrenhafte, aber keineswegs sehr erfreuliche „Ochsentour”. Und dabei war Herr von Bewitz keineswegs dümmer als irgend ein anderer, aber er hatte eben Pech, und gegen das Pech ist leider ja auch noch kein Kraut gewachsen.

Vierzehn Jahre Frontsoldat, noch dazu Infanterist, ganz gemeiner Fußlatscher, ohne die nötigen Mittel, sich einen „Gefechtsesel”, einen alten Gaul, halten zu können! Das ist nicht jedermanns Sache, die wenigsten halten es aus, die meisten bekommen irgend einen körperlichen oder geistigen „Knacks”.

Auch Herr von Bewitz hatte seinen „Knacks” im Laufe der langen Dienstzeit wegbekommen, und zwar bestand dieser in einer hochgradigen Nervosität. Schuld daran waren natürlich die Vorgesetzten — wenn die hohen Herren krank werden, sind die Untergebenen daran schuld, und wenn diesen etwas zustößt, haben die Vorgesetzten es auf dem Gewissen, das ist eine alte Geschichte.

Herr v. Bewitz war nervös, oder wie ganz gebildete Leute heutzutage sagen: sehr nervos. Und ein Wunder war es weiter nicht. Als Herr v, Bewitz einmal mit einem verletzten Fuß vierzehn Tage zu Bett lag, hatte er den Versuch gemacht, mit Hilfe einer Logarithmen-Tafel auszurechnen und genau festzustellen, wie oft er seit dem Tage seines Diensteintritts von den höheren, hohen und höchsten Vorgesetzten angepfiffen worden sei. Nachdem er drei Tage lang gerechnet hatte, gab er es auf, weil er zu der Einsicht gelangte, daß eine Zahl herauskommen würde, die nur ein Mensch, der mit Mill-, Bill- und anderen Onen umzugehen gewohnt ist, aussprechen konnte.

Und er war an solche Zahlen nicht gewöhnt — das Gehalt, das er am ersten des Monats herausbekam, betrug 0,00 und die Zulage, die er von Haus aus erhielt, war auch nicht viel mehr.

Selbst ein vierbeiniges Schaf, dem man vierzehn Jahre lang täglich zu wiederholten Malen „Schaf, Schaf” zuruft, fängt an, nervös zu werden, obgleich es doch gar keine Ursache hat, sich getroffen zu fühlen — wie soll es da ein zweibeiniger Mesch aushalten, sich immer und immer wieder sagen zu lassen, daß alles, was er mache, Unsinn sei und daß er von dem Dienst immer noch „keine Ahnung” habe.

Ach, dieser Dienst! Als junger Leutnant „bimmste” er die Rekruten, als alter Offizier exerzierte er mit den alten Mannschaften, das war kein Unterschied. Die alten Leute hatten dieselbe Physiognomie wie die jungen: dick, dumm, faul und gefräßig, und der Dienst war ganz genau derselbe. Wenn die Rekruten „Gewehr über” genommen hatten, nahmen sie wieder „Gewehr ab” und die alten Leute machten es ebenso, die blieben auch nicht mit „Gewehr über” bis an ihr Lebensende auf dem Kasernenhof stehen.

Herr von Bewitz war bei den Gewehrgriffen, den Wendungen: rechtsum, linksum, Front und Kehrt, bei dem Marschieren und bei den Instruktionsstunden mehr als nervös geworden. Das sah man ihm auch äußerlich an: seine Augen hatten etwas Unruhiges, und seine Gesichtsmuskeln zuckten sehr oft: auch dann, wenn „stillgestanden” kommandiert war und wenn ein Vorgesetzter mit ihm sprach. Das machte dann immer einen bösen Eindruck, das sah beinahe so aus, als ob der Untergebene zu den Worten seiner Vorgesetzten Grimassen schnitte, und deshalb versuchten es alle, ihm die Nervosität abzugewöhnen.

Zuerst dadurch, daß sie ihm grob wurden und ihm befahlen, ein „vorschriftsmäßiges Gesicht” zu machen.

Befehlen kann ein Vorgesetzter alles, aber der Untergebene kann nicht alle Befehle ausführen, obgleich die Schwierigkeiten ja nur dazu da sind, um überwunden zu werden.

