Napoleon.

Von Freiherr v. Schlicht (Berlin).
in: „Kieler Zeitung” vom 1.1.1897,
in: „Neue Hamburger Zeitung” vom 3.1.1897 und
in: „Der Parademarsch


Es war eine solche Veränderung mit ihm vorgegangen, daß er sich selbst nicht mehr kannte.

In dem kleinen polnischen Dorfe, wo er geboren war und so viel gelernt hatte, daß er auf die Analphabeten mit einem gewissen Stolz herabblicken konnte, hatte er, nachdem er zuerst als Gänsejunge, dann als jugendlicher Kuhhirte die nöthige Vorbildung genossen hatte, seine Tage als Knecht zugebracht. Er war ein tüchtiger Arbeiter, der mit der Sense, dem Pflug und den Pferden umzugehen verstand, wie nur Einer. Wenn sein Herr, ein geborener Norddeutscher, dennoch etwas an ihm auszusetzen hatte, so war es, daß er zu schmutzig war. An etwas Unordnung und Unreinlichkeit hatte sich der Besitzer ja gewöhnen müssen, als er in die polnische Gegend zog, „etwas Schmutz ist ganz gut und hält auch wohl(1) schön warm”, aber — nur etwas — was darüber ist, das ist vom Uebel.

So war das früher.

Und nun war der ehemalige Knecht Soldat geworden, noch dazu Infanterist, wo er mit Pferden absolut garnichts zu thun hatte. Anstatt mit Sense und Pflug arbeitete er nun mit dem Infanterie-Gewehr Modell 88, und er, der stundenlang im tiefsten Lehmboden gegangen war, ohne die geringste Müdigkeit zu spüren, dankte seinem Schöpfer, wenn er Abends den „Garnison­klappen­dienst” üben und sich die Decke über die Ohren ziehen konnte. Mit dem langsamen Schritt vermochte er sich nicht zu befreunden.

Anstatt der schweren Holzpantoffel, der geflickten Hose, dem zerrissenen Rock und dem keineswegs tadellosen Hemd trug er nun die königliche vierte(2) Garnitur. Schön war sie ja auch nicht, das konnte kein Mensch behaupten, aber zwischen diesem Kostüm und seinem vorherigen war doch ein Unterschied wie zwischen dem hellsten(3) Sonnenschein und einer „camera obscurissima”.

Jeden Morgen mußte er sich waschen, ordentlich, gründlich, Gesicht, Hals, Ohren und Brust, Hände und Arme. Die Fingernägel mußte er sich reinigen und sogar die Zähne putzen — seine schönen Zähne, die blendend weiß waren wie das köstlichste Elefenbein. Aber putzen mußte er seine schönen Zähne(4) doch — das „Warum” leuchtete ihm nimmer ein.

Und sonst hatte er nie anders mit dem Wasser Bekanntschaft gemacht, als wenn er im Sommer sein Gespann in die Schwemme ritt und bei dieser Gelegenheit einmal in's Wasser fiel.

Aber das Sonderbarste war doch: in der Heimath hatten sie ihn Alle Iwan genannt, bei feierlichen Gelegenheiten Iwan Bartholomeytzyk(5), und jetzt hieß er plötzlich Napoleon. Einfach nur(6) Napoleon — er wußte es(7) selbst nicht, war das sein Vor- oder Zuname.

Mit vielen Alters- und Schicksalsgenossen hatte er am Tage seines Diensteintritts auf dem Kasernenhof gestanden. Die Namen wurden verlesen und Jeder, der augerufen(8) wurde, mußte vortreten.

„Iwan Bartholome—”

Der Schreiber stockte, denn(9) er konnte den ihm unbekannten Namen nicht so ohne Weiteres aussprechen.

Aber schon antwortete eine Stimme „Hi—er” und Iwan trat vor.

Er fühlte die Blicke der Offiziere und Unteroffiziere auf sich ruhen.

„Aber der Mensch sieht ja genau aus wie Napoleon,” sprach da der Adjutant.

Alles lachte — auch Iwan, ohne zu wissen warum, was ahnte sein Herz von seinem berühmten Namensvetter!

So unzutreffend war die Bezeichnung nicht: Iwan war von kleiner, in Folge der schweren Arbeit etwas gekrümmter Gestalt, sein Gesicht glatt und bartlos, aus dem eine mächtige Nase in die Welt hineinragte, große, helle Augen(10). Es war an ihm Nichts, was mit dem bekannten Porträt Napoleon's auch nur die geringste Aehnlichkeit gehabt hätte, aber dennoch glich er ihm.

Den Namen Napoleon behielt er von dieser Sekunde an: in der Korporalschaft, in der Kompagnie und im ganzen Bataillon, das in der kleinen Stadt allein in Garnison stand.

Er war ein fleißiger, ordentlicher Soldat, der sich bald die Zuneigung der Vorgesetzten erwarb und wenn er auf der Straße oder auf dem Kasernenhof an einem Offizier vorüberging, so wurde er fast immer mit freundlichen Worten angeredet: „Na, Napoleon, wie gefällt es Ihnen in dem neuen Kultur­zustande?”

Und seine weißen Zähne zeigend, antwortete er dann stets: „Dank sich seerer(11), Herr Lieutenant, ausgezeichnet.”

Es ging ihm wirklich ausgezeichnet, er wurde, was er bisher nur theilweise gewesen war, nämlich(12) wirklich ein Mensch, der gern und freudig lebte und Lust und Liebe an seinem Beruf hatte.

Die Zeit ging dahin, ds Rekruten-Exerzieren war beendet und sowohl die Offiziere und Unteroffiziere als auch die Mannschaften hatten Lob und Anerkennung für alle Mühen und Arbeit gefunden. Auch die Zeit des Kompagnie-Exerzierens, die schwerste und anstrengendste des ganzen Jahres, war glücklich überwunden. Nun begann das Bataillons-Exerzieren.

Mit etwas gemischten Gefühlen sah man diesem Vergnügen entgegen, denn der Herr Major war ein sehr strenger Vorgesetzter, der keinen Spaß verstand. Die da im vorigen Jahr schon unter ihm exerziert hatten zitterten, weil sie ihn kannten. Die nun zum ersten Mal unter seinem Kommando stehen sollten, zitterten, weil sie ihn nicht kannten.

Es wurde gezittert wie im Zillerthal.

Der Einzige, der guten Muthes war, war Napoleon. Aus Erfahrung wußte er, daß auch beim Militär jeder so schläft, wie er sich bettet. Seine Pflicht und Schuldigkeit thun, mußte man natürlich und daß er das auch heute, wie alle Tage thun mußte, war ja selbstverständlich, zumal er sich unter denjenigen befand, die demnächst die Gefreitenknöpfe bekommen sollten.

Fröhliche Soldatenlieder singend, rauchend und plaudernd marschirte das Bataillon dem großen Exerzierplatz entgegen. Der Weg war weit, aber das schadete nichts, denn je länger der Marsch ist, desto kürzer muß exerzirt werden, wenn man noch Mittags wieder zu Hause sein will.

Mit einem Gefecht, als man den Platz erreicht hatte, begann die Uebung und dann zog der Herr Major das Bataillon zusammen zur Parade-Aufstellung.

Langsam ritt der Herr Major die Front hinunter, mit scharfem Auge überall hinspähend, ob Richtung, Vordermann und Gewehrhaltung auch tadellos sei. Es dauerte lange, bis eine Kompagnie besichtigt war und doch mußten alle vier stillstehen, bis für Alle gemeinsam das Kommando zum Gewehrübernehmen käme. Die Kniee und die Schultern fingen an zu schmerzen, die linke Hand, die das präsentierte Gewehr hielt, zitterte und unwillkürlich wurde das Gewehr dadurch verschoben.

Plötzlich hielt der Herr Major sein Pferd gerade vor Iwan an: „Kerl wollen Sie wohl Ihr Gewehr besser tragen.”

Er gab sich die größte Mühe, aber er hatte in der linken Hand einen Krampf und so flog seine Waffe hin und her.

&Bdquo;Wie heißen Sie?” fuhr ihn der Major an, „Herr Hauptmann, ich bitte, den Mann zu bestrafen — wie heißen Sie?”

„Napoleon, Herr Major.”

Hätte nicht eine eiserne Disziplin alle daran verhindert, so hätte ein homerisches Gelächter die Luft erfüllt.

„Ich bitte, den Mann zu bestrafen, Herr Hauptmann,” wiederholte der Herr Major.

Der Häuptling und der Bataillons-Kommandeur konnten einander nicht leiden. Im langsamsten Schritt kam der Häuptling herangeritten und die Hand nachlässig an den Helm legend, sagte er: „Zu Befehl, ich werde den Mann strafen — eine halbe Stunde nachexerzieren.”

Der Major schäumte vor Wuth gegen seinen Untergebenen:

„Drei Tage Arrest,” donnerte er, „Napoleon heißt der Mann? Da kann er auf drei Tage „nach Elba” gehen.”

Niemand that ihm den Gefallen, über diesen Witz zu lachen, selbst der Adjutant nicht.