Als die hohen Herren sahen, daß die Strenge in diesem Falle nichts nützte, versuchten sie es mit Güte und Wohlwollen, sie gaben ihm weise Lehren und empfahlen ihm alle möglichen Medikamente, von denen sie gehört hatten, daß sie helfen sollten.

Hätte der Herr Ober nur den dritten Teil der Mittel, die ihm geraten wurden, eingenommen, hätte er nur den dritten Teil der Ratschläge, die ihm gegeben wurden, befolgt, so wäre er in der kürzesten Zeit eine Leiche gewesen — sogar eine uniformierte. Vorläufig aber lag ihm nicht einmal etwas daran, im civilistischen Gewande auf der Totenbahre zu liegen, darum sagte er zu allem, was ihm geraten wurde: „Zu Befehl!” und that von allem das Gegenteil.

Eines Tages rief ihn sein Oberst zu sich: „Herr von Bewitz,” sagte er, „Sie müssen doch selbst einsehen, so geht es nicht weiter — ist der Offizier so nervös, wie Sie es sind, dann macht er auch seine Leute nervös und mit einer solchen Truppe ist im Frieden gar nichts, im Kriege noch weniger anzufangen. So geht es nicht weiter, unter keinen Umständen, ich bin kein Arzt und kann Ihnen nicht raten, aber Sie müssen sehr energisch etwas für sich thun.”

Das sah der Herr Leutnant auch ein und als der Herr Oberst seine Rede endlich beendet hatte, bat Herr von Dewitz zur Wiederherstellung seiner Gesundheit um einen dreimonatlichen Urlaub.

Der Kommandeur bekam einen solchen Schrecken, daß er beinahe vom Stengel fiel. Er vertrat den Standpunkt, daß der Urlaub die überflüssigste aller Erfindungen sei, seine Leutnants waren doch Offiziere geworden, um Dienst zu thun, nicht aber, um in mehr oder weniger elegantem Civil in den Bädern mit hübschen jungen Damen zu flirten, nein, das gab es nicht, und so wurde dem Herr von Bewitz der erbetene Urlaub rundweg abgeschlagen.

Aber gesund werden sollte er trotzdem. In Wirklichkeit aber wurde er immer nervöser, er zitterte schon, wenn er auf den Kasernenhof kam und dort die Leute stehen sah, die unter seiner Oberaufsicht und unter seiner Anleitung drei Stunden am Vormittag und zwei Stunden am Nachmittag Griffe, Wendungen und sonstige brotlose Künste üben sollten.

Verdenken konnte ihm das mit Ausnahme der Vorgesetzten ja schließlich kein Mensch, die aber verdachten es ihm und eines schönen Tages beschloß der Herr Oberst, dem grausamen Spiel irgendwie ein Ende zu bereiten: Herr von Bewitz sollte ihm eine kreigsstarke Kompagnie vorexerzieren und davon, wie die Sache ausfiele, sollte es abhängen, ob er noch länger im Dienst bleiben oder ob man ihm einen Ruheposten bei einem Bezirkskommando geben würde.

Als der Herr Ober mittags bei der Parole den Befehl für den morgigen Tag erfuhr, war er schlau genug, den Zweck der Übung sofort zu merken und das trug nicht gerade dazu bei, seine aufgeregten Nerven zu beruhigen — im Gegenteil, er geriet so aus dem Häuschen, daß er über den Befehl des Herrn Oberst nicht einmal fluchen konnte.

Und wenn ein Untergebener nicht mehr flucht, dann ist das immer ein Zeichen, daß es ihm sehr, sehr schlecht geht.

Herr von Bewitz konnte nicht essen, nicht trinken und nicht rauchen. Er legte sich zu Bett, um seine Nerven durch einen langen Schlummer zu beruhigen, aber er schlief nicht, sondern warf sich ruhelos von einer Seite auf die andere, bis er endlich in aller Herrgottsfrühe wieder aufstand und erregt in seinem Zimmer auf und ab lief.

Als der Bursche kam, um seinen Herrn zu wecken, saß dieser schon am Schreibtisch und las in dem Exerzier-Reglement, ohne es in seiner Unruhe zu merken, daß er das Buch auf dem Kopf hielt.