Der Einzige, der sich freute, war Napoleon, aus dem einfachen Grunde, weil er gar nicht wußte, was eigentlich los sei. Bei den Worten „Arrest” hatte er allerdings gezittert — er in Arrest, das war ja gar nicht möglich, gar nicht denkbar; er hatte ja doch gar nichts gethan, er war sich keiner Schuld bewußt. Dann sprach der Herr Major von Elba, — da solle er hingehen — das war gewiß auch ein Kommando, wie sie in der letzten Zeit häufiger vorgekommen waren, — einer aus seiner Korporalschaft war nach Spandau zur Schießschule geschickt, ein zweiter nach Erfurt zur Gewehrfabrik — nun sollte er nach Elba. Wo der Ort lag, wußte er nicht, das war ja auch gleichgültig; aber traurig war es, daß er nur für drei Tage fortkam.

Der Heimmarsch wure angetreten, aber das Singen und Lachen vom Morgen war verstummt. Es war zu scharf hergegangen, die Glieder schmerzten, der schwere Tornister drückte, aber das nicht allein, es hatte Vielen zu sehr „in die Bude geregnet”. Das „Nachexerzieren”, wenn man endlich todtmüde die kaserne erreicht haben würde, stand Vielen als Schreckgespenst vor Augen.

„Na, Napoleon, wenn wir zu Hause sind, melden Sie sich nur gleich bei mir, dann kann die Reise ja losgehen,” redete ihn da plötzlich der Feldwebel an.

Also doch reisen, der letzte Zweifel war gehoben und er war glücklich, — glücklich wie derjenige es ist, der für treue Pflicherfüllung Lohn und Anerkennung findet.

Wenn der Soldat auf Reisen geht, packt er nicht seinen Koffer, sondern seinen Tornister — omnia mea mecum porto — und Napoleon gab sich auch dieser Beschäftigung hin, als er in der Kaserne angekommen war. Der Unteroffizier vom Dienst störte ihn in seiner Thätigkeit und wollte sich ob Iwan's „Dämlichkeit” fast todtlachen.

„Ach was, mein Junge, so viel brauchst Du nicht — nimm Deinen Putzkasten und Dein Kommißbrot und dann en avant.”

Und ehe Napoleon wußte, wie ihm geschah, stand er vor dem Arrestaufseher, der ihn auf das Genaueste durchsuchte, ob er auch nicht etwa Spirituosen, Kautabak oder ähnlich(13) verbotene Dinge bei sich führte, und ihn dann in einer Zelle einschloß.

Da saß der arme Napoleon nunauf Elba und sein Ahnherr kann sich in der Verbannung nicht elender und unglücklicher gefühlt haben.

Wem das Herz zu schwer ist, dem gab ein Gott die Thränen und reichlich machte Napoleon von dieser Gottesgabe Gebrauch. Er weinte und schluchzte unaufhörlich, bis der Abend kam und mit dem Abend der Arrestaufseher, der seinen Schutzbefohlenen eine wollene Decke brachte.

Napoleon legte sich auf die Pritsche — ach sie war so hart, so entsetzlich hart! — und versuchte zu schlafen, aber Stunden vergingen, ehe ihn der Schlummer(14) gefangen nahm. Da hörte er plötzlich auf dem Korridor Schritte, Stimmengewirr und ein Rasseln der Schlüssel.

Verwundert horchte er auf — da wurde auch schon die schwere Thür seiner Zelle geöffnet und auf der Schwelle stand der Herr Major.

Das war auch eine niederträchtige Angewohnheit des Herrn Bataillons­kommandeurs, die Arrestanten stets bei Nacht zu revidiren, und Gnade Gott Demjenigen, der etwa so schlaftrunken war, daß er den „Straftenor” nicht glatt hersagen konnte. Der bekam drei Tage „extra”.

Napoleobn wand sich aus seiner Decke heraus ud stand dem Gestrengen gegenüber.

„Nun wird's bald,” knurrte dieser ihn an.

„Musketier Bartholomeyczik drei Tage Mittelarrest, weil, weil — ”

Weiter kam er nicht, — seine Schuld war es nicht, daß der Feldwebel vergessen hatte, ihm den Straftenor bekannt zu geben.

„Nun? Sie werden doch wohl wissen, was Sie verbrochen haben?” Das klang wie das Nahen eines schweren Gewitters.

„Hab ich mich garnichts gemacht, Herr Major.”

„Das scheint ja ein famoser Mensch zu sein,” höhnte der Gewaltige, „Unteroffizier, leuchten Sie einmal, dem muß ich mir doch etwas genauer ansehen — ah, Sie sind's mein Sohn — Napoleon heißen Sie ja wohl — soll ich Ihnen sagen, warum Sie hier sitzen? Weil Sie heute Morgen gebummelt haben.”

„Ich hab mich ganz gewiß und wahrhaftig nicht gebummelt, Herr Major.”

So, nun schlägt er dich todt, dachte Napoleon — aber merkwürdiger Weise geschah nichts derartiges. Der Herr Major starrte seinen Untergebenen an, als wisse er nicht, ob er wache oder träume und ruhig hielt Iwan den Blick aus.

Und aus seinen offenen ehrlichen Zügen, seinen treuen Augen sprach ein so gutes Gewissen, daß der Herr Major plötzlich mit ganz sanfter Stimme fragte:

„Warum haben Sie denn das Gewehr so schlecht beim Exerzieren getragen?”

„Weil ich nicht länger stillstehen konnte, Herr Major.”

„Das heißt mt anderen Worten, ich habe mehr von Ihnen verlangt, als Sie zu leisten vermochten?”

„Zu Befehl, Herr Major.”

Das klang so ruhig, so gelassen, so selbstverständlich, als wüßte Napoleon gar nicht, was er damit sagte.

Aber der Herr Major verstand sehr wohl, was der Untergebene sagte; er sah im Geiste die Szene vom heutigen Morgen vor sich. Das war ja richtig, die Leute hatten zu lange stillstehen müssen, das ließ sich nun einmal nicht ändern, denn Dienst ist Dienst — aber er hätte ja nicht nöthig gehabt, den Mann so streng zu bestrafen und er hätte es ja auch nicht gethan, wenn er sich nicht über den Hauptmann geärgert hätte, der seine Worte: „Zu Befehl, eine halbe Stunde Nachexerzieren” im gleichgültigsten(15) Ton gesprochen hatte.

In jähzornigen, heftigen Naturen vollzieht sich eine Wandlung im Innern oft mit Gedankenschnelle.

Und plötzlich that dem Herrn Major der arme Kerl Leid, der da eingesperrt saß wegen Nichts und wieder Nichts.

„Es ist gut, Du kannst gehen.”

Napoleon machte Kehrt, um sich auf seine Pritsche zu legen.

„Du kanst zurückgehen zu Deiner Kompagnie, legen Dich in Dein Bett, melde Dich bei Deinem Unteroffizier vom Dienst, ich werde morgen mit Deinem Hauptmann über Dich sprechen, das Weitere findet sich.”

Als Napoleon, der das Alles nicht begriff, die Sache am nächsten Morgen dem Feldwebel erzählte, war das Einzige was dieser sagte: „Na, mein Sohn, für Dein Leben gebe ich nicht ein abgebranntes Zündholz her.”

Aber Napoleon blieb am Leben, ihm geschah nichts, garnichts, aber sein Herz zitterte doch, als der Herr Major nach dem nächsten Bataillons­exerzieren auf dem Marsch Iwan zu sich heranwinkte und ihn halb lachend, halb ernsthaft fragte: „Nun; Napoleon, habe ich heute auch zu viel von Euch verlangt?”

„Nein, Herr Major.”

Von der Stunde an, da der Herr Major dem armen Napoleon seine Arreststrafe schenkte, hat er seine Leute nie mehr „geschliffen”. — Napoleon hatte das Wunder fertig gebracht. aus einem verhaßten Vorgesetzten einen bald allgemein beliebten zu machen.

Und von dieser Stunde an führte Napoleon wie sein Ahnherr den Beinamen: „Der Große”.


Fußnoten:

(1) In der Buchfassung heißt es: „auch schön warm” (zurück)

(2) In der Buchfassung heißt es: „fünfte” (zurück)

(3) In der Buchfassung heißt es: „zwischen hellstem” (zurück)

(4) In der Buchfassung heißt es: „mußte er sie doch” (zurück)

(5) In der Buchfassung heißt es: „Iwan Bartholomeyczyk” (zurück)

(6) In der Buchfassung heißt es: „Einfach Napoleon” (zurück)

(7) In der Buchfassung heißt es: „er wußte selbst nicht” (zurück)

(8) In der Buchfassung heißt es: „gerufen” (zurück)

(9) In der Buchfassung fehlt das Wort „denn” (zurück)

(10) In der Buchfassung heißt es: „eine mächtige Nase ragte in die Welt, die Augen waren groß und hell.” (zurück)

(11) In der Buchfassung heißt es: „Dank sich serrr” (zurück)

(12) In der Buchfassung fehlt das Wort „nämlich” (zurück)

(13) In der Buchfassung heißt es: „ähnliche” (zurück)

(14) In der Buchfassung heißt es: „ehe der Schlummer ihn” (zurück)

(15) In der Buchfassung heißt es: „im gleichgültigen Ton” (zurück)


zurück zur

Schlicht-Seite