Pünktlich zur befohlenen Zeit marschierte Herr von Bewitz nach dem großen Exerzierplatz, und dort erschien bald darauf der Herr Oberst mit seinem Adjutanten und sämtlichen dienstfreien berittenen und unberittenen Offizieren. Die sollten nicht nur Zeugen der voraussichtlich eintretenden Katastrophe sein, sondern sie sollten, wenn sie wollten — und sie mußten, auch wenn sie nicht wollten — aus den vorkommenden Fehlern viel für sich, für die Armee und für das Wohl des Vaterlandes lernen.

Als der Oberst seinen nervösen Leutnant sah, fühlte er in seiner vorschriftsmäßig auswattierten Brust etwas wie Mitleid, und seine Stimme klang fast wohlwollend, als er zu ihm sagte: „Ruhig, Bewitz, ruhig!”

„Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Na, dann wollen wir anfangen.”

„Zu Befehl, Herr Oberst!” und der Herr Ober begann nach einem Programm zu exerzieren, das er sich selbst zurechtgelegt hatte — aber das fand nicht den Beifall des Kommandeurs, denn das Programm der Untergebenen ist nur in den allerseltensten Fällen zugleich auch das der Vorgesetzten.

„Ruhig, Bewitz, ruhig,” rief der Herr Oberst, „warten Sie es nur ab, ich werde Ihnen schon sagen, was ich sehen will.”

Das Exerzieren begann von neuem, und der Wahrheit die Ehre: schön war es nicht. Bewitz ließ zwischen dem Ankündigungs- und Ausführungs­kommando keine Pause, er überstürzte sich mit seinen Befehlen, sodaß die Leute keine Zeit hatten, sie auszuführen — es war halt nichts, wie Lenau sagt.

„Ruhig, Bewitz, ruhig,” mahnte der Kommandeur von neuem, „zum Donnerwetter, denken Sie doch endlich daran.”

Die Butter schwindet in der Sonne nur halb so schnell dahin, wie die gute Laune eines Vorgesetzten bei den Leistungen seiner Unterthanen.

„Zu Befehl, Herr Oberst!” klang es zurück, und dann begann das Exerzieren von neuem. Alle guten Dinge sind nach einem ebenso alten wie unrichtigen Worte: Drei. Wer dem Sprichwort glaubt, frage sich, ob er lieber drei oder vier Millionen besitzen möchte — vorausgesetzt, daß er nicht schon fünf oder mehr hat.

Die Griffe klappten wieder nicht, diesmal lag es aber daran, daß die Pause zwischen dem Ankündigungs- und Ausführungs­kommando zu lang war.

Umgeben von seiner Suite sah der Herr Oberst in gehöriger Entfernung dem Exerzieren zu. Plötzlich wandte er sich an seinen Adjutanten: „Was macht denn der Bewitz da? Der murmelt da ja anscheinend immer etwas vor sich hin. Reiten Sie langsam, sodaß er es nicht merkt, hinter ihn und horchen Sie, was er da beständig für Selbstgespräche hält.”

Wenige Sekunden später hielt der Adjutant an der befohlenen Stelle.

„Noch einmal die Griffe,” befahl der Kommandeur, und nun hörte der Adjutant:

„Ruhig, Bewitz, ruhig. Zu Befehl, Herr Oberst!”

„Das Gewehr — ruhig, Bewitz, ruhig — über!”

„Präsentiert das — ruhig, Bewitz, ruhig — Gewehr!”

„Das Gewehr — ruhig, Bewitz, ruhig — über!”

„Das Gewehr — ruhig, Bewitz, ruhig — ab!”

Einen Augenblick hörte der Adjutant noch zu, dann ritt er zu seinem Brotherrn zurück.

„Nun?” fragte der Kommandeur, „was giebt's?” und als er vernommen hatte, mit welchen Zusätzen Herr von Bewitz seine Kommandos begleitete, sprach er gelassen das große Wort: „Der Mann muß fort. Er ist geistig krank.”

„Warum?” wollte der Adjutant fragen, „weil er sich jetzt den guten Rat, den du ihm vorhin gabst, selbst giebt?”

So wollte der Adjutant fragen, aber er fragte nicht, denn zur rechten Zeit fiel ihm ein, daß nach der Ansicht der Vorgesetzten nicht nur die Antworten, sondern meistens auch die Fragen der Untergebenen „unüberlegt und thöricht” sind.


